Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Tilman Rammstedt - Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters (c)

»Das ist Literatur, wie sie im Buche steht«

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
wie geht es Ihnen?
Ich kann mir vorstellen, dass Sie zurzeit allerhand zu tun haben (Vorsätze fürs neue Jahr umsetzen, Lesungstermine wahrnehmen, erste Ideen für den nächsten Roman festhalten). Dennoch möchte ich Sie bitten, mir für ein kurzes Gespräch zu Ihrem aktuellen Roman Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters zur Verfügung zu stehen. Gerne komme ich Sie in Berlin besuchen, ich halte mich ohnehin regelmäßig dort auf.
Ich freue mich auf Ihre Nachricht.
Mit besten Grüßen,
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
geht es Ihnen gut?
Nächste Woche habe ich geschäftlich in der Hauptstadt zu tun, meinen Sie, ein Treffen wäre möglich? Gerne auch im Anschluss an die Lesung im Roten Salon, die ich mir natürlich nicht entgehen lassen werde.
Mit besten Grüßen,
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
ich wäre nun da. Und Sie?
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
ich befinde mich auf der Rückfahrt nach Frankfurt. Zwar halte ich nun das von Ihnen signierte Buch in der Hand, mit Ihnen unterhalten habe ich mich aber immer noch nicht.
Schade, dass Sie auf meine Nachrichten nicht reagiert haben. Ich kann ja verstehen, dass Sie viel um die Ohren haben, aber ich würde die Buchbesprechung samt Interview doch gerne so bald wie möglich veröffentlichen, immerhin ist Ihr Buch bereits seit einigen Tagen auf dem Markt.
Im Roten Salon habe ich mehrmals versucht, mich Ihnen anzunähern, aber Sie waren ja dauernd von Leuten umgeben (Verleger, Freunde, Leserinnen), da wollte ich mich nicht auch noch aufdrängen. Also habe ich mich damit begnügt, Ihnen mein Exemplar der Abenteuer und einen Kugelschreiber unter die Nase zu halten und Ihnen – während Sie sich bemühten, meinen Namen richtig zu schreiben – zu sagen, wie großartig Sie gelesen haben.
Aber glauben Sie nicht, dass Sie damit um das Gespräch herumkommen. Ohne Interview keine Buchbesprechung. Außerdem haben Sie doch in dem höchst amüsanten Gespräch mit Herrn Lendle bewiesen, dass Sie’s können. Also bitte keine falsche Scham.
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
einige meiner bloggenden Kollegen haben bereits Rezensionen zu Ihrem Roman veröffentlicht (hier zum Beispiel), und ich hinke wie immer hinterher, aber diesmal liegt es wirklich nicht an mir. Sie sollten das am besten wissen.
