»Er hat sich um dieses Land verdient gemacht«

Als ich den Saal der Alten Feuerwache, eines der wichtigsten Kulturzentren Mannheims, betrete, bin ich sprachlos: von den Ausmaßen der Halle, von den wuchtigen freistehenden Steinsäulen und den Rohrsystemen an den Wänden, die den Zuschauerraum einrahmen, vor allem aber von der Menschenmenge, die sich am Freitagabend kurz vor acht hier eingefunden hat. Vierhundertfünfzig Leute passen in diesen Saal, erfahre ich später, vermutlich sind es mehr, wenn man diejenigen mitzählt, die hinten und im Seitengang neben den Säulen stehen. Vierhundertfünfzig Leute: Die Veranstaltung ist – wie die meisten anderen in den nächsten Tagen – ausverkauft. Wenn die Alte Feuerwache zum jährlichen Literaturfest lesen.hören einlädt, dann ist der Andrang offenbar immens.

Eröffnungsabend lesen.hören 8 (1)

Nach ein paar einleitenden Worten von Sören Gerhold, dem Geschäftsführer der Alten Feuerwache, betritt Roger Willemsen, Schirmherr und – dieses Jahr erstmalig – Programmleiter des Festivals, die Bühne. Was nun folgt, ist eine furiose Eröffnungsrede, in der er mit so viel Charme und Verve erzählt, was uns in den kommenden zwei Wochen erwartet, dass es ihm das Publikum mit allerlei Lachern und Applaus dankt. Es ist bereits die achte Ausgabe von lesen.hören, doch diesmal sei einiges anders als bisher, kündigt Willemsen an. Man wolle weg vom üblichen Format der Lesung, wo der Autor eine Stunde lang nicht seinen Blick vom Buch hebe: »Das ist eine Tätigkeit für Erloschene, und sie wird von Erloschenen begleitet.«

Die Abende werden also weniger Lesung sein und mehr einen »Ereignischarakter« haben, bei dem andere Kunstformen – die Musik, die Fotografie – gleichrangig neben der Literatur stehen. Etwa am Donnerstag, wenn der Jazzpianist Frank Chastenier zu den Bildern des Landschaftsfotografen Mathias Bathor improvisieren wird. Oder am 6. März bei der Hommage an Perry Rhodan, einer szenischen Lesung samt Konzert, die konsequenterweise im Planetarium stattfindet. Und mit der Premiere seines neuen Buches Das Hohe Haus wird Roger Willemsen am vorletzten Festivaltag einen Bogen zum gestrigen Eröffnungsabend schlagen: Dieser war dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt gewidmet, der entscheidend die Entstehung des Hohen Hauses gefördert und vorangetrieben hatte.

Willemsen und Hildebrandt waren in den letzten sieben Jahren nicht nur gemeinsam auf den deutschen Bühnen unterwegs – sie waren Freunde. Am 20. November vergangenen Jahres ist Dieter Hildebrandt mit sechsundachtzig Jahren verstorben, Roger Willemsen hielt die Trauerrede. Man kann also erahnen, wie schwer es für ihn sein muss, diesen Abend zu bestreiten, knappe zwei Stunden auf der Bühne zu sitzen, an der Stelle, an der eigentlich Hildebrandt selbst hätte sitzen sollen: Er hatte vor einigen Monaten bereits zugesagt, das Festival zu eröffnen, stattdessen steht nun eine Fotografie von ihm auf einer Staffelei am rechten Bühnenrand. Nicht weit davon, gleich in der ersten Reihe, die Ehrengäste, Dieters Frau Renate sowie seine Tochter Jutta.

Später, als die Zuschauer längst gegangen sind und wir im Fahrstuhl nach oben zum Sektempfang stehen, sagt mir Willemsen, er hätte Angst gehabt, vor lauter Rührung nicht durch den Abend zu kommen. Dass ihm dieser Verlust nahegeht, hat man ihm auf der Bühne tatsächlich angemerkt – jedes einzelne Wort zeugte davon. Doch neben der Trauer hört man vor allem die unendliche Bewunderung heraus, die Willemsen für seinen Kollegen in sich trägt, die Dankbarkeit, die er ihm gegenüber verspürt, die Freude, die dessen Texte ihm beim Lesen und Vorlesen bereiten*. Obwohl einem verstorbenen Menschen gedacht wird, lacht das Publikum zwei Stunden lang lauthals – was natürlich in erster Linie an Hildebrandts sprachlich raffinierten, scharfzüngigen und bisweilen bitterbösen Beobachtungen selbst liegt, aber eben auch an dem Begeisterungstaumel von Roger Willemsen, der schlichtweg ansteckend ist.

