Daniel Woodrell: Winters Knochen

Daniel Woodrell - Winters Knochen (c)

»Sie aßen alles, was es gab, und weinten um alles, was es hätte geben können«

Zugegeben: Winters Knochen von Daniel Woodrell ist mein erstes Buch aus dem Münchner Indie-Verlag Liebeskind. Aber gleichzeitig weiß ich: Es wird nicht mein letztes sein, im Gegenteil. Ich habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Monaten auf eine regelrechte Entdeckungsreise durch das Liebeskind-Programm zu begeben, das dank seiner ansprechenden Gestaltung und seinem Fokus auf Gegenwartsromanen sowie literarischen Krimis schon seit längerer Zeit meine Aufmerksamkeit hat. Dass ich diese Reise nun ausgerechnet mit Woodrell beginne, ist Zufall: Eines Tages lag er plötzlich in meiner Hand und begleitete mich auf einer Zugfahrt, von der ich hoffte, sie würde erst enden, wenn ich das Buch zu Ende gelesen hatte.

Winters Knochen ist Daniel Woodrells achter Roman, aber er ist der erste, der ins Deutsche übertragen wurde. 2011, parallel zum Kinostart der gleichnamigen Verfilmung, erschien er bei Liebeskind; im Jahr darauf folgte, eine Dekade nach dem Erscheinen des amerikanischen Originals, Der Tod von Sweet Mister. Beide Romane sind in den Ozark Mountains angesiedelt, einer gottverlassenen Gegend in Missouri, wo der Autor aufgewachsen und wohin er später wieder zurückgekehrt ist. Schaut man sich Bilder der Ozarks an, mag man kaum glauben, dass sie es sind, von denen Woodrell erzählt, man stellt sich etwas Raues vor, etwas Sprödes, Unwirtliches. Andererseits: Wenn man so lebt wie Woodrells Protagonisten, dann werden auch diese sanften Berge und atemberaubenden Wälder zu einer Bedrohung, gerade im Winter.

Die 16-jährige Ree Dolly ist die Heldin von Winters Knochen, sie lebt mit ihrer Familie in einem heruntergekommenen Haus auf dem Land, hackt Feuerholz, erlegt Eichhörnchen, kocht für die beiden jüngeren Brüder Sonny und Harold. Die Mutter ist dazu nicht mehr in der Lage, seit sich ihr Verstand »losriss und im hohen Gras verstreute«, und der Vater ist mal wieder verschwunden. Jessup ist ein Crystal-Meth-Koch, einmal war er deswegen schon im Gefängnis, jetzt sucht die Polizei erneut nach ihm. Und überbringt Ree die Hiobsbotschaft, ihr Vater habe das Haus als Kaution verpfändet: Wenn er nicht vor Gericht erscheint, verlieren Ree und ihre Familie das Wenige, das sie noch besitzen. Das Mädchen beschließt, Jessup zu finden – ganz gleich, auf welche Widerstände sie stößt.

Es ist eine archaische Welt, die Woodrell beschreibt, düster und trostlos, eine Welt, in der jeder mit jedem verwandt ist und in der dennoch alle einander misstrauen. Die Menschen warnen Ree, nicht im Dreck zu wühlen, sie reden auf sie ein, und als sie nicht hören will, richten sie sie übel zu. Doch Ree ist zäh und furchtlos, sie weiß, was auf dem Spiel steht, fühlt sich verantwortlich für die Jungs und die Mutter, gibt sich nicht geschlagen und hört nicht auf, Fragen zu stellen. Ist ihr Vater einfach abgehauen, weil er nicht ein zweites Mal ins Gefängnis will? Ist er wie schon so viele andere Meth-Köche bei einer Explosion umgekommen? Oder hat er etwa eines der ungeschriebenen Gesetze der Gegend gebrochen, das wichtigste überhaupt, hat er Verrat begangen? Was es auch ist – die Leute scheinen alles daran zu setzen, dass die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommt.

Winters Knochen ist ein Roman von einer ungeheuren Wucht. Er setzt einem zu, fast fühlt es sich an, als bekäme man selbst Schläge in die Magengrube, er ist kalt und unerbittlich wie der Winter in den Ozarks, dem Ree ausgesetzt ist, bekleidet nur mit einem zerschlissenen Mantel der Großmutter, einem Kleid und schweren Stiefeln. Dieser inhaltlichen Härte passt sich die Sprache an, reduziert, karg, fast schmerzhaft. Eine bedrückende Lektüre, ja – aber nicht nur. Ree ist eine beeindruckende, eine starke Figur; wie sie sich um ihre Brüder und ihre kranke Mutter kümmert, das sind Momente voller Zärtlichkeit und voller Wärme. Daniel Woodrell ist mit Winters Knochen ein fesselnder Roman gelungen, ein Roman, der mich schaudern lässt, mich berührt, mich umhaut.

