Daniel Kehlmann: F

Daniel Kehlmann - F (c)

»Sehen Sie der Wahrheit ins Gesicht. Sie werden nie glücklich sein.
Aber das macht nichts. Man kann auch so leben.«

Mag sein, dass es stimmt, was Pfarrer Martin Friedland da sagt, aber interessant ist an dieser Aussage vor allem, dass sie ausgerechnet das Wort »Wahrheit« beinhaltet, wo doch Martins gesamtes Leben auf einer einzigen Lüge basiert. Und nicht nur seines, sondern auch das der anderen Figuren aus Daniel Kehlmanns neuem Roman, der sich schlicht F nennt und der dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Martin, Eric und Iwan: drei Brüder, die vielleicht nicht sich selbst, aber alle um sich herum täuschen. Glücklich sind sie – um zur Eingangsbehauptung zurückzukehren – damit keineswegs, aber sie können damit leben. Bis zu jenem drückend heißen Sommertag zumindest, an dem der Kern der Geschichte spielt.

Diesem Kern geht eine Art Prolog voraus, der den Titel »Der große Lindemann« trägt: Lindemann ist ein Hypnotiseur, in dessen Show die drei Brüder mit ihrem Vater Arthur Friedland einst saßen – fast fünfundzwanzig Jahre ist das nun her, und doch bleibt dieser Nachmittag in ihrer aller Gedächtnis unauslöschlich verhaftet. Denn Vater Arthur, der mit derlei Hokuspokus wenig anfangen kann, wird auf die Bühne gebeten, und noch während er beteuert, dass es bei ihm ohnehin nicht funktioniere, weil er an Hypnose nicht glaube, hat Lindemann ihn bereits fest im Griff und entlockt ihm so manch ernüchterndes Bekenntnis. Nein, er sei nicht glücklich, aber wer sei das schon, und Iwan liebe er mehr als die anderen beiden Söhne, und seine Frau, tja, seine Frau kümmere sich eben um alles.

»[…] Wir sind unter Freunden. Was wollen Sie?«
»Weg.«
»Von hier?«
»Von überall.«
»Von zu Hause?«
»Von überall.«
»Weg von daheim?«
»Daheim ist man tot.«

Arthur schafft es gerade noch, seine Söhne zu Hause abzusetzen, dann ist er schon verschwunden, auf Nimmerwiedersehen, um endlich zu tun, was er immer tun wollte: schreiben, und zwar nicht mehr nur für die eigene Schublade. Und tatsächlich: Arthur Friedland wird in den folgenden Jahren ein erfolgreicher Schriftsteller, das Einzige, was seine Söhne lange Zeit von ihm zu sehen bekommen, sind Belegexemplare seiner Bücher. Wir begegnen ihnen als Erwachsene wieder, in drei langen Kapiteln, die je einem der Brüder folgen und allesamt denselben Tag schildern: den 08.08.2008. Alle drei Männer haben sich ein auf den ersten Blick gut funktionierendes Leben eingerichtet. Doch auf den folgenden dreihundert Seiten zeigt sich, wie brüchig die Fassade ist, wie viel Lug und Trug sich dahinter verbirgt.

Martin, der Älteste und Halbbruder der anderen beiden, ist katholischer Pfarrer, der nicht an Gott glaubt, sosehr er sich auch bemüht, und jede an ihn gerichtete Glaubensfrage mit einem vagen »Es ist ein Mysterium« abtut. Der tablettensüchtige und paranoide Finanzberater Eric jongliert nicht nur mit Millionengeschäften, sondern auch mit Familie und Liebhaberin – und verspekuliert sich dabei gewaltig. Sein Zwillingsbruder Iwan ist Kunsthistoriker und verwaltet den Nachlass des berühmten Malers Heinrich Eulenböck: Als Experte bestätigt er die Echtheit der Bilder und treibt ihre Preise in die Höhe – Bilder wohlgemerkt, die Iwan selbst in einem Geheimatelier malt. Drei Brüder, drei völlig fehlgeleitete Lebenswege: Alles ist eine einzige große Blase, die unweigerlich platzen muss. Nur dass es diesmal nicht ein Hypnotiseur ist, der sie zum Platzen bringt, sondern ein Gewaltakt.

So wiederholt sich also, was vor fünfundzwanzig Jahren schon einmal geschehen ist, und es stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Schicksal: Ist das Leben vorherbestimmt oder gibt es so etwas wie Willensfreiheit? Oder ist alles gar bloß eine Verkettung von Zufällen? Eine Frage, auf deren zentrale Rolle ja bereits der Titel des Romans verweist: »Fatum« wird in der Tat an einer Stelle als »das große F« bezeichnet. An derselben Stelle heißt es aber eben auch: »der Zufall ist mächtig, und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal.« Dieser scheinbar in sich widersprüchliche Begriff verdeutlicht den ironischen Ansatz, mit dem sich der Autor seinem Thema annähert. Kehlmann legt sich nicht fest, gibt keine endgültigen Antworten, sondern lotet Möglichkeiten aus.

Das F im Titel kann sich im Übrigen auch auf vieles andere beziehen, auf all das, was in diesem Roman dekonstruiert wird. Das Ich zum Beispiel, wie in Mein Name sei Niemand, jenem Buch, das Arthur Friedlands Ruhm begründete, das einige Leser in den Selbstmord trieb und dessen Protagonist – wie kann es anders sein – F heißt. Oder die Familie, namentlich Friedland (wieder ein F!), die in diesem Roman gleich mehrfach zerbricht: etwa jetzt durch Erics Fremdgehen oder damals durch Arthurs Verschwinden oder noch früher durch das Ableben des Großvaters und des Urgroßvaters und all der anderen Vorfahren, eine Folge von Toden, die Arthur in der Erzählung Familie rekonstruiert: »Was war, wird vergessen, und was vergessen wird, kommt nicht zurück. Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater.«

Doch trotz dieser fast schon fatalistischen Sicht auf das Leben zeichnet sich die Geschichte um die drei Brüder durch eine erstaunliche Leichtigkeit aus, was vor allem an dem geistreichen Humor und den flotten Dialogen liegt, mit denen der Autor sie ausstattet. Etwa in jenen Szenen, die nacheinander aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden und die von der Situationskomik leben, die sich aus den auseinanderklaffenden Wahrnehmungen der Figuren ergibt. F ist ein kluger, auch kühner Roman und siedelt sich, was das Lesevergnügen betrifft, irgendwo zwischen der Vermessung der Welt und dem 2009 erschienenen Band Ruhm an: raffiniert konstruiert wie Letzterer, ohne aber so bemüht zu wirken, süffig und kurzweilig wie Kehlmanns Bestseller, auch wenn ihm dessen Schlagkraft fehlt.

Daniel Kehlmann: F. Rowohlt, Reinbek 2013, 384 Seiten.

Deutscher Buchpreis 2013

Bisherige Rezensionen im Rahmen von »5 lesen 20«:

10 Kommentare zu „Daniel Kehlmann: F

  1. Liebe Caterina,

    ich muss gestehen, dass ich auf diese Besprechung von dir schon lange gewartet hatte. 🙂 Ich kenne bisher noch nichts von Kehlmann, auch wenn der Name mir natürlich ein Begriff ist. Über „F“ habe ich bereits so viel unterschiedliche Stimmen gehört und gelesen, darunter auch viele negative, deshalb freue ich mich sehr über deine ausgewogene Besprechung, die mir Lust macht, das Buch doch noch in die Hand zu nehmen.

    Ich danke dir ganz herzlich dafür. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      oh ja, so einige haben lange auf diese Besprechung gewartet, allen voran die werten Leute vom Buchpreis. 😉 Es tut mir auch leid, dass mein Blog in den vergangenen sechs Wochen so verwaist war, aber die Arbeit hat mich zuletzt wirklich auf Trab gehalten.

      Ich habe von Kehlmann sowohl Die Vermessung der Welt als auch Ruhm gelesen, seine früheren Sachen kenne ich hingegen nicht. Der Erzählband (Untertitel: „Roman in neun Geschichten“) hat mich nicht sonderlich angesprochen, aber das mag auch an meiner generellen Schwierigkeit mit der Gattung der Erzählung liegen. An Die Vermessung der Welt erinnere ich ehrlich gesagt kaum noch, ich weiß nur noch, dass ich sie recht gerne gelesen habe. Sehr eingängige Literatur, amüsant und kurzweilig. F ist da schon etwas anspruchsvoller und auch rätselhafter, gerade zum Ende hin war ich etwas verwirrt und habe die Lust ein bisschen verloren. Ein schlechter Roman ist es jedenfalls nicht, aber der Kehlmann-Hype erschließt sich mir trotzdem nicht so recht.

      Ich bin gespannt, was du zu dem Buch sagen wirst.
      Herzlich,
      caterina

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  2. Ah, endlich wieder eine neue schöne Seite. 😉
    Mir hat ja „Ruhm“ besser gefallen als die „Vermessung“, nicht nur wegen der Coelho-Persiflage. Wenn der neue Roman, wie ich Deinen Worten entnehme, eine ähnliche amüsante Lektüre in Aussicht stellt, werde ich ihn auf meine Liste setzen.

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    1. Ich fand ja Ruhm nicht so umwerfend, muss ich zugeben, F ist in meinen Augen schon deutlich gelungener. Aber zu meinen Lesehighlights des Jahres zählt es definitiv nicht, da haben mich andere Werke mehr begeistert oder in sonst einer Form beschäftigt.

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  3. Liebe Caterina,
    mein persönliches „F“ widme ich der Freude, dass es wieder eine neue Buchbesprechung von dir gibt.
    Kehlmann und ich indes, werden wohl nie so richtige Freunde werden. Gelesen habe ich „Ruhm“, „Die Vermessung der Welt“ und „Ich und Kaminski“.
    Er mag ein im höchsten Maße intelligenter und belesener Mensch sein, wie allerorts zu hören und zu lesen ist, aber derart berührt, dass ich sehnsüchtig auf den nächsten Kehlmann warte, hat er mich noch nicht. „F“ scheint da keine Ausnahme zu sein. Dabei würde ich so gerne für mich nachvollziehen können, warum er so lange als Genie gehandelt wurde.
    Lesen werde ich „F“ vermutlich trotzdem irgendwann. Vorgesetzt mein Fatum hat keine anderen Pläne 
    Schöne Grüße
    Josef

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    1. Lieber Josef,
      wie ich oben schon geschrieben habe, ist auch mir der Kehlmann-Hype ein Rätsel. Immerhin drei Bücher habe ich bereits von ihm gelesen, aber keines hat mich nachhaltig beeindruckt und diese freudige Erwartung auf ein neues Werk von ihm kenne auch ich nicht. Sicher, er ist gut, vielleicht sogar sehr gut, aber unzählige andere Bücher haben mich mehr begeistert, bewegt, berauscht.

      Dennoch finde ich ihn als Schriftsteller gar nicht so unspannend, er hat schon einige interessante Dinge zu sagen, ich würde mir ihn durchaus mal gerne ‚live‘ anschauen, und aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich auch in Zukunft seine Karriere mitverfolgen. Es ist sicherlich noch einiges zu erwarten von ihm, in welche Richtung auch immer.

      Stürmische Grüße aus Frankfurt,
      caterina

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    1. Ich gebe zu: Die Formulierung „der Kehlmann-Hype erschließt sich mir trotzdem nicht so recht“ stimmt nicht ganz, ich kann den Hype sehr wohl nachvollziehen, denn Kehlmann ist gewissermaßen einzigartig und hat zweifelsohne Beeindruckendes geschaffen/geschafft. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Ich kann diesen Hype für mich – meine eigenen Lesevorlieben – nicht bestätigen, kann mich ihm nicht anschließen. Gut bis sehr gut finde auch ich seine Bücher, aber sie sind für mich nicht das Beste, was es auf dem deutschsprachigen Markt gibt.

      Dennoch danke für den Link zu dem aufschlussreichen Artikel!
      Best,
      caterina

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  4. Liebe Caterina,

    habe deine Besprechung extra im Reader warten lassen. Erst meine verfassen wollen. Unsere Meinungen (siehe deinen Kommentar bei mir) decken sich und vieles fassten wir tatsächlich ähnlich auf 😉

    Grüße und genieße die Feiertage!

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    1. Lieber Muromez,
      tja, in der Blogszene scheint der neue Kehlmann keine große Welle auszulösen, die Perlen im großen Büchermeer sind eindeutig andere.

      Hoffe, du hattest ein schönes Fest und rutschst gut ins neue Jahr hinein!
      Herzlich,
      caterina

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