David Wagner: Leben

David Wagner - Leben (c)

»Alles war genau so
Und auch ganz anders«

Für den diesjährigen Deutschen Buchpreis ist es zwar nicht nominiert, dafür wurde David Wagners neuestes Werk Leben im März – da war es gerade frisch auf dem Markt – mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, und zwar in der Kategorie Belletristik. Das Wort »Roman« kommt im Buch selbst nicht vor, und jeder, der sich mit dem Autor befasst hat, weiß, dass die Geschichte, die er hier erzählt, seine eigene ist. Und doch betont Wagner, der im April zu Gast bei den Frankfurter Premieren war, dass er Leben als genau das begreift: einen Roman. Er habe, um die Geschichte schreiben zu können, sich von ihr distanzieren, sie als reine Fiktion behandeln müssen – auch jetzt im Nachhinein, wo er darüber spricht. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Wahrheit und Dichtung drückt sich bereits in dem Satz aus, der dem Werk vorangestellt ist: »Alles war genau so / Und auch ganz anders«.

Es ist die Geschichte einer Organtransplantation, aufgeteilt in ein Davor und Danach. Nicht Jahre davor und danach, nur einige Monate. Sie beginnt mit einem Blutschwall, der sich aus dem Ich-Erzähler ergießt, mit der Einlieferung ins Krankenhaus, mit der Nachricht, dass es so nicht mehr lange weitergehe. Infolge einer Autoimmunhepatitis ist die Leber des Patienten zerstört, von seiner Krankheit weiß er seit seinem zwölften Lebensjahr, seither hat er viel Zeit im Krankenhaus verbracht. Ebendort spielt auch Leben fast ausschließlich. Tatsächlich erzählt Wagner nicht die Geschichte einer Krankheit, sondern eine Krankenhausgeschichte. Sein Protagonist hat stetig wechselnde Zimmergefährten und wird, ob er will oder nicht, Zeuge ihrer Lebens-, ihrer Leidenswege. Das Krankenhaus – ein «Geschichtenhaus«.

Ich höre den Patientenchor, den Chor der Transplantierten: […] ich habe jetzt meine dritte Niere, meine erste Niere hielt zwei Jahre, die zweite einen Monat, jetzt die dritte, wenn es diesmal nicht klappt, mache ich Schluß, keine Dialyse mehr, nie mehr Dialyse, das habe ich mir geschworen – ich hatte eine Wanderniere, die war ein Klumpen unter meinem Nabel – ich bin zum neunten Mal hier und war schon zweimal tot, der Krebs hat sich durch die Bauchspeicheldrüse gefressen, und dann haben sie mir die halbe Leber weggeschnitten […] – morgen komme ich raus – vielleicht komme ich übermorgen raus, übers Wochenende werden sie mich wohl nicht dabehalten – vielleicht darf ich nächste Woche nach Hause – eine Woche vielleicht noch – noch zwei oder drei Wochen – noch ein paar Tage. So höre ich sie singen und singe selbst, das bleibt nicht aus, längst mit. Ich kann bald alle Strophen.«

Von seinem Bett aus beobachtet er die anderen Patienten, die Ärzte, die Pfleger, die Menschen, die ihn besuchen, wirklich oder in seinem Kopf. Allesamt nur Schemen, selbst sein Kind (»der Grund, warum ich überhaupt noch hier liege, ein anderer fällt mir nicht ein«); Menschen, die kommen und gehen und keine feste Rolle haben in diesem Roman – mit Ausnahme vielleicht des Arztes B., der ihn seit seiner Kindheit begleitet. Und dann ist da noch sie. Einige Monate nach der Blutung – nach vielen Jahren des Wartens – kommt der Anruf: »Wir haben eine Leber für Sie«. Der Protagonist wird operiert – nicht nur ein medizinischer Schnitt, sondern auch ein Schnitt im Roman, der ihn in zwei Teile gliedert, dazwischen eine graue Doppelseite. »Komme jetzt ins Krankenhaus, für neue Leber«, kündigt der Protagonist seinen Freunden per SMS an, tatsächlich schreibt er jedoch: »Komme jetzt ins Krankenhaus, für neue Leben«. Beides ist wahr, mit der neuen Leber ist er auch ein neuer Mensch, schließlich trägt er das Organ eines anderen in sich.

