»Unglücklich war er selten – glücklich nie«

Dass Thomas Glavinic am Mittwochabend auf der Bühne der Alten Feuerwache sitzt, ist nicht selbstverständlich. Julia Westlake, die unter anderem das Kulturjournal im NDR moderiert und die durch die heutige Veranstaltung führen wird, erklärt, der Autor, der in seinem neuesten Roman Das größere Wunder über körperliche Extremsituationen schreibe, sei selbst in einer solchen, er sei nämlich sehr krank, habe die Lesung am Vortag sogar absagen müssen und sich nun uns zuliebe hierher geschleppt. Mannheim sei gewissermaßen sein Mount Everest. Glavinic sieht tatsächlich etwas angeschlagen aus und nimmt ein Heißgetränk nach dem anderen zu sich, ansonsten aber bestreitet er diesen Abend hellwach und mit viel Charme und Witz. Höflich, aber auch ein wenig verlegen bedankt er sich für den stürmischen Applaus und sagt, jetzt komme er sich vor wie Johannes Heesters.

Julia Westlake und Thomas Glavinic

Thomas Glavinic dürfte den allermeisten Lesern ein Begriff sein. Er hat bisher zehn Bücher veröffentlicht, mehrere Preise und Stipendien erhalten und war bereits zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert, 2007 mit Das bin doch ich, einem klugen und vergnüglichen Spiel mit der Realität, und vergangenes Jahr mit Das größere Wunder, einem »Schlüsselroman«, so verheißt es zumindest der Klappentext. Der Autor selbst kann mit diesem Begriff wenig anfangen, vor allem aber verwehrt er sich gegen die Ansicht, im Vergleich zu diesem seien die bisher geschriebenen Bücher lediglich Fingerübungen, wie es in der Presse mitunter lautete – eine Frechheit, meint er mit einem Augenzwinkern. Aber Schlüsselroman hin oder her, wichtig sei ihm Das größere Wunder auf jeden Fall, vielleicht sogar am wichtigsten, und er ahne, dass es nicht die letzte Geschichte um Jonas und Marie sein wird.

Wenn man über einen Roman spricht, ist es naheliegend, bei seinem Titel zu beginnen. Das größere Wunder heißt also Glavinic’ aktuelles Werk, und man fragt sich unweigerlich: größer als was? Welches ist denn das kleinere Wunder? Eine Antwort gibt es hierauf nicht, allenfalls eine sehr pragmatische: Der Lektorin habe dieser Titel gefallen. Das größere Wunder, das sei natürlich die Liebe, erklärt Glavinic, doch zu was es in Relation stehe, darüber habe er sich nie Gedanken gemacht. Die Liebe also, ein großes, ein zentrales Thema in diesem Roman, der im Feuilleton denn auch so manches Mal für seinen Hang zum Kitsch kritisiert wurde. Glavinic nimmt diese Kritik gelassen hin und hat darauf eine entwaffnende Antwort: Die Liebe sei doch immer kitschig, er selbst habe es noch nie anders erlebt. Wenn man über die Liebe schreibt, könne man also ein gewisses Maß an Kitsch nicht vermeiden.

Aber von vorne: Im Mittelpunkt dieser – laut Westlake – ebenso faszinierenden wie verstörenden Geschichte steht Jonas; Leser von Glavinic kennen ihn bereits aus zwei vorangegangenen Romanen, Die Arbeit der Nacht sowie Das Leben der Wünsche. Der Autor erläutert, dass er diesen eher düsteren Romanen einen versöhnlichen, positiven habe entgegensetzen wollen. Mit Wohlfühlliteratur à la Coelho habe das jedoch nichts zu tun, es gehe um die wesentlichen Dinge wie Einsamkeit und Angst, aber eben unter dem besonderen Aspekt der Überwindung derselbigen. Jonas sei eine Figur, die Gefahren nicht scheue, die mit Optimismus und Zuversicht in die Welt gehe und sich vor nichts fürchte. Das erklärt auch, warum wir uns gleich am Romananfang, den Glavinic mit seiner angenehm tiefen Stimme vorliest, gemeinsam mit dem Protagonisten auf einer »Tour durch die Todeszone«, dem Gipfel des Mount Everest, befinden.

