»Will ich, dass die Welt mich kenne?«

Im Museum Zeughaus in einem der Quadrate Mannheims befinden wir uns am zweiten Tag des Literaturfests lesen.hören. Der Florian-Waldeck-Saal ist gesäumt von pompösen, golden umrahmten Ölgemälden – es sind hauptsächlich Porträts von Herrschern und Adligen. In gewisser Weise kann man sie als Illustration der Veranstaltung verstehen, geht es doch bei beiden um Selbstdarstellung, nur mit verschiedenen Medien, der Leinwand und dem Wort. Der vielfach preisgekrönte Literaturwissenschaftler Michael Maar stellt am Samstagabend sein neues Buch Heute bedeckt und kühl vor, in dem er Auszüge aus den Tagebüchern berühmter Persönlichkeiten zusammenträgt – ein »Kaleidoskop des heimlichen Schreibens«, so Festivalleiter Roger Willemsen in seiner Vorrede. Durch den Abend führt Ursula März (laut Willemsen »die Kleopatra der Literaturkritik«), die Schauspielerin Barbara Auer liest einige Passagen. Wie schon am Vorabend ist auch diese Veranstaltung ausverkauft.

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Tagebuchschreiben sei, so Ursula März, etwas sehr Rätselhaftes und auch etwas sehr Paradoxes: Diese Form der Niederschrift gebe es seit Jahrhunderten, doch wir kennen nicht ihr Volumen, vor allem aber kennen wir nicht das Volumen des vernichteten Tagebuchs – keine andere Textform werde womöglich so häufig weggeworfen oder verbrannt wie diese. Und paradox ist laut März noch etwas anderes: Das Tagebuch sei eine Art Brief, den der Schreiber an sich selbst, an das eigene Ego adressiert. Maar spricht hingegen von einem Selbstgespräch, das in einem Raum stattfindet, in dem es einen unsichtbaren Beobachter gebe, eine wie auch immer geartete »höhere Instanz«. In der Tat habe dieses Genre mit dem Protestantismus zu blühen angefangen: Der Einzelne sei nun viel stärker der direkten Kontrolle und der Zwiesprache mit dem Höchsten ausgesetzt, als es davor der Fall gewesen sei, er sei nicht mehr eingemeindet in eine Kirche, sondern müsse sich mit seinen Zweifeln und Sünden selbst verantworten.

Das 17. Jahrhundert, das Jahrhundert der Aufklärung, hat das Tagebuch hervorgebracht, wie wir es kennen, das Tagebuch der Moderne. Einer der berühmtesten Tagebuchschreiber ist Samuel Pepys, seine Aufzeichnungen stammen aus den Jahren zwischen 1660 bis 1669. Maar erläutert, was das Besondere an ihnen ist: Pepys habe sich eine Art Geheimschrift ausgedacht, von der er geglaubt habe, niemand könne sie je entziffern, vor allem nicht seine Frau. Und so seien seine Notizen auf komische und anrührende Art offen, freizügig, bisweilen frivol. Sie versammeln kuriose Details aus Politik, Zeitgeschichte und Wissenschaft, vermengt mit Alltagsbeobachtungen und Einblicken in sein privates Leben, und stellen somit so etwas wie ein Idealmodell des Tagebuchs dar. Im Falle Pepys sei das Tagebuchschreiben eine Art Buchhaltung, eine Buchführung über sich selbst, gleichzeitig aber auch der Versuch, die Zeit zu verwalten, die Dinge festzuhalten, zu benennen und ihnen somit den Schrecken zu nehmen.

23.4.1665
Meine Frau zum Gottesdienst in die Kapelle nach Whitehall gebracht und auf der Orgelempore platziert. Ich selbst ging in eine Kneipe, trank und amüsierte mich mit der Wirtstochter. Danach in die Kapelle, hörte den berühmten jungen Stillingfleet predigen, den ich noch aus Cambridge kenne und der einer der begnadetsten Prediger seit der Zeit der Apostel sein soll. Eine schlichte, würdige und eindringliche Predigt.

