Mirko Bonné: Nie mehr Nacht

Bonné - Nie mehr Nacht (c)

»Sich auflösen, verschwinden, und am Schluss…«

Ira und Markus Lee, Schwester und Bruder, beide haben sie, im übertragenen Sinne, Angst vor der Dunkelheit, damals als Kinder ebenso wie heute als Erwachsene. »Nie mehr Nacht«, das ist ihr Wunsch, ihre Hoffnung, das ist der Titel von Mirko Bonnés fünftem Roman, der im August bei Schöffling & Co. erschienen ist und auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Weil sich diese Hoffnung für Ira nicht erfüllt, sorgt die junge Frau für eine ewige Dunkelheit (oder – je nach Blickwinkel – für ein Ende der Dunkelheit), indem sie sich das Leben nimmt. Die Geschichte beginnt, da ist Ira schon seit einem halben Jahr fort, sie taucht nur in Erinnerungen auf, in Gesprächen, in den Gesichtern anderer Figuren. Im Zentrum steht ihr Bruder Markus, der versucht, ebenfalls die Nacht hinter sich zu lassen, indem er sich selbst zurücklässt, Stück für Stück.

Markus ist Zeichner, von einem Freund, dem Herausgeber eines Kunstmagazins, wird er beauftragt, die Brücken in der Normandie zu zeichnen, die 1944 bei der Landung der Alliierten eine wichtige Rolle spielten. Es sind Herbstferien, Iras fünfzehnjähriger Sohn Jesse möchte einen Freund und dessen Familie besuchen, die für ein paar Wochen das leer stehende Strandhotel »L’Angleterre« unweit von Bayeux hüten. Also brechen Markus und Jesse gemeinsam auf, beide mit dem Verlust von Ira kämpfend, jeder still für sich – der Name der Toten fällt zum ersten Mal, da sind sie schon fast am Ziel ihrer Reise. Diese Autofahrt, voller Missverständnisse und Streitereien, aber auch mit einigen Momenten der Annäherung und des Trosts, nimmt das erste Drittel des Romans ein. Schon hier zeichnet sich ab, dass Markus seinen Auftrag nicht ausführen, sich stattdessen verlieren wird.

Unterwegs lässt er seine Reisetasche zurück, und kaum im Hotel angekommen, verschenkt und verkauft er weitere Dinge, wirft allen Ballast von sich ab, bis er nur noch das Nötigste bei sich trägt: »Ich wollte ja nicht verwahrlosen, nur sehen, was übrig blieb.« Markus befindet sich in einem Auflösungsprozess, wird immer weniger, auch körperlich, ernährt sich, als die anderen längst abgereist sind, von Konserven und Wein, setzt sich kaum geschützt dem strengen Winter der nordfranzösischen Atlantikküste aus. Es ist kein Zufall, dass John Keats’ Ode an die Nachtigall in seinem Kopf herumschwirrt: »Sich auflösen, verschwinden, und am Schluss / Vergessen, was im Laubwerk dich nie stört, / Die Qual, das Fieber und den Überdruss, / Hier wo ein jeder jeden stöhnen hört«. Worum es Markus bei diesem Versuch des Verschwindens geht, ist, herauszufinden, ob sein Leben noch ein Leben ist oder »bloß die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen«.

Nun ist dies der erste Roman von Mirko Bonné, den ich gelesen habe, zu seinem Werk kann ich wenig sagen. Aber es genügt ein Blick auf seine Bibliographie, um zu erahnen, dass er immer um ähnliche Fragestellungen der menschlichen Existenz kreist, man könnte sogar meinen, er erzähle ein und dieselbe Geschichte fort, wenn man sich allein die Titel seiner früheren Romane ansieht: Der eiskalte Himmel, Ein langsamer Sturz, Wie wir verschwinden lauten sie und greifen damit Motive aus Nie mehr Nacht vorweg. Doch während die ersten drei Titel eine stetige Abwärtsbewegung suggerieren, hat der letzte etwas Hoffnungsvolles. Und in der Tat gelingt es dem Protagonisten Markus, sich von seiner Schwester, die stets mehr war als seine Schwester, zu lösen und sich nicht wie sie für die ewige Nacht, sondern für das Ende der Nacht zu entscheiden.

Voller Melancholie ist dieser Roman, und doch ist er nicht schwermütig, es gibt Licht darin, es gibt leichte, fast heitere Momente. Diese sind vor allem den weiblichen Nebenfiguren zu verdanken, insbesondere Annik und Lilith, zwei jungen Frauen, denen Markus zufällig begegnet und die ihn, jede auf ihre Weise, vor dem Verschwinden bewahren. Es sind starke Figuren, ganz anders als Ira (und auch Markus), nicht zugrunde gerichtet von ihren eigenen Ansprüchen und Ängsten, sie stellen ein Gegenbild zum fragilen Geschwisterpaar dar. Darüber hinaus verweisen ihre familiären Biographien – wie schon die nie zustande gekommenen Brückenzeichnungen – auf die komplexe deutsch-französische Geschichte. Bonné verwebt auf diese Weise zwei ganz unterschiedliche Traumata: ein politisch-historisches, den Zweiten Weltkrieg, und ein privates, das von Markus Lee.