Glavinic selbst war übrigens nie bergsteigen, doch er habe sich bereits als Kind sehr für diesen Sport interessiert, habe sich seither viel angelesen und im Kopf an derlei Abenteuern teilgehabt – in dem Wissen, dass es eine passive Leidenschaft bleiben würde, da er immer schon unglaublich faul gewesen sei. Zudem habe er das Glück gehabt, einen Jugendfreund wiederzutreffen, der Höhenbergsteiger sei; neue Fakten habe er von ihm zwar kaum gelernt, aber allein seine Persönlichkeit, sein Selbstverständnis als Sportler habe Glavinic inspiriert. Und er habe selbst einige drastische Erfahrungen gemacht, die ihm sicherlich dabei geholfen haben, einen Bergsteigerroman zu schreiben, ohne je einen Berg bestiegen zu haben. Es stimme eben, was Christoph Ransmayr einmal gesagt habe, auch wenn er vielleicht mit zwanzig ganz anderer Meinung gewesen sei: Ein gewisses Maß an Lebenserfahrung sei unabdingbar für jeden Schriftsteller.

Auf dem Mount Everest erinnert sich Jonas an sein Leben: an seine wundersame Kindheit im Hause des Gangsterbosses Picco, seinem Ziehvater; an seinen Zwillingsbruder Mike und seinen besten Freund Werner; an seine ausgedehnten Reisen quer über die Erdkugel – und natürlich an die Liebe, an Marie. Jonas ist zweifelsohne ein außergewöhnlicher Mann, außergewöhnlich begabt und mit einem außergewöhnlich intensiven Leben: »Unglücklich war er selten – glücklich nie«. Auf zwei Ebenen begegnen wir ihm, im Jetzt und im Davor, springen immer wieder hin und her – und stehen am Ende vor vielen offenen Fragen und ungeklärten Rätseln, wie Julia Westlake bemerkt. Übernatürliche und magische Züge trage Das größere Wunder – ein Märchen sei es dennoch nicht, erwidert Glavinic auf den Vorschlag der Moderatorin, sonst wäre ja einer wie Gabriel García Márquez ein einziger Märchenonkel.

Thomas Glavinic

Zum Schluss kommen Moderatorin und Autor auf den Prozess des Schreibens zu sprechen. So erfahren wir, dass Glavinic einem überaus präzisen Rhythmus folgt, er schreibt exakt zwei Seiten pro Tag und bricht dann mitten im Satz ab: Das habe den Vorteil, dass er am Tag darauf sofort wieder im Text sei und keinen neuen Absatz oder gar einen neuen Kapitelanfang suchen müsse. Zu dieser präzisen Arbeitsweise gehört auch, dass Glavinic seine Romane auf der Schreibmaschine schreibt. Dies sei nämlich so mühsam, dass er sich jedes Wort ganz genau überlege, während er am Computer zur Schlampigkeit neige, der Text habe dann nicht denselben Biss. Meine Schreibmaschine und ich heißt denn auch das Büchlein, das seine Poetikvorlesungen von 2012 an der Universität Bamberg versammelt und das dieser Tage im Hanser Verlag erscheint.

