Tage der deutschsprachigen Literatur 2013

Bachmannpreis 2013

Vor einer Woche wurden in Klagenfurt die Sieger des Bachmann-Wettlesens gekürt – bis dahin sah es so aus, als wäre es das letzte Mal, denn der ORF hatte einige Zeit zuvor angekündigt, dass die Veranstaltung ab dem kommenden Jahr nicht mehr übertragen würde. Am vergangenen Sonntag dann die frohe Kunde: Die Tage der deutschsprachigen Literatur wird es auch in Zukunft noch geben. Gut so! Denn auch wenn hier schon längst keine neuen Talente mehr entdeckt werden (die meisten Teilnehmer sind bereits bei einem Verlag unter Vertrag und können sogar diverse Veröffentlichungen vorweisen; die Entdeckerrolle ist mittlerweile dem open mike zugefallen), so ist es doch ein Verdienst des Wettbewerbes, den gemeinen Leser auf interessante Stimmen der deutschsprachigen Literatur aufmerksam zu machen.

In der Tat waren mir zwar einige der diesjährigen Kandidaten bereits ein Begriff, aber erst dank des Wettbewerbes habe ich mich mit ihrem Werk befasst und darüber hinaus ein paar weitere Autoren für mich entdeckt, deren Schaffen ich von nun an mitverfolgen werde. Während der Veranstaltung selbst habe ich nur mit einem Ohr den Lesungen und den anschließenden Jurydiskussionen zugehört, außerdem parallel – eine Premiere für mich – die mal klugen, meist amüsanten Kommentare auf Twitter konsumiert. Jetzt, eine Woche später, habe ich endlich alle vierzehn Texte gelesen: Die, die mich am meisten beeindruckt haben, möchte ich an dieser Stelle (in alphabetischer Reihenfolge) vorstellen, auch wenn ich ahne, dass es für eine Bachmannpreis-Berichterstattung reichlich spät ist (darum werde ich auch auf den genauen Ablauf nicht weiter eingehen, nachlesen kann man das bei Atalante sowie im Zeilenkino).

Roman Ehrlich las einen Auszug aus seinem Debütroman Das kalte Jahr, der soeben im Dumont Verlag erschienen ist und für mich zu den Highlights der Herbstsaison zählt. Einen der fünf offiziellen Preise des Bachmann-Wettbewerbes hat Ehrlich zwar nicht erhalten, dafür wurde ihm der »Automatische Literaturkritik Preis der Riesenmaschine« verliehen. Das kalte Jahr ist in einer nahen Zukunft oder einer leicht verschobenen Wirklichkeit angesiedelt, es hat offenbar eine Katastrophe gegeben, auch wenn unklar bleibt, welcher Art. Es ist lange her, dass die Sonne am Himmel zu sehen war, Eis und Schnee überziehen das Land – wie lange schon, das weiß keiner mehr, man hat das Gefühl für die Zeit verloren.

Der Ich-Erzähler ist in seinen Heimatort, ein Dorf am Meer, zurückgekehrt. In dem Haus seiner Eltern lebt nun ein Junge, Richard, der Fragen über seine Herkunft unbeantwortet lässt und der wie selbstverständlich Besitz von dem Haus ergriffen hat. In den Wochen seit seiner Ankunft hat der Erzähler das Vertrauen des Jungen gewinnen können, wenn auch ein fragiles Vertrauen. Richard arbeitet unablässig an »Werkstücken«, der Erzähler bekommt sie nie zu Gesicht, besorgt aber die Materialien hierzu, Stahlrohre, Isolierklebeband, Schaltdraht. Abends erzählt er dem Jungen von historischen Katastrophen, einem Vulkanausbruch etwa oder dem Großen Brand von Chicago.

Ein Text, der Beklemmung und Verstörung im Leser auslöst – allerdings nicht so sehr aufgrund des offensichtlich apokalyptischen Settings, sondern vielmehr, weil vieles im Ungefähren bleibt, weil Roman Ehrlich geschickt mit Leerstellen arbeitet, statt zu erklären und auszuerzählen. Man bleibt nach der Lektüre mit vielen Fragen zurück und mit dem vagen Gefühl, dass eine noch viel größere Katastrophe bevorsteht als die, die die Kälte über das Land gebracht hat.