Ree hoffte inständig, dass die Jungs mit zwölf noch nicht allen Wundern gegenüber abgestumpft sein würden, dem Leben nicht gelangweilt entgegenstanden und innerlich vor Zorn kochten. Viele der Dolly-Kinder waren so, zerstört, bevor sie Haare am Kinn hatten, dazu erzogen, außerhalb klarer Gesetze zu leben und nur den unbarmherzigen, blutgetränkten Befehlen zu gehorchen, die dieses Leben beherrschten. […] Untereinander waren sie aufbrausend und grobschlächtig, doch ihren Feinden bereiteten sie die Hölle auf Erden, voller Verachtung für die Lebensweisen der Stadt klammerten sie sich an ihre eigenen Gesetze. Wenn Ree Sonny und Harold Haferbrei vorsetzte, weinten die beiden manchmal. Sie löffelten ihren Brei, aber weinten um Fleisch, sie aßen alles, was es gab, und weinten um alles, was es hätte geben können, verwandelten sich in kleine Wirbelstürme aus Wünschen und Bedürfnissen, und Ree hatte Angst um sie.

Daniel Woodrell: Winters Knochen. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2011, 224 Seiten.

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20 Kommentare zu „Daniel Woodrell: Winters Knochen

  1. Liebe Caterina,

    meine Lektüre von „Winters Knochen“ liegt mittlerweile bereits mehrere Monate zurück, meine Erinnerungen sind leider deshalb nicht mehr ganz so frisch. Atmosphärisch hat mir dieser Roman gut gefallen, Woodrell gelingt es großartig die raue Welt zu transportieren. Bei mir ist damals jedoch der Funke nicht so ganz übergesprungen. Zum einen empfand ich die Sprache als sehr „umgangssprachlich“, was sicherlich realistisch ist, was mir jedoch nicht so gut gefallen hat. Zum anderen hatte ich Schwierigkeiten mit dem Ende des Romans, das sich für mich liest, als wäre es schon im Hinblick auf eine potentielle Verfilmung geschrieben worden. „Der Tod von Sweet Mister“ hat mir eindeutig besser gefallen. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      die Sprache ist recht einfach und nüchern, da gebe ich dir recht. Als umgangssprachlich habe ich sie aber nicht empfunden, und vor allem finde ich, dass sie in der Lage ist, diese düstere, bedrückende Atmosphäre zu transportieren. Etwas allzu Blumiges kann ich mir hier einfach nicht vorstellen.
      Das Ende hat mich nicht sonderlich gestört. Es stimmt schon, es ist fast wie ein Showdown, perfekt für eine Verfilmung, aber das finde ich an sich nicht schlimm, solange es sich gut in den Rest des Romans einfügt. Und ich wüsste auch gar nicht, wie man den Roman sonst hätte enden lassen können. Für mich ist es stimmig.
      Auf den Tod von Sweet Mister freue ich mich schon sehr, bisher habe ich nur Gutes dazu gehört :).

      Sonnigste Grüße aus Frankfurt,
      caterina

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  2. Ich habe den Film damals im Kino verpasst. Im Laufe der Monate hatte ich dann die DVD mehrere Mal ein der Hand, schreckte aber immer ein bisschen vor dem düsteren Ambiente zurück. Ich wusste gar nicht, dass der Film auf einem Roman basiert. Ich denke, ich würde mich jetzt doch eher für das Buch entscheiden, auch wenn die warmen Momente rund um die Protagonistin sicher auch im Film ihren Platz gefunden haben.

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    1. Erst einmal vielen Dank für deinen Besuch, liebe brunnenwaechterin!
      Die Verfilmung zu Winters Knochen will ich mir nun auch unbedingt ansehen, den Trailer finde ich jedenfalls schon mal sehr vielversprechend und alle scheinen vollkommen begeistert davon zu sein. Ehrlich gesagt wusste ich bis zu meinen Recherchen über das Buch gar nicht, dass es diesen Film überhaupt gibt. Seltsam eigentlich, wo ich doch auch die Filmszene recht eifrig verfolge. Nun ja, es ist ja nicht zu spät ;).

      Herzlichen Gruß!

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  3. Ich habe das Buch mit Interesse gelesen und die Verfilmung hat mir sehr gut gefallen, besonders die Besetzung der Rollen und die sehr interessanten Drehorte. Von dem wunderbaren Soundtrack mal ganz zu schweigen 🙂

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    1. Lieber Thorsten,
      offenbar sind alle sehr angetan von dem Film. Und dass du jetzt auch noch von dem wunderbaren Soundtrac schwärmst, überzeugt mich endgültig, für gute Musik bin ich nämlich immer gerne zu haben. Ich horche in den nächten Tagen mal rein. Merci für den Tipp und schöne Grüße!

