Alina Bronsky: Scherbenpark

Alina Bronsky - Scherbenpark (c)

»Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat«

Mit diesen Worten beginnt die 17-jährige Sascha Naimann ihre Erzählung. Ihr Viertel, das ist der Scherbenpark, eine heruntergekommene Hochhaussiedlung, die am Rande einer namenlosen Stadt liegt und deren Bewohner – hauptsächlich russische Einwanderer – am Rande der Gesellschaft leben. Sascha selbst stammt aus Moskau, ihren leiblichen Vater kennt sie nicht, ihr Stiefvater sitzt im Gefängnis – nachdem er ihre Mutter und deren Lebensgefährten getötet hat. Während die anderen Jugendlichen im Scherbenpark sich ausschließlich für Alkohol und Sex zu interessieren scheinen, hat Sascha gleich zwei Träume: ihren Stiefvater Vadim zu töten und über ihre Mutter ein Buch zu schreiben. Arbeitstitel: »Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte«.

Sascha wohnt im Scherbenpark gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Halbgeschwistern sowie einer Tante, die nach Deutschland gekommen ist, um sich um die elternlosen Kinder zu kümmern; in Wirklichkeit jedoch kümmert sich Sascha um das Allermeiste, weil die Tante kaum ein Wort Deutsch spricht. Von den anderen Jugendlichen hält Sascha nicht viel, sie ist eine Einzelgängerin, will ausbrechen aus der Tristesse dieses Mikrokosmos. Eine Chance dazu wittert sie, als sie den Journalisten Volker Trebur kennenlernt. Weil in seiner Zeitung ein geschmackloses Porträt über den angeblich reumütigen Vadim erscheint, hat Sascha etwas gut bei Volker. Und so zieht sie, als es ihr zu Hause zu eng wird, kurzerhand bei ihm ein und bringt mit ihrer unverkrampften, direkten Art frischen Wind in die vermeintlich heile Welt der Treburs.

Denn rein äußerlich ist der Kontrast zwar scharf zwischen dem Russenghetto, aus dem Sascha stammt, und der Vorstadt-Designervilla des Journalisten, von einer intakten Familie kann aber auch hier keine Rede sein: Die Mutter ist der Karriere wegen nach Berlin gegangen, Vater und Sohn wohnen allein in dem großen Haus, was sie aber freilich nicht davor bewahrt, regelmäßig aneinanderzugeraten. Schon gar nicht, als sich zwischen ihnen und Sascha eine seltsame Dreiecksgeschichte entspinnt. Keine leichte Last für ein 17-jähriges Mädchen: den Tod der Mutter rächen, die Geschwister beschützen und ganz nebenbei die Liebe entdecken. So verwundert es nicht, dass viel Zorn in diesem Roman bzw. in seiner Erzählerin steckt, Zorn, der allerdings nur selten als solcher hervorbricht, sondern meist in Humor oder Zynismus gekleidet wird.

Saschas Erzählton ist schnoddrig – ein bisschen zu schnoddrig für meinen Geschmack, ich habe bekanntlich eine Schwäche für sprachliche Raffinesse, doch zu dieser Geschichte und zu dieser Protagonistin passt das Raue. Härte und Schonungslosigkeit sprechen aus Sascha, eine Härte gegenüber den Leuten aus ihrem Viertel, den Russlanddeutschen, die ihre Chance nicht ergreifen, sich stattdessen selbstgefällig in ihrem Elend einrichten, Härte vor allem aber gegenüber sich selbst. Keine Frage: Der 1978 in Russland geborenen und in Hessen aufgewachsenen Alina Bronsky ist ein beachtenswertes Debüt gelungen. Auf eindringliche, sehr authentische Weise schildert sie, wie die jugendliche Heldin aufbegehrt gegen ihr vermeintlich vorgezeichnetes Leben, wie sie die Dinge in die Hand nimmt, statt zu resignieren, und wie sie am Ende so etwas wie Frieden für sich findet. Ein außergewöhnlicher All-Age-Roman, der zurecht viel Aufmerksamkeit bekam und nun fürs Kino verfilmt wurde.

Alina Bronsky: Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 288 Seiten.