Was danach folgen wird, steht noch nicht fest. Eine Idee, die Geschichte um Jonas und Marie fortzuführen, gebe es bereits, erzählt Glavinic, aber im Moment sei er absolut faul und habe keine Lust zu schreiben. Er zögere den Beginn immer so lange hinaus, bis er schreiben müsse, bis er das Gefühl habe, innerlich zu ersticken, wenn er jetzt nicht auf der Stelle schreibe. Aber selbst dann behalte er seinen Zwei-Seiten-Rhythmus bei, denn nur so lasse er seinen Ideen die nötige Zeit, um sich zu entwickeln. Bis ein neuer Roman erscheint, dürfte es also noch eine Weile dauern. Wie gut, dass das Publikum nun erst einmal Das größere Wunder für sich entdecken darf – viele der Zuschauer kaufen sich das Buch direkt im Anschluss an die Lesung und lassen es sich signieren. Thomas Glavinic steht es tapfer bis zum Ende durch, vor sich eine letzte Tasse Kaffee, die ihn warm und wach hält.

Thomas Glavinic: Das größere Wunder. Hanser, München 2013, 528 Seiten, 22,90 €.

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11 Gedanken zu “»Unglücklich war er selten – glücklich nie«

  1. Liebe Caterina,
    wieder ein toller Artikel, der mir einen kleinen Einblick in einen bestimmt wunderbaren Abend gegeben hat. Und das Schreiben an der Schreibmaschine finde ich ja skurril – und dann noch verbunden mit dem Ziel, jeden Tag genau zwei Seiten zu schreiben. Da bin ich mal gespannt auf das „Schreibmaschinen-Büchlein“.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      merci fürs Lob und entschuldige bitte das lange Schweigen – die letzten Mannheim-Tage und die Leipziger Buchmesse direkt im Anschluss haben mich gehörig auf Trab gehalten.

      Ja, Glavinic‘ Arbeitsweise finde auch ich wahnsinnig skurril. Dass ein Schriftsteller noch auf der Schreibmaschine schreibt, ist vielleicht gar nicht mal so ungewöhnlich, auch wenn man das eher älteren Menschen als Glavinic zutrauen würde. Aber dass er exakt zwei Seiten am Tag schreibt, ist doch mehr als verblüffend. Es hängt wohl auch mit seiner Faulheit zusammen, die er gleich mehrmals an dem Abend angesprochen hat. Ein in seiner Skurrilität sehr sympathischer Mann! 🙂

      Viele Grüße,
      caterina

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  2. Liebe caterina,
    ich muss gestehen, dass ich Das größere Wunder angefangen, aber nie beendet habe. Nicht etwa, weil es mir nicht gefallen hat, sondern weil es wohl die falsche Zeit gewesen ist. Nach deinem schönen Bericht werde ich das Buch (nach dem Lesen der Novis) noch einmal in die Hand nehmen. Interessant finde ich, dass Thomas Glavinic nie einen Berg bestiegen hat, denn die Passagen lesen sich so authentisch. Hut ab, dass der sehr kranke Autor trotzdem aufgetreten ist, über seinen Roman und seine Arbeit gesprochen hat.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin,
      ich selbst habe Das größere Wunder ja auch noch nicht gelesen – es hatte unter den Nominierten für den Buchpreis eher weniger interessiert, was die Rezensionen der Kolleginnen dann noch verstärkt haben. Auf der Bühne hat mir Glavinic dann aber so gut gefallen, ebenso die vorgelesenen Passagen, dass ich es nun doch lesen werde – mal sehen, ob ich den Kitsch ertrage. 😉

      Herzlich,
      caterina

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  3. Hallo Caterina, danke für Deine Lesungsberichterstattung. Es ist immer schön bei den Lesungen in der Alten Feuerwache, leider habe ich es in diesem Jahr nicht geschafft. Noch schöner ist es natürlich, wenn Lieblingsautoren vorbei schauen. Vor ein paar Jahren konnte ich so Wilhelm Genazinos Eichhörchenbegegnungen lauschen und jetzt via DeinenSeiten ein bisschen Glavinic’sche Höhenluft schnuppern.
    Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen und bin durch ihn, obwohl gänzlich ohne Bergbelastung aufgewachsen, -wenn man von einem leichten Louis Trenker-Trauma absieht-, tatsächlich ein wenig auf den Geschmack gekommen. So höre ich gerade Krakauers Everstbuch während langer Autofahrten und solange bis ein neuer Glavinic erscheint. 😉 Nein, Scherz, der spielt ja dann sicherlich nicht wieder auf Berggipfeln.
    Grüße,
    Kerstin

