Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China

Tilman Rammstedt - Der Kaiser von China (c)

»Viele Grüße aus dem Westerwald Schanghai«

Wer meiner Facebook-Seite folgt, wird bemerkt haben, dass Tilman Rammstedt derzeit sehr präsent ist in meinem Leben als Leserin. Der Autor war mir bis vor kurzem kein Begriff, nun habe ich gleich zwei seiner Bücher gelesen: zunächst Der Kaiser von China (2008), den mir eine Freundin in die Hand drückte, und wenige Tage später sein neuestes Werk, Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters, weil ich zufällig in der Stadt war, als Rammstedt Ende November im Roten Salon der Berliner Volksbühne daraus las, und ich nicht umhinkam, es mir auf der Stelle zu kaufen. Auch seine ersten beiden Romane, Erledigungen vor der Feier (2003) und Wir bleiben in der Nähe (2005), wurden sogleich angeschafft, denn eines steht fest: Tilman Rammstedt ist für mich eine der großen literarischen Entdeckungen des vergangenen Jahres.

In Der Kaiser von China erzählt Tilman Rammstedt die Geschichte eines alten Mannes, der, bevor er stirbt, eine letzte große Reise antreten will, und zwar ausgerechnet nach China: Er erzählt diese Geschichte aus der Sicht des Enkels Keith, der seinen Großvater von dem aberwitzigen Vorhaben abzuhalten versucht (»Mein Gott, du warst noch nicht einmal in Österreich«) und ihn – aus Trotz und entgegen der Abmachung mit seinen Geschwistern – alleine aufbrechen lässt. Und so setzt sich der Großvater, der schon etwas senil ist, in den Kopf, die achttausend Kilometer mit seinem nicht mehr ganz tüchtigen Auto zurückzulegen, ohne Dokumente und ohne die geringste Ahnung, wo es langgeht. Weit kommt er nicht: Er stirbt an einem Herzinfarkt, da hat er noch nicht einmal den deutschen Boden verlassen.

Um sich nicht rechtfertigen zu müssen, weil er den alten Mann sich selbst überlassen hat, aber auch um sich nicht mit dessen Tod auseinandersetzen zu müssen, versteckt sich Keith