»Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.«

Samstagabend, wieder einmal ist der Saal der Alten Feuerwache bis auf den letzten Platz gefüllt. Einmal mehr zeigt sich, wie sehr die Mannheimer Roger Willemsen schätzen: nicht nur, weil er sich als Schirmherr und Programmleiter des Literaturfests lesen.hören um diese Stadt verdient macht, sondern auch und vor allem, weil sie ihn – so darf man annehmen – für seine scharfsinnigen Reportagen und Essays schätzen. Sein neuestes Buch Das Hohe Haus ist soeben im S. Fischer Verlag erschienen: Es ist ein Bericht aus dem Inneren des Deutschen Bundestages – nicht aus den Augen eines Journalisten, sondern aus denen eines leidenschaftlichen Bürgers dieses Landes. Ein Jahr lang, vom 31. Dezember 2012 bis zum 31. Dezember 2013, saß er auf der Tribüne des Berliner Reichstages, hörte zu, beobachtete, arbeitete sich durch 50.000 Seiten Parlamentsprotokoll. »Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes«, so wird Willemsen im Klappentext zitiert.

Roger WillemsenEin politischer Abend also: Er spannt damit einen Bogen zum Beginn des Festivals, wo Roger Willemsen seinem Freund und Kollegen Dieter Hildebrandt gedachte. Die Literatur steht in diesen zwei Wochen freilich im Vordergrund, doch die Köpfe hinter dem Programm betonen immer wieder auch dessen politische Linie, die sich nicht nur in den beiden Veranstaltungen mit Willemsen, sondern auch in der Zusammenkunft der vier Mannheimer Flüchtlinge oder in der Lesung mit dem im deutschen Exil lebenden chinesischen Friedenspreisträger Liao Yiwu zeigt. Dass Willemsen sich entschieden hat, die Premiere seines Buches hier zu veranstalten, ist ein wichtiges Zeichen – eine Bekenntnis, wenn nicht sogar eine Liebeserklärung – für lesen.hören, für die Alte Feuerwache bzw. deren Team und für die Stadt Mannheim sowie das Mannheimer Publikum.

Zur Rechten und Zur Linken von Roger Willemsen sitzen an diesem Abend die Schauspielerin Annette Schiedeck und der Hörfunkmoderator Jens-Uwe Krause, in dieser Formation werden sie in den kommenden Wochen und Monaten durch die gesamte Republik reisen, um Das Hohe Haus vorzustellen. Originell an ihrem Konzept ist, dass es keinerlei Gespräch gibt, weder vorher noch nachher, geschweige denn mittendrin. Gut anderthalb Stunden lang tragen sie den Text in einer entsprechend gekürzten Fassung vor: Willemsen liest seinen tagebuchartigen Bericht, mal sichtlich vergnügt, mal mit dem nötigen Ernst, immer aber gewohnt hingebungsvoll, während dort, wo Originalzitate angeführt sind, Krause und Schiedeck – nicht ohne schauspielerische Einlagen – zum Einsatz kommen und in die Rolle der Abgeordneten schlüpfen. Diese fast schon szenische Aufbereitung des Stoffs macht die Veranstaltung zu einem kurzweiligen Vergnügen, man bricht wiederholt in ein lautes Lachen aus – das einem dann im Halse stecken bleibt.

Jens-Uwe Krause, Roger Willemsen und Annette Schiedeck

Denn das, was Roger Willemsen hier so akribisch aufzeichnet und so scharfzüngig kommentiert, entspricht – das muss man sich immer wieder vor Augen halten – der Wirklichkeit: Die Empathie-, Respekt- und Skrupellosigkeit, mit der das Volk vom Parlament mitunter vertreten wird, ist erstaunlich. Mehrfach beobachtet Willemsen, wie viel disziplinierter die Tribüne als das Plenum ist, wie viel konzentrierter das zuschauende Publikum als die Abgeordneten. Diese fallen durch rabiate Reden auf, durch unqualifizierte, in der Regel beleidigende Zwischenrufe, durch offen zur Schau gestelltes Desinteresse, indem mit dem Sitznachbar geplaudert oder mit dem Handy gespielt wird, durch Abwiegeln, Feixen und Stöhnen und nicht zuletzt durch Abwesenheit. Das Parlament zeugt von einer »lähmenden Geistesleere«.

