Irena Brežná: Die undankbare Fremde

Irena Brezná - Die undankbare Fremde (c)

»Wie ich inmitten der umzäumten Welt ins Rasen kam!«

Schon in den ersten Zeilen dieses schmalen Romans von Irena Brežná ist das Misstrauen der namenlosen Ich-Erzählerin spürbar, das Gefühl der Beklemmung, das augenblicklich von ihr (und vom Leser) Besitz ergreift, kaum dass sie ihre neue Heimat betritt. Es ist mitnichten ein jahrelang währender Prozess, in dem sie die Verheißungen des Westens als leere Versprechungen, die neu gewonnene Freiheit als trügerisch entlarvt. Im Gegenteil: Noch im selben Moment, in dem sie ihren Fuß in das Land setzt, offenbart sich ihr – ganz anders als der Mutter, die voller Zuversicht in die Zukunft blickt – das heuchlerische Wesen dieser neuen Heimat, die Bedrohung, die von ihr ausgeht.

Wir ließen unser Land im vertrauten Dunkel zurück und näherten uns der leuchtenden Fremde. »Wie viel Licht!«, rief Mutter, als wäre das der Beweis, dass wir einer lichten Zukunft entgegenfuhren. Die Straßenlaternen flackerten nicht träge orange wie bei uns, sondern blendeten wie Scheinwerfer. Mutter war voller Emigrationslust und sah nicht die Schwärme von Mücken, Käferchen und Nachtfaltern, die um die Laternenköpfe herumschwirrten, daran klebten, mit Flügeln und Beinchen ums Leben zappelten, bis sie, angezogen vom gnadenlosen Schein, verbrannten und auf die saubere Straße herunterfielen. Und das grelle Licht der Fremde fraß auch die Sterne auf.

Dass es sich bei dem Exil um die Schweiz handelt, ist unverkennbar. Auch wenn Menschen, Orte und Zeiten im Vagen bleiben, steht außer Frage, dass die Geschichte entlang von Brežnás eigener Biographie geschrieben ist. 1950 in Bratislava geboren, emigrierte die Autorin mit achtzehn Jahren in die Schweiz, wo sie heute – so der Umschlagtext – als »Journalistin, Schriftstellerin, Slawistin, Psychologin und Menschenrechtlerin« aktiv ist. Die Ich-Erzählerin ist zwar Dolmetscherin, doch im Grunde vereint sie in dieser Tätigkeit all die oben genannten, indem sie Flüchtlinge aus Osteuropa betreut, Frauen, Männer und Kinder, die sich – wie einst sie selbst – nicht oder nur schwer in ihrem neuen Leben einrichten und das alte abschütteln können.

Sie nimmt den Leser mit in das tägliche »Sprachkarussell«, begibt sich mit ihm auf »aufwühlende Fahrten« und wird dabei mit immer neuen Schicksalen konfrontiert. Mikrogeschichten, die sich in Form von kursiv gesetzten Passagen in ihre eigene Geschichte schieben und sie somit – auch visuell – aufbrechen. Es ist die Geschichte einer undankbaren Fremden, wie ja bereits der Romantitel vorwegnimmt – ein interessantes Wortspiel im Übrigen, denn die undankbare Fremde könnte auch dieses so fremde Land sein, das von den Einwanderern ewige Dankbarkeit erwartet, sich selbst aber nie »glücklich und dankbar« zeigt darüber, »dass wir zu Ihnen gekommen sind«.

Und in der Tat: Die neue Heimat präsentiert sich der Protagonistin derart unwirtlich, dass diese sich fühlt wie in einer Zwangsehe – eingeengt und bevormundet. Aus einer Diktatur ist sie geflohen, doch der Kontrolle, den Pflichten und Verboten entkommt sie nicht, auch hier in dieser vermeintlich freien Gesellschaft nicht. Solange sie ihre Nachbarn nicht grüßt und den Schnee nicht vom Gehweg schaufelt, wird ihr die Einbürgerung verweigert: »Kein Staat war für mich zuständig. Der Ich-Boden war mein einziger Halt. Ich fegte und schaufelte ihn mir frei und provozierte unverschämt weiter«. Sie leistet Widerstand gegen die Normierungsversuche, begehrt auf: ein Leben wie ein »Seiltanz« – von Glück kann sie sagen, dass sie niemals abgestürzt ist. »Aber fast, hundertmal am Tag.«

Wie ich inmitten der umzäumten Welt ins Rasen kam! […] für einen jungen Raubvogel war es eine Voliere. All meine Erfahrung sollte ich vakuumiert einpacken, als gefährlichen Abfall entsorgen und bei null anfangen. […] Und sie schoren mich kahl und verpackten mich in sterile Döschen. Nein. Ihrer Zwangsneurose stellte ich meine Hysterie entgegen, rannte schreiend davon. Die wilde Natur aufzugeben hieße, nicht mehr zu sein. Ich war rohes Fleisch, und darüber trug ich widerborstiges Fell. Nur nicht so werden, wie es hier Sitte war, abgekocht und gevierteilt. Ich wusste noch nichts von Verwandlungen und kämpfte für den Erhalt meiner Instinkte.

