Roland Spranger: Kriegsgebiete

»Aus dem Scheißafghanistan kommst du nicht mehr raus«

Mitte April fand in Berlin das von Tobias Gohlis und Thomas Wörtche initiierte Symposium »Krimis machen 1« statt, wo Autoren, Verleger, Lektoren, Buchhändler und Literaturkritiker über den Zustand der deutschen Spannungsliteratur diskutierten (ein Fazit, dem ich voll und ganz zustimme, gibt es hier). Nicht nur in beruflicher Hinsicht war die Tagung für mich eine Bereicherung, auch als Bloggerin habe ich so einiges für mich mitnehmen können. So etwa die Erkenntnis, dass es an der Zeit ist, dem anspruchsvollen Krimi Raum auf den SchönenSeiten zu geben. Mit Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee bin ich bereits einen ersten Schritt in diese Richtung gegangen, in Zukunft will ich jedoch gezielter nach solchen Meisterwerken der Kriminalliteratur Ausschau halten. Den Anfang macht der diesjährige Glauser-Preisträger Roland Spranger mit seinem raffinierten Roman Kriegsgebiete, der vergangenes Jahr in dem Münchner Indie-Verlag Bookspot erschienen ist.

Spranger erzählt die Geschichte von Daniel Schramm, einem ehemaligen Soldaten, der seit ein paar Monaten wieder in Deutschland ist, zurück in seiner oberfränkischen Heimat. Zwar ist er aus Afghanistan heimgekehrt, den Krieg hat er dennoch nicht hinter sich gelassen. Der Prolog schildert, wie er mit seiner Truppe in einen Hinterhalt geraten ist, mehrere seiner Kameraden sind damals umgekommen. Daniel leidet seither an einer posttraumatischen Belastungsstörung, er hält sich ungern in geschlossenen Räumen auf, weshalb er kurzerhand in den Garten umgezogen ist, samt Ledercouch und Fernseher, die nun inmitten der Brennnesseln stehen und langsam im Regen verrotten. Das Ehebett hat er zertrümmert, als seine Frau ihn verlassen hat, an das einst glückliche Familienleben erinnert nur noch das Kaninchen, das von der Tochter zurückgelassen wurde.

Tag für Tag unterwirft Daniel sich einem eisenharten Trainingsprogramm, damit wenigstens der Körper nicht abbaut, wenn schon der Kopf nicht mehr mitspielt. Bei einer seiner Runden findet er eine Frauenleiche und gerät sofort unter Mordverdacht: Einer, der mit Ziegelsteinen im Rucksack durch die Gegend rennt und draußen im Garten haust, ist den Kommissaren eben nicht ganz geheuer. Erst recht kein ausgebildeter Soldat. Weil Daniel ahnt, dass er den perfekten Hauptverdächtigen abgibt, geht er der Sache selbst auf den Grund. Doch als er auf eine weitere Leiche stößt – ausgerechnet seinen eigenen Psychiater –, ist er sich selbst nicht mehr so sicher, ob er nicht doch etwas mit den Morden zu tun hat. Schließlich ist er ein nervliches Wrack, hat offenbar die Kontrolle über seinen Verstand verloren und sein Leben schon längst nicht mehr im Griff.

Und genau das macht die Spannung dieses Krimis aus: die Unzuverlässigkeit der Hauptfigur, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Vielleicht ist Daniel ja schizophren, tötet des Nachts Menschen und wundert sich am Tag darauf über die Spuren, die zu ihm führen. Oder vielleicht befindet er sich noch in Afghanistan, neben seinen Kameraden, und das hier ist eine Art Nahtoderfahrung, das Resultat der letzten chemischen Prozesse seines sterbenden Hirns. Oder ist doch jemand hinter ihm her? Alles möglich. Daniel ist vollkommen kaputt, fühlt sich von Feinden verfolgt, wendet auf seinen Alltag das an, was er im Krieg gelernt hat: Sei stets auf der Hut, traue niemandem – nicht einmal dir selbst, wie es aussieht. Das erklärt auch den geschickt gewählten Titel des Romans: Kriegsgebiete, im Plural also, denn auch zu Hause ist er unter Gegnern, permanent bedroht, auch hier herrscht nur scheinbar Frieden, auch dies ist für ihn ein Kriegsgebiet. »Aus dem Scheißafghanistan kommst du nicht mehr raus«, wird sich Daniel klar.

Doch dieser Kniff, einen traumatisierten Soldaten in den Mittelpunkt des Krimis zu stellen, sorgt nicht nur für psychologische Tiefe, sondern auch für überraschend witzige Momente: Daniel ist sich durchaus darüber bewusst, dass er gestört ist und mit ihm seine Wahrnehmung, und so begegnet er seiner (berechtigten?) Paranoia und seinem aus dem Fugen geratenen Leben mit reichlich Zynismus. Trotz der schweren Kriegsthematik läuft der Text an keiner Stelle Gefahr, melodramatisch oder pathetisch zu werden, was auch am rasanten, angenehm unverkrampften Erzählton und an den großartigen Dialogen liegt. Bei Kriegsgebiete von Roland Spranger handelt es sich um einen erstklassigen Kriminalroman, der ebenso fesselnd ist wie unterhaltsam und der den Leser dank seiner einzigartigen, ungemein starken Hauptfigur von der ersten Seite an gefangen nimmt.