Es bringen von Verena Güntner ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Roman, der 2014 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird. Er wurde vergangenen Sonntag mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet, letztes Jahr war Güntner Finalistin beim 20. open mike. Es bringen wird erzählt aus der Sicht des 16-jährigen Luis, der sich einem strengen Training unterwirft, er ist Mannschaft und Trainer zugleich und hat einen Plan: »Wenn du keinen Plan hast, geht alles den Bach runter«. Mit einem Messer schabt Luis auf seinen Unterarmen herum, er will die Haut so lange bearbeiten, bis sie durchsichtig wird. Weil er kapieren will, was sich darunter befindet: »ich hab Angst, dass sich dort irgendwas ereignet, von dem ich wissen müsste, es aber nicht mitbekomme, weil die Haut alles zugeklebt hat«.

Trainieren tut Luis, seit er sich erinnern kann, nur trainiert er immer andere Bereiche, vor vier Jahren bei einem Ausflug mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten zum Beispiel versucht er gegen seine Höhenangst anzukämpfen, jetzt eben die Freilegung seines Innenlebens. Wie Güntner in den Kopf dieses etwas verschrobenen Jugendlichen blickt, ist nicht nur authentisch, sondern auch erfrischend komisch, was nicht zuletzt an der unverkrampften, um nicht zu sagen: schnodderigen Sprache liegt. Es bringen erinnert mich nicht wenig an Alinas Bronskys Scherbenpark und ist ein weiterer Beweis dafür, dass Kiepenheuer & Witsch ein Händchen für junge, unangepasste Literatur hat.

Den Beitrag von Heinz Helle, dessen Debütroman nächstes Jahr bei Suhrkamp erscheint, habe ich erst beim Lesen für mich entdecken können, während des Wettbewerbes ist er merkwürdigerweise an mir vorbeigegangen. Dabei ist Wir sind schön ein ungemein kraftvoller Text, der unter die Haut geht. In seinem Zentrum steht ein Paar, ein schönes und glückliches Paar, wie eingangs behauptet wird. Es geht ins Kino, es geht tanzen, es geht wandern, es macht all die Dinge, die ein glückliches Paar eben macht. Aber das Glück verschwindet, oder vielleicht war es nie wirklich da, nur an der Oberfläche. Das »Wir«, das jeden Absatz einleitet und eigentlich für Zweisamkeit und Zusammengehörigkeit steht, wird zu einem Ausdruck der Entfremdung, des Aneinandervorbeilebens und des Einanderausgeliefertseins.

Wir halten uns fest. Wir lassen uns los. Einer von uns hält immer ein bisschen fester als der andere, einer von uns lässt immer ein bisschen früher los. Wir können nicht loslassen, wir können nicht festhalten. Wir umkreisen uns in unberechenbaren Bahnen (…).

Auch als die Frau schwanger wird, wird es nicht besser, im Gegenteil, die beiden entfernen sich immer mehr voneinander, und der Ich-Erzähler erkennt, »dass es ohnehin nichts gibt in meinem Leben, das ich will, wirklich will, nicht mich, nicht sie, nicht ein Kind«. Man weiß eigentlich nicht, wo das Problem liegt, aber so ist es ja häufig, die Liebe geht manchmal einfach zu Ende, es wäre mühselig, Gründe dafür zu suchen. Das Verschwinden der Liebe schildert Helle mit einer unaufdringlichen, knappen Sprache, mit einfachen, sich stetig wiederholenden Satzstrukturen, in denen sich der Überdruss der Figuren spiegelt. Diese Poetik der Reduktion und Repetition entfaltet einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann, gemeinsam mit den Protagonisten steuere ich atemlos auf das Ende zu.