Eine weitere Funktion des Tagebuchs sei die der Zeugenschaft, sagt Ursula März und zitiert dabei Ernst Jünger: »In Diktaturen ist das Tagebuch das einzige freie Gespräch.« Es sei also nicht nur ein journal intime, sondern ein Chronik der Verhältnisse und der Unterdrückung. Die Aufzeichnungen, die der Kunstsammler und -mäzen Harry Graf Kessler zur Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus machte, seien erstaunlich, weil er sich selbst darin vollkommen zurücknehme: Statt über Befindlichkeiten zu berichten, protokolliere er Gespräche und kommentiere das Weltgeschehen, und zwar mit einer ungeheuren Hellsicht. Die Intention sei hier – im Gegensatz zu Pepys Tagebuch – ganz klar, die Geschehnisse für die Nachwelt festzuhalten, und in der Tat seien seine Aufzeichnungen heute eine wichtige Quelle für die Erforschung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten seiner Zeit.

Berlin, 27. Februar 1933. Montag
Ein historischer Tag ersten Ranges. Das geplante Attentat hat heute stattgefunden, aber nicht auf Hitler, sondern auf das Reichstagsgebäude. Als ich mit Max allein bei Lauer am Kurfürstendamm aß, kam gegen zehn der alte Lauer und sagte uns, er habe eben die Nachricht empfangen, der Reichstag brenne! Was daraus folgen wird, ist nicht abzusehen.

Die Tagebücher Thomas Manns stehen für Michael Maar, der schon mehrere Studien zu dem Schriftsteller verfasst hat, über manchen seiner belletristischen Werke, und das, obwohl sie zum Teil banal und »without literary value« seien, wie Mann selbst bescheinigte. Ab 1975 werden sie sukzessive veröffentlicht und schockieren die Leserschaft: In ihnen äußere sich, so Maar, ein höchst unangenehmer und narzisstischer Charakter; das Innenleben, das hier ungefiltert vorgeführt werde, trage schaurige Züge. Für Mann habe das Tagebuchschreiben eine wichtige »psychohygienische« Bedeutung gehabt, er habe sich unwohl gefühlt, wenn er nicht geschrieben hat: Zum einen sei das Festhalten des Verrinnens der Zeit sein Lebensthema gewesen, zum anderen tauche aber auch hier wieder der Gedanke auf, Rechenschaft vor einer höheren Instanz abzulegen, das Tagebuch übernehme die Funktion eine Beichte und eines Gebets. In der Tat fragt Mann an einer Stelle: »Will ich, dass die Welt mich kenne?«, und spielt damit auf eine Verszeile von August von Platen an: »Es kenne mich die Welt, damit sie mir verzeihe.«

Sonntag, den 30. April 1933, Rohrschach-Hafen, Hotel Anker
[…] Wiedersehen mit Golo, ins Hotel, Abendessen zu dritt. Erzählung Golos von der Abholung der Autos und einer Untersuchung des Hauses nach Waffen. Unheimlicher Gemütszustand durch die Nähe der Grenze und den atmosphärischen Eindruck.

Über Virginia Woolf sagt Ursula März, sie sei eine Tagebuchschreiberin, die auf besonders schonungslose Weise mit anderen, vor allem aber mit sich selbst ins Gericht gehe. Das Schreiben sei für sie ein Vorgang der Seelenreinigung, ein Versuch, den inneren Schmutz von sich abzuwaschen. Exemplarisch wird ein Auszug aus dem Jahr 1923 gelesen, der den Tod der Freundin und zugleich Konkurrentin Katherine Mansfield thematisiert: Es handele sich laut Michael Maar, der Woolf für die größte Schriftstellerin des zwanzigsten Jahrhunderts hält, um eine Passage von einer solchen intensiven Ehrlichkeit, dass sie den Leser berühre und auch beeindrucke. Ihre Tagebücher seien ein unglaubliches literarisches Denkmal, und wir können uns glücklich schätzen, dass Woolfs Mann Leonard nicht auf die Idee kam, sie zu verbrennen, so wie auch Max Brod die Vernichtung der Tagebücher von Franz Kafka verhinderte.

