»Dafür mache ich das doch: damit die Leute lachen«

Kirsten Fuchs - Eine Frau spürt so was nicht (Voland & Quist)

Drei Tage lang war ich nun nicht in Mannheim, beinahe hat sie mir schon gefehlt, diese seltsam quadratische Stadt, die mich mit jedem Besuch mehr überrascht – dabei bin ich noch nicht einmal Quadrat um Quadrat systematisch abgelaufen, obwohl ich doch ahne, dass es dort manch sonderbare Entdeckung zu machen gäbe. Nein, Mannheim überrascht mich, weil seine Kulturszene mit einer Kraft daherkommt, die ich ihm nicht zugetraut habe. Nun lerne ich diese Szene zugegebenermaßen in einem sehr begrenzten räumlichen und zeitlichen Rahmen kennen, nämlich innerhalb des zweiwöchigen Literaturfests lesen.hören in der Alten Feuerwache, doch gerade in diesem Festival zeigt sich die Kraft: Ungewöhnliche Formate, die möglicherweise zunächst Befremden auslösen, treffen nicht nur auf ein großes, sondern auf ein begeistertes Publikum. Etwas, das ich in diesem Ausmaß bisher selten bei Lesungen erlebt habe. Und das ist – das muss an dieser Stelle mal gesagt werden – der große Verdienst der mutigen und engagierten Veranstalter von lesen.hören.

Am Dienstag zeigen Roger Willemsen und das Team der Alten Feuerwache um Geschäftsführer Sören Gerhold erneut, was es heißt, die Strukturen des konventionellen Literaturfestivals aufzubrechen und den Horizont zu erweitern. Nein, von der Autorin, die an diesem Abend auf der Bühne sitzt, ist gerade kein neues Buch erschienen, das es zu präsentieren gilt, sie ist einfach nur hier, weil Willemsen sie sehr schätzt und sie unbedingt in Mannheim dabei haben wollte. Sie ist hier, weil sie schlichtweg gut ist: Kirsten Fuchs. Mit ihr bekommt die Alte Feuerwache »Berliner Lesebühnen-Charme«, wie Katharina Tremmel im Vorfeld ankündigt: Kirsten Fuchs, Jahrgang 1977, schreibt für Das Magazin, war Mitglied der Chaussee der Enthusiasten und anderer Lesebühnen, gewann den renommierten Literaturpreis open mike, der schon so manchem Nachwuchsautor die Türen öffnete, hatte eine Kolumne in der taz, veröffentlichte die Romane Die Titanic und Herr Berg sowie Heile, heile. Und übrigens erscheint doch ein Buch, dass es zu präsentieren gilt, Mädchenmeute, allerdings erst im Spätsommer.

Kirsten Fuchs

An diesem Abend trägt Kirsten Fuchs vor allem Auszüge aus der Geschichtensammlung Eine Frau spürt so was nicht vor, erschienen 2011 im aufregenden Verlag Voland & Quist, außerdem einige andere Texte auf losen Blättern. Noch ehe sie die Bühne betritt, ist sie mir auf Anhieb sympathisch, ein Kellner stellt ein Glas Bier – alkoholfrei, wie sie später betont – auf den Tisch, man ahnt, es wird etwas lockerer zugehen. Lesebühnen-Charme eben. Nur dass wir uns in der großen Halle der Alten Feuerwache befinden, das Publikum mit Sicherheit ein anderes als das übliche in Berlin, aber nicht minder enthusiastisch. Und das ist ja das Schöne an diesem Festival: Die Leute lassen sich gerne auf das Programm ein, gehen in diese Abende hinein, ohne zu wissen, was sie erwartet, und kommen – man braucht nur in ihre Gesichter zu sehen, sobald das Licht angeschaltet wird – vollkommen beglückt heraus. Kirsten Fuchs erzählt später hinter der Bühne, wie Zuschauer am Büchertisch ganz erstaunt zu ihr sagten: »Wir kannten Sie vorher gar nicht«, offenkundig betrübt darüber, ihre Auftritte bisher versäumt zu haben.

Und ja, es ist ein Versäumnis. Da sind zum einen Kirsten Fuchs’ Texte, oftmals zynisch-bissig, bisweilen ins Absurde reichend, immer aber ungemein komisch; da ist zum anderen ihre trockene, unprätentiöse Art vorzulesen, die weitgehend ohne große Effekte auskommt. Dass sie jedoch auch anders kann, beweist sie etwa in dem Stück »Herzlich willkommen 1946«, wo ihre Stimme – ganz hysterische Ehefrau, die dem Kriegsheimkehrer an der Türschwelle eine Gardinenpredigt hält – ins Schrille um- und sich mehrfach überschlägt. Oder gerne auch dann, wenn sie vorführt, was für ein lächerliches Verhalten wir mitunter an den Tag legen, wenn wir uns wahlweise an Kleinkinder oder Hunde wenden: Die beiden Texte »Der Kuckuckswitz« (aus der einteiligen Reihe »Humoranalyse«) sowie »Gassi gehen« gehören – wenn die Häufigkeit und die Lautstärke der Lacher eine zuverlässige Messgröße sind – zu den Höhepunkten der Lesung. Vermutlich, weil jeder von uns mindestens eine Person kennt, die derart hirnrissige Dinge in der Gegenwart eines Kleinkindes oder eines Hundes von sich gibt. Oder weil er sich selbst ertappt fühlt.

