»Die Seele einer Geschichte«

Als Manuela Reichart am Sonntagabend in den voll besetzten Saal der Alten Feuerwache Mannheim blickt, fragt sie mit einem Augenzwinkern, aber dennoch ehrlich erstaunt: »Sie wissen schon, dass Alice Munro heute nicht kommt, oder?« Auch diese Veranstaltung ist ausverkauft, gut vierhundertfünfzig Menschen sind anwesend, um sich von der Autorin und Radiomoderatorin Manuela Reichart sowie der Schriftstellerin Judith Hermann durch Leben und Werk der 82-jährigen kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro führen zu lassen. Im Dezember ist ihr Erzählband Liebes Lieben im S. Fischer Verlag erschienen – es ist vermutlich ihr letzter. Der Titel könnte in seiner Doppeldeutigkeit über all ihren Geschichten stehen.

Manuela Reichart und Judith Hermann über Alice Munro

»Wenn ich Munro lese«, schrieb Jonathan Franzen in der WELT, »stellt sich jener Zustand stiller Reflexion ein, in dem ich über mein eigenes Leben nachdenke, über die Entscheidungen, die ich getroffen habe, über die Dinge, die ich getan oder unterlassen habe, darüber, was für ein Mensch ich bin, über meinen Tod.« Vor beinahe zehn Jahren schrieb er das – da war Munro noch eine Art Geheimtipp. Nun aber wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und ist mit einem Mal in aller Munde. Judith Hermann erzählt, wie sie sich über diese Nachricht freute, wie sie gleichzeitig aber auch so etwas wie Wehmut hatte: Es war schön gewesen, zu den wenigen Lesern der Kanadierin zu gehören, sie wollte sie auch weiterhin für sich behalten, sie ungern mit anderen teilen.

Da sitzen also zwei Bewunderinnen von Munro auf der Bühne und widmen sich ihr mit einer derartigen Leidenschaft, dass man unweigerlich den Drang verspürt, auf der Stelle zu einem ihrer Bücher zu greifen, wenn man es nicht schon längst getan hat. In einem angeregten Zwiegespräch reden Reichart und Hermann über das, was die Lektüre in ihnen auslöst, stellen Erzählungen und Figuren vor, die ihnen besonders wichtig sind, lesen einzelne Passagen vor, flechten Zitate anderer und sogar Interviewaufnahmen ein. Man hört ihnen gerne dabei zu, denn sie machen nicht nur kluge Beobachtungen und weisen dabei auf allerhand Interessantes, Erstaunliches und bisweilen Komisches hin, sondern haben beide auch sehr angenehme Stimmen, sodass es leichtfällt, ihnen anderthalb Stunden lang zu folgen.

Über Alice Munros Schreiben zu sprechen heißt natürlich auch, über ihr Biografie zu sprechen, und so rekapituliert Reichart – immer auch anhand von Textstellen und Anekdoten – wichtige Lebensstationen und einschneidende Erfahrungen der Schriftstellerin. Sie erzählt etwa, dass diese 1931 in Wingham, Ontario geboren wurde und in ärmlichen Verhältnissen auf einer Farm für Silberfüchse aufwuchs, dass ihr liebstes Buch in ihrer Kindheit A Child’s History of England von Charles Dickens war, dass sie schon früh wusste, sie wolle eines Tages Geschichten schreiben. Dass sie bereits mit Anfang zwanzig heiratete, mit ihrem Mann nach Vancouver zog und drei Töchter bekam – auf der Suche nach einem konventionellen Leben, das ihr »Schutz und Tarnung« bieten würde, damit sie ihre Andersartigkeit und »ihren besonderen Ehrgeiz vor dem Rest der Welt verstecken konnte«*.

