Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Lionel Shriver - We Need to Talk About Kevin (c)

»At least if I got pregnant, something would happen«

We Need to Talk About Kevin aus dem Jahre 2003 ist mitnichten der erste Roman der amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Lionel Shriver, aber es ist derjenige, mit dem sie internationalen Ruhm erlangte. 2005 wurde er mit dem renommierten britischen Orange Prize for Fiction ausgezeichnet, vor zwei Jahren mit Tilda Swinton in der Hauptrolle verfilmt. Eine Erfolgsgeschichte, die mich kaum erstaunt, ist doch dieses Drama (manch einer nennt es auch Thriller) um den Amokläufer Kevin buchstäblich atemberaubend: Derart beklemmend ist die Geschichte, derart erschüttert bin ich über ihren Ausgang, dass ich beim Lesen keine Luft bekomme.

Bei Wir müssen über Kevin reden handelt es sich um einen Briefroman. Allerdings stammen sämtliche Briefe aus derselben Feder: aus derjenigen von Kevins Mutter Eva Khatchadourian, die ihrem Mann, Franklin Plaskett, schreibt, ohne jemals eine Antwort zu erhalten. In ihren seitenlangen Briefen tut sie das, was im Titel eingefordert wird: über Kevin reden. Sie erzählt von ihrem isolierten Leben als Mutter eines Amokläufers, sie erzählt von ihrer Einsamkeit und von ihrem Schmerz darüber, dass ihr Mann fortgegangen ist; vor allem aber erzählt sie von ihrer Unfähigkeit, eine liebende Mutter zu sein, davon, wie sie bei Kevins Geburt nichts empfindet, davon, wie sie und ihr Sohn sich fortan gegenseitig bekämpfen, davon, wie sie ihn nun einmal im Monat im Gefängnis besucht.

Eva besitzt einen mehr als gut laufenden Verlag für alternative Reiseführer, sie hat die ganze Welt gesehen, liebt ihren Mann über alles und hat keinen Grund sich zu sorgen. Als das Leben vor lauter Glück sie zu langweilen droht, beschließt sie mit 37, sich einer neuen Herausforderung zu stellen: »Motherhood«, sagt sie zu Franklin, »Now, that is a foreign country«. Nicht, dass sie einen dringenden Kinderwunsch verspürt, nein – aber mit der Geburt eines Kindes würde endlich wieder etwas geschehen: »Not that happiness is dull. Only that it doesn’t tell well. And one of our consuming diversions as we age is to recite, not only to others but to ourselves, or own story«. Heute, sechzehn Jahre später, wünscht sie, sie wäre einer jener Menschen, die keine Geschichte zu erzählen haben.

Schon während der Schwangerschaft hat Eva Schwierigkeiten, eine Bindung zu ihrem Sohn aufzubauen, in einem ihrer Briefe spricht sie zunächst von einem »ambivalenten« Gefühl, gesteht sich aber gleich darauf die ganz und gar nicht ambivalente Wahrheit ein: dass sie das Kind vom ersten Augenblick an nicht wollte. So empfindet sie denn auch die Geburt nicht als einen Moment des vollkommenen Glücks, sondern als eine Niederlage: »In the very instant of his birth, I associated Kevin with my own limitations—with not only suffering, but defeat«. Was folgt, ist ein sechzehn Jahre währender Kampf zwischen den beiden vermeintlichen Antagonisten; Eva ist der festen Überzeugung, dass alles, was ihr Sohn tut oder nicht tut, aus Berechnung geschieht und – in den meisten der Fälle – gegen sie gerichtet ist.

Etwa die Tatsache, dass er als Baby ununterbrochen schreit, dass er spät anfängt zu sprechen und lange auf Windeln angewiesen ist. Im Kindergarten, in der Schule, in der Nachbarschaft ereignen sich sonderbare Zwischenfälle, hinter denen Eva stets ihren Sohn vermutet. Einmal tapeziert sie die Wände ihres Heimbüros mit alten Landkarten in tagelanger Kleinarbeit; binnen Sekunden zerstört der kleine Kevin das Werk mit schwarzer Tinte – mit Absicht, wie Eva meint. Nur steht sie mit ihrem Verdacht alleine da, ihr Mann Franklin wirft ihr Gefühlskälte vor, immer mehr entfernen sie sich voneinander, bis die Ehe schließlich in die Brüche geht. Da haben sie längst ein zweites Kind, Celia: Dass Kevin in den Unfall, bei dem seine Schwester ihr eines Auge verloren hat, nicht in irgendeiner Weise involviert war, kann und will Eva bis zum Schluss nicht glauben.