Dienstag, 16. Januar 1923
[…] Am Freitag beim Frühstück sagte Nelly in ihrer sensationslüsternen Art »Mrs Murry ist tot! Es steht in der Zeitung!« Und dann empfindet man – was? Einen Schock oder Erleichterung? – eine Rivalin weniger? Dann Verwirrung, weil man so wenig empfindet – dann allmählich Leere & Enttäuschung; dann eine Deprimiertheit, von der ich mich den ganzen Tag nicht mehr erholen konnte. Als ich zu schreiben anfing, kam es mir vor, als sei das Schreiben sinnlos. Katherine wird es nicht lesen. Katherine ist nicht mehr meine Rivalin. Mit mehr Großmut fühlte ich, aber obgleich ich das besser kann als sie, wo ist sie, die konnte, was ich nicht kann!

Wolfgang Herrndorf betrieb bis zu seinem Freitod am 26. August 2013 einen Blog, der schon jetzt – so Ursula März – Legendenstatus habe: »Arbeit und Struktur«. Laut Maar sei dieses elektronische Tagebuch tatsächlich singulär, es gebe nichts Vergleichbares in den letzten zehn, zwanzig Jahren: Herrndorfs Aufzeichnungen seien autoironisch, mal kühl, mal komisch, er schaue sich selbst mit einer derartigen Souveränität und Grandezza beim Sterben zu, dass man Gänsehaut bekomme. Das Besondere der Form des Blogs sei die Revolution des Verhältnisses zwischen Öffentlichkeit und Privatheit: Streng genommen handele es sich nicht um ein Tagebuch, was man auch daran erkenne, dass Herrndorf alles Intime ausspare. Und doch sei das digitale Schreiben seine natürliche Ausdrucksform, er sei in den letzten fünfzehn Jahren immer im Netz unterwegs gewesen. Der öffentliche Blog verändere die Beziehung zwischen Autor und Leserschaft: Bisher sei das Tagebuch immer für die Nachwelt gedacht gewesen, hier gebe es hingegen ein mitlesendes Publikum.

21.2. 2011 9:18
Arbeite wieder wie eine Maschine. Täglich vor Sonnenaufgang ins Meer, dann Arbeit, ab vier oder fünf Feierabend. Lektüre: Schuld und Sühne.

27.2. 2011 4:13
Traum: In unserm Ferienbungalow stehend schwerer Anfall von Inexistenz. Ich bin nicht mehr da, und auch die Gegenstände um mich herum nicht. Ich sehe Passig durch die Tür kommen, hinter ihr der Schatten einer zweiten Frau. Ich versuche, mich ihnen durch angestrengtes Atmen bemerkbar zu machen, vergeblich. Schließlich schwebe ich, die Knie in der Luft und beide Arme über der Brust gekreuzt wie ein ägyptischer Pharao, auf sie zu und sage: Ich wollte nur, daß du mal siehst, wie sich das anfühlt, das Nichts. Das ist es. Und daß sie keine Angst vor mir haben muß. Wenn ich ihr etwas antun wollte, risse es meinen Körper fort von ihr, wenn er auf sie zuschwebe, sei ich harmlos.

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Nachdem an diesem Abend ein Bogen gespannt wurde von Pepys’ Tagebüchern aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis hin zu Herrndorfs Blog »Arbeit und Struktur«, der erst vor ein paar Monaten in Buchform bei Rowohlt erschienen ist, nimmt Ursula März zum Abschuss sich und ihre beiden Kollegen unter die Lupe und stellt fest: In Sachen Tagebuchschreiben seien zwei von ihnen, nämlich sie selbst und Barbara Auer, »Volldilettanten«, während Michael Maar immerhin nur ein »Halbdilettant« sei, schließlich habe er einmal in einer Krisenzeit zwei, drei Wochen lang Tagebuch geführt. Ihren Dilettantismus hat man den dreien aber keinesfalls angemerkt, im Gegenteil, ich kann ruhigen Gewissens den Aufruf von Frau März nachkommen: »Wenn Sie gleich nach Hause gehen und Tagebuch schreiben, seien Sie aufrichtig und schreiben Sie: ›Es war ein herrlicher Abend.‹« Jawohl!

Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf. C. H. Beck Verlag, München 2013, 257 Seiten, 19,95 €.

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