»Für Mannheim weinst du zweimal«

Mehrdad Zaeri - Alle Wege führen nach Mannheim© Mehrdad Zaeri

Ein Literaturfest im weiteren Sinne sei lesen.hören, das hatte Roger Willemsen am Eröffnungsabend angekündigt. Keine gewöhnlichen Lesungen werde es geben, das sei etwas für »Erloschene«, sondern lebendige Veranstaltungen, bei denen sich Inhalte und Künste verschiedenster Art ineinander verschränken. Auf kaum einen anderen Abend in diesen zwei Wochen mag das so sehr zutreffen wie auf den gestrigen, der unter dem Motto »Alle Wege führen nach Mannheim« stand. Vier Flüchtlinge, die in dieser Stadt nicht nur gelandet, sondern auch angekommen sind, erzählten – auf die sensiblen Fragen der Germanistin, Politologin und Sachbuchautorin Katja Kraus hin – ihre Geschichten, eingerahmt von einem Gespräch mit dem österreichischen Romancier Josef Haslinger, dem Präsidenten des deutschen Zentrums des Schriftstellerverbandes PEN.

Auf die Frage hin, welche Bedeutung für ihn Heimat habe, ob es ein inneres oder ein äußeres Gefühl sei, sagt er, der gerade erst von einer PEN-Sitzung in Äthiopien zurückgekehrt ist, dieser Begriff sei gewissermaßen Konjunkturschwankungen unterworfen, mal habe er eine größere, mal eine kleinere Bedeutung. Weil Haslinger aber immer wieder danach befragt werde, habe er sich eine Standardantwort zurechtgelegt: »Hemd« heiße in seinem niederösterreichischen Dialekt »Heimat«, und als er einmal vor Schulbeginn seine Mutter gefragte habe, wo seine Heimat sei, habe sie geantwortet, im Wäschekorb. Aber Spaß beiseite, Heimat sei, so Haslinger, tatsächlich untrennbar mit der eigenen Kindheit verbunden, also auch mit all dem Unbehagen, das diese bedeutet habe (Hemingway sagte einmal: »Die wichtigste Voraussetzung für einen Schriftsteller ist eine unglückliche Kindheit.«). Indem er diesen Ort der Kindheit verlassen habe, fühle er sich nicht entwurzelt, sondern befreit.

Josef Haslinger und Katja Kraus

Die deutsche Zivilgesellschaft sei seiner Erfahrung nach sehr integrationsbereit, sie zeichne sich durch eine gewisse Freizügigkeit und Großherzigkeit aus – als Österreicher sei Haslinger ganz anderes gewöhnt. Auf allen Ebenen gebe es viele Menschen, die dem Rassismus entgegentreten, das sei für ihn ein ermutigendes Zeichen. Auch das deutsche PEN-Zentrum unterstützt die Integration von Flüchtlingen, in verschiedenen deutschen Städten stehen insgesamt acht Autorenwohnungen für zur Verfügung, außerdem werden Stipendien von ein bis drei Jahren vergeben und der Zugang zu Sprachkursen ermöglicht. Gerade Letzteres sei unabdingbar, hier dürfen laut Josef Haslinger keine Hürden geschaffen werden. Denn die Sprache des Landes zu sprechen sei eine Voraussetzung, um gleich, also nicht fremdbestimmt zu sein und sich frei entfalten zu können.

Äquivalente zur Sprache seien die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten – Literatur, Musik, Tanz, Theater usw. –, sie seien Formen der Selbstverwirklichung, die den Prozess der Integration, des Ankommens erleichtern. Und so verwundert es nicht, dass an diesem Abend vier Menschen auf der Bühne sitzen, die sich im weitesten Sinne der Kunst verschrieben und in ihr eine Heimat gefunden haben, sodass der tatsächliche Ort, an dem sie sich befinden, beinahe zweitrangig wird. Das Publikum lernt Nikolai Jegorow aus Weißrussland, Vivian Alando aus Kamerun, Mehrdad Zaeri aus dem Iran und Francisco »Pancho« Méndez Rodriguez aus Chile nicht nur durch die Gespräche kennen, sondern auch durch ihre Kunst; es gibt sich Gedichtrezitationen hin, lässt sich von Gesängen berauschen, blättert in der Pause am Büchertisch entzückt in fein illustrierten Büchlein.