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Ins Zentrum stellte er an diesem Abend Dieter Hildebrandts Engagement für dieses Land. Er habe den unbedingten Drang gehabt, sich für all diejenigen starkzumachen, die keine eigene Stimme haben, was auch seiner Biographie geschuldet sei: Hildebrandt habe die politische Geschichte seines Landes am eigenen Leib erfahren, habe sich buchstäblich durchbringen und lange Zeit mit Widerstand und Zensur ringen müssen, deshalb habe er die Solidarität mit dem kleinen Mann nie verloren. Einmal erzählte er Willemsen, wie der Kabarettist Werner Finck während einer Aufführung einen Gestapo-Beamten, der in der ersten Reihe saß und protokollierte, vom Bühnenrand aus fragte: »Kommen Sie mit oder muss ich mitkommen?« Dieser Haltung, diesem Geist habe sich Dieter Hildebrandt verpflichtet gefühlt.

Langsam kommt der Gedanke auf: »Mann, haben wir damals Mist gewählt.« Mit der Angie kriegt man langsam kalte Füße. Ich frage mich: Wähle ich falsch oder sind’s die anderen? Oder anders: Sollen die Sozialdemokraten überhaupt noch Wahlkampf machen oder abwarten, bis die Wähler sich wieder an sie erinnern?
Bei der letzten Wahl war schon der Ansatz, sich zu Wort zu melden, falsch. Es muss ihnen irgendwie die Sprache abhanden gekommen sein. Der ehemalige Minister Scholz hat tatsächlich auf die Frage, warum es denn so schlecht ausgegangen sei, gesagt: »Es lag an der Verkaufe.« Die Verkaufe – das grassiert. Ich weiß, dass Sie zur Tanke fahren. Und einer hat mir gesagt, er hätte eine ganz andere Denke. Worauf ich sagte, da hätte ich aber eine Staune. Und da sah ich deutlich, dass er eine Stutze ins Gesicht bekam. Also in seine Gucke. Wenn einer so eine Spreche hat, dann muss er keine Wundere haben, dass er eine falsche Wähle kriegt. Das fällt keinem mehr auf.
Eine Woche später Staatsbegräbnis der deutschen Volksmusik im MDR. Florian Silbereisen-Hinterseer, das personifizierte Alpengrünblühen, Marianne & Michael und der Sachsenschreck Mentzel. Es dudelt und strudelt und nudelt und kracht und jodelt […]. Standing Ovations, Jubel, Tränen der Begeisterung, und es dampft aus den Lederhosen. Zehntausend Menschen im Schnulzenrausch. Und dann fiel mir jäh ein: Mein Gott, die wählen ja alle!

Es sei Hildebrandt eine Herzenssache gewesen, das Kabarett als eine nicht verblödete und vor allen Dingen nicht belanglose Form des Sprechens hochzuhalten: ein Kabarett, das kritisch und von essentieller Bedeutung ist, das zu unserer Bewusstseinsbildung beiträgt und uns darin übt, gegen unsere Zeit, gegen unsere Repräsentanten, gegen die Masse zu denken. Hildebrandt sei, so Willemsen, eine subversive Autorität gewesen, zu der man aufsehen konnte – nicht als ein Vorbild, das wäre ihm peinlich gewesen, sondern als jemand, an dem man sich orientieren konnte. Wie er mit seinem Rollkoffer der Marke Mandarina Duck unermüdlich von Provinzbahnhof zu Provinzbahnhof gezogen sei und bis zu hundertfünfzig Auftritte im Jahr gehabt habe – das sei nichts für Feiglinge gewesen.

Wir Alten sollen dankbar sein, sagt sie [Ursula von der Leyen]. Denken wir an früher: Früher waren die Alten in dem Alter schon viel töter. Oder sie saßen matt und fett auf dem Sofa, heute joggen sie durch die Wälder und verscheuchen das Wild. Optimismus sollen wir haben. Die Frau kennt den Optimismus der alten Menschen gar nicht – ich bin alt genug, ich kenne mich, ich kann mitreden. Optimismus ist, wenn ein Fünfundneunzigjähriger zur Vorsorgeuntersuchung geht. Und warum tut er das? Ganz einfach: damit er die Politik übersteht, die in diesem Lande gemacht wird. Wir müssen nach vorne blicken, sagt die Kanzlerin. Viermal hat sie es in ihrer Rede gesagt. Meine Frau und ich haben uns nach dieser Rede aufs Sofa gesetzt und zweieinhalb Stunden nach vorne geblickt. Es ist uns niemand entgegengekommen!

