»Ist das denn ein Leben? – Das ist eine Art zu leben.«

Als ich kürzlich mit Sören Gerhold und Katharina Tremmel über das Festival lesen.hören sprach, fragte ich sie unter anderem nach ihrer Lieblingsveranstaltung der diesjährigen Ausgabe. Eine denkbar knifflige Sache, denn wir waren uns einig, dass man die Abende, unterschiedlich wie sie sind, kaum mit einander vergleichen kann. So tue auch ich mich schwer zu sagen, welcher von ihnen mir am besten gefallen hat: Die fulminante Eröffnungsveranstaltung, in der Roger Willemsen seinem Kollegen Dieter Hildebrandt gedachte, gehört sicherlich zu meinen persönlichen Highlights, ebenso die herrlich unterhaltsame Lesung mit Kirsten Fuchs. Ein ganz besonderer Abend, einer, der mich sehr bewegte, war für mich jedoch der gestrige, der dem chinesischen Schriftsteller und Friedenspreisträger Liao Yiwu gewidmet war.

Yiwu gelang 2011 die Flucht aus China, seither lebt er im Exil in Berlin. Zuvor wurde ihm mehrmals die Ausreise verwehrt, etwa zur Frankfurter Buchmesse 2009, deren Gastland China war, und zur Lit.Cologne im Jahr darauf. Zur Letzteren wurde er im Übrigen von Roger Willemsen eingeladen, wie dieser in seiner flammenden Einleitungsrede erzählt. Man habe sich damals entschlossen, die Veranstaltung dennoch zu verwirklichen, ohne ihn, dafür aber in Gegenwart seiner Freunde und seiner Dolmetscherin – ein außerordentlich ergreifendes Ereignis. Umso bewegender sei nun für Willemsen diese erste Begegnung mit Yiwu hier in Mannheim, diesem »ungemein substanziellen, komprimiert denkenden und schreibenden, zum Teil komischen, zum Teil herzzerreißenden und dann wieder profanen Dichter«, diesem »Aufklärer«, der seine Stimme für die Getretenen und Entrechteten in China erhebe.

Sandra Kegel, Yeemai Guo und Liao Yiwu

Die Bühne betritt Liao Yiwu gemeinsam mit seiner Dolmetscherin Yeemai Guo, der umtriebigen und stets hervorragend vorbereiteten Literaturkritikerin Sandra Kegel, dem Cellisten Marcus Hagemann sowie dem Schauspieler Hans Peter Hallwachs. Fünf Menschen, denen man unbedingt länger zuhören möchte als die zwei Stunden, die sie hier vor dem Mannheimer Publikum sitzen. Weil es eine Freude ist, ihnen zuzuhören, aber auch, weil man das Gefühl hat, es könne und müsse noch so viel mehr gesagt werden, sei es über Worte, sei es über die Musik. Liao Yiwu und Marcus Hagemann rahmen den Abend mit ihren Improvisationen ein, der eine an der Bambusflöte und an der tibetischen Klangschale, der andere am Cello.

Später erzählt mir Marcus, dass sie seit ihrer ersten Begegnung 2012 in Paris sieben, acht weitere Male gemeinsam auf der Bühne gestanden haben, ohne sich jemals miteinander abzusprechen, geschweige denn zu proben. Dass es da eine Verbindung gibt, die nahezu ohne Worte auskommt, spürt man ihrem Spiel an, immer aufeinander eingehend, dem anderen zuhörend und darauf aufbauend; die Musik fließt, schwillt an und wieder ab, ein Oszillieren zwischen Laut und Leise, bis sie allmählich versiegt. Als der Abend längst vorbei ist, sitzen wir im kleinen Kreis zusammen, leere Teller vor uns und Rotweinflecken auf dem weißen Tischtuch. Es ist schon weit nach Mitternacht, als Liao Yiwu eine weitere Improvisation vorschlägt, nur das Cello und seine Stimme, dunkel sein Timbre und von einer ungeheuren Intensität.