Auf Benjamin Maack bin ich bereits durch seinen Erzählband Monster, der vergangenes Jahr im mairisch Verlag erschienen ist, aufmerksam geworden. Gelesen habe ich ihn noch nicht, umso gespannter war ich auf Maacks Wettbewerbsbeitrag. Und der hatte es dann auch in sich. Wie Güntners Es bringen ist auch »Wie man einen Käfer richtig fängt« von Joachim Kaltenbach die Geschichte eines Heranwachsenden, nur dass der Held zwölf, nicht sechzehn ist. Joachim sammelt Käfer, oder besser: Er erforscht sie. »Ein Forscher ist kein Trophäensammler«, steht in seinem Notizbuch geschrieben, und: »Ein Forscher ist kein Unmensch«.

Der letzte Käfer, den er gefangen hat, ist ein seltenes Exemplar, eines mit blauen Deckflügeln. Joachim will es seiner Klassenkameradin Kathrin zeigen und folgt ihr auf die Mädchentoilette. Doch er lässt die Chance verstreichen, holt stattdessen ihr benutztes Tampon aus dem Eimer und wirft es zum Käfer ins Glas. Weil er das Gefühl hat, alle können hören, wie der Käfer nun summt, verlässt er das Schulgebäude, läuft in den Wald und vergräbt das Glas in der Erde. Kathrin will er aber trotzdem noch mit seiner Käferkenntnis beeindrucken, ihretwegen bricht er alle Regeln, die ein guter Forscher zu befolgen hat, fängt unzählige Käfer und sperrt sie in eine Brotdose. Als er sie am nächsten Morgen öffnet, ist da

Nur eine einzige
Ein Forscher ist kein Trophäensammler.
schwarzbraune,
Ein Forscher ist kein Unmensch.
von einem weißen Zeug verklebte
Ein Forscher muss Ordnung halten.
Masse
Ein Forscher hat immer die Nase am Boden.

Behutsam, fast schon zärtlich nähert sich Benjamin Maack seinem kindlichen Protagonisten, spürbar ist diese Zärtlichkeit vor allem dort, wo Joachim mit den Eltern interagiert: der Mutter, die ihm am Ende über seinen Schmerz und seine Enttäuschung hinweghilft, indem sie ihm zeigt, wie man die überlebenden Käfer retten kann; dem Vater, der Joachim das Leben anhand von Filmen erklärt und Dinge sagt wie: »In Wahrheit ist es so, dass du es immer wieder – entschuldige – versaust und immer wieder alles, was du an Schönheit hast, zusammenkratzen musst, damit nicht alles zusammenbricht«. Eine poetische, zurückhaltende Geschichte, die zurecht mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Katja Petrowskaja ist die Bachmannpreisträgerin 2013, überrascht hat es wohl niemanden, war sich doch die Jury schon bei der Diskussion einig, dass es sich bei Vielleicht Esther um eine gelungene Geschichte handelt. Und ja, das ist sie tatsächlich. Bewegend, ohne pathetisch zu sein, klug und verblüffend leicht trotz des schweren Themas. Die in Kiew geborene und in Berlin lebende Autorin erzählt darin vom Tod ihrer Urgroßmutter, die vielleicht Esther hieß, ganz sicher ist sie sich nicht. 1941 floh die Familie vor der deutschen Armee aus Kiew, Babuschka musste aufgrund ihrer körperlichen Verfassung zurückgelassen werden. Was genau dann geschah, ist nicht bekannt, deshalb bleibt der Ich-Erzählerin nichts anderes übrig, als sich vorzustellen, wie es war: wie Esther auf die Straße ging, einen Offizier nach dem Weg fragte und auf der Stelle erschossen wurde. So könnte es gewesen sein.