Natürlich weiß er nicht, von wem die Leber stammt, doch in seinem Kopf handelt es sich um eine Frau, er spricht sie direkt an, fast schon zärtlich, als hätten sie eine intime Beziehung, dabei sind sie lediglich Organspender und -empfänger. »Dann und wann bin ich überrascht, daß ich auch mal eine halbe Stunde lang nicht an dich gedacht habe. Und dann denke ich sofort wieder: Ach ja, ich bin jetzt nicht mehr allein, nie mehr, ich habe dich ja immer bei mir, eingesetzt, festgenäht, angewachsen, du bist ein Stück von mir.« Auf die Frage, was ein fremdes Organ in einem Organismus verändert, könne Wagner keine Antwort geben, erklärt er. Nicht ohne Grund habe er es sich in seinem Roman leicht gemacht und diesen Aspekt romantisiert, indem er dem Organspender ein weibliches Gesicht verliehen hat. Zu der schönen – und auch ein bisschen beunruhigenden – Vorstellung, man sei ab sofort zu zweit, wird also, was eigentlich ein medizinisches Phänomen ist:

Ich bin jetzt eine Chimäre, B. hat es mir erklärt: Nach einer Transplantation zeigt sich ein Chimärismus im Knochenmark des Organempfängers. Genotypisch bin ich nicht mehr nur der, der ich war, ich bin jetzt auch die Person des Spenders, also du. Die Biochemie, die in mir Bewußtsein erzeugt, ist eine andere geworden. Ich glaube, es ist deine. Ich habe nun Proteine im Blut, die ich vorher nicht hatte, weil meine eigene Leber sie nicht mehr oder noch nie produzieren konnte, also könnte ich Gefühle haben, die ich noch nicht oder nicht mehr kenne. Ich bin ein zusammengesetzter neuer Mensch, ergänzt und verbessert, eine Chimäre, ein Hybrid, ein Replikant beinah.

In seiner gewohnt lakonischen Art lässt uns Wagner an den Gedanken und Beobachtungen seines Protagonisten teilhaben. Obwohl es um Krankheit und (einen nicht tatsächlichen, aber doch greifbaren) Tod geht, ist der Roman an keiner Stelle schwermütig oder pathetisch, sondern im Gegenteil erstaunlich leicht, fast schon beschwingt, bisweilen humorvoll: »Ich erinnere mich an den Urologen, der meine Prostata untersuchte, digital-rektal, zwei schöne Wörter für Finger im Arsch. Vom urologischen Standpunkt spreche nichts gegen eine Transplantation, sagte er, außerdem erfuhr ich, daß ich Bilderbuchhoden habe. Wie toll.«* Vielleicht rührt diese Leichtigkeit von Wagners ganz eigener Erzählweise her, seiner Fähigkeit, scheinbar unwesentliche Details zu erfassen und ihnen allein dadurch Bedeutung beizumessen, dass er ihnen einen Platz in seiner Geschichte zuweist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es in diesem Buch eben nicht ums Sterben, sondern ums Leben geht.

* Als Wagner die Passage in Frankfurt vorliest, lacht das Publikum herzlich. Mit einem Augenzwinkern wirft er ein: »Das ist alles fiktiv!«

David Wagner

David Wagner: Leben. Rowohlt, Reinbek 2013, 288 Seiten.

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12 Gedanken zu “David Wagner: Leben

  1. Die Besprechung ist gut, mit dem Buch selbst dagegen tat ich mir schwer. Ich werde es wohl jetzt nochmals lesen, vielleicht mit anderen Augen. Was ich jedoch nicht mag – das ist jetzt eine kleinkarierte Krittelei – dieser Manierismus anstelle eines Namens (und sei es ein fiktiver) immer von „das Kind“ zu schreiben. Da wird das Kind zur Sache, versächlicht. Das greift in der neuen deutschen Literatur so um sich – „der Mann“, „die Frau“, „das Kind“. Ist mir zu kalt.

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    1. Ja, an die Formulierung „das Kind“ konnte ich mich auch nicht so recht gewöhnen, sie hält den Leser auf Distanz. Genau genommen widespricht das sogar Wagners Herangehensweise, die Geschichte als Fiktion zu begreifen: Er gibt dem Kind bewusst keinen fiktiven Namen, so als wolle er nichts ‚verfälschen‘, und hält dem Leser dadurch immer wieder vor Augen, dass es sich hierbei eben doch um eine wahre – nämlich seine – Geschichte handelt.

      Zudem hat mich auch die Inkonsequenz in der Benennung der Personen ein bisschen irritiert: Da gibt es das Kind und die Mutter des Kindes und die Lebensgefährtin, dann den Arzt B. und den Patienten Herrn W. und dann wiederum all diejenigen, deren Namen tatsächlich genannt werden, wie Rebecca. Das Prinzip, das dahintersteckt, ist mir nicht ganz klar.