Daniel trank das Glas in einem Zug leer. Die bunten Punkte, die seinen Augen tanzten, beruhigten sich. Er ging zum Wasserhahn und schenkte sich noch mal nach. Er atmete durch. Sein Atem fand den Weg zurück in die Lungen. Das zweite Glas leerte er in kleinen Schlucken. Die Magensäure, die noch am Kehlkopf und in der Speiseröhre klebte, wurde dorthin gespült, wo sie hingehörte.
Maik beobachtete Daniel besorgt aus den Augenwinkeln. Weil er verhindern wollte, dass dies auffiel, las er höchst interessiert das Statement der Magnetbuchstaben auf seinem Kühlschrank:
aLLeS fUnkTHionyRt / AUssER DU.
Ich sollte was sagen, dachte Daniel.
»Sag mal, der Film Control ist doch über diese Band, die du schon in den Achtzigern mochtest?«
»Joy Division. Du lenkst ab.«
»Der Sänger hat sich umgebracht, oder?«
»Er hat sich aufgehängt.«
»Aufgehängt? Scheiße. Kurt Cobain hat sich wenigstens erschossen.«
»Was soll daran besser sein?«
»Es schaut cooler aus.«
»Du redest Müll.«
(…)
Maik öffnete die Kühlschranktür und holte zwei Bierflaschen heraus. Er entkorkte sie und reichte Daniel eine. Sie stießen miteinander an. Bierflasche an Bierflasche. Wie es Freunde machen.
»Du hast aber nicht vor, dich umzubringen?«, fragte Maik.
»Weiß nicht. Es ist immer eine Option.«
»Danach ist alles vorbei.«
»Eben. Manchmal sind die einfachsten Lösungen die besten.«
(…)
Maik nahm einen kräftigen Schluck Bier.
»Weißt du, was dein Problem ist? Du willst dir nicht wirklich helfen lassen. Du glaubst, du musst durch die ganze Scheiße alleine durch.«
»Von welcher Scheiße sprichst du?«
»Posttraumatische Belastungsstörung. Ich hab mir ein Buch drüber besorgt. Da steht drin, du musst dich mit den Ereignissen in einer unterstützenden Atmosphäre auseinandersetzen.«
»Und die unterstützende Atmosphäre bist du?«
»Ja, verdammt. Du hast gerade ein Bier von mir gekriegt. Das ist unterstützend, aber du redest belanglose Sachen über Filme, um abzulenken. Du glaubst, dass die Schmerzen vorbeigehen, wenn du nur lange genug mit einem Rucksack voller Granitsteine durch die bekackte Landschaft läufst.«
»Okay, und wie soll ich jetzt konkret die unterstützende Atmosphäre nutzen?«
»Du könntest mir erzählen, was heute schiefgelaufen ist.«
Einen Moment lang spielte Daniel mit dem Gedanken, Maik alles in Kurzform zu erzählen, aber mit besonderem Schwerpunkt auf dem Umstand, dass er seinen Therapeuten ermordet aufgefunden hatte und er die Tatwaffe verschwinden ließ, weil sie zufälligerweise ihm gehörte. Dann entschied er sich dagegen. Ein Traumatisierter reichte. Es war nicht hilfreich, auch noch einen Freund in einen psychisch labilen Zustand zu versetzen.
»Alles okay. Passt schon.«

Roland Spranger: Kriegsgebiete. Bookspot, München 2012, 224 Seiten.

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14 Kommentare zu „Roland Spranger: Kriegsgebiete

    1. Wäre dieses Buch nicht mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet worden, hätten es wohl die wenigsten wahrgenommen. Bookspot war mir bis dato völlig unbekannt, und ehrlich gesagt wundert es mich auch nicht angesichts des Webauftritts und der Covergestaltung, die leider wenig einladend wirken. Aber so kann man sich täuschen, der Verlag hat mit Kriegsgebiete eine echte Perle der Kriminalliteratur gefunden.

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  1. Davon habe ich noch nie gehört und bei Krimis bin ich eh etwas skeptisch, du hast mich aber gleich überzeugen können! Ich danke dir für diesen ganz besonderen Tipp und bin schon auf die Lektüre gespannt! 🙂

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    1. Ja, eine wahre Entdeckung. Auch wenn ich ausgerechnet dir dieses Buch nicht unbedingt empfohlen hätte. Andererseits hätte jemand, der meinem Blog folgt, auch mir dieses Buch nicht empfohlen – so anders ist es als alle bisher vorgestellten Bücher. Und doch: Die Lektüre hat mich sehr begeistert, ich hoffe, dass wird auch bei dir so sein und überwindest ein wenig deine Skepsis gegenüber dem Krimi (ich habe es in den vergangenen anderthalb Jahren definitiv getan).

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    1. Oh, das täuscht, Ihr Lieben. Ich schätze Krimis und habe täglich auf Arbeit mit ihnen zu tun. Zwar hat es lange gedauert bis zu dieser Bekehrung (ich habe erst vor anderthalb Jahren begonnen, mich mit diesem Genre auseinanderzusetzen), aber nun habe ich auch privat Feuer gefangen. Meinem Blog sieht man das bisher nicht an, da ich eine klare Linie haben und mich dementsprechend auf Gegenwartsliteratur beschränken wollte. Aber jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, dass ich auch dem Krimi Platz einräumen möchte – dem anspruchsvollen, unkonventionellen Krimi wohlgemerkt, Romane, bei denen die Grenzen zur Gegenwartsliteratur fließend sind (gerade eben habe ich Woodrells Winters Knochen ausgelesen – sehr beeindruckend).
      In Zukunft dürft ihr euch also auf mehr Krimirezensionen freuen, nicht Fitzek und dergleichen, sondern Perlen wie diese hier.

      Alles Liebe,
      caterina

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      1. Wir freuen uns sehr darauf, liebe Caterina! Einige gute glauben wir schon entdeckt zu haben, aber wir sind immer wieder dankbar für Hinweise zu gut geschriebenen Krimis, die, wie Du es richtig schreibst, eigentlich Romane sind, „bei denen die Grenzen zur Gegenwartsliteratur fließend sind“.

        Danke und herzliche Grüße,
        mb und dm

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