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    1. Liebe Kerstin,
      ach, du kennst die Alte Feuerwache? Kommst du aus der Gegend? Mir waren weder der Ort noch das Festival ein Begriff, umso positiver war ich dann von den Veranstaltungen überrascht, die mir durchweg gefallen haben, auch wenn ich mit dem Thema/Autor/Buch auf dem ersten Blick vielleicht nichts anfangen konnte. Das wird sicherlich nicht mein letzter Besuch in Mannheim gewesen sein!

      Glavinic scheint – so mein Eindruck – die Geister zu scheiden, für manche ist er der Lieblingsautor schlechthin, die anderen können mit ihm nichts anfangen. Ich selbst habe bisher sein autobiographisches (und autoironisches) Stück Das bin doch ich gelesen und habe mich bestens unterhalten gefühlt, was aber wohl vor allem daran liegen dürfte, dass ich selbst in der Branche arbeite und viel wiedererkannt habe. Meine erste Begegnung mit ihm war aber – eher zufällig – Lisa; damals sagte mir sein Name rein gar nichts, und ich hätte wohl kein schlechteres Buch als Einstieg wählen können, es hat mich seither immer auf Distanz zu ihm gehalten. Mit Das größere Wunder werde ich es aber auf jeden Fall noch mal versuchen, und auch die älteren Romane reizen mich.

      Dir weiterhin viel Vergnügen beim Erkundung der Gipfel dieser Welt! 🙂
      Liebe Grüße,
      caterina

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    1. Muss dir nicht leidtun. 😉 Wie ich in den anderen Kommentaren schon geschrieben habe: Glavinic und ich, wir kennen uns bisher kaum, genau genommen hatten wir sogar einen recht unglücklichen Zusammenstoß mit Lisa. Auf der Bühne hat er mir aber ziemlich gut gefallen, ich mochte seine Nonchalance, seine schnoddrige Offenheit. Jedenfalls genug, um noch mal einen Versuch mit ihm zu starten. Seine älteren Werke finde ich tatsächlich ganz reizvoll.

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      1. Ich habe seine halbe Biografie voriges Jahr abgebrochen; dieses ständige „Oh, äh, ohm und ähm“ ging mir wirklich auf die Nerven.

        Ich hab ihn mal auf einer Lesung erlebt; Euro 20,00 Eintritt und er war so besoffen, dass er kaum das Buch halten konnte. Hinter dem Stuhlbein hat er eine Flasche Wein versteckt und ein Glas, welches er sich ständig nachgeschenkt hat.

        Nach einer halben Stunde hat er gelallt und die Leute haben fluchtartig das Theater verlassen; ich ebenso.

        Nein, Glavinic und ich sind keine Freunde und werden es wohl auch nie mehr werden ;-).

        Warum auch mit solchen Autoren herumquälen, wenn es 100 andere gibt, die einem gefallen 🙂

        Lg Petra

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      2. Oje, das klingt tatsächlich etwas merkwürdig. Zuerst wollte ich schreiben: „Das klingt nicht nach Spaß“, aber so ein betrunkener Autor auf der Bühne kann ja schon auch lustig sein. War es in deinem Fall offenbar eher nicht, sondern ärgerlich – schade! Wie gesagt habe ich die Lesung mit ihm als angenehm und charmant empfunden, eben weil er manchmal etwas direkter ist, was mitunter auch ruppig wirken kann. Vielleicht war er aber auch durch seine Erkältung zahm im Vergleich zu dem, wie er sich sonst auf der Bühne gibt, wer weiß. 😉

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