Da er aus einer radikal subjektiven Perspektive geschrieben ist, könnte man annehmen, dass es sich um einen einseitigen Bericht handelt: Eva, die sich als Opfer stilisiert, schikaniert von ihrem böswilligen Sohn. Doch dem ist mitnichten so – und das ist das Erstaunliche an diesem Roman. Die Protagonistin geht, während sie auf die vergangenen sechzehn Jahre zurückblickt, hart mit sich ins Gericht – was nützt es jetzt auch noch, die Wahrheit zu verbergen? Sie gibt zu, Kevin bisweilen zu Unrecht beschuldigt zu haben, vor allem aber gibt sie ihre eigene Unzulänglichkeit zu. Dieser Aspekt ist ungemein spannend, da hier nicht jene Debatten über gewaltverherrlichende Computerspiele oder dergleichen bedient werden, die sonst so präsent im Zusammenhang mit Amokläufen sind – hier geht es um etwas, das bisher ein Tabuthema war: die Angst einer Frau, der Mutterrolle nicht gerecht zu werden. Und schließlich das Eingeständnis des eigenen Versagens.

I shouldn’t have taken it personally, but how could I not? It wasn’t mother’s milk he didn’t want, it was Mother. In fact, I became convinced that our little bundle of joy had found me out. […] I was confident that he could infer from a subtly exasperated quality in my voice when I burbled and cooed that burbling and cooing did not come naturally to me and that his precocious ear could isolate in that endless stream of placating blather an insidious, compulsive sarcasm. […] Every time I forced myself to smile, he clearly knew that I didn’t feel like smiling, because he never smiled back. He hadn’t seen many smiles in his lifetime but he had seen yours, enough to recognize that in comparison there was something wrong with Mother’s. It curled up falsely; it evaporated with revelatory rapidity when I turned from his crib. Is that where Kevin got it? In prison, that marionette smile, as if pulled up by strings.

Das ist eine mutige Innenschau, deren schonungslose Ehrlichkeit unter die Haut geht. Diese chronologisch lineare Aufbereitung der Ereignisse zieht sich über 560 Seiten – eine Lektüre, die mitunter mühsam ist. Aber alle Mühen sind vergessen, sobald man am Ende angelangt: Obwohl man von Anfang an – es genügt ja schon ein Blick auf den Klappentext – weiß, worauf die Geschichte hinsteuert, nämlich auf jenen Donnerstag, an dem Kevin zum mehrfachen Mörder wird, ist der Schluss derart überraschend und fesselnd und erschütternd, dass ich mich kaum erhole von der Lektüre. Spätestens jetzt ist Wir müssen über Kevin reden von Lionel Shriver nicht nur ein guter, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes überwältigender Roman, der mir mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Lionel Shriver: We Need to Talk About Kevin. Serpent’s Tail, London 2011, 482 Seiten. / Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden. Aus dem Amerikanischen von Christine Frick-Gerke und Gesine Strempel. Ullstein, Berlin 2012, 560 Seiten.

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16 Kommentare zu „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

  1. Liebe Caterina,
    meine Lektüre dieses Romans ist bereits eine ganze Weile her und doch erinnere ich mich noch sehr gut daran, dass es mich tief bewegt und beeindruckt hat. Ich freue mich sehr, dass dir das Buch auch gefallen hat. Anders als es z.B. meiner Mutter erging, die schon sehr früh die „Auflösung“ des Romans erahnte, hatte ich auch bis zum Ende keine Ahnung. Beeindruckt hat mich vor allem die Ehrlichkeit Evas, die an ihrem Kind scheinbar einfach verzweifelt. Ich selbst habe keine Kinder und habe auch nicht vor, welche zu bekommen, aber ich fand diese Darstellung einer Mutter-Kind-Beziehung unheimlich spannend und beklemmend.
    Letztes Jahr habe ich mir „We need to talk about Kevin“ übrigens im Kino angeschaut – der Film ist sehr empfehlenswert! 🙂

    Liebe sonntägliche Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      ja, ich glaube, wenn man das Ende bereits kennt, verliert das Buch einiges von seinem Reiz, andererseits ist dieser Mutter-Thematik allein so spannend und – wie ich glaube – auch neuartig (ich zumindest kenne kein Buch mit einem vergleichbaren Ansatz), dass sich die Lektüre auch so lohnt. Ob man nun Kinder hat oder nicht.
      Den Film will ich mir unbedingt anschauen, Tilda Swinton schätze ich ohnehin sehr und in dieser Rolle ist sie mit Sicherheit großartig.

      Liebe Grüße aus dem – erneut – verschneiten Frankfurt,
      caterina

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      1. Liebe Caterina,
        die Mutter-Thematik ist in der Tat unheimlich spannend und auch ich habe bisher nichts vergleichbares gelesen. Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem die Perspektive mütterlicher Ablehnung, die mich bei der Lektüre damals schockiert hat. In einem Artikel habe ich gelesen, dass das Manuskript von Shriver von 30 Verlagen abgelehnt wurde, wahrscheinlich genau aus dem Grund dieser ungewöhnlichen Perspektive. In der deutschen Diskussion um Amokläufe wird die Frage des Motivs ja gerne reduziert auf gewaltätige Computerspiele, den Erklärungsansatz von Lionel Shriver finde ich dagegen noch interessanter.
        Tilda Swinton ist grandios in diesem Film. Wenn du sie schätzt, wirst du wohl auch den Film mögen. 🙂

        Liebe Grüße
        Mara

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      2. Das ist mir auch aufgefallen: dass die Ursachen vor allem in externen Faktoren gesucht werden. Was andererseits auch verständlich ist, die Mutter-Thematik ist ja doch sehr heikel, wer mag sich anmaßen, das aus einer Außensicht zu beurteilen? Dass 30 Verlage abgesagt haben, kann ich verstehen, es ist eben doch ein Tabuthema, das unbequem ist und schmerzt.

