5 lesen 20 – Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013

Hurra, die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013 ist da! Und auf ihr gleich drei Romane, die mir im Rahmen von »5 lesen 20« zugefallen sind (was erst einmal nichts über ihre Qualität aussagt). Die glücklichen Nominierten sind: Mirko Bonné mit Nie mehr Nacht (Schöffling & Co.), Reinhard Jirgl mit Nichts von euch auf Erden (Hanser), Clemens Meyer mit Im Stein (S. Fischer), Terézia Mora mit Das Ungeheuer (Luchterhand), Marion Poschmann mit Die Sonnenposition (Suhrkamp) sowie Monika Zeiner mit Die Ordnung der Sterne über Como (Blumenbar). Eine ungewöhnliche Auswahl, die mich wie schon die Longlist erstaunt: Glavinic und/oder Kehlmann hätte ich erwartet (nicht aber gewünscht), ebenso Dutli und Veremej – dass Zeiner hingegen drauf ist, ist eine wahre Überraschung.

Welche Gedanken mir beim Anblick der Liste noch so durch den Kopf gingen, das erfahrt ihr im folgenden Interview, das die Menschen hinter dem Deutschen Buchpreis mit uns, den Mitgliedern des vermeintlichen Expertenteams von »5 lesen 20«, geführt haben. (Man verzeihe mir die ironische Formulierung, mit der ich natürlich nicht meine vier Mitstreiterinnen herabwürdigen möchte, sondern allein mich selbst, die ich mit den Lektüren kolossal hinterherhinke.)

Welcher Roman der Shortlist ist Ihr Favorit und warum?

Klappentexten, Leseproben und Kritiken nach zu urteilen: Mirko Bonnés Nie mehr Nacht. Wollte ich nach dem Ausschlussprinzip vorgehen, so würde meine Begründung wie folgt lauten: Jirgl ist mir zu prätentiös, Meyer zu unfertig, Mora schlichtweg erschlagend, Poschmann zu nebulös, Zeiner zu popliterarisch (ein anderer Literaturpreis würde ihr besser zu Gesicht stehen). Bonné macht auf den ersten Blick alles richtig: suggestiver Titel, reizvolles Thema, raffinierte Sprache.

Welchen Roman (aus der Longlist) vermissen Sie auf der Shortlist?

Die Frage müsste vielmehr lauten: Welchen Titel haben Sie auf der Longlist vermisst? Katharina Hartwells hinreißendes Romandebüt Das fremde Meer nämlich. Auf der Shortlist fehlt es mir folglich auch. Und von der tatsächlichen Longlist? Olaf Kühl und Jonas Lüscher, die beiden vermisse ich. Wobei mich die Abwesenheit des Ersten nicht überrascht, die des Zweiten schon.

Welchen Shortlist-Autoren würden Sie am liebsten kennen lernen wollen und warum? Was würden Sie diesen fragen wollen?

Clemens Meyer, weil der mutmaßlich ein lässiger Typ ist, mit dem man entspannt bei Bier und Schnaps über Literatur, Musik und Filme reden kann. Außerdem Monika Zeiner, mit der ich die Erfahrung teile, in Italien gelebt zu haben (sie im Süden, ich im Norden). Ob sie wohl auch so ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Land hat? (Über ihre Bücher rede ich mit Autoren grundsätzlich ungern – außer es sind meine eigenen Autoren.)

Welchen Shortlist-Roman schenken Sie Ihrer Schwiegermutter zu Weihnachten?

Nochmals: Nie mehr Nacht – der in meinen Augen einzige schwiegermuttertaugliche Roman auf der Shortlist. Gut, möglicherweise auch Poschmanns Die Sonnenposition, wenn’s noch etwas schöngeistiger sein darf.

Welchen Roman wird die Jury Ihrer Meinung nach auswählen?

Ich ahne: Nichts von euch auf Erden ist ganz vorne im Rennen, schließlich hat es mit dem Juryvorsitzenden Helmut Böttiger, der bei der Verleihung des Büchner-Preises 2010 die Laudatio auf Jirgl gehalten und nun dessen aktuelles Werk in der Süddeutschen nahezu hymnisch besprochen hat, mutmaßlich mindestens eine Stimme für sich. Ernst zu nehmende Konkurrenten: Bonné und Meyer. Mora, Poschmann und Zeiner vermute ich hingegen nicht unter der engeren Auswahl der Jury.

Deutscher Buchpreis 2013

Wie meine Mitstreiterinnen über all dies und noch viel mehr denken, kann man übrigens hier nachlesen: Atalantes Historien, buzzaldrins Bücher, dasgrauesofa und Literaturen.

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7 Kommentare zu „5 lesen 20 – Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013

  1. Liebe Caterina,

    ich finde es mutig und interessant, dass du auf die Verbindung zwischen Jirgl und Böttinger hinweist. Ich möchte keinesfalls Vetternwirtschaft vermuten, aber glauben, dass die Jury den Roman gelesen und verstanden hat und dass er ihnen auch noch gefällt, kann ich nicht so ganz. Um so gespannter bin ich bereits auf dein Urteil.