Mein Mann war der erste Freund, den ich je gehabt hatte. Meine Aussichten waren nicht rosig gewesen. Im selben Herbst reparierten mein Vater und mein Bruder den Deckel auf dem Brunnen in unserem Hof, und mein Bruder sagte: »Wir müssen das ordentlich machen, denn wenn dieser Jüngling reinfällt, findet sie nie wieder einen anderen.« Und das wurde ein Lieblingswitz in der Familie. Natürlich lachte ich auch, aber die Besorgnis derer um mich herum war zumindest zeitweilig auch meine Sorge gewesen. Was gab es an mir auszusetzen? Mein Aussehen war es nicht. Etwas anderes. Etwas anderes, schrill wie eine Warnglocke, verscheuchte die möglichen Freunde und potentiellen Ehemänner. Ich vertraute jedoch darauf, dass es, was es auch sein mochte, sich legen würde, sobald ich von zu Hause fort war und fort aus dieser Stadt.

(»Wozu wollen Sie das wissen?« im gleichnamigen Band, S. Fischer 2008)

Diese kleinbürgerliche Konventionalität wurde jedoch schon bald zu einem Gefängnis für Alice Munro. Früh erfuhr sie am eigenen Leib, dass Frauen längst nicht dieselbe Stellung und dieselben Möglichkeiten hatten wie Männer, sie war empört darüber und wehrte sich fortan dagegen – auch in ihrem literarischen Werk, durch das sich diese Problematik wie ein Leitmotiv zieht. Anfang der Siebziger, wenige Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Erzählbandes Dance of the Happy Shades (Tanz der seligen Geister, Dörlemann 2010), ging ihre Ehe in die Brüche, Munro kehrte nach Ontario zurück, wo sie schließlich einen Freund vom College heiratete, mit dem sie bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr dort lebte, wo sie aufgewachsen war.

Alice Munro ist, das hört man immer wieder, eine Meisterin der kleinen Form. Eine Zeit lang plagte sie sich mit einem Roman herum, ließ es aber bald sein; später sagte sie, sie habe einfach nie die Zeit für ganz große Würfe gehabt. Da klingt viel Bescheidenheit heraus, wird sie doch – unter anderem vom bereits erwähnten Jonathan Franzen – vor allem deshalb so geschätzt, weil sie wie kaum ein anderer in der Lage ist, ein ganzes Leben auf wenigen Seiten zu entwerfen. Ihre Kunst liege darin, so Reichart und Hermann, dass sie ihre Geschichten in der Schwebe lasse und darauf vertraue, dass die Leser schon verstehen, was gemeint sei. Ihre Geschichten leben von Aussparungen, Andeutungen, Nichtgesagtem, sie treiben ein merkwürdiges Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe, auf das man sich gerne einlasse.

Nicht die Handlung stehe in diesen Geschichten im Vordergrund, sondern Stimmungen, blitzschnell aufflammende Gefühle, mühsame Erkenntnisse. Fasziniert gerate man bei der Lektüre in den Sog dieser lakonischen Lebens- und Liebesgeschichten, die vom Leiden und Genießen handeln, von der weiblichen Sexualität und vom Altern, von Ängsten, Sehnsüchten, Aufbrüchen und Lebenslügen, von dem, was in Erinnerung bleibt, und dem, was aus ihr verschwindet – vom ganzen lieben Leben also. Beim Schreiben gehe es Alice Munro, so sagte sie einmal, darum, ein Haus zu bauen »rund um dieses schwer erklärbare Gefühl«, das die »Seele einer Geschichte« ist. Diese Seele sei laut Reichart der Grund, warum die Erzählungen von Alice Munro so berühren.