Ruhig und unaufgeregt erzählt der Autor von diesen Traumata, klar und zurückhaltend ist seine Sprache. Poetisch auch, im Sinne von wohlklingend, aber eben nicht bildreich oder rätselhaft, wie man es vielleicht von einem Lyriker erwarten würde (Bonné hat bisher fünf Gedichtbände veröffentlicht, außerdem überträgt er Autoren wie Keats, William Butler Yeats und Emily Dickinson ins Deutsche). Nie mehr Nacht ist kein herausragendes Buch, wortwörtlich: Es ragt nicht heraus, ist sehr still – so still, dass es in der Flut an Neuerscheinungen, die jedes Jahr den Markt überschwemmt, leicht hätte untergehen können. Sein Glück ist es, dass es mit der Nominierung für den Deutschen Buchpreis in den Fokus der literarischen Öffentlichkeit gerückt ist. Zwar wurde es letztendlich – zu Recht – nicht zum »besten Buch des Jahres« gekürt*, doch die Lektüre lohnt auf jeden Fall.

* Diesen Titel hat für mich nach wie vor Katharina Hartwells Das fremde Meer inne, das jedoch nicht einmal auf der Longlist vertreten war. Ob der tatsächliche Siegerroman, Das Ungeheuer von Terézia Mora, zu Recht auszeichnet wurde, kann ich hingegen nicht beurteilen.

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Schöffling & Co., Frankfurt 2013, 360 Seiten.

Deutscher Buchpreis 2013

Bisherige Rezensionen im Rahmen von »5 lesen 20«:

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21 Kommentare zu „Mirko Bonné: Nie mehr Nacht

  1. Eine ganz hervorragende Rezension, die besser ist als so vieles, was ich über dieses Buch in den großen Feuilletons bisher gelesen habe.

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    1. Merci für das schöne Kompliment! Die Stimmen im Feuilleton waren ja eher gemischt, viele haben das Ende kritisiert. Vielleicht weil ich schon darauf vorbereitet war, hat es mich dann nicht so sehr gestört.

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  2. Liebe Caterina,

    chapeau zu dieser fantastischen Besprechung, mit der du dich wieder einmal selbst übertroffen hast! 😀 Wie du weißt, habe ich den Roman sehr gerne gelesen und es als schade empfunden, dass Bonné nicht ausgezeichnet wurde.
    Wie hast du die Enthüllung des Geheimnisses am Ende des Romans empfunden? War dies für dich notwendig? Ich habe mich darn ja ein klitzekleines bisschen gestört.

    Herzliche Grüße aus dem trüben Göttingen
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      hab Dank für die lieben Worte. Ich hätte Bonné nicht unbedingt als Buchpreisträger gesehen, da dass ja doch eine ziemlich hohe Auszeichnung ist, aber von den drei Shortlist-Titeln, die ich gelesen habe, war dieser auf jeden Fall der beste.
      Das Ende von Nie mehr Nacht hat mich nicht im Geringsten gestört, aber das könnte auch daran liegen, dass ich bereits darauf vorbereitet war – in vielen Rezensionen wurde ja gespoilert – und es somit nicht wie ein Hammerschlag daherkam. Wobei ich jetzt doch noch mal nachfragen muss, was du mit „Enthüllung“ meinst: Beziehst du dich damit allein auf die Beziehung zwischen Bruder und Schwester? Die war für mich durchaus nachvollziehbar und, ja, vielleicht sogar notwendig. Falls du dich auf Jesses Rolle in dem Ganzen beziehst: Hier stimme ich dir zu, das hätte nicht sein müssen, die Geschichte hätte auch ohne diesen Twist gewirkt. Aber wie gesagt habe ich mich nicht darüber geärgert.

      Herzlich,
      caterina

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      1. Die „Nacht“ liegt schon auf meinem Stapel (bei Bücherkäufen bin ich völlig hemmungslos :-)), muss aber noch ein bisschen warten, denn andere Bücher haben sich schon wieder nach vorne gedrängelt. Du kannst den Roman also sehr gerne an die Klappentexterin weiterreichen. Dann haben wir hier auf den Blogs noch eine Menge Freude mit dem Roman.
        Viele Grüße, Claudia

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  3. Liebe Caterina,
    obwohl du nicht so richtig ins Schwärmen geraten bist, so bin ich doch neugierig geworden. Ich fühlte mich an „Oben ist es still“ von Gerbrand Bakker erinnerte. Ein bewegendes Buch, wie ich finde. Die Ausgangssituation scheint mir der von „Nie mehr Nacht“ ähnlich zu sein. Jedes Individuum definiert sich letztlich über eine Abgrenzung zum Außen. Definieren sich zwei Menschen (im Fall Bakker, Zwillinge) durch die Enge ihrer Beziehung als ein Ganzes, verliert die zurückgebliebene Hälfte mit dem Verlust auch einen Teil der Außengrenze. Will sich diese nicht mehr schließen, ist Auflösung und Verschwinden die Folge. Dafür tut sich für uns Leser die traurige wie interessante Fragestellung auf, wie man mit dieser offenen Wunde weiterlebt. Interessant deshalb, weil dieser Markus offenbar nicht über gebräuchliche Egoismus-Schutzschilder verfügt.
    Liebe Grüße in die Stadt der Buchmesse. Ich wäre so gerne mal auf einem blauen Sofa gesessen 🙂
    Liebe Grüße
    Josef