Auch wenn durch seinen Witz und seinen Furor manchmal eine gewisse Bitterkeit durchscheine, so sei Hildebrandt eines ganz sicher nicht gewesen: ein Zyniker, wie es ihm die FAZ blamablerweise im Nachruf attestiert habe. Zynismus ist, so die Überzeugung des Kabarettisten, eine Haltung, die der Zerstörung nichts entgegenzusetzen hat. Er aber habe immer noch an die Baukräfte eines guten Gedanken, einer treffsicheren Pointe geglaubt. Hildebrandt sei ein ungemein großherziger, liebenswerter, empathischer, auch unschuldig-kindlicher, mit strahlenden Augen gesegneter Mann gewesen, der mit einem permanenten Staunen, einer nie nachlassenden Neugierde durch die Welt gestreift sei, um alles aufzusaugen. Einer, der niemals alt geworden sei, weil er nicht erstarrt sei und nicht aufgehört habe, Appetit auf seine Gegenwart zu haben, sie zu verarbeiten und auf sie zu wirken.

Wenn ein Satz in den Nachrufen gefehlt habe, so sei es dieser gewesen: »Er hat sich um dieses Land verdient gemacht.« Roger Willemsen erzählt, wie er vor einigen Jahren seinem Freund zum Geburtstag einen Brunnen in Afghanistan geschenkt hat, in einer einsamen Gegend im Norden von Kunduz: So wie dieser Brunnen in seiner Vorstellung immer weiter fließe und etwas Lebensspendendes habe, so wolle Roger Willemsen alles daran tun, dass der Name Dieter Hildebrandt nicht in Vergessenheit gerät und dass ihm die Bedeutung für unser alles Geistesleben zugesprochen wird, die ihm zusteht. Dass Willemsen das mit diesem Abend gelungen ist, steht für das Publikum – und für mich – außer Frage: Es dankt dem Gastgeber – nachdem der letzte Ton der abschließenden musikalischen Hommage, Hymn to Freedom von Oscar Peterson, verklungen ist – mit einem lang anhaltenden Applaus.

* Die Texte, die Willemsen liest, stammen aus dem Nachlass von Dieter Hildebrandt und werden im April in dem Band Letzte Zugabe bei Blessing erscheinen (da ich sie dem Gehör nach zitiere, bitte ich um Verzeihung, falls sie vom Original abweichen). Der einzige Text, der nicht dieser Sammlung entstammt und den Willemsen gemeinsam mit Sören Gerhold liest, ist der wunderbar absurde Dialog »Warum machen Sie das?«, den Willemsen zusammen mit Dieter Hildebrandt für seine gleichnamige Kolumne in der ZEIT geschrieben hat. Auf die Frage »Warum machen Sie das?« antwortet der Gefragte: »Weil es sonst niemand macht« – es könnte ein Credo Hildebrandts sein. Hier kann man den Dialog nachlesen.

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7 Kommentare zu „»Er hat sich um dieses Land verdient gemacht«

    1. An dich musste ich beim Schreiben denken, liebe Sophie, wo du doch so eine Kennerin und Verehrerin des Kabaretts und der Kleinkunst bist. Für mich ist es Neuland, umso überraschter war ich von meiner eigenen Begeisterung, die Roger Willemsen und die Texte von Dieter Hildebrandt in mir auslösten. Ich habe viel gelacht und viel gestaunt. Ein ganz besonderes Erlebnis!

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      1. Ja, ich musste auch ein bisschen lächeln, als ich den Artikel las, weil ich ja weiß, dass das sonst nicht so dein Gebiet ist. Es gibt wirklich Tolles zu entdecken in diesem Bereich. Freut mich jedenfalls, dass es dir so viel Spaß gemacht hat und vorallendingen, dass wir daran teilhaben konnten. 😉

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  1. Liebe Caterina,
    ich muss mich Sophie unbedingt anschließen: Einen tollen Bericht hast Du geschrieben, der einen wunderbaren Einblick in den Auftakt des Festivals gibt.
    Viele grüße, Claudia

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    1. Danke für deine Worte, liebe Claudia. Freut mich, dass der Artikel dir gefällt. Es war mir ein besonderes Anliegen, die Atmosphäre des Abends und die großartige Leistung von Roger Willemsen einzufangen – so wie es ihm ein besonderes Anliegen war, die großartige Leistung von Dieter Hildebrandt hervorzuheben. Schön, dass es uns beiden offenbar gelungen ist.

      Liebe Grüße
      caterina

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