Da unten ist der Marktplatz mit seinem Geschrei und Gewusel. Nur wir hier oben, das Volk, wir sitzen wie in der Oper. Sind wir nicht feierlicher als das Parlament? Sind wir es nicht, die dem Hohen Haus seine Höhe verleihen und aus dieser Höhe gerade hinabsehen auf unsere Vertreter, die wir mit dem Kostbarsten ausgestattet haben, das wir zu vergeben haben? Volkes Wille, unser Wille?
[…] Ich kann dieses ganze Meinen, Bedeuten, Simulieren, Vordergrundbeanspruchen nicht mehr verfolgen, bald nicht mehr ertragen. Es ist ein einziger Wirbel von Ausrufezeichen, Signalen, Zeichenkomplexen […]. Oft kann ich die Person in den Worten nicht erkennen und die Haltung nicht hinter der Sprache. Es tanzt durch die Luft, dass es einem den Atem nimmt. Man möchte raus auf die Plätze, auf die Bürgersteige, möchte etwas von dem finden, was Menschen umtreibt und ganz ohne parlamentarische Repräsentation ist. Man möchte der Rede entkommen und etwas wirklich Gemeintes, Belastbares hören, etwas dem Uneigentlichen des Palavers Entzogenes.*

Bemerkenswert ist, mit welcher Gründlichkeit und welchem Scharfblick Willemsen sich der Sprache der Redner (und der Zwischenrufenden) widmet. Er überprüft das Gesagte nicht nur auf seinen Inhalt, sondern auch auf seine Form hin, analysiert Satz für Satz und entlarvt dabei die Gehalt-, ja sogar Sinnlosigkeit dessen, was die Abgeordneten von sich geben. Es wimmelt nur so von schiefen Bildern, von abenteuerlichen semantischen, syntaktischen und grammatischen Konstruktionen, von Floskeln, Wiederholungen, immer wieder bemühten Satzbausteinen und Gemeinplätzen. Welch absurden Ausmaße dies bisweilen annimmt, wird vor allem dann deutlich, wenn Willemsen all diese Glanzstücke sammelt und gegeneinandersetzt – und wenn er, Schiedeck und Krause sie abwechselnd in einem furiosen Crescendo vortragen. Etwa der »Tagesausstoß all dessen, was wir brauchen«: »eine politische Rahmensetzung«, »einen soliden Haushalt«, »Investitionen«, »endlich eine Art Masterplan« – und so weiter und so fort. Am Ende bleibt Willemsen nur noch lakonisch zu bemerken: »Ich brauche Schlaf.«

Kaum einer der Abgeordneten gibt hier eine gute Figur ab. Da ist Rainer Brüderle, der »Silbentrauben im Mund« zermatsche; Peer Steinbrück, der »zu einer Form [aufläuft], die er selbst für groß halten könnte«; Martin Lindner, der fortwährend Sätze absondere, »die das Parlament verneinen«, wo das Miteinanderreden ja schon im Namen stecke; Volker Kauder, der »fließend Merkel« spreche; all jene, die »nichts scheuen: keine Wiederholungen, kein Aufwärmen vorgekochter Positionen, gewürzt mit den Zusatzstoffen aus Schmeichelei, Selbstdarstellung und den neuen Einigkeitspheromonen«, während wichtige Themen im Schnelldurchlauf durchgepeitscht werden oder gleich unter den Tisch fallen. Im Zentrum dieser Schar an Politikern thront Angela Merkel, mal verlegen, mal schelmisch grinsend, immer aber »fest überzeugt«. Sie kämpfe sich durch ihre Sache wie eine Person, die den Umgang mit Begriffsstutzigen gewöhnt sei, ihre Satzungetüme werden unterschiedslos beklatscht.