Liao Yiwu und Marcus Hagemann

Auf der Bühne hören wir auch eine Vertonung des Gedichts »Das Lied des Selbstverbrenners«, verfasst wurde es von der siebzehnjährigen tibetischen Nonne Sangye Dolma, die darin schildert, wie alles, was sie kannte, verschwunden ist, ihr Lehrer, der Schneelöwe, der Tiger, und die den Dalai Lama anruft, für die Tibeter zu beten. Kein Hass spreche aus diesem Gedicht, sagt Liao Yiwu, sondern Hoffnung. Und so verspüre auch er keinen Hass und genauso wenig Angst gegenüber dem Regime, das ihn verfolge, vielmehr eine unendliche Melancholie. Deshalb empfinde er es als seine Verantwortung, dieses Lied, das die Nonne, als sie sich selbst in Brand steckte, zusammen mit einem Abschiedsbrief und einem Foto hinterließ, zu verbreiten.

Wegen eines Gedichts saß Liao Yiwu vier Jahre lang im Gefängnis, es trägt den Titel »Massaker« und handelt von den Ereignissen auf dem Tian’anmen-Platz am 4. Juni 1989. Damals, so erzählt Yiwu, habe das Volk die Funktionäre aufgefordert, ihr Vermögen offenzulegen – jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, habe das New Citizens’ Movement exakt dieselbe Forderung gestellt, sein Gründer Xu Zhiyong sei dafür zu vier Jahren Haft verurteilt worden. In seinen, Yiwus, Augen habe es in dieser Hinsicht also keine Entwicklung gegeben, das Land sei stehen geblieben.

Nicht jedoch in wirtschaftlicher Hinsicht, betont Sandra Kegel. Doch während das Land immer weiter wachse und die Städte immer mehr in die Höhe ragen, sehe der Schriftsteller nach unten, auf den »Bodensatz der Gesellschaft«, und erweise sich in Büchern wie Fräulein Hallo und der Bauernkaiser oder Für ein Lied und hundert Lieder als ein unbeirrbarer Chronist der chinesischen Verhältnisse. So auch in seinem neuen Buch Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch, das im vergangenen Herbst im S. Fischer Verlag erschienen ist. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit lautet sein Untertitel, er ist aus zweierlei Gründen irreführend: Abgebildet wird hier freilich nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit, eben jene, die von oben aus den Wolkenkratzern nicht sichtbar ist; des Weiteren handelt es sich nicht um Kurzgeschichten, wie man im ersten Moment denken könnte, sondern um Interviews.

Dass die Menschen keine Angst davor haben, mit ihm zu reden und ihre Geschichten preiszugeben, habe damit zu tun, dass Yiwu selbst nicht Teil jener Glitzerwelt sei, die China vorgaukele. Er sei vielmehr einer von ihnen, weshalb es sich für sie anfühle, als führten sie nicht Interviews, sondern gewöhnliche Gespräche über das Leben. Im Vorwort des Buches ist die Rede von vier Lehrmeistern: Die dritte davon – die Obdachlosigkeit – habe, so Yiwu, ihn schon als Kind gelehrt, die Mimik der Menschen zu lesen und ihre Sympathie zu gewinnen, um sich zu behaupten. Diese Fähigkeit habe ihm auch später häufig geholfen, so eben bei den Recherchen für seine Bücher; ihm falle es leicht, mit seinem Gegenüber ins Gespräch zu kommen.

Yeemai Guo und Liao Yiwu

Der erste Lehrmeister sei hingegen der Hunger gewesen: Liao Yiwu, Jahrgang 1958, erlebte als Kleinkind die Hungersnot mit, die Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre Millionen von Menschen das Leben kostete, und auch später wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Hunger habe seinen Geschmack und seine Auffassungsgabe geschärft. Der zweite Lehrmeister, das »Schwarzwohnen«, also das Fehlen einer Aufenthaltserlaubnis, habe ihn dazu gebracht, sich noch viel tiefer sinken zu lassen und mit der »schweigenden Mehrheit« in Kontakt zu treten. Der vierte Lehrmeister sei das Gefängnis gewesen: Hier habe er gelernt, wie hart und grausam das Leben sein könne, hier habe er die Angst kennengelernt, nie leben zu können. All dies habe sein Schreiben geprägt und ihn erkennen lassen, dass seine Literatur – Literatur im Allgemeinen – die Wahrheit erzählen muss.