Kirsten Fuchs versteht es, den Irrsinn, dem wir uns gelegentlich hingeben, zu entblößen. Zum Beispiel in der Liebe – gerade dort neigen wir ja dazu, uns selten blöd anzustellen. Die Geschichte »Schatz und Liebchen« handelt von zwei unerträglich Verliebten, die ohne einander nicht mehr sein können: »Sie rieben sich aneinander, bis kleine Röllchen abgerubbelter alter Haut entstanden, die zu Boden schwebten wie Rosenblätter, die das Bett umzogen wie ein Bannkreis, den man nicht verlassen will. Also blieben sie im Bett.« Was getan werden kann, wenn’s dann allmählich kriselt, dem geht das Stück »Der hilfreiche Dialog« auf den Grund. Da probiert ein Paar eine dieser idiotischen Selbsthilfe-CDs zur besseren Verständigung aus und stellt fest, dass sie doch etwas Gutes haben: »Manchmal lassen wir die CD laut laufen, weil dann die Nachbarn denken, wir würden streiten. Wir gehen derweil schön vögeln.« Und schließlich, »Nach der Trennung«, ergeht frau im Selbstmitleid, suhlt sich im Schmerz, ruft sich selbst an, wenn es schon der abwesende Geliebte nicht tut – bis das Horoskop sagt, es gehe einem gut.

Aber Kirsten Fuchs kann auch zärtlich. Etwa in ihrer Hommage an »Kreuzberg«, an das piefige, raue Kreuzberg, bevor es hip und chic und unbezahlbar wurde (heute wohnt sie tatsächlich nicht mehr dort). Oder wenn sie ihrer pelzigen Mitbewohnerin, »Meine liebe Miezekatze!«, eine Standpauke hält: »Solange du mit deinen vier Füßen unter meinem Tisch durchläufst, möchte ich, dass du dich wie ein anständiger Mensch verhältst« – bis all der Ärger beim Anblick des niedlich zusammengerollten Wollknäuels verpufft. Zum Schluss macht sie eine »Liebeserklärung«, Untertitel: »Trotz grauem Star ist alles klar«. Es geht um die Liebe im Alter, die Liebe zweier welker Menschen: »Wir wollten nicht alt werden, aber da wir mussten, wenigstens zusammen. Zum Trost morgens am pigmentierten Faltenüberwurf des Liebsten ziehen und sagen: ›Da wächst du noch rein‹ oder die Gebisse in Weinbrand legen über Nacht und sich morgens angrinsen. […] Zusammen sind wir ein funktionierender Mensch, weil bei jedem andere Organe ausgestiegen sind.« Zärtlich, ja, aber der Zynismus bleibt in jedem Text erhalten.

In der ersten Story, die Kirsten Fuchs an diesem Abend liest, erzählt sie, wie sie einer Supermarktkassiererin ein wenig Glück beschert, indem sie zu den Artikeln, die sie Tag für Tag aufs Band legt, kuriose Geschichten erfindet. Die Kassiererin stutzt zunächst, irgendwann fängt sie an zu lächeln, und eines Tages wird sie sich vielleicht selbst Geschichten zu den Einkäufen der Kunden ausdenken. Für die Autorin ist es eine Art Mission: Wenn die Leute nicht zu ihr kommen, dann geht sie eben zu ihnen. »Dafür mache ich das doch: damit die Leute lachen.« Und sie weiß: Wenn sie es im Supermarkt schafft, schafft sie es überall. Auch im Mannheim, wo vermutlich die allerwenigsten auf diese Berliner Lesebühnen-Autorin aufmerksam geworden wären, wenn sie nicht hergekommen wäre, um sie zum Lachen zu bringen. Am Ende des Supermarkttexts sagt sie noch: »Es geht um Treueherzen.« Eines ist klar: Die Mannheimer, die am Dienstagabend anwesend waren, werden Kirsten Fuchs die Treue halten und gerne kommen, sollte sie mal wieder in der Umgebung lesen.

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5 Kommentare zu „»Dafür mache ich das doch: damit die Leute lachen«

    1. Ach, ehrlich? Ich kannte Kirsten Fuchs vor diesem Festival gar nicht. Oder doch: Mir ist die Ankündigung ihres neuen Romans im Rowohlt-Programm aufgefallen, da bin ich erstmals über ihren Namen gestolpert. Aber hier in Mannheim habe ich erst ihre Texte kennengelernt. Eine Bekanntschaft, die ich auf jeden Fall vertiefen werde!

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