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7 Kommentare zu „Alina Bronsky: Scherbenpark

  1. Liebe Catarina, danke für deine Rezension, die mich neugierig gemacht hat. Ich habe mir gerade eine Leseprobe auf Perlentaucher durchgelesen, weil ich mir ein Bild zu dem schnoddrigen Erzählton machen wollte. Was mich überrascht hat, war, wie dialoglastig der Text auf diesen wenigen Seiten war. Dadurch, dass die Figuren derart massiv zu Wort kommen, ist natürlich wenig Platz für eine „schöne“ Sprache. Hält dieser Dialoganteil das ganze Buch über an, oder war das eine besondere Stelle, die ich da gelesen habe?
    Schöne Grüße
    Josef

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    1. Lieber Josef,
      dein Eindruck zur Leseprobe ist durchaus auf das ganze Buch übertragbar, es besteht in der Tat zu großen Teilen aus Dialogen, was sicherlich auch einer der Gründe dafür ist, dass die Geschichte auf mich so rasant erzählt wirkt. In gewisser Hinsicht stimmt es natürlich schon, dass durch die vielen Dialoge weniger Platz für „schöne“ Sprache ist, andererseits schließen sich direkte Rede und raffinierte Sprache ja nicht aus – ich glaube, das ist einfach eine Frage des persönlichen Stils bzw. auch eine bewusste Entscheidung des Autors. Denn damit einher geht ja auch der Grad der ‚Authentizität‘: Bronsky ist mit ihrem Stil ganz nah an ihrer Protagonistin, weshalb ich in diesem Fall durchaus mit dem schnoddrigen Ton leben kann; andere Autoren entscheiden sich für eine kunstvolle Sprache, auch wenn diese man diese vielleicht den redenden/erzählenden Figuren nicht abnimmt. Ich denke da zum Beispiel an Zsuzsa Bánk, deren Roman Der Schwimmer aus der Sicht eines Mädchens erzählt wird, was aber keinesfalls durch die Sprache widergespiegelt wird, die hier nämlich sehr ansprechend, ganz und gar nicht kindlich ist. Mir persönlich sagt diese Literarisierung eher zu als die authentische Wiedergabe, aber ich finde, es funktioniert gut, wenn in einem Roman wie Scherbenpark so salopp dahergeredet wird.

      Herzliche Grüße,
      caterina

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  2. Über diesen Roman wurde in der Tat viel berichtet, ich erinnere mich, die Feuilletons rauf und runter. Stand er auch auf ein bis zwei Buchpreis- oder Bestenlisten, da streikt mein Erinnerungsvermögen?
    Allerdings ist es für dieses sehr nützlich, hier Deine ausführliche Meinung zu lesen, die mich ein wenig in meiner bestärkt, es nicht unbedingt lesen zu müssen.

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    1. Ja, der Roman war sowohl für den Deutschen Jugendliteraturpreis als auch für den Aspekte-Literaturpreis nominiert. Bronskys zweites Buch Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche hingegen stand 2010 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Auf die Bestsellerliste haben es – soweit ich weiß – beide nicht geschafft, aber Verkaufserfolge waren sie allemal.

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  3. Hab ihn gerne gelesen, auch wenn diese Integrationsgeschichten mMn mittlerweile etwas zu regelmäßig behandeln werden. Bronskys „Spiegelkind“ steht hier noch ungelesen im Schrank, muss demnächst in Angriff genommen werden… Und auf die Verfilmung bin ich ziemlich gespannt!

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    1. Stimmt schon, in den letzten Jahren häuften sich die Migrationsgeschichten in der deutschsprachigen Literatur, aber ich finde diese Entwicklung überaus spannend. Zuletzt habe ich Irena Brezna, Olga Grjasnowa sowie Julya Rabinowich gelesen. Ich interessiere mich sehr für die literarische Auseinandersetzung mit (sprachlichen und räumlichen) Grenzerfahrungen und interkulturellen Fragestellungen.

      Spiegelkind habe ich bereits gelesen: Dystopien gibt es im Jugendbuch mittlerweile ja auch recht viele, dennoch habe ich diese hier durchaus sehr gelesen.

      Beste Grüße!

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