So verwundert es nicht, dass eine Einordnung von Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch schwerfällt. Sandra Kegel erwähnt, wie in der Redaktion der FAZ diskutiert wurde, ob es sich dabei um ein Sachbuch oder um Literatur handele, doch zum Schluss habe man sich, obwohl das hier Beschriebene ja keine Fiktion sei, für Letzteres entschieden. Und Liao Yiwu bestätigt das: Viele Leute, mit denen er sich unterhalte, seien nicht imstande zu erzählen, ihre Berichte seien durcheinander und redundant, sie könnten ganze Bücher füllen; so kommen bei jedem Gespräch unglaubliche Mengen an Material zusammen, das er sich immer und immer wieder anhöre, es verinnerliche und es dann in einem schöpferischen Akt zu einer Geschichte verarbeite.

In der Titelgeschichte unterhält sich Liao Yiwu mit der Dongdong-Tänzerin Dai Fenghuang. Die sogenannten Dongdong-Bars sind Tanzschuppen in ehemaligen Luftschutzbunkern, die professionellen Tänzerinnen, die hier arbeiten, bieten häufig auch weitergehende Dienstleistungen an. Fenghuang wird jede Nacht von ihrem Ehemann zur Arbeit gebracht und wieder abgeholt, er weiß um ihre Tätigkeit, doch bleibt weder ihm noch ihr etwas anderes übrig. Der Mann ist arbeitslos, wie die meisten in ihrer Familie, vor einiger Zeit erkrankte ihre Mutter an Krebs, was sie alle finanziell zugrunde richtete, bis einer der Söhne dem Ganze ein Ende bereitete: »Es war ein Leichtes für ihn, Mutter aus dem Toilettenfenster zu werfen, und dann ist er selbst hinterhergesprungen. Flapp, flapp.«

Hans Peter HallwachsEin trauriges Familienschicksal, und dennoch habe die Tänzerin, erinnert sich Liao Yiwu im Gespräch mit Sandra Kegel, keine Träne vergossen, weil sie wisse, dass sie dafür in der heutigen Gesellschaft kein Mitleid bekomme. Stattdessen habe sie ihre Geschichte mit viel Humor und einer interessanten Art von Selbstironie erzählt – eine Lebenseinstellung, die ihn, Yiwu, sehr beeindruckt habe. Hans Peter Hallwachs vermag es mit seiner kraftvollen Stimme und seiner reduzierten, aber umso ausdrucksstärkeren Gestik, dem Dialog Leben einzuhauchen und somit Liao Yiwu und Dai Fenghuang nicht als zweidimensionale Figuren einer Geschichte erscheinen zu lassen, sondern als Menschen, mit all ihren Emotionen, Sorgen und Hoffnungen.

DAI FENGHUANG: Eine normale Familie, wer will denn das? Das heißt doch: arm sein. Mein Junge macht dieses Jahr die Aufnahmeprüfung für die Universität, das braucht Geld. Aber Geld, Geld ist so eine Sache, das fällt nicht vom Himmel und wächst nicht unter der Erde, das muss man schon selber ranschaffen.

LIAO YIWU: Es gibt viele Wege, Geld zu verdienen.

DAI FENGHUANG: Dann zeig mir einen, wenn es dir nichts ausmacht!

LIAO YIWU: Na, also …

DAI FENGHUANG: Zum Stehlen fehlt uns die Courage, für Betrug fehlt uns die Intelligenz, für ein Geschäft fehlt uns das Geld. Das ist eine realistische Beschreibung unserer Arbeiterklasse; wer eine Arbeit sucht, ist tendenziell entweder alt oder ungebildet.