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    1. Lieber Josef,
      interessanterweise kam auf Facebook in einer kleinen Diskussion zu dieser Rezension Gerbrand Bakkers Name auf. Ein Blogger schrieb, etwas scherzhaft: „ich lese am liebsten Romane über Menschen, die in der Küche stehen und weinen“. „Domestic fiction“ nennt er das in Anlehnung an Stewart O’Nan. Stille, unaufgeregte Literatur. Ich denke, Bonné ist mit Bakker durchaus zu vergleichen, auch wenn sein Roman vom Setting her nicht „domestic“ ist, sondern zu Teilen sogar eher eine Road Novel. Dazu muss ich sagen, dass ich noch nichts von Bakker gelesen habe, es aber auf jeden Fall vorhabe – sowohl Oben ist es still als auch Der Umweg wurden mir bereits mehrfach wärmstens empfohlen.

      Auf dem blauen Sofa habe ich selbst übrigens auch nicht gesessen. Nur Leute beobachtet, die es getan haben. Schön war’s.

      Alles Liebe,
      caterina

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  4. Liebe caterina,
    mit Spannung habe ich auf deine Rezension zu diesem Buch gewartet. Und jetzt habe ich sie langsam gelesen, getrunken wie eine heiße Tasse Tee und lächle. Schön war’s! Danke für die feine Besprechung über ein Buch, das ich irgendwann gern lesen möchte.

    Alles Liebe,
    Klappentexterin

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    1. Meine Liebe,
      wenn du möchtest, kann ich es dir gerne mal nach Berlin rüberreichen. Du drückst mir immer so viel in die Hand, ich würde mich gerne mal revanchieren.
      Apropos: Frau Ogawa und der Elefant liegen natürlich immer noch ungelesen auf meinem Fensterbrett. Aber nun, da auch ich endlich mit den Buchpreisbüchern durch bin und mir auch keine neuen mehr antun werde wie ursprünglich geplant (Mora! Zeiner!), komme ich hoffentlich bald zu all den wunderbaren Büchern, die mir liebe Menschen wie du gegeben haben.

      Herzlich,
      caterina

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      1. Oha, führe mich nicht in Versuchung, liebe caterina! Oha, ich lächle und fühle den Gedanken größer werden… Oha, die Verführung hat jetzt gesiegt. Ich würde Claudia gern den Vortritt lassen, wenn sie es vor mir lesen möchte. Und du schau, dass du bald die bemerkenswerte Ogawa kennenlernst. Was bin ich gespannt! Für die anderen Herzensbücher wünsche ich dir ebenfalls viel Freude! Lass dich fallen in eine wunderbare Herbstlesezeit!

        Herzlich,
        Klappentexterin

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      2. Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, wird das Buch in deine Hände finden, Claudia hat entschieden! 🙂
        Und Ogawa folgt bald. Nun habe ich erst einmal zu Sallis‘ Driver (ebenfalls Liebeskind) gegriffen, der mir kürzlich geschenkt wurde. Eine mutmaßlich sehr gute, aber auch sehr kurze Lektüre, in ein paar Tagen machen ich also vielleicht mal einen Ausflug nach Japan. Ich freue mich drauf.
        Auch dir einen schönen Leseherbst.

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  5. Hallo Caterina,

    ich habe mittlerweile dieses Buch auch gelesen und teile deine Meinung voll und ganz, ebenso die Ansicht, dass „Nie mehr Nacht“ den deutschen Buchpreis zurecht nicht gewonnen hat – da gibt es bessere Bücher. Eine sehr schöne Besprechung zu einem wunderbar melancholischen Buch.

    Gruß
    Macg

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    1. Lieber Macg, wie schön, dass du mich nun – mit etwas Abstand – auch an deinem Leseeindruck teilhaben lässt. Und dass er sich mit meinem deckt. Buchpreiswürdig war dieser Roman in unseren Augen zwar nicht, aber das sagt ja nichts über seine Qualität aus – es hat nur etwas mit der Ausrichtung/Intention des Preises selbst zu tun. Nie mehr Nacht ist und bleibt aber – unabhängig davon – ein wunderbares Buch, das Aufmerksamkeit verdient hat.

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  6. Hi Caterina, just discovered your article on Nie Mehr Nacht which I read recently (in German as it has not yet been translated), I find that I haven’t let this story go yet and your article, like talking about someone who is no longer with us, brought back fond memories of that reading experience.

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    1. Hey Pat, thanks a lot for your visit and for your kind words. I think you’re the first English speaking reader landing on my page, and I’m very delighted you found here by looking out for Bonné. What a beautiful and moving book! I have to admit it is the only one by Bonné I have read so far, but it was a really great experience. And I am glad you feel the same way. Let’s hope the novel will be translated one day. All the best, caterina

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