Thomas Martini: Der Clown ohne Ort

Thomas Martini - Der Clown ohne Ort (c)

»Im Wahnsinn enthüllt sich der Zustand der Welt«

Der »Clown ohne Ort« im gleichnamigen Debütroman von Thomas Martini ist Naïn, einer, der sich verloren hat, der zerbrochen ist an diesem Leben, dieser Welt, keinen Platz mehr in ihr findet: »Ich gehöre hier nicht hin«, glaubt er. Dabei sah alles so gut aus, der bisherige Weg war so vielversprechend, Studium der Politikwissenschaften in Bayreuth und Berlin, Auslandsaufenthalt in Barcelona, Assistenzstelle im Bundestag, Aussicht auf einen Job im Europaparlament. Bis der Bruch kam, die Erkenntnis, dass er sich in das stürzte, was eine Karriere hätte werden können, um nicht die Leere in sich zu hören, nicht mit dem Kaputten in sich konfrontiert zu werden. Er schmeißt alles hin, arbeitet als Mädchen für alles in einem Berliner Theater, verlässt das Haus nicht mehr ohne die grüne Strickmütze seiner Oma, gegen das »Frieren in der Hitze«. »Im Wahnsinn enthüllt sich der Zustand der Welt«, liest Naïn auf einem Plakat: Es könnte sein Leitspruch sein.

Gefangen in einer Abwärtsspirale, gibt sich Naïn bewusstseinserweiternden Substanzen hin, »MDMA, Speed, GHB, Keta, Gras natürlich, Upper und Downer, Pillen in schillernden Farben, kleinfingernagelgroße Buddhapappen, Meow, Mate, Guarana, Alkohol und Zigaretten, leider kein Heroin; wer sich erinnert, ist nicht dabei gewesen«. Halluziniert (ein Wol(l)fschaf in seiner Wohnung!), kotzt, was das Zeug hält, kotzt seinen ganzen Seelenschmerz aus dem Leib, begegnet Frauen, fickt und verliert sie wieder, stürzt tiefer, immer tiefer, bis zum endgültigen Zusammenbruch. Und immer wieder ist da Lisa. Lisa, die er einst liebte, damals in Barcelona, sie und Amaia, gleichzeitig, bis beide ihn verließen, was wohl der Beginn seines Taumelns war. Lisa und Amaia, die einzigen Frauen, die in dieser Geschichte einen Namen tragen, nicht nur einen Anfangsbuchstaben. Lisa, die jetzt auf einmal wieder auftaucht.

Manchmal blieb ich, bis du wiederkamst, überraschte dich, und dann brieten wir Thunfischsteaks mit Olivenöl und Knoblauch und Zitrone drauf, schickten uns ins Bett, lachten und liebten uns, und du warst weit weg, und ich war ganz nah und beobachtete dich und sah dir ganz genau zu, und du ließt dich gehen und ich bin mitgegangen.

Wie wir das erste Mal getrennt waren und uns ein paar Tage später zufällig auf der Hoppetosse trafen. Du hattest was genommen, ich hatte zu viel getrunken. Wir sind auf der Toilette gelandet, besetzten sie mehr als eine Stunde lang. Du standest die ganze Zeit nackt da, ich stand die ganze Zeit nackt da, um uns herum tobte der Wahnsinn und in uns tobten die Leere und die Liebe mit.

In drei Abschnitte ist der Roman geteilt: »Das Land der Jugend« / »und« / »Das Man«. Der zentrale Teil, der in Miniaturen von der Liebe und von ihrem Verlust – einem Verlust, der begonnen hat, noch bevor die Liebe da war – erzählt, ist derjenige, der mich am meisten in seinen Bann zieht, der mich berührt, mich berauscht, mehr als die anderen beiden, die drogenverseuchten Teile. Auch hier, im »und«, bleibt zwar alles im Ungefähren wie im Rest des Romans, es gibt keine Geschichte mit Anfang und Ende, nur Schlaglichter, die auf sie geworfen werden und einzelne Momente der Zärtlichkeit, der Melancholie und des Abschieds beleuchten. Und doch kommt der Leser hier ein wenig zur Ruhe, kann innehalten, einen klaren Kopf bekommen. Dann wieder taumelt er wie Naïn – durch die Nacht, durch die Bars, durch wirre Träume.

Der Clown ohne Ort setzt sich zusammen aus Prosabruchstücken, aus Scherben, in die der Leser tritt, an denen er sich schneidet. Scherben, die er nicht mehr aneinanderfügen kann: Nur die Ränder sind erkennbar, der Rahmen, wie bei einem Puzzle; alles, was dazwischen ist, bleibt ungeordnet. Was zum Beispiel hat es mit diesem Mann auf sich, der durch ein kriegsversehrtes Land wandert? Ist es ein Traum? Eine apokalyptische Zukunftsvision, das Ergebnis jener »rapidere[n] Evolution«, die Naïn und seine Freunde anstelle der Revolution anstreben? Vor zwanzig Jahren wollte man die Welt noch verändern, erklärt Thomas Martini während einer Lesung am langen Tag der Bücher in Frankfurt; die Generation, die er beschreibt, will die Welt retten: Es ist die letzte Chance, denn sie steht kurz vor dem Kollaps. »Die Zeit der großen Träume ist vorbei.«

Thomas Martini

Der Clown ist für Martini eine ambivalente Figur: der Mund zu einem Lächeln verzogen, dahinter das Nichts. Äußerlich Wohlstand und Glück, unter der Oberfläche das Gefühl der Krise: Mit dieser Diskrepanz wächst Naïns bzw. Martinis Generation auf, mit ihr muss sie versuchen zu leben. »Es ist, wie es ist. Schönes Wetter, Leichtigkeit, auf Pille. Währenddessen: Klarheit, Glaube, Alles. Danach: Leere, erbärmlicher Existenzialismus, streunende Hunde an der Leine, Spitzfindigkeiten der verlorenen Insel und Idyllensterblichkeit, Sozialmaschinen.« Satzfragmente wie diese durchziehen den Roman. Ambitioniert, bisweilen sperrig ist Martinis Prosa (oder ist es Lyrik?), wie ein einziger Rausch die Lektüre: Die Bilder flirren vor den Augen des Lesers, grell und grotesk verzerrt. Der Clown ohne Ort ist eine Zumutung, ein irrer Trip, der einen benommen zurücklässt, weil man nicht begreift, was geschehen ist, während man sich gleichzeitig vage an ein Gefühl der Ekstase erinnert.