Dabei wäre es doch so einfach. Ich käme Sie in Ihrer Berliner Wohnung besuchen und Sie würden mir einen Tee kochen (Kaffee nur, wenn es früh am Morgen wäre, aber ich denke, es wäre in unser beider Sinne, wenn wir uns nachmittags träfen), und dann würde ich Ihnen die üblichen Fragen stellen (Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Gibt es für den Bankberater ein reales Vorbild? Wie ist Ihr Verhältnis zu Bruce Willis und seinen Rollen?), und Sie würden mir Antworten geben, die genauso geistreich sind wie der Roman selbst oder wie der Buchtrailer, dessen Weltpremiere ich in Berlin ja miterleben durfte. Wenn es Ihnen unangenehm wäre, mich in Ihrer Wohnung in Empfang zu nehmen, weil Sie Bücher im Regal stehen haben, für die Sie sich schämen, oder weil Sie ein unordentlicher Mensch sind, oder wenn Sie generell keine Fremden reinlassen, dann könnten wir uns natürlich ebenso gut in einem Café treffen, Berlin hat ja diesbezüglich genügend zu bieten.
Geben Sie sich einen Ruck, Herr Rammstedt, es kostet Sie maximal zwei Stunden Ihres Lebens – drei, wenn wir uns entschließen würden, essen zu gehen.
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass Sie keine Zeit finden, um mir zu antworten. Sie wollen nicht. Ein Jammer. Dabei geschieht all das doch in Ihrem Interesse. Aber gut, ich kann Sie zu nichts zwingen.
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
und ob ich kann! Wie Sie Bruce Willis ohne dessen Einverständnis in Ihren Roman eingebaut haben, kann ich Sie in meine Besprechung einbauen. Ob Sie wollen oder nicht.
Ob Sie wollen oder nicht, sitzen wir jetzt im Café Lass uns Freunde bleiben in Mitte, zwischen uns unsere Heißgetränke, eine Schachtel Zigaretten (rauchen Sie?), Block und Bleistift sowie ein aufgeschlagenes Exemplar Ihres Romans, in dem es ziemlich wüst aussieht. Als ich Ihren skeptischen, fast entsetzten Blick bemerke, erkläre ich Ihnen, dass ich mir die besten Stellen anstreichen wollte, wie ich es immer tue, dass es aber in den Abenteuern meines ehemaligen Bankberaters nur beste Stellen gibt, weshalb ich mir gleich das ganze Buch angestrichen habe.
Kaum habe ich diesen Satz ausgesprochen, legt sich auf Ihr Gesicht so etwas wie ein Grinsen, und für einen kurzen Augenblick vergessen Sie Ihre Verdrießlichkeit, die dieses Gespräch und dieser Ort in Ihnen auslösen. Sie erkennen den Satz natürlich wieder, er stammt ja aus dem Trailer zu Ihrem Buch, der, nebenbei bemerkt, ein filmisches Meisterwerk ist, raffiniert, subtil im Witz und mit einer ungeheuer intensiven Bildsprache.