Während Liao Yiwus Bücher in vielen Teilen der Welt höchst erfolgreich sind, sind sie in China verboten. Das habe ihn damals, vor dem Durchbruch im Ausland, nicht nur in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, sondern natürlich auch traurig gemacht. Eines Tages sei er jedoch spazieren gegangen und habe an einem Bücherstand auf einem Untergrundmarkt eines seiner Bücher entdeckt. Zuerst habe er sich über die schlechte Qualität der Ausgabe geärgert, aber dann habe er die Bedeutung dieses Fundes begriffen: Es gebe illegale Vertriebskanäle, über die seine Schriften verbreitet werden; auch wenn seine Bücher also verboten seien, werden sie dennoch gekauft und gelesen. Und das erfülle ihn mit Stolz.

Genau genommen wisse er nicht einmal, warum es dieses Verbot gebe, warum das Regime ihn als »Staatsfeind Nr. 1« betrachte. Er stelle doch keine Forderungen und klage niemanden an; er tue nichts anderes, als sich für die Menschen zu interessieren und über sie zu schreiben. Man müsste ihn eigentlich als »Freund des Volkes« statt als »Staatsfeind« bezeichnen. Zumal der sogenannte »Staat« doch ohnehin nicht mehr sei als eine winzige Gruppe von Funktionären. Im deutschen Exil genieße er eine Freiheit, die er vorher nie gehabt habe: Ein wichtiger Teil seines Lebens hier sei die Möglichkeit, in Kontakt zu seinen Lesern zu treten wie an diesem Abend, das sei in China nicht denkbar gewesen; außerdem könne er ungestört schreiben, früher habe es ständig Hausdurchsuchungen und dergleichen gegeben.

Aber eines fehle ihm doch: die chinesische Küche. Die Restaurants taugen nichts, darum koche er lieber selbst, und zwar außerordentlich gut – sein Lektor Peter Sillem, der an diesem Abend im Publikum sitzt, und Herta Müller können das bestätigen. Obwohl er sein Leben in Deutschland sehr schätze, möchte er irgendwann nach Hause zurückkehren, sagt er zum Schluss. Allerdings nicht nach China, diese sogenannte »Nation«, von der er hofft, eines Tages nicht mehr mit ihr zu tun haben zu müssen, sondern in die Provinz Sichuan, aus der er stamme. In seine Heimat, so wie sie einst gewesen sei, bevor das Regime so viel kaputt gemacht habe.

LIAO YIWU:  Ist das denn ein Leben?

DAI FENGHUANG: Das ist eine Art zu leben. Vielleicht hat uns unsere Zeit in den Luftschutzbunkern schon dafür prädestiniert, dass wir später einmal da drin unser Geld verdienen. Ein Glück, dass der Vorsitzende Mao so barmherzig war und früh gestorben ist. So ist uns noch ein letzter Rest von Jugend geblieben, daran halten wir eisern fest, schmieren uns ein bisschen mehr Schminke ins Gesicht und dann ab in den Bunker, da kann man ein wenig »die Uhr zurückdrehen«. Die Kerle, die kursichtig sind und nach einem Abenteuer suchen, können uns in dem Licht da drin immer noch für dreißig halten und mit ein bisschen Glück auch für acht- oder neunundzwanzig. Und mit den Kerlen ist es genauso, die sind erkennbare fünfzig, sechzig oder gehen gar schon auf die siebzig, da drin aber kommen sie sich vor wie dreißig oder vierzig, aber auf keinen Fall älter als fünfzig. […] eine Mogelpackung, aber der helle Tag ist schon brutal genug, muss es die Nacht da auch noch sein? Im Grunde sind zwei, drei Generationen von der Kommunistischen Partei um ihre Jugend betrogen worden, wenn man sich auch noch den letzten Rest der Jugend nehmen lässt, dann sind wir alle perdu.

Liao Yiwu

Liao Yiwu: Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer, Frankfurt 2013, 496 Seiten, 24,99 €.

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