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  4. Buch und Film haben mir gleichermaßen gut gefallen und seither habe ich nach und nach fast alles von Daniel Woodrell gelesen. „Winters Knochen“ ist aber weiterhin mein Favorit. 🙂

    Der Liebeskind-Verlag ist einer meiner Lieblingsverlage, da er regelmäßig hervorragende Bücher herausbringt. Letztes Jahr hat mich z.B. „Das Handwerk des Teufels“ von Donald Ray Pollock sehr beeindruckt, ein ausgesprochenen düsterer (Kriminal-)roman – und von ihm erscheint bald sein Debüt „Knockemsstiff“, eine Geschichtensammlung über den gleichnamigen 400-Einwohner-Ort im Süden Ohios. Ich wünsche Dir jedenfalls eine spannende Entdeckungsreise!

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    1. Auf die Bücher von Donald Ray Pollock habe ich bereits ein Auge geworfen, die werden bei meiner Liebeskind-Entdeckungsreise auf jeden Fall berücksichtigt! Vermutlich erst einmal das Handwerk, später vielleicht noch Knockemsstiff. Lieben Dank für die Empfehlung!

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  5. Hallo Caterina,

    ich habe den Film damals gesehen und erst dann erfahren, dass die Geschichte auf einem Roman basiert. Ohne den Roman zu kennen, kann ich mir dennoch vorstellen, dass der Film die Stimmung ganz gut eingefangen hat. Karg, rau und trostlos sind die Landschaft und viele ihrer Bewohner. Die starke Hauptfigur fand ich sehr glaubwürdig von Jennifer Lawrence verkörpert, die ja mittlerweile schon einen Oscar (für „Silver Linings Playbook“– auch sehr sehenswert, aber ganz anderes Genre) eingefahren hat. Vielleicht kommst Du mal dazu, den Film zu sehen, dann wäre es interessant, Deine Meinung zu erfahren.

    Viele Grüße!

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    1. Salut, lieber wortlandschaften!
      Jennifer Lawrence war mir bisher kein Begriff, bis mir vor ein paar Tagen jemand gesagt hat, dass sie die Hauptrolle in der Panem-Trilogie gespielt hat. Ich habe mir Ree ehrlich gesagt anders vorgestellt, aber so ist das ja immer mit Romanfiguren und deren Äquivalenten in den Verfilmungen. Ich bin also sehr gespannt zu sehen, ob die Bilder und die Stimmung in etwa die sind, die ich beim Lesen in meinem Kopf hatte. Der Trailer ist jedenfalls vielversprechend.

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  6. Ciao Caterina!

    JL ist ja eine junge Darstellerin und wahrscheinlich erst durch „Winter’s Bone“ einem größeren Publikum bekannt geworden. Die Panem-Trilogie in Buchform hat mich überhaupt nicht interessiert, der Film auch nicht wirklich, aber ich habe ihn dennoch gesehen. Hätte ich mir sparen können/sollen. Selbst wenn die Parallelen zum japanische „Battle Royale“ zufällig sind, was mir wirklich schwer fällt zu glauben, finde ich die Hollywood-Fassung vorhersehbar und überbewertet. Mir waren die Charaktere ziemlich egal. Ich würde zum japanischen Film/Roman raten, wenn man denn Interesse an so einem Stoff hat.

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    1. Oh, von dieser japanische „Vorlage“ wusste ich gar nichts. Interessant, dass es immer erst ein amerikanisches Remake braucht, um die Welt auf ein Werk aufmerksam zu machen. Danke dir für den Hinweis!

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  7. Hallo,

    „Wintersknochen“ liegt bei mir schon seit erscheinen auf dem SuB. Bisher habe ich das Buch nur in die Hand genommen, um es von links nach rechts zu räumen. Ich sollte das dringend ändern und es endlich mal lesen. Deine Rezi ist so toll, dass ich nun wirklich neugierig und auch bereit bin mich in eine Düsternis ziehen zu lassen, die mir vielleicht auch sehr nahe gehen wird. Es ist einfach grandios wenn Bücher solch eine Wirkung haben.

    Liebe Grüße Nanni

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    1. Hallo Nanni,
      merci für deinen Besuch und das Kompliment! Freut mich, dass ich dir das Buch schmackhaft machen konnte 🙂 Es lohnt sich auf jeden Fall, und ich bin schon sehr gespannt auf Sweet Mister, das ja laut Mara noch besser sein soll. Du hast es nicht zufällig schon gelesen? Kennst du andere Bücher aus dem Liebeskind Verlag? Ich will mich da mal durchs Programm wühlen…

      Schöne Grüße!
      caterina

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  8. Hallo,
    weder das eine, noch das andere…aber wie du schon sagst: ich werde mich mal durch das Programm wühlen. Ich glaube, da gibt es einige Schätzchen zu entdecken.

    Liebe Grüße Nanni

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