Der zunächst etwas wortkarge, dann langsam auftauende Nikolai Jegorow ist mit neunzehn aus Weißrussland nach Deutschland gekommen, sein Weg führte ihn vom Flüchtlingslager nach Wuppertal, von dort aus über Münster (wo er sein Abitur nachholte) und Düsseldorf (wo er Germanistik und Anglistik zu studieren begann) zum Schauspielstudium nach Wien und schließlich nach Mannheim, an dessen Nationaltheater Schnawwl er vier Jahre lang festes Ensemblemitglied war. Von Deutschland habe er anfangs nicht viel gewusst, »dicke Bäuche und viel Geld«, sagt er und lacht – »ein Traumland«. Und auch wenn es zunächst gewöhnungsbedürftig sein mag, so habe er für sich begriffen, dass jeder Ort zur Heimat werden kann, selbst Mannheim, wo die Menschen, die Gebäude, die Luft ganz anders seien als beispielsweise in Wien. Leicht sei das Ankommen aber vor allem deshalb gewesen, weil er und seine Mutter Kontingentflüchtlinge gewesen seien und somit kein Asylverfahren durchlaufen mussten.

Nikolai Jegorow und Katja Kraus

Recht bald habe sich dann auch ein Gefühl von innerer Gleichheit eingestellt, dank der Unterstützung durch die Gesellschaft, etwa in Form der Sozialhilfe, die in Weißrussland undenkbar wäre, aber auch dank der Sprache, die er schnell erlernt habe, indem er sich in Wuppertal bewusst nicht mit Russen, sondern mit Deutschen angefreundet habe. In der Tat spricht Nikolai ein nahezu perfektes Deutsch, nur ganz schwach ist ein Akzent zu vernehmen. Zum Schluss rezitiert er zwei Gedichte, die – wie der gesamte Abend – um das Thema Heimat kreisen, »Heimweh, wonach?« von Mascha Kaléko und »Stufen« von Hermann Hesse: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.« Die Emigration sei für Nikolai nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance gewesen: Dass er Schauspieler werden wolle, das habe er erst hier in Deutschland herausgefunden, in Weißrussland wäre er vermutlich einen ganz anderen Weg gegangen – »erst hier bin ich ich geworden«, sagt er.

Vivian Alando, in farbenfrohe Gewänder gekleidet, voller Temperament und von einer ansteckenden Lebensfreude, stammt aus Kamerun, seit 2001 lebt sie in Deutschland, zunächst in einem Asylbewerberheim in Frankfurt, schließlich in Mannheim; seit 2007 hat sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Hierherzukommen sei ein schwerer Schritt gewesen, erzählt Vivian, schließlich habe sie ihre Familie zurücklassen müssen, darunter ihre Mutter (die im Übrigen gerade zum ersten Mal in Deutschland zu Besuch ist und an diesem Abend im Publikum sitzt) und ihre beiden Töchter, dreizehn und fünfzehn Jahre alt. Trotz des schmerzlichen Anfangs sei Vivian heute glücklich, Kameran fehle ihr nicht. Dorthin zurückzukehren sei für sie mittlerweile seltsam: Sie habe in Deutschland so viel gelernt, dass sie ihre Heimat mit anderen Augen betrachte – die Schere zwischen Arm und Reich, den Egoismus, den Unwillen zu teilen. Darum hofft sie, ihre Töchter eines Tages nachholen zu können.

Vivian Alando und Katja Kraus

Das größte Wunder sei für Vivian, mit Deutschen befreundet zu sein, Anerkennung zu bekommen und sich gleich zu fühlen. Dies sei vor allem in dem Heidelberger Chor, in dem sie singe und der für sie so etwas wie eine Familie darstelle, der Fall. Dort habe sie eine Freundin, Rosi, die ihr von Anfang an geholfen habe, sich ihr Leben in Mannheim einzurichten, die sie zum Sprachkurs geschickt und dafür gesorgt habe, dass sie ihren Beruf – Vivian ist ausgebildete Krankenschwester – wieder ausüben kann. Die Dankbarkeit, die sie dieser Freundin – und auch diesem Land – gegenüber verspürt, schwingt in jedem ihre Worte, in jeder ihrer Gesten mit, selbst dann noch, als sie später, inzwischen im kanariengelben Kleid, ein Lied in ihrem Dialekt vorträgt und das klatschende Publikum mitreißt, als stünde ein ganzer Gospelchor vor ihm.

Als Mehrdad Zaeri vierzehn war und kurz davor stand, in die Armee eingezogen zu werden, entschieden seine Eltern, mit ihm und seinen Geschwistern den Iran zu verlassen und nach Europa zu emigrieren. Sie kamen zunächst in die Türkei und dann – weil Plan A, nämlich Großbritannien, gescheitert war – in die DDR, von wo aus sie mit einem Bus nach Westdeutschland weiterfuhren. Das war 1985. Tatsächlich angekommen sei er aber, als er zum ersten Mal ein deutsches Mädchen küsste – oder war es, als er 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft bekam? Manchmal seien es eben die kleinen, manchmal die großen Erfahrungen, die einem dieses Gefühl geben. Mehrdad erzählt, wie wichtig der Begriff der Freiheit für ihn ist: Im Iran habe es ihnen zwar an Materiellem nicht gemangelt, aber sie seien in ständiger Angst gewesen; es war, als würde die Welt um einen herum leben, während man selbst vergessen würde. In Deutschland sei aus ihm – einem depressiven, todesfreudigen Jugendlichen – ein lebendiger, dankbarer Mensch geworden.