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  2. Nach deiner Buchvorstellung würde ich den Titel für mich umformulieren in: Ich muss über Kevin lesen. Jedenfalls habe ich das Buch gleich mal ziemlich weit oben auf meiner Das-muss-ich-noch-lesen-Liste eingereiht. Sich auf die Hintergründe eines Jugendlichen einzulassen, der zum Amokläufer wurde, fände ich für sich schon mutig und bemerkenswert. Doch die Sichtweise einer gescheiterten Mutterfigur ist außergewöhnlich. Zu welchen Einsichten hier ein Mensch fähig ist, finde ich die spannendere Frage, als zu welchen Taten.

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    1. Genau, die Perspektive ist hier eine ganz besondere. Interessant ist ja, dass wir in die Seele des Jugendlichen nicht wirklich Einblick bekommen – beziehungsweise immer nur durch die Sicht der Mutter gefiltert. Es geht nicht so sehr um den Amoklauf selbst, auch wenn der natürlich eine zentrale Rolle spielt und die ganze Geschichte auf ihn hinsteuert; die Gewalttat steht nicht im Vordergrund, ja nicht einmal der Täter steht im Vordergrund, was ich für einen ziemlich überraschenden Ansatz für ein Buch, das sich diesem Thema widmet, halte. Überraschend und umso erschütternder.

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    1. Danke für den Hinweis auf Picoults Roman, der war mir bisher kein Begriff (genauso wie ich die Autorin nur sehr vage einordnen kann). Das Thema ist zwar dasselbe, aber die Ansätze scheinen sehr unterschiedlich zu sein. Interessant finde ich, dass du über Kevin schreibst: „im Grunde wird Kevin als böser Mensch dargestellt, den keine auch noch so gute Erziehung hätte in eine andere Bahn lenken können“. Ich bin hierüber noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen: Einerseits nimmt man Kevin tatsächlich von Anfang an als böse war, andererseits weiß man auch, dass das die Perspektive der Mutter ist, die von Anfang an ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Sohn hatte und ihn eigentlich nicht wollte. Ich finde also, dass auch hier die Frage der Erziehung eine Rolle spielt – wäre aus Kevin etwas anderes geworden, wenn seine Mutter anders gewesen wäre? Vielleicht hat er tatsächlich dieses „Böses“ in sich, hätte es aber unter anderen Bedinungen nicht „ausgelebt“…

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  3. Lionel Shriver ist mutig hier von der anderen Seite der Mutterschaft zu schreiben, den Zweifeln, der Angst nicht zu genügen, und dabei ihre Erzählerin Mensch, nicht nur Mutter, und fehlerhaft sein zu lassen. Sicher keine leichte Kost, ob man nun selbst Kinder hat oder nicht, das merke ich schon an den Auszügen innerhalb deiner Rezension. Aber trotzdem ist dieser Roman irgendwie ein Muss, dem man sich nur schwer entziehen kann.
    Danke, dass Du mich – wenn auch unbeabsichtigt – daran erinnert hast, dass auch ich dieses Buch unbedingt lesen will.

    LG, Katarina 🙂

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    1. Ein Muss ist es vielleicht nicht, aber doch eine lohnenswerte Lektüre. Zumal ich bisher kein anderes Buch zu dieser Thematik gelesen habe, für mich war es also tatsächlich eine neue und somit auf jeden Fall auch bereichernde (Lese-)Erfahrung.

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    1. Gern geschehen! Ich ahne, dass die vielen Gedanken, die euch durch den Kopf gingen und gehen, nicht unbedingt angenehm sind, aber wichtig. Man lernt bei so einer Lektüre immer auch was über sich selbst und seine eigenen Ängste.

      Liebe Grüße!

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  4. Ich hab das Buch vor einigen Jahren gelesen – und es war eines der krassesten Bücher meines Lebens. Ich konnte während der Lektüre tatsächlich die halbe Nacht nicht schlafen, weil ich so verstört war. Und das Ende hat mich umgeworfen … ich war richtig fertig. Das haben insgesamt nur wenige Romane geschafft. We need to talk about Kevin ist so extrem intensiv … und klug und traurig und grausam, ich denke immer noch mit Schaudern daran.

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    1. Eine sehr verstörende Lektüre in der Tat. Das Buch gehört sicher nicht zu meinen liebsten, gerade sprachlich haben mich andere viel mehr beeindruckt und berührt, aber im Gedächtnis wird dieses hier allemal bleiben, so erschütternd ist die Geschichte, die es erzählt. Nicht zuletzt, weil es Ängste anspricht, die man tatsächlich tief in sich trägt…

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      1. Ohja. Ich finde es faszinierend, dass Lionel Shriver so einen krassen Roman schreiben konnte, dass sie sich so eingefunden hat in dieses Thema. Den Film will ich mir aber gar nicht anschauen, das würde mich sicher komplett verstören.

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