Vor allem aber zeichnet sich der Trailer durch seine Fähigkeit, das Wesentliche zu erfassen, aus. Als Sie mich fragend anschauen, aber weiterhin trotzig schweigen (nicht einmal zu einer Begrüßungsfloskel ließen Sie sich herab, als Sie mit zwanzigminütiger Verspätung das Café betraten und an meinen Tisch kamen; seither habe ich höchstens mal ein Brummen von Ihrer Seite vernommen, das wohl so etwas bedeuten soll wie: »Jaja, nun machen Sie schon, ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen«) – als Sie mich also fragend anschauen, erläutere ich, dass der Film, obgleich er satirisch gemeint ist, im Grunde bereits alles über das Buch sagt, was es zu sagen gibt: Als »unglaublich komisch« und »überaus klug«, als »rasant« und »poetisch« werden Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters da bezeichnet – dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. »Sie nehmen den Literaturkritikern ja ihre Arbeit ab«, sage ich und lache herzlich, verschlucke mich dann aber, als ich Ihren finsteren Blick sehe. Und weil Sie noch immer nichts anderes von sich geben als ein Brummen, fahre ich einfach fort mit meinem Monolog, dabei sind Sie doch der Letzte, dem ich etwas über Ihr Buch erzählen muss.
Während ich immer fester das Teeglas vor mir umklammere und hoffe, dass Sie mir mein wachsendes Unbehagen nicht anmerken (aber Sie schauen nun ohnehin unbeteiligt aus dem Fenster), rede ich über die Mails, die einer der drei Protagonisten, ein gewisser Autor namens Tilman Rammstedt, an Bruce Willis schreibt, um ihn für eine Rolle in seinem neuen Roman zu gewinnen. Denn Bruce Willis ist bekanntlich, zumindest in Hollywood, der Mann für brenzlige Situationen, und in eine solche ist der Bankberater des Autors geraten, oder genauer gesagt: der ehemalige Bankberater, denn in dem Moment, als er zur Waffe greift und die Bank, in der er selbst angestellt ist, überfällt, lässt er sein tristes Bankberaterdasein hinter sich – allerdings ohne zu wissen, was nun folgen wird.
»Er selbst«, lese ich nun laut aus Ihrem Buch vor, als müsste ich meine These belegen, »hatte mit dem Banküberfall ganz sicher nicht gerechnet, sonst wäre er doch besser vorbereitet gewesen, sonst hätte er sich doch Gedanken darüber gemacht, wie es danach weitergehen solle, wie er aus der Bank wieder herauskäme.« Da steht er also nun, der ehemalige Bankberater, die Waffe in der einen Hand und ein Bündel Geldscheine in der anderen, erstaunt und auch gespannt, was nun geschehen würde. Hinter ihm sein Kunde, Tilman Rammstedt, der ahnt, dass der Bankberater aus dieser Nummer nicht alleine herauskommen wird. Dabei handelt sein aktuelles Romanprojekt doch ausgerechnet von ihm, dem Bankberater, und nun droht er alle Pläne zunichtezumachen, indem er ins Gefängnis wandert oder – schlimmer noch – sich von den Polizisten, die inzwischen das Gebäude umstellt haben, erschießen lässt.
Also muss Bruce Willis her, der aus jeder noch so ausweglosen Lage einen Ausweg findet und schon etliche Welten gerettet hat. Nur: Bruce Willis reagiert nicht auf Tilman Rammstedts Mails, nicht einmal mit einem simplen »Nein, danke« oder einem »Lassen Sie mich zufrieden, Sie Quälgeist!«. Zunächst zeigt sich der Autor verständnisvoll, immerhin hat es Bruce Willis – will man den in den Arztpraxen ausliegenden Klatschmagazinen Glauben schenken – zurzeit nicht leicht. Rammstedts Mitgefühl schlägt jedoch schnell in Empörung um, sodass er Bruce Willis trotz oder gerade wegen dessen anhaltenden Schweigens schließlich doch in den Roman reinschreibt.