Sie [Eileen] nahm an, dass sie leicht erregbar war. Im Augenblick nicht so sehr, sie versprach sich keine große Befriedigung von ihrem Schwager Ewart, der sie jetzt mit mehr Entschlossenheit und Geschick, als sie ihm zugetraut hätte, zum Rücksitz des größeren Autos lenkte. Aber sie tat mehr, als ihn nur zu erdulden. Fast immer tat sie mehr als das. Sie mochte diesen Augenblick, sie mochte in diesen Augenblicken das Gesicht der Männer, sie mochte ihre Ernsthaftigkeit, wunderbar hingegebene und nackte Ernsthaftigkeit, der Wirklichkeit gewidmet, ihrer eigenen Wirklichkeit.
Die Wiederholung ihres Namens war alles, was er an Sprache herausbrachte. Das war ihr schon öfter passiert. Was meinte Ewart mit diesem Namen? Was bedeutete ihm Eileen? Frauen müssen sich das fragen. Nicht allzu bequem auf einen Autositz niedergedrückt, ein Bein angewinkelt und auf die Lehne geklemmt, von einem Krampf bedroht, lauern sie immer noch auf Hinweise, merken sich alles eilig, um es später zu bedenken. Sie müssen glauben, dass mehr vor sich geht, als vorzugehen scheint. Das ist ein Teil des Problems.

(»Gedenken«, Was ich dir schon immer sagen wollte, Dörlemann 2012)

In dem kürzlich erschienenen Erzählband Liebes Leben, im Original Dear Life, gibt es vier Erzählungen, die sich unterscheiden von Munros bisherigem Werk, sie sind näher an ihr selbst als alles, was sie bisher geschrieben hat: Es sind »die ersten und letzten – und persönlichsten – Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe«. Es klingt wie ein Abschied, und in der Tat kündigte sie an, dass diesem Buch keines mehr folgen würde. Als leidenschaftlicher Munro-Leser, wie Judith Hermann und Manuela Reichart es sind und wie es nach diesem Abend sicher noch viele andere sein werden, kann man nur hoffen, dass es anders kommen wird.

* Das Zitat stammt aus den 2002 erschienenen und noch nicht ins Deutsche übertragenen Memoiren der ältesten Tochter Sheila Munro, Lives of Mothers & Daughters. Growing Up With Alice Munro.

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7 Gedanken zu “»Die Seele einer Geschichte«

    1. So erging es mir auch, liebe Anna. Ich muss gestehen, dass Munros Werk mir bisher noch fremd ist, nur zwei, drei Geschichten habe ich zur Einstimmung und Vorbereitung auf diesen Abend gelesen. Nun aber will ich mehr entdecken, so mitreißend war der Enthusiasmus der beiden Damen auf der Bühne.

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  1. Oh ja, auch mir hast du Lust darauf gemacht, stehenden Fußes ein Buch von Alice Munro zu lesen. Danke für diesen schönen Beitrag und dass du uns an deinen Mannheim-Erlebnissen teilhaben lässt. 🙂

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    1. Liebe Mara, es freut mich sehr, dass meine Berichte auch außerhalb von Mannheim auf Interesse stoßen. Und dass ausgerechnet du noch nichts von Alice Munro gelesen hast, überrascht mich sehr. 😉 Viel Freude beim Entdecken!

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  2. Ach, wie gern wäre ich bei dieser Veranstaltung mit dabei gewesen, schätze ich doch Alice Munro seit vielen Jahren. Doch mit deinem schönen Beitrag hat es sich angefühlt, als hätte ich unter den zahlreichen Gästen gesessen. Ein kleiner großartiger Trost. Dafür danke ich dir!

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    1. Ja, schade, dass du nicht dabei warst, liebe Klappentexterin, dir hätte der Abend sicherlich ganz besonders gut gefallen. Aber falls es dir ein Trost ist: Die beiden Damen scheinen häufiger auf der Bühne zu sein und von Munro zu schwärmen, jedenfalls waren sie gleich am Abend drauf in Karlsruhe, wenn ich mich nicht irre. Auf der Dörlemann-FB-Seite habe ich einen Hinweis darauf gesehen. Vielleicht kommen Manuela Reichart und Judith Hermann ja auch mal nach Berlin, um dich zu verzaubern (auch wenn du es natürlich längst bist)? Ich drücke die Daumen für dich. Alles Liebe, caterina

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