Weil es keine lineare, keine kohärente Geschichte zu erzählen gibt, macht die Urenkelin allerhand Schlenker und zögert damit den Tod der Babuschka hinaus. Von einem Fikus ist zum Beispiel die Rede, der auf der Ladefläche eines Lastwagens stand und dann wieder ausgeladen wurde, um Platz für weitere Flüchtlinge zu machen – unter ihnen der Vater der Erzählerin. Der kann sich, als sie sich der Richtigkeit der Fakten vergewissern will, nicht mehr daran erinnern, wodurch die gesamte Erzählung in sich zusammenzustürzen droht. Diese Metaebene, auf der die Erzählerin über das Erzählen, über die Gratwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion reflektiert, ist ein raffinierter Kniff, um die Lücken in der Familienchronik zu füllen.

Der Publikumspreis ging übrigens an Nadine Kegele, zu deren Geschichte Scherben schlucken ich allerdings weder zuhörend noch lesend einen Zugang fand.

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16 Kommentare zu „Tage der deutschsprachigen Literatur 2013

  1. Liebe Catarina,
    auch ich habe mir alle Beiträge ebenfalls angesehen, zugehört und durchgelesen und stimme mit deiner Auswahl überein.
    Für mich herausheben möchte ich Verena Günter oder Benjamin Maack. Wollte man die Runde um eine weitere Person erweitern, fiele mir noch Larissa Boehning ein. Ihre Geschichte von dem Erbschleicher fand ich nicht schlecht. Katja Petrowskaja ist mir in ihrer Bescheidenheit als Mensch sehr sympathisch. Ich fand allerdings ihre Gratwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion weniger raffiniert und zu einfach gemacht. Dass Erinnerungslücken gefüllt werden, war mir zu deutlich und dieses »vielleicht«, das den Text durchzog und die Klammer bildete, zu aufgesetzt. Abgesehen von dem wirklich nahegehenden Thema und einer gut erzählten Geschichte, hätte ich sie nicht als Bachmannpreisträgerin gesehen. Wo im Gegenzug ein Roman Ehrlich leer ausgegangen ist. Seine »Lücken« im Text empfand ich da viel gelungener. Meine gewagte These besagt, dass der bombenbastelnde Junge er selbst ist. Nach zweimal Lesen hat mich dieser Gedanke ereilt und hält sich verbissen. Mir kommt es wie ein Hypnosezustand vor, eine »Rückführung«, in der der traumatisierte ICH-Erzähler seinem Kinder-ICH begegnet. Aber wie gesagt, das ist eine verwegene Theorie. Umso gespannter bin ich auf das Buch.
    Liebe Grüße
    Josef

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    1. Lieber Josef,
      Larissa Boehning war für mich im Mittelfeld, schlecht fand ich ihre Geschichte nicht, aber auch nicht wirklich gut. Genau genommen war sie mir sogar recht gleichgültig, was ja manchmal sogar noch schlimmer ist als maximale Verärgerung.

      Petrowskaja war auch mir sehr sympathisch, sicherlich hat ihr Auftreten auch zur Entscheidung der Jury beigetragen, denn seien wir doch mal ehrlich: Es zählt nie nur der Text, es wird immer auch geschaut (bewusst oder unbewusst), wie sich der Autor präsentiert. So ist es in der Verlagsbranche und so ist es auch bei Literaturwettbewerben. Und letztendlich beim Leser ja auch. Ihre Geschichte ist meiner Meinung nach gelungen, aber ich hätte mindestens drei andere Texte als besser eingestuft.

      Und zu Roman Ehrlichs Romansauszug: Wehe, du hast mit deiner Vermutung Recht! Ich selbst wäre gar nicht darauf gekommen, finde den Gedanken aber gar nicht abwegig. Nun erwarte ich bei der Lektüre vermutlich genau diese Wendung. Übrigens ist heute eine erste Rezension erschienen, von einem „brillant“ gemachten Roman ist dort die Rede. Allerdings scheint es, als hätte der Rezensent bis zum Schluss die Geschichte nicht ganz durchdrungen. Ich bin jedenfalls gespannt.

      Herzlichen Dank für deine anregenden Gedanken!
      caterina

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  2. Ich freue mich besonders für Benjamin Maack. Ich habe vor langer Zeit sein Kurzgeschichtenband „Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland“ gelesen und fand ihn großartig. „Monster“ habe ich leider noch nicht gelesen, steht aber mittlerweile ganz oben auf meiner Liste.