Mit der Zeit nähern sich die widerspenstige Frau und der ungeliebte Ehemann, der sie zu zähmen versucht, aber doch noch an, und zwar ausgerechnet über die Fremdheit, die für beide zur identitätsstiftenden Seinsform wird. »Schicht um Schicht lagern sich in meiner Persönlichkeit die kulturellen Erfahrungen ab«, sagt die Protagonistin über sich selbst, doch für die Schweiz gilt das nicht weniger. Diese ist im Begriff sich zu verändern, wie ein »Wunderbrei« schwappt die Fremdheit über sie und zwingt sie, über das eigene Selbstverständnis zu reflektieren. Zum ersten Mal fühlt sich die Ich-Erzählerin heimisch – nicht in dem Land, sondern in der Fremdheit.

Die undankbare Fremde erzählt keine kohärente Geschichte, vielmehr ist es eine lose Folge von Fragmenten, Momentaufnahmen, die vieles im Ungefähren lassen. Woher die Frau stammt, weshalb sie geflohen ist, ist nicht Gegenstand der Erzählung; einzig um ihren Kampf mit der Fremde geht es. Beachtlich ist dabei Irena Brežnás kraftvoll-lyrische Sprache, die ungewöhnlichen und bisweilen rauen Bilder, aus denen der ganze Zorn der Ich-Erzählerin spricht. Nicht wenig erinnert mich dieses Werk an Julya Rabinowichs Spaltkopf, das sich einer ganz ähnlichen Thematik widmet und dabei sprachlich sogar noch dringender, noch fordernder ist, manchmal zu sehr. Wie Spaltkopf ist auch Die undankbare Fremde ein Roman, der mit seiner Poetik der Wut unter die Haut geht und noch lange nachklingt.

Irena Brežná: Die undankbare Fremde. Galiani, Berlin 2012, 144 Seiten.

Regelmäßig lädt Dorota, die Betreiberin des wundervollen Blogs bibliophilin.de, Blogger und andere Literaturliebhaber dazu ein, Gastrezensionen für ihre Reihe »Aus fremder Feder« zu verfassen. Nun kam auch ich zu Wort, und es war mir eine Freude, ihren und meinen Lesern dieses besondere Buch vorzustellen, das seinen Weg in meine Hände gefunden hat. Vielen Dank dafür, liebe Dorota!

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8 Kommentare zu „Irena Brežná: Die undankbare Fremde

  1. Liebe Caterina,
    herzlichen Dank für diese tolle Rezension, die mich – nicht nur aufgrund des Vergleichs mit Julya Rabinowich – neugierig auf das Buch macht. Der Titel und die Autorin sind mir bisher noch nicht begegnet, um so gespannter bin ich darauf, beides zu entdecken. Ich mag Bücher, die unter die Haut gehen.
    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      stimmt, Julya Rabinowich hast du ja auch gelesen, dann wird dir dieser Roman hier sicher ebenfalls gefallen. In den letzten Jahren halte ich verstärkt Ausschau nach Büchern dieser Art, die über das Leben zwischen zwei Kulturen berichten, über Grenzerfahrungen, über Sprache und Heimat bzw. Sprache als Heimat. Auch Olga Grjasnowa geht ja in diese Richtung. Ich finde diesen interkulturellen Zugang wahnsinnig spannend…

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  2. Liebe caterina,
    vielen Dank für den Hinweis. Das Buch hatte ich schon vor einiger Zeit bei Ruth entdeckt. Wollte Dir eigentlich auch noch mitteilen, dass mir das überarbeitete Layout sehr gut gefällt.
    Liebe Grüße & bis bald

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    1. Besten Dank für das Kompliment, liebe Bücherliebhaberin. Ja, es war mal wieder Zeit für eine kleine Generalüberholung, das einspaltige Layout hat mich einfach zu sehr eingeschränkt. Und wenn ich irgendwann groß bin und Geld habe, kaufe ich mir ein Template, das ich nach Belieben umgestalten kann, damit ich auch wirklich ganz und gar glücklich damit bin ;).
      Bis bald, meine Liebe

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    1. Ich habe deine Rezension grad noch mal gelesen – stimmt, wir sind uns absolut einig ;). Furios, sprachgewaltig, anklagend. Diese Art von Büchern, die mit dem „Blick von außen“ (der ja gleichzeitig „innen“ ist) auf unsere Gesellschaft schauen, finde ich wahnsinnig spannend.

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      1. Jaja, genau. Und Frankreich und Italien nicht zu vergessen. Zum Glück sind wir in Deutschland und Österreich so zivilisiert und aufgeschlossen…

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