Ich hole Luft, warte, ob Sie etwas zu meiner Analyse beitragen oder mir wenigstens widersprechen wollen, doch Ihr Gesichtsausdruck ist eindeutig, und auch Ihr Blick, der in immer kürzeren Abständen auf Ihre Armbanduhr fällt (tragen Sie überhaupt eine Armbanduhr?), sagt mir, dass Sie sich in keiner Form an dem Gespräch beteiligen möchten, auch nicht mit Ihrer körperlichen Anwesenheit. »Dass diese Trotzreaktion«, fahre ich also fort, noch ehe Sie sich zum Gehen entschließen können, »dem Autor kein Stück weiterhilft und dass im Gegenteil das ›glückliche Ende‹, das er für seinen Protagonisten vorgesehen hatte, in unerreichbare Ferne zu rücken scheint, muss Rammstedt noch im selben Moment feststellen.«
Denn so wie Bruce Willis sich weigert, auf die Mails zu reagieren, so weigert er sich nun auch, in die ihm aufgelegte Rolle zu schlüpfen, und starrt stattdessen nur teilnahmslos auf die Waffe in seiner Hand. Jetzt liegt es an Rammstedt selbst, seinen Protagonisten vor dem Unglück zu bewahren: Er nutzt die Verwirrung, die durch den Zugriff der Polizei entsteht, flieht mit ihm aus der Bank und in einen nahe gelegenen Wald. Doch auch dort kann er Bruce Willis nicht aus seiner Lethargie herausreißen – nicht, als es darum geht, ein Feuer für die Nacht zu entfachen, und auch nicht, als in der Ferne Hundegebell zu hören ist und die beiden ihre Flucht erneut aufnehmen müssen. Es ist also nur verständlich, dass Rammstedt einen Augenblick lang überlegt, den Roman kurzerhand in Das dumpfe Schweigen meines fehlbesetzten Bankberaters umzubenennen.
Diese Mails, in denen er Bruce Willis über den Fortgang der Geschichte informiert, zeichnen sich nicht nur durch ihre Rasanz und ihre wunderbar absurde Komik aus, die mich etliche Male laut auflachen ließ, sondern auch durch ihr raffiniertes Spiel mit den Realitätsebenen. Kurz vergessen Sie Ihre Gleichgültigkeit und Mürrischkeit, Herr Rammstedt: Sie können nicht verleugnen, dass Sie geschmeichelt sind, als ich Ihr Buch mit Wolf Haas’ metafiktivem und (auto)ironischem Wetter vor 15 Jahren vergleiche, indem ich auf die Passagen verweise, in denen Sie die Mechanismen der Literaturbranche auf die Schippe nehmen (etwa auf den Running Gag mit der Katze, die vom Verlag als verkaufsfördernde Maßnahme aufs Cover gesetzt wird, obwohl es doch gar keine Katze in der Geschichte gibt, lediglich einen Hund – der aber selbst dann noch weitergeschleppt wird, als er längst tot ist, immerhin »ist er die größte Annäherung an eine Katze, die uns bislang begegnet ist, und wir können uns gerade nicht leisten, besonders wählerisch zu sein«).
Gerade will ich zu meiner ersten Frage ansetzen (Haben Sie schon Anrufe unter der Handynummer erhalten, die Rammstedt in einer seiner Mails angibt? Handelt es sich dabei überhaupt um Ihre wahre Nummer oder gehe ich hier mit der Gleichsetzung von Autor und Figur zu weit?), da heben Sie Ihren rechten Zeigefinger hoch und schwenken ihn vor meiner Nase hin und her. Dann deuten Sie mit dem Kopf in Richtung Toiletten, stehen auf und verlassen, ohne ein Wort zu sagen, den Tisch. Ich mache meinen Mund wieder zu und schaue auf meinen Notizblock, der immer noch genauso weiß ist wie am Anfang unseres Gesprächs. Aber ich bin mir sicher, dass Sie, während Sie fort sind, endlich den Sinn dieses Treffens erkennen werden. Dass Sie, wenn Sie an unseren Tisch zurückkehren, nicht mehr derselbe sein und mich mit Erläuterungen, Bekenntnissen, Zweifeln förmlich überhäufen werden.
Sie schaffen das, Herr Rammstedt, ich glaube an Sie.
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Rammstedt,
seit fünf Minuten rühre ich nun schon sinnlos mit dem Löffel in meinem Teeglas herum, was treiben Sie da drin nur? Sie sind doch nicht etwa durch das Fenster über den Hinterhof geflüchtet? Hat die Toilette dieses Cafés überhaupt ein Fenster, das in den Hinterhof geht?
Kommen Sie zurück, Herr Rammstedt. Jetzt wäre der richtige Augenblick. Genau jetzt.