Thomas Martini: Der Clown ohne Ort. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2013, 253 Seiten.

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12 Gedanken zu “Thomas Martini: Der Clown ohne Ort

  1. Liebe Caterina,
    dieses Buch liegt hier bereits und wartet ungeduldig darauf, gelesen zu werden. Ich befürchte nur, dass das Lesen Ruhe und Zeit bedarf, deshalb schiebe ich es momentan noch hinaus. Deine Eindrücke machen aber sehr neugierig und Lust darauf, das Buch zu entdecken. Dies ist in kürzester Zeit erneut eine schöne Entdeckung aus der FVA, einem Verlag, den ich zuvor noch gar nicht richtig auf dem Schirm gehabt hatte. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. So ist es, liebe Mara, dieses Buch braucht Ruhe. Und einen klaren Kopf. Oder ganz im Gegenteil einen ordentlich Rausch, vielleicht begreift man dann besser, was vor sich geht? 😉

      Den Verlag beobachte ich seit zwei, drei Jahren sehr genau, allerdings ist mir beim Hochladen der Rezension aufgefallen, dass dies tatsächlich mein erstes besprochenes Buch der FVA ist. Aber es gibt noch einige Werke auf dem Stapel – u.a. Frau Boerdner und Herr von Steinaecker -, die darauf warten gelesen und rezensiert zu werden. Genug Stoff also für We read Indie :).

      Herzliche Grüße!

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  2. Liebe Caterina,
    das scheint mir ein ungewöhnliches Buch zu sein. In meiner Vorstellung ist kein Geschichtenrahmen, sondern ein abstraktes, expressionistisches Bild entstanden. Kurze, kräftige Farbstriche, die alles erahnen, aber nichts erkennen lassen. Oder doch? Man sieht hin, muss hinsehen, weil das Bild seinen Platz behauptet, folgt einer Spur, verliert sie, ist berührt, abgestoßen, gleichzeitig, aber immer von Reizen eingenommen.
    Weil Ekstase und Rausch ein bestimmendes Element in diesem Buch darstellen, frage ich mich natürlich, inwieweit es Martini gelingt, die Sprache selbst zur Droge werden zu lassen.
    lg
    Josef

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    1. Lieber Josef,
      die Worte, die du für dieses Buch gefunden hast, sind sehr treffend, man möchte meinen, du kennst es bereits. Ja, dieses Werk ist wie ein expressionistisches Gemälde, grell, die Figuren verzerrt und deformiert, alles tanzt aus der Reihe, und doch ist deutlich was zu erkennen, es ist nicht gänzlich abstrakt. Angesichts dieser Überlegungen ist es ein interessanter und witziger Zufall, dass Thomas Martini bei seiner Lesung ausgerechnet vor einem überdimensionalen Gemälde von Chagall saß, an das im Übrigen wiederum das Buchcover erinnert.

      Und mit deiner Frage bezüglich der Sprache sprichst du einen sehr interessanten Punkt an: Martini gelingt es tatsächlich, die Sprache als Ausdruck des Drogenrausches zu benutzen. Soll heißen: Er beschreibt nicht einfach nur den Rausch, sondern lässt ihn in die Sprache eindringen, sodass auch sie etwas Rauschhaftes bekommt. Das sieht man ganz gut in den Zitaten im zweiten sowie im letzten Absatz meiner Besprechung. Dieser Gebrauch der Sprache macht die Lektüre zwar zu einer mühsamen Erfahrungen, aber gleichzeitig ist es höchst beachtlich, wie sehr Inhalt und Form hier einhergehen, wie sehr sie sich gegenseitig bedingen. Martini hat eine beeindruckende sprachlichen Form für den Drogenrausch gefunden.

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  3. Liebe Caterina,
    vielen Dank für Deine Besprechung. Ich habe das Buch auch für den Buchladen bestellt, weiß aber nicht mehr warum. Wahrscheinlich war der Vertreter sehr angetan. Nun steht es da im Regal rum. Nach Deiner Besprechung werde ich einen Blick reinwerfen und kann es dann hoffentlich doch noch verkaufen. Dein Text war sehr animierend, wenn das Buch auch keine einfache Kost ist. Die gibt es allerdings an jeder Ecke.
    Liebe Grüße,
    Samy

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    1. Lieber Samy,
      es freut mich, dass ich das Buch in dein Gedächtnis zurückrufen konnte, auch wenn ich fürchte, dass es schwierig sein wird, dafür den richtigen Leser zu finden. Denn wie gesagt ist es ein sperriger Roman, ruppig, verstörend, hart. Und vielerorts schlichtweg kryptisch, es genügt schon ein Blick in den Prolog. Das ist Nischenliteratur im besten Sinne.
      Ich wünsche dir dennoch, dass du genau den richtigen Leser finden wirst, denn dass es den gibt, daran zweifle ich nicht. Thomas Martini hat zweifelsohne Talent, und ich bin gespannt, was noch kommen wird von ihm.

      Schöne Grüße!
      caterina

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