Mehrdad Zaeri und Katja Kraus

Zu jener Zeit habe er in einer Zwickmühle gesteckt: Zum einen sei er seinen Eltern verpflichtet gewesen, schließlich seien sie seinetwegen emigriert, zum anderen habe er aber auch gewusst, dass er seinen eigenen Weg gehen müsse. So er habe er beschlossen, Künstler zu werden statt zu studieren – zum Glück, kann er heute ruhigen Gewissens sagen. Er lebt als freier Illustrator und Zeichner in Mannheim, man kennt ihn dort bereits, und manch einer lässt sich, noch bevor die Veranstaltung beginnt, Bücher von ihm signieren. Mit jeder Linie, die er zeichne, sagt er im Gespräch, zeichne er immer auch seine eigene Geschichte. Erzählt wird diese Geschichte – die Geschichte seiner Familie – aber auch woanders, und zwar am Theater Heidelberg: Weil wir kein Deutsch konnten heißt das Stück, es zu sehen sei für Mehrdad gleichzeitig komisch, aufregend und rührend gewesen. Nicht zuletzt, weil das der Punkt gewesen sei, an dem auch seine Eltern endlich hier angekommen seien.

Pancho Méndez ist in den siebziger Jahren aus Chile hergekommen, nachdem der Präsident Salvador Allende von Pinochet gestürzt und die Militärdiktatur eingerichtet worden war. Wie viele andere zu jener Zeit, erzählt Pancho, sei auch er in politische Gefangenschaft geraten, weil er sich für eine bessere Gesellschaft engagiert habe; nach drei Jahren sei er schließlich ins Exil geflohen. Weil sein Großvater Deutscher gewesen sei, sei die Wahl auf dieses Land gefallen – und das, obwohl Pancho keine Vorstellung von ihm gehabt habe, da sein Großvater des Spanischen nicht mächtig gewesen sei und dem Enkel somit nie davon erzählt habe. Seiner lateinamerikanischen Heimat sei Pancho natürlich immer verbunden geblieben, deshalb habe er auch einen Verein gegründet, in dem es darum gehe, die eigenen Wurzeln zu entdecken und das Erbe lebendig zu halten.

Pancho Méndez und Katja Kraus

Seinen Traum einer Welt, in der die Menschen »einfach so glücklich« sind, setzt Pancho indes in Mannheim um. »Einfach so glücklich« – das heißt für ihn vor allem: die eigene Kreativität ausleben, Musik machen, tanzen, bestenfalls ein Häuschen am Meer haben. Er selbst hat eine Tanzschule gegründet, außerdem hat er ein eigenes Radioprogramm namens »Latino« im freien Sender Bermuda Funk und macht gemeinsam mit Menschen, die leben wie er, also irgendwo »zwischen Realität und Traum«, Musik. Davon wird uns natürlich auch eine Kostprobe dargeboten: Da steht er, mit seiner grauen Lockenmähne und seinem bunten Schal, und trägt ein selbstverfasstes Gedicht vor, während sein Kompagnon ihn abwechselnd mit einer Ukulele, einer Panflöte und einem Regenmacher begleitet; dessen Geräusch und Panchos Worte, die dank seines sympathischen Akzents mitunter wie Spanisch klingen, verschmelzen zu einem angenehmen Rauschen.

In einem sehenswerten Film über Mehrdad Zaeris Schaffen gibt es den schönen Satz: »Für Mannheim weinst du zweimal. Du weinst einmal, wenn du hinziehst, und einmal, wenn du wegziehst.« Für alle vier Gäste, die an diesem Abend in der Alten Feuerwache ihren Lebensweg rekapituliert haben, war der Anfang – die Ankunft in Deutschland und speziell in Mannheim – gewiss nicht leicht. Doch alle vier sind auf ihre Weise angekommen, haben eine Heimat gefunden, und sei es in der Kunst. Bewusst sollten auf der Bühne keine politischen Diskussionen geführt werden, erklärt Katja Kraus zum Schluss, und es sei auch nicht um die spektakulärste Flucht oder das bewegendste Schicksal gegangen, sondern um Geschichten von Menschen aus unserer Nachbarschaft. Dass so viele Zuschauer gekommen sind, um an ihnen teilzuhaben, sei ein wunderbares Zeichen.

Alle Wege führen nach Mannheim

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