    So ganz begeistern konnte mich die Auswahl übrigens nicht, dazu empfinde ich sie dann doch als zu ungewöhnlich.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      da hast du mich missverstanden, auf Vetternwirtschaft wollte ich gar nicht hinaus, schließlich weiß ich gar nicht, wie die persönliche Beziehung zwischen Böttiger und Jirgl aussieht. Fakt ist aber, dass Jirgl mit Böttiger einen ganz starken, leidenschaftlichen Verfechter seines Werks hat, und das kann natürlich nicht schaden, im Gegenteil. Dass er es bis hierher geschafft hat, hat er – so meine Mutmaßung – mit Sicherheit Böttigers Engagement zu verdanken. Fragt sich nur, ob der Juryvorsitzende es schafft, sich durchzusetzen (wenn denn Jirgl tatsächlich sein Favorit ist, vielleicht liege ich auch falsch), und wie sehr der Rest der Jury dagegen vorgeht (falls sie denn tatsächlich gegen Jirgl sein solte, vielleicht liege ich auch hier falsch).
      Übrigens: Jirgl ist ein Krampf, ja, ein aufgeblasenes Werk, das bei genauerer Betrachtung wenig hergibt. Aber ganz so schlimm wie erwartet ist es doch nicht. Möglicherweise genau aus diesem Grund: weil es nicht so hochtrabend ist, wie es vorgibt zu sein. (Und jetzt fühle ich mich ein bisschen schlecht, weil ich hier Jirgl so scharf kritisiere.)

      Herzlich,
      caterina

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  2. Ein sehr schönes Interview, Caterina. Hinsichtlich Katharina Hartwell stimmen wir überein, aber das sieht wahrscheinlich die gesamte „Literaturbloggerszene“ (herrje, was für ein Wort) ähnlich. Interessant, dass wir auch alle zu demselben Ergebnis gelangen, wer den Preis wohl letztlich gewinnen wird …

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    1. Ja, dass wir uns bezüglich Jirgl so einig sind, ist fast ein bisschen gruselig. Allerdings halte ich Bonné ebenfalls für einen ernsthaften Kandidaten – (deutsche) Zeitgeschichte geht ja immer, wie Tellkamp, Ruge, Krechel & Co. ja schon bewiesen haben.

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  3. Liebe Caterina,
    Du hast vermutlich sehr recht, wenn Du darauf hinweist, dass es innerhalb der Jury ja auch einen sozial-dynamischen Prozess gibt, der, über die Qualität (darüber läst sich ja trefflich streiten) der einzelnen Werke hinaus, ganz mitentscheidend für die Preisvergabe sei wird. Da geht es dann auch um verschiedene Aspekte der Macht. Mir fällt dabei die Beschreibung der Preisvergabe für den besten architektoinschen Entwurf für Ground Zero ein, so wie Amy Waldman ihn in dem „amerikanischen Archtikten“ erzählt. So muss man sich wahrscheinlich auch die Verhandlungen der Buchpreisjury vorstellen.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,
      das sind sehr interessante Gedanken. Was genau in so einer Jury vorgeht und wer mit wem verwandt/befreundet ist oder wer wem etwas schuldet, das bekommt man als Außenstehender ja nie mit, und doch spielen solche Faktoren sicherlich auch eine Rolle. Aber letztendlich geht es – hoffentlich – immer noch um gute Literatur und um den Wunsch, ebensolche zu fördern.

      Wie genau gute Literatur aussieht, tja, davon gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, und das ist ja auch das Schöne, denn nur so findet jedes Buch seinen Leser. Und das macht solche Institutionen wie den Buchpreis ja erst spannend, denn wenn es immer nur Konsens gäbe, wäre es doch langweilig.

      Und eines muss man der Shortlist lassen: Die sechs nominierten Titel haben vielleicht gemein, dass sie (nach unseren Kriterien) eher schwer zugänglich sind, im Detail unterscheiden sie sich jedoch stark voneinander – man muss nur mal Jirgl und Zeiner gegeneinanderhalten oder Poschmann und Meyer.

      Ich tendiere übrigens immer stärker zu Meyer als potentiellem Buchpreisträger 2013.

      Herzliche Grüße,
      caterina

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  4. Da an anderer Stelle noch einmal das Thema Jirgl-Böttiger aufkam, möchte ich hiermit noch einmal klarstellen, dass ich niemandem etwas unterstellen wollte. In welcher Beziehung die beiden zueinander stehen, weiß ich nicht. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass Jirgl mit Böttiger einen ganz starken Verfechter seines literarischen Werks hat (siehe Laudatio und Besprechung) und dass es somit gut möglich ist, dass der Preis an ihn geht.

    Da ich nicht weiß, ob und welche Präferenzen die anderen Jurymitglieder haben, ist die Verbindung Jirgl-Böttiger der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, um Spekulationen zu äußern (und darum wurde ich ja in dem Interview gebeten). Eine Preisverleihung an Jirgl wäre also absolut legitim – für mich aus der Sicht der Leserin nicht unbedingt nachvollziehbar, da ich Nichts von euch auf Erden nicht für das beste Buch der Shortlist halte, aber Geschmäcker unterscheiden sich ja. Und das ist auch gut so.

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