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    1. Merci für deinen Besuch, Alex, und für den Kommentar. Die Welt ist ein Parkplatz… ist ehrlich gesagt an mir vorübergegangen, ich kannte nicht einmal den Verlag bis eben. Fakt ist aber: Maack werde ich nun im Auge behalten, seine Klagenfurt-‚Performance‘ fand ich sehr überzeugend.

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  3. Abgesehen von Nadine Kegele, deren Text ich sehr interessant fand, stimmen wir in der Auswahl der diesjährigen Höhepunkt überein. Von Benjamin Maack habe ich mittlerweile auch die erste Geschichte aus „Monster“ gelesen und bin sehr froh, diesen Autor für mich entdeckt zu haben.

    Katja Petrowskajas Text fand ich ebenfalls sehr gut – insbesondere das „vielleicht“, das ihn durchzieht, ist sehr reizvoll.

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    1. Der Text von Kegele hat sich mir einfach nicht erschlossen, schade eigentlich, denn sprachlich fand ich ihn durchaus reizvoll. Aber zu viel des Kryptischen mag ich dann eben auch nicht. Und mir war es eindeutig zu viel – zu wenig Ausgesprochenes (obwohl ich ein Fan der Leerstellen bin). Dennoch: Kegele als Autorin scheint mir interessant, im Gegensatz zu manch anderen Kandidaten, die ich nach ihrem Klagenfurt-Auftritt von meiner Merkliste gestrichen habe.

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  4. Die Kurzrezensionen Deiner Favoritentexte gefallen mir, besonders da sie auch zu meinen zählen. Nur der Siegertext ist mir doch zu pathetisch, kein Wunder bei diesem Thema. Gewundert hat es mich allerdings, daß die Jury sich bildungsbürgerlich beeindrucken ließ. Achill und die Schildkröte kennt doch nun auch jeder Nichtphilologe spätestens seit „Gödel, Escher, Bach“.

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    1. Interessant, denn „pathetisch“ wäre das letzte Adjektiv gewesen, das ich für Petrowskajas Text gewählt hätte. Bei diesem Thema läuft ja jeder Autor unweigerlich Gefahr, pathetisch, kitschig, sentimental und dergleichen zu werden, Petrowskaja hat genau das meiner Meinung nach umschifft durch diesen fast schon heiteren Ton und diese offene, alles andere als verbissene Erzählstruktur. Allein die folgende Stelle ist in meinen Augen ein gutes Beispiel für das ‚Unpathetische‘:

      „Cherr Offizehr, begann Babuschka mit ihrem unverkennbaren Anhauch, überzeugt davon, sie spreche Deutsch: Zeyn Zi so fayn, sagen Sie mir, was zoll ick denn machen? Ikh hob di plakatn gezen mit instruktzies far yidn, aber ich kann nicht so gut laufen, ikh kann loyfn azoy schnel.

      Sie wurde auf der Stelle erschossen, mit nachlässiger Routine, ohne dass das Gespräch unterbrochen wurde, ohne sich ganz umzudrehen, ganz nebenbei. Oder nein, nein. Vielleicht fragte sie: Seien Sie so nett, Cherr Offizehr, sagen Sie bitte, wie kommt man nach Babij Jar? Das konnte doch wirklich lästig sein. Wer mag das schon, auf dumme Fragen antworten zu müssen?“

      Was die Referenzen im Text betreffen, da stimme ich dir zu, die sind doch recht simpel, das hätte man nicht als außergewöhnlich klug hervorheben müssen.