Kommen Sie zurück und zeigen Sie mir, dass Sie ein angenehmer, charmanter Gesprächspartner sind. Das ist die letzte Gelegenheit.
Und tatsächlich: Sie kommen zurück. Doch sobald Sie die Augen auf mich richten und sehen, wie ich Ihnen erwartungsvoll und mit einem (vermutlich) debilen Lächeln im Gesicht entgegenblicke, stöhnen Sie so laut, dass es auch in fünf Meter Entfernung noch deutlich zu hören ist. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck setzen Sie sich auf Ihren Stuhl beziehungsweise auf dessen Kante, so als wollten Sie jeden Moment aufspringen und verschwinden. Das darf ich auf keinen Fall zulassen, denke ich und will Ihnen mit einer klugen Beobachtung zur Figur des Bankberaters imponieren, verhaspele mich jedoch mehrmals und greife deshalb zum Buch, um daraus zu zitieren, auch wenn ich nicht weiß, was das noch bringen soll.
»Mein ehemaliger Bankberater«, lese ich vor, »hatte ein feines Gespür für Abwesenheiten. ›Heute regnet es sehr stark nicht‹, konnte er zum Beispiel unvermittelt feststellen oder: ›Die Leere dieses Bierglases ist zu groß‹ oder auch: ›Ich erinnere mich genau an all das, was ich jemals vergessen habe‹, obwohl ich dabei vermute, dass es aus irgendeinem Lied stammte und mein ehemaliger Bankberater nur fand, dass es gut klang. ›Aber mal im Ernst‹, sagte er dann immer. ›Es gibt viel mehr nicht, als es gibt.‹ ›Denken Sie mal drüber nach‹, fügte er noch hinzu, und das machte ich tatsächlich, kam aber nie sehr weit.«
Die Briefe an Bruce Willis wechseln sich mit Kürzesttexten wie diesem ab, die häufig nur wenige Sätze, nie mehr als eine halbe Seite umfassen. Von »Miniaturen« sprachen Sie in Ihrem Gespräch mit Herrn Lendle im Roten Salon: von kleinen Bildern, in denen Sie ein Höchstmaß an Melancholie ausdrücken wollten. Diese »leisen, fast zärtlichen Passagen«, wie es im Buchtrailer heißt, bilden ein Gegengewicht zu den rasanten und bisweilen überzogenen »Abenteuern« des Bankberaters: Sie erzählen keine kohärente Geschichte, folgen keinem roten Faden; vielmehr sind es Momentaufnahmen, die die ganze Tristesse des Bankberaterdaseins einfangen. »Ob ich mal was Interessantes hören wolle, fragte mich mein ehemaliger Bankberater auf unserer Fahrradtour im Juni. ›Ja‹, sagte ich. ›Ich auch‹, sagte er. Dann radelten wir weiter, mein ehemaliger Bankberater, die Hoffnung und ich.«
Das Besondere an Ihren Romanen, Herr Rammstedt, ist diese Verknüpfung von Melancholie und geistreichem Witz, von poetischer Stille und herrlichen Skurrilitäten. Wie schon Der Kaiser von China haben mich Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters einerseits bestens unterhalten (und das will etwas heißen, denn unterhaltsame Bücher reizen mich sonst eher weniger) und andererseits tief berührt. Das ist Literatur, wie sie im Buche steht! Aber das muss ich Ihnen ja nicht erzählen.
Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass ich nun schon seit einer knappen Stunde über die Brillanz Ihres Werkes referiere und dass es wohl an der Zeit wäre, meine erste Frage zu stellen. Einen Moment lang überlege ich, wie ich am besten beginne – ein Fehler, denn kaum schließe ich die Augen, erheben Sie sich schweigend von Ihrem Stuhl, werfen Sich Ihren Mantel über und verlassen unseren Tisch, ohne Ihr Getränk auch nur angerührt zu haben. »Ich will nie wieder ein anderes Buch als dieses lesen«, rufe ich Ihnen noch hinterher und wedele mit den Abenteuern meines ehemaligen Bankberaters, in der Hoffnung, Sie zum Umkehren zu bewegen, doch da sind Sie längst zur Straße hinausgetreten und haben den Kragen Ihres Mantels hochgeschlagen, als könnten Sie auf diese Weise jedes weitere Wort von mir von Ihren Ohren fernhalten.
»Scheiß aufs glückliche Ende«, sage ich, als Sie schon fast außer Sichtweite sind.
Ihre
caterina