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      1. Sehr treffend beobachtet – ich danke Dir, das ermöglicht nochmals einen anderen Blick auf das Buch. Du hast formuliert, was mich beim Lesen schon stark irritiert hat, ohne dass ich es benennen konnte. Birgit

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  2. Du erinnerst mich mit Deiner schönen Besprechung daran, dass „Leben“ schon sehr lange auf meinem Stapel liegt. Mittlerweile glaube ich fast, dass ich dem Buch, obwohl Ihr es ja alle immer so großartig beschreibt, aus tieferliegenden Gründen irgendwie ausweiche. Nun habe ich aber auch gerade viele wichtige Argumente, mich anderen Lektüren zuzuwenden…:-)
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Es lohnt sich, liebe Claudia, zumal ich es immer wieder spannend finde, zu sehen, welche Bücher als preiswürdig erachtet werden. Ich habe keines der anderen nominierten Bücher gelesen, kann aber gut nachvollziehen, dass Leben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Es ist eine extrem persönliche Geschichte – und gleichzeitig auch wieder nicht. Wagner breitet nichts sein Leben vor uns aus, sondern erzählt ausschließlich von der Transplantation sowie den Gedanken und Fragestellungen, die diese nach sich zieht. Kein klassischer autobiographischer Roman also, sondern eher eine Betrachtung über das Leben angesichts der Krankheit. Ein spannender Ansatz, wie ich finde.

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    1. „Unkonventionell“ trifft es ganz gut: Jeder andere hätte aus dieser Geschichte womöglich etwas ganz anderes gemacht, den Verlauf der Krankheit auserzählt, das Leben mit ihr, das Leben danach. Hier aber stehen Wagners ganz eigener Sound, sein besonderer Blick, sein feines Gespür für das Unscheinbare im Vordergrund. Es ist eine sehr persönliche Geschichte und gleichzeitig auch wieder nicht durch diesen speziellen Blickwinkel.

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  3. Liebe Caterina,

    ich erinnere mich noch sehr eindrücklich an meine Lektüre dieses Romans, der mich für beinahe zwei Tage nicht mehr los lassen wollte. Ich MUSSTE ihn lesen, schlichtweg, so fühlte es sich zumindest an. Danke, dass du mir das Buch mit deiner schönen und lesenswerten Besprechung wieder ins Gedächtnis rufst …

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      an deine Rezension erinnere ich mich noch gut, sie war eine der ersten, die ich gelesen habe und dank der ich wusste, dass auch ich um dieses Werk nicht herumkomme. Und als Wagner schließlich nach Frankfurt kam, konnte ich gar nicht anders, als mir das Buch zu kaufen. Ich mag seine Art zu schreiben und die Welt zu betrachten und bin gespannt, was man von ihm noch zu lesen bekommt.

      Herzlich,
      caterina

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  4. Ich habe diesen Roman in dem verschneiten Winter auf einer Hütte gelesen und ihn vielleicht nicht verschlungen, aber sehr gerne gelesen. Mir gefällt vor allem sein Schreibstil, der so leicht entrückt die Verschiebungen zwischen Realität und Traumwelten perfekt zeigt. Stellen wie „das Kind“ haben mich zwar kurzzeitig gestört, doch im Großen war ich wirklich beeindruckt von Wagners „Roman“. Authentischer geht es wohl kaum. Und trotzdem zu versuchen, von der eigenen Erfahrung zu einem (fast) fiktiven Werk gehen, das beeindruckt noch mehr.
    Sehr gute Rezension,
    Grüße aus dem Regen,
    Philo

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    1. Liebe Philo,
      hab Dank für deinen Besuch und deinen Kommentar!

      Wagners Stil mag auch ich, auch wenn ich ahne, dass er nicht jedem zusagt. Mir gefällt der lakonische Ton, mit denen unglaublich feine Beobachtungen gemacht werden. Das ist mir auch schon in dem Roman Vier Äpfel aufgefallen, der damals für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Wagner erzählt keine großen Geschichten – im Sinne von „großes Kino“ (dabei ist natürlich eine Organtransplantation schon eine große Sache) -, sondern schaut auf das Kleine, das Unscheinbare, das Alltägliche und Gewöhnliche. Gerade auch hierdurch erzielt er eine unglaubliche Authentizität: Er muss keine unglaublichen Plots erfinden, sondern beobachtet einfach, was um ihn herum geschieht. Das ist sehr lebensnah – unabhängig davon, dass es in diesem Fall ja tatsächlich seine eigene Geschichte ist.

      Herzliche Grüße,
      caterina

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