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      1. Ich werte den Erzählgegenstand als pathetisch und das im eigentlichen Wortsinne. Einige Kunstwerke der Antike verkörpern genau diese Pathosformel, die auch diesem Text zugrunde liegt. Ich denke da an die Niobiden, an Laokoon, an den Gallier, der sich und seine Frau tötet. Das Leid der Opfer wird in Kunst umgesetzt und damit auf gewisse Weise instrumentalisiert. Natürlich gibt es zahlreiche Romane, die Leid und Verfolgung zum Thema haben, so zum Beispiel Maja Haderlaps Roman, um beim Bachmannpreis zu bleiben. Aber ihr Text wirkte auf mich wesentlich authentischer, womit wir wieder bei Jandls Argument wären.

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      2. Ein Missverständnis, denn ich hatte „pathetisch“ im heute gebräuchlichen Wortsinne gemeint, also synonym zu „sentimental“. Deine Deutung finde ich sehr interessant, die Instrumentalisierung des Leids ist ja immer schon ein Vorwurf (einer von vielen) gegen die Holocaust-Literatur gewesen, und man muss sie von Werk zu Werk beurteilen.
        Danke übrigens für den Verweis auf Maja Haderlap, das erinnert mich daran, dass ich den Roman noch unbedingt lesen möchte, auch wenn mich der Titel (Engel!) etwas abschreckt.

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  5. Schöner Beitrag. Aber schade, dass du keinen Querschläger herausstellst. Wobei auch mein Eindruck war, dass die richtigen bepreist worden sind. Wenn eine Woche danach reichlich spät ist, ist es jetzt noch reichlich später, aber ich möchte an dieser Stelle dennoch auf meine diesjährige „Jury in der Einzelkritik“ hinweisen.

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    1. Merci für den Besuch und den Kommentar! Was meinst du mit „Querschläger“? Meinst du das im negativen Sinne? Das hat zum einen mit dem Aufwand zu tun, denn auch die Sachen, die mir nicht zugesagt haben, ausführlich zu beurteilen, hätte einfach zu viel Arbeit & Zeit erfordert, und Texte unbegründet zu verreißen wäre mir nicht richtig vorgekommen. Zum anderen decken sich meine Urteile in etwa mit denen der meisten anderen Leser und der Jury, sodass die schlechteren Texte ohnehin schon genug Kritik erfahren haben, da musste ich nicht auch noch eins draufsetzen.

      Wenn du konkret nach einem Querschläger fragst, würde ich spontan Anousch Müller nennen, die nicht unbedingt die Schlechteste war, aber ihr Beitrag hat mich am meisten verärgert (während mir andere einfach gleichgültig waren und nichts in mir ausgelöst haben). Ich fand die ganze Geschichte, wie sie angelegt war, nicht plausibel, habe die beiden Protagonisten und das Problem, das sie haben, nicht begriffen. Das mag vielleicht daran liegen, dass es sich um einen Romanauszug handelt, Fakt ist aber, dass für mich der Text als alleinstehende Geschichte nicht funktioniert hat. Was schade ist, weil ich mir beim Durchblättern der Vorschauen sogar den Roman von Frau Müller notiert hatte. Nun weiß ich: Das wird nichts mit uns.

      Danke auch für deinen Verweis auf deine Jurykritik – schöne Idee! Strigl und Winkels waren für mich am überzeugendsten: Was die beiden sagen, hat meistens Hand und Fuß, außerdem haben sie einen angenehmen Umgangston, und zumindest zwei der von ihnen vorgeschlagenen Teilnehmer habe ich sehr geschätzt. Auf deinen Etxrabeitrag zu Spinnen bin ich sehr gespannt.

      Herzliche Grüße, caterina

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      1. Ich dachte, ich hätte das neulich schon geschrieben, aber wohl nicht. Mit „Querschläger“ meinte ich persönliche Perlen, die bei der Jury keine oder geteilte Anerkennung genossen haben. Bei sämtlichen Gewinnern fiel die Kritik ja relativ homogen aus. Unter Umständen spricht es ja für einen Text, wenn der eine oder andere einiges dagegen vorbringt. Weniger Konsens, mehr Extremes. Der dritte Teil meiner Einzelkritik läuft gerade aus dem Ruder, müsste heute aber noch online gehen. Gruß zurück. Konrad.

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