Sehr geehrter Herr Haas, sehr geehrter Herr Setz, sehr geehrte Frau Hoppe,
zunächst einmal: Verzeihen Sie bitte diese Sammelmail.
Wie geht es Ihnen?
Haben Sie bereits Tilman Rammstedts neuen Roman Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters gelesen? Falls ja, dürfte ich Sie vielleicht um einen kurzen Kommentar dazu bitten? Ich würde Sie dann in meiner Rezension, die auf den SchönenSeiten erscheinen wird, zitieren.
Mit besten Grüßen,
caterina

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. DuMont, Köln 2012, 155 Seiten.

33 Gedanken zu “Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

  1. Eine großartige Besprechung, liebe Caterina! Chapeau! 🙂 Ich habe es immer noch nicht geschafft, meine eigenen Gedanken zu Papier zu bringen, hatte aber eine ähnliche Idee wie du – wenn ich sie auch längst nicht gut umgesetzt hätte. 😉

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  2. Super gemacht. Ich war ja ein bisschen enttäuscht von dem Buch. Nachdem ‚Der Kaiser von China‘ so gut war. Aber immerhin: ein Briefroman der etwas anderen Art. Was sagt Herr Rammstedt?

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    1. Was Herr Rammstedt dazu sagt, siehst du ja nun selbst.

      In meiner persönlichen Rangliste habe ich die Abenteuer sogar noch etwas höher eingestuft als den Kaiser, aber ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich auf der besagten Lesung war und noch in derselben Nacht – in einem Taumel der völligen Euphorie (über den Trailer, über das Gespräch Lendle/Rammstedt, über die gelesenen Passagen) – das Buch durchgelesen habe. Sicher wäre es mir auch mit dem Kaiser so gegangen, inhaltlich und sprachlich ist es ebenso überzeugend.

      Was war es denn, was dich denn an den Abenteuern enttäuscht hat?

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      1. Die Lesung macht sicherlich was aus. Ich war auf einer zum Kaiser 😉
        Wahrscheinlich bin ich mir nicht ganz sicher, ob er wirklich keinen Plan hatte, was er schreiben soll, oder ob das von Anfang an so geplant war.
        Ab der Hälfte fand ich es dann auch recht gut, aber anfangs hat mich das irgendwie nur genervt. Dachte immer, jetzt könnte ja dann mal die Handlung beginnen.
        Offensichtlich brauchte ich einfach nur Zeit, um mich in das Konstrukt rein zu finden.
        Der Kaiser hingegen ist ja schon eher ein klassischer Roman.

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      2. Na ja, als „klassisch“ würde ich auch den Kaiser nicht bezeichnen: einerseits die Briefe, die eine Geschichte erzählen, während in Wirklichkeit etwas ganz anderes passiert; und andererseits die – nennen wir es – „Wirklichkeitsausschnitte“, in denen (im Gegensatz zu den Briefen) keine kohärente Handlung erzählt wird, sondern nur Fragmente einer Handlung, die sich abwechseln mit Erinnerungen an die Vergangenheit. Hier deutet sich bereits die ungewöhnliche Form an, die dann in den Abenteuern auf die Spitze getrieben wird.

        Ich gebe dir aber Recht darin, dass die Handlung im aktuellen Roman ziemlich spät einsetzt – was mich allerdings nicht im Geringsten gestört hat, da ich die Bankberaterminiaturen so großartig fand. Gerade am Anfang sind sie besonders stark, irgendwann „gewöhnt“ man sich an sie, man versteht ihr Prinzip (auch wenn sie nichts an ihrer Poesie einbüßen). Und während man sich an diese Miniaturen gewöhnt, nimmt die Handlung an Fahrt auf. Für mich fand da eine Art Umkehrung, eine Gewichtverschiebung statt: In der ersten Hälfte besticht und überzeugt das Buch vor allem durch die Miniaturen, in der zweiten Hälfte durch die rasante Geschichte, in der die Miniaturen wie eine Art angenehmes Hintergrundrauschen daherkommen. Mir hat dieser Kontrast zwischen stiller Melancholie und absurder Action unglaublich gut gefallen, am Anfang ist man berührt von den poetischen Fragmenten, danach wird man fast sogartig hineingezogen in die Geschichte. Eine gelungene Mischung, wie ich finde. Aber ich kann nachvollziehen, dass genau das manch einen Leser nicht überzeugen kann.

        Hast du die anderen beiden Bücher von Rammstedt schon gelesen? Ich habe sie noch vor mir und freue mich schon jetzt sehr darauf.

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  3. Sehr geehrte caterina,

    bitte verzeihen Sie meine späte Antwort. Die letzten Wochen hatte ich meistens übertrieben schlechte Laune (schleppende Buchverkäufe, innere Unruhe auf Lesereisen, allgemeine Zweifel am Lebensentwurf), und wenn ich dann doch einmal gut gelaunt war, schaute ich mir lieber Schneeflocken an oder trank alles außer Tee in Bars mit L am Anfang („Lass uns Freunde bleiben“, „Liebling“, „Luxus“) anstatt Mails zu beantworten, die mich ohnehin nicht erreichten. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.
    Und jetzt sitze ich in einem Zug ohne L am Anfang irgendwo zwischen Frankfurt und Mannheim und die Laune ist irgendwo zwischen gut und schlecht, also ideal für das Beantworten aller Fragen, aber wie Sie ja selbst im Laufe Ihres einseitigen Mailverkehrs gemerkt haben: Es geht nicht um Fragen. Es geht noch nicht einmal um Antworten. Und schon gar nicht geht es um irgendwelche glücklichen Enden. Es geht ums Durchmogeln. Darum geht es immer, nur darum geht es immer. Und dabei macht Ihnen allem Anschein nach niemand etwas so schnell vor. Alles Gute wünsche ich Ihnen.
    Ihr
    Tilman Rammstedt
    P.S.: Vielen Dank für die Rezension. Ich lächele, und ich lächele bekanntlich nie.

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    1. Sehr geehrter Herr Rammstedt,
      ich freue mich, dass meine Nachrichten nun doch noch zu Ihnen durchgedrungen sind und dass Sie offenbar gar nicht so wortkarg und distanziert sind, wie es mir meine Fantasie hat einreden wollen. Im Nachhinein habe ich gesehen, dass ich beim Eingeben Ihrer Mailadresse Ihren Vornamen zwar mit nur einem L, aber mit zwei N geschrieben hatte – und das, obwohl Sie in Ihrem Buch ausdrücklich auf die korrekte Schreibweise hinweisen. Die Schuld liegt also eindeutig bei mir und nicht bei Ihnen. Verzeihung!
      Und entschuldigen möchte ich mich auch für meine späte Rückmeldung – jetzt, wo Sie sich doch schon einmal die Zeit genommen haben, mir zu antworten. Leider war ich in den letzten Tagen berufsbedingt, aber auch privat sehr eingespannt (Lesung mit Clemens J. Setz [der im Übrigen noch nicht auf meine Sammelmail geantwortet hat, aber ich mochte ihn bei der Veranstaltung nicht darauf ansprechen – gleiches Spiel wie mit Ihnen, Sie kennen das], Song Slam im Frankfurter Zoom Club [meiden Sie Clubs mit Z am Anfang?], Dienstreise nach München).
      Natürlich könnte ich jetzt die Gelegenheit nutzen, Sie mit meinen Fragen zu überhäufen. Aber wie Sie schon ganz richtig bemerkt haben, geht es letzten Endes nicht um die Fragen, ja nicht einmal um die Antworten. Höchstens um die Antworten, die ich in Ihrem Roman für mich selbst gefunden habe (zum Beispiel auf die Frage, ob ich meinen etwas desillusioniert wirkenden Bankberater demnächst mal auf einen Kaffee – nicht „to go“ – einladen sollte). Darum werde ich an dieser Stelle auf die Fragen verzichten und stattdessen einfach nur Danke sagen: dafür, dass Sie mich mit Ihren Worten zum Lachen gebracht haben – und ich lache bekanntlich nie.
      Passen Sie auf sich auf.
      Ihre
      caterina

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  4. Für deine Beiträge muss ich mir immer erstmal eine halbe Stunde Zeit frei schaufeln 😉 Aber es hat sich auch dieses Mal gelohnt. C´est genial!
    Nachdem sich Herr Rammstedt ja nun doch noch gemeldet hat, bin ich gespannt wer auf deine Sammelmail antwortet…
    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    p.s. Wirst du Indigo ähnlich präsentieren? Aber bitte in Frakturschrift 😉

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    1. Ich gebe zu, diesmal habe ich wirklich über die Stränge geschlagen. Sonst beschränke ich mich immer auf fünf, maximal sechs handliche Absätze. Fast immer.

      Eine Indigo-Rezension in Reizwäscheschrift – das ist tatsächlich eine Überlegung wert. Aber bevor ich mir Gedanken darüber mache, muss ich es erst einmal lesen. Wer weiß, wozu es mich inspiriert. Und auch wenn meine Besprechung dann doch ganz gewöhnlich ausfallen wird: Fakt ist, dass Clemens J. Setz ungemein inspirierend ist, sowohl schriftlich als auch mündlich. Ich freue mich schon sehr auf deinen Lesungsbericht!

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  5. Habt Dank, meine Lieben, für die Lobhudelei. Das Kompliment geht natürlich in erster Linie an Herrn Rammstedt selbst, dessen ungewöhnliches Buch mich erst zu dieser ungewöhnlichen Rezension inspiriert hat. Und fast schäme ich mich dafür, mit diesem elendig langen Text eine halbe Stunde eurer Lebens- und Lesezeit beansprucht zu haben, die ihr stattdessen für die Lektüre der Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters hättet nutzen können. Jetzt aber los!

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  6. Liebe Caterina,
    habe soeben (erst, mh, hach) die wundervolle Rezension hier entdeckt. Vielen Dank für diese ebenso kluge wie unterhaltsame Buch- und (im doppelten Sinn) Autorbesprechung.
    Als ich den „Bankberater“-Roman im November gelesen habe, habe ich sofort die darin angegebene Telefonnummer gewählt. Herr Rammstedt war gleich am Apparat. Ich fragte, mit wem ich denn
    spräche, dem Autor oder dem Erzähler? Herr Rammstedt sagte, das könne ich mir aussuchen. Ich habe dann noch ein wenig mal mit diesem, mal mit jenem gesprochen, und dann haben wir alle drei aufgelegt. Ich hatte rote Wangen. Was drüben in Berlin los war, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dort lacht man nicht ungern.
    Kurz darauf habe ich dann meine Rezension geschrieben: http://www.walk-the-lines.de/2012/11/14/brockmann-lehrt-wie-man-tilman-rammstedt-erh%C3%B6rt/
    Ja, und nun müssen wir wieder Jahre warten bis zum nächsten Kaiser – Bankberater – ???
    Ich glaube, ich kukke jetzt erstmal in den neuen Roman von Jochen Schmidt.
    Herzliche Grüße
    Doris Brockmann

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    1. Liebe Doris,
      vielen Dank für deinen Besuch und den Hinweis auf Bruce Willis‘ Antwort an Tilman Rammstedt: höchst amüsant!
      Und dass die Telefonnummer tatsächlich seine ist und dass jeder Leser nett mit ihm plaudern kann, wenn man möchte, finde ich großartig. Hier darf man endlich mal das tun, was einem in den literaturtheoretichen Seminaren an der Uni immer ausgeredet wird: Erzähler und Autor, Text und Wirklichkeit gleichsetzen. Sehr schön! Da hüpft das Literaturwissenschaftlerherz.

      Liebe Grüße,
      caterina

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      1. Liebe Caterina,
        ob das mit der Telefonnummer immer noch funktioniert, weiß ich nicht. Der oder die Tilman Rammstedt(s) sagte(n), wenn es zuviel würde müsste(n) er oder sie sich eine neue Telefonnummer zulegen. Du könntest es ja mal testen. Hihi.
        Liebe Grüße
        Doris
        (die unter ihrem richtigen Namen übrigens auch twittert – und was ist mit Frau caterina?)

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      2. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele Leute tatsächlich diese Nummer gewählt haben. Ein gewagtes Unterfangen, seine Daten preiszugeben, aber was tut man nicht alles für die Kunst. Ich selbst werde es wohl nicht mehr versuchen – der richtige Zeitpunkt ist einfach vorüber, das Spiel hätte jetzt seinen Reiz verloren – und mich stattdessen an dem kurzen schriftlichen Austausch mit Herrn Rammstedt erfreuen.

        „Caterina“ ist zwar mein richtiger Name, auf Twitter findet man mich darunter jedoch nicht, weil man mich generell nicht auf Twitter findet. Der Reiz dieses Netzwerkes bleibt mir bis heute verborgen – wohl, weil es mir selbst schwerfällt, mich kurz zu fassen, ich hätte nichts zu sagen, was in 140 Zeichen passt.

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