Ihre Rede klingt staatsmännisch, aber lustlos und voller Satzbausteine. Sie bilanziert ihre Amtszeit, Altmaier gähnt lange mit unbedecktem Mund. Die Kanzlerin legt Nachdruck auf jeden Satzteil: »Ich habe darauf hingewiesen, dass schon Jacques Delors darauf hingewiesen hat …«. So klingt die verbeamtete Form der Souveränität, die nur noch phlegmatisch verteidigt wird, weil sie es nicht mehr braucht. Vielleicht ist dies tugendhaft, solide, der Stil dieser Zeit. Aber mich sediert es wie ihr Mantra, das sie auch jetzt wiederholt: Man solle und werde aus der Krise stärker herausgehen, als man hereingekommen ist, wie in Deutschland, also in Europa. Sie psychologisiert, nennt, was Beamtenkrise ist, lieber Vertrauenskrise, appelliert, wir müssen wachsam sein, formuliert wie ein Hauswart. Der aber kennt und nennt wenigstens seine Gegner. Merkel dagegen muss bloß Kontinuität als Offenbarung anbieten, und wir alle müssen bloß so weitermachen, dann wird uns an nichts mangeln. Das ist der quasi-religiöse Sinn.
Dann packt sie ihre Rede in eine dicke schwarze Mappe, registriert den lang anhaltenden Beifall kaum, lächelt und erlischt. Es ist nicht Unbeholfenheit, es ist Kalkül. Die Kanzlerin hält Reden fast frei von Ideen, selbst frei von Einfällen, weil sie sie nicht braucht. Lieber bewegt sie die Saalluft durch Einatmen, Ausatmen und sabotiert im Grunde das Kommunikationsmodell, denn sie ist nicht die, die spricht, lobt sich unablässig, ist aber nicht eitel, sieht kein Gegenüber, denn dieses wäre von so viel Eigenlob nicht zu bewegen. Sie spricht wie eine, in der die Sprache kein Zuhause hat. Es ist das Erfolgsrezept der Glanzlosigkeit, also auch eines Landes, das sich im Pragmatismus feiert. […] Sie hat sich emporgearbeitet zu einer Manifestation politischer Gestaltlosigkeit, und eben dadurch ist sie politisch in dieser Zeit, die keine Charaktere, keine Show und keine Erlöser sucht, eher Sachbearbeiter, morphologisch schwächer differenzierte, reibungsarme Instanzen, die Macht durch Zuschreibung bekommen. Man bewundert an ihnen nicht, was sie sind, sondern was ihnen angetragen wurde. Das ist banal und gerade darin nicht einmal erschreckend.

Jens-Uwe Krause, Annette Schiedeck und Roger Willemsen

Voller Esprit ist Roger Willemsens Zerlegung dessen, was im Parlament geschieht, auf sehr kluge und zugleich ungeheuer komische Weise seziert er den Habitus der Abgeordneten. Den lang anhaltenden Beifall, der am Ende der Veranstaltung ihm und seinen Mitstreitern auf der Bühne gilt, registriert er im Gegensatz zur Kanzlerin sehr wohl, und im Gegensatz zu ihr erlischt er auch nicht. Im Gegenteil: Jetzt läuft er noch einmal zur Hochform auf, bedankt sich überschwänglich und mit der üblichen rhetorischen Brillanz – jeder Satz druckreif, die Politiker könnten sich eine Scheibe an ihm abschneiden – nicht nur beim Publikum, das an diesem und an allen anderen Abenden in den vergangenen zwei Wochen so zahlreich erschienen ist und sich voller Enthusiasmus der Literatur verschrieben hat, sondern auch und vor allem beim Team von lesen.hören, namentlich Sören Gerhold, Katharina Tremmel und Sebastian Bader: »Die Alte Feuerwache ist und bleibt der ideale Ort für dieses Festival.«

Sebastian Bader, Sören Gerhold, Roger Willemsen und Katharina Tremmel

Gedankt wird auch ihm, dem Schirmherrn und Programmleiter, allerdings erst, als der Vorhang längst gefallen ist und das Publikum sich verabschiedet hat. Hinter der Bühne wird ein kleiner Empfang anlässlich der Buchpremiere, aber auch als Ausklang des Festivals (obgleich noch ein Termin bevorsteht) veranstaltet; es gibt reichlich Sekt, Bier und Wein und feine Häppchen und als Krönung eine ganz besondere Überraschung für Roger Willemsen. Das Team um Sören Gerhold hat den Mannheimer Slam Poeten und deutschen Meister Nektarios Vlachopoulos eingeladen, Nektarios Vlachopoulosdenn was schenkt man am besten einem Menschen, der trotz zahlloser anderer Engagements mit so viel Liebe und Leidenschaft ein Literaturfestival betreut und bei fast jeder Veranstaltung persönlich zugegen ist? Genau: Man liest ihm etwas vor. Aber nicht irgendetwas, sondern eine Hymne auf – nun ja, Roger Willemsen. Dass das weder plump noch peinlich ist, sondern höchst geistreich, rasant und unterhaltsam, ist den Künsten von Nektarios geschuldet, der Worte zwar anders verwendet als Willemsen, aber nicht minder aufregend. Ein grandioser Abschluss für ein schlichtweg grandioses Festival!

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer, Frankfurt 2014, 400 Seiten, 19,99 €.

* Da ich den Text dem Gehör nach zitiere, bitte ich um Verzeihung, falls er vom Original abweicht.

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2 Kommentare zu „»Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.«

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