»Sinnverlust ist Lustgewinn«

Was die allermeisten meiner Stammleser wissen, nicht aber die Mannheimer, die sich dieser Tage hier einfinden, um das Festival lesen.hören zu rekapitulieren: Ich lebe in Frankfurt. Vor kurzem habe ich sogar meinen Hauptwohnsitz hierher verlegt, »Frankfurt« steht nun auf meinem Personalausweis. Wenn also drei Vertreter der Neuen Frankfurter Schule nach Mannheim fahren, um »die Fackel des fundierten Halbwissens in der Kurpfalz zu entflammen«, wie im Programmheft angekündigt, dann kann ich mir das selbstverständlich keinesfalls entgehen lassen und reise ihnen hinterher – Notizbuch, Stift und Diktiergerät in der Tasche, damit mir auch ja nichts entgeht.

Bernstein, Knorr, Eilert

Am Freitagabend lesen F. W. Bernstein, Pit Knorr und Bernd Eilert im ehemaligen Lichtspieltheater Capitol. Sie alle drei sind Gründungsmitglieder der Neuen Frankfurter Schule, einer Künstlergruppe aus Autoren und Karikaturisten, die in den sechziger Jahren aus der Redaktion der Satirezeitschrift pardon hervorging und der auch Schriftsteller wie Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und Max Goldt angehörten. 1979 riefen die Künstler die Zeitschrift Titanic ins Leben, in der bis heute ihre Texte publiziert werden. Der Name der Gruppe entstand in Anlehnung an die Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die in den dreißiger und vierziger Jahren die Kritische Theorie entwickelten.

Diese Theorie greifen die Mitglieder der Neuen Frankfurter Schule satirisch auf und üben Kritik an der Gesellschaft mittels allerlei Sprachwitz und Nonsenskomik. So auch an diesem Abend, den Bernstein, Knorr und Eilert – ganz Schule eben – fächerübergreifend gestalten, indem sie einen Bogen von feingeistiger deutscher Lyrik über knifflige mathematische Problemstellungen und faszinierende biologische Phänomene, über die Finessen der englischen Sprache und die Tücken der Religion bis hin zu den Tiefen und Untiefen der Sozial- und der Sexualkunde spannen. Erklärtes Ziel ist es, unsere Bildungslücken, um die wir spätestens seit der Pisa-Studie wissen, zu schließen.

Obgleich das Programm dieses Abendseminars interdisziplinär angelegt ist, zieht sich ein roter Faden durch sämtliche Unterrichtseinheiten – sofern man bei der kontinuierlichen Untergrabung des Sinns, wie sie hier stattfindet, überhaupt von einem roten Faden reden kann. Die Texte der Autoren nehmen dabei die verschiedensten Formen an: Es werden Anekdoten erzählt, Gedichte rezitiert, Dialoge geführt, Predigten gehalten – sogar ein Gerichtsverfahren gibt es, dem Angeklagten wird dort »zur Last gelegt«, er hätte »an dem Mast gesägt« und damit »den Gast erlegt«. Gleich zu Beginn trägt F. W. Bernstein einen charmanten Achtzeiler vor, der ein Meta-Kommentar zu diesem Abend sein könnte:

Vom Sinn

Auch die Hühner werfen Schatten,
Wenn sie in der Sonne stehen.
Sinnvorräte, die wir hatten,
Schwinden, schmelzen und vergehen.

Vergeuden wir den Restsinn, dann
Fängt sinnfreies Leben an.
Der letzte Sinn, da geht er hin.
Sinnverlust ist Lustgewinn.

Bernd Eilert führt in »Das lyrische Ich vom Mittelalter bis gestern« ein und endet mit einem Gedicht von Erich Fried: »›Du‹, hat sie gesagt. / ›Ich?‹, hab ich gefragt. / ›Nee, du nicht.‹« Pit Knorr alias Herr Malz, Vorsitzender der Viktor-Schlawins-Gesellschaft, erzählt von den Hürden, denen sie sich in ihrer Arbeit stellen müssen, weil sie bisher niemanden ausfindig machen konnten, der auf den Namen Viktor Schlawins hört – die Goethe-Gesellschaft hat da mehr Glück gehabt. Herr Schmölke meldet seine Frau als vermisst, ihre Lippen »wie eine scharlachfarbene Schnur«, ihre Wangen »wie der Ritz am Granatapfel« – und ihre Brüste »wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen ruhen«, schlägt der Wachtmeister vor.

Herr Suhrbier scheitert beim Fernsehquiz an der Frage, wie seine Frau mit Vornamen heißt – »Mutti« oder »Hol mir mal ‘ne Flasche Bier«. Mama, Papa und Sohnemann Redlich versuchen der Frage auf den Grund zu gehen, was 28 geteilt durch 7 ist, und ziehen dafür allerhand lebenspraktische Beispiele heran – 7 Freunde und 28 Äpfel, 7 Zwerge in einer 28-Zimmer-Wohnung, 28 Rotkäppchen, die durch 7 Wälder rennen. Und immer wieder kommt der Schweizer Historiker Schöppli zu Wort, dessen unqualifizierte Beiträge sich wie ein Running Gag durch das gesamte Programm des Abends ziehen. Etwa zum Ursprung der Heiligen Dreifaltigkeit – wer kennt es nicht, das berühmte Epos um die zehn kleinen Faltigkeiten?

Zehn kleine Faltigkeiten fuhren an den Rhein.
Die eine blieb in Düsseldorf, da waren’s nur noch neun.

Neun kleine Faltigkeiten, die schlugen eine Schlacht.
Doch plötzlich schlug die Schlacht zurück, da waren’s nur noch acht.

[…]

Vier kleine Faltigkeiten, die hatten’s schrecklich eilig.
Die eine fiel vom Hochaltar, da war’n die anderen heilig.

Als Inselkind freue ich mich besonders über die Predigt des Pfarrers Knorr vor einer kleinen Inselgemeinde, in der er erzählt, was ihm am Morgen zugestoßen ist, und dabei – eine »Spezialität« der Neuen Frankfurter Schule – Namen zahlreicher bekannter und unbekannter Eilande verwurstet. So heißt es an einer Stelle: »Hochwürden Sylt wohl Taiwansinnig geworden?«, und an einer anderen: »Ich bin Künstler und Malediven.« Zum Schluss mahnt der Pfarrer mit erhobenem Zeigefinger seine Gemeinde zur Aufrichtigkeit: »Rügen haben kurze Beine! Und wahrlich, ich sage euch: Der liebe Gott sieht alles – denn er hat eine Guadeloupe. In Ewigkeit. Amrum.«

Nach zwei Stunden dürfte sich das Publikum hinreichend vorbereitet fühlen auf das Examen im Fach Sinnverweigerung. Um uns die Angst vor der Prüfung zu nehmen, machen Bernstein, Knorr und Eilert vor, wie es gehen kann, und schicken einen Stadtflüchtigen zum Sprachtest: Abgefragt werden hessische Dialekte – schlimmer kann’s nicht werden. Wenn wir auch in manchem Bereich noch immer im Dunkeln tappen, in der Mathematik zum Beispiel, der Philosophie oder der Sexualkunde, so haben wir auf höchst amüsante und, ja, Lust machende Weise zumindest eines vorgeführt bekommen: welch Kapriolen man mit der Sprache schlagen und wie man damit den Nonsens aufzeigen kann, dem unsere Gesellschaft bisweilen anheimfällt.

NFS 067

Als Zugabe noch ein Gedicht, das so niedlich ist wie seine Heldin – die verhinderte Weltmachtwachtel:

Schaut euch nur die Wachtel an,
Trippelt aus den dunklen Tannen.
Tut grad so, als sei sie wer.
Wachtel, Wachtel täuscht sich sehr.

Wär’ sie hunderttausend Russen,
Hätt’ den Vatikan beschussen
Und vom Papst befreit – ja, dann
Wachtel, Wachtel Dschinghis Khan.

Doch die Wachtel ist nur friedlich,
Rundlich und unendlich niedlich.
Sie erweckt nur Sympathie.
Weltmacht Wachtel wird sie nie.

Advertisements

2 Kommentare zu „»Sinnverlust ist Lustgewinn«

  1. Sehr guter Bericht – hilft, den schönen Abend noch mal Revue passieren zu lassen. Eine kleine Erbsenzählerei allerdings noch, bitteschön: Im Originalgedicht (jedenfalls in der Schriftfassung nach Bernsteins gesammelten Gedichten) heißt es nicht „Weltmachtwachtel“, sondern „Weltmacht Wachtel“.
    Ansonsten: Tolle Veranstaltungsreihe, feiner Blog – danke!

    Gefällt mir

    1. Hab Dank für deinen Besuch und fürs Lob, lieber Jens. Und danke auch fürs genaue Lesen. Du hast mich ertappt: Ich gestehe, dass ich das gedruckte Gedicht beim Schreiben nicht vor mir hatte, sondern nach dem Gehör zitiert habe (ich habe die Veranstaltung aufgezeichnet). Solche Feinheiten gehen da natürlich verloren, was ärgerlich ist, weil sie eben doch nicht unerheblich sind. Ob „Weltmachtwachtel“ oder „Weltmacht Wachtel“ – das macht einen Unterschied. Merci also für den Hinweis, ich werde den Fehler sogleich korrigieren.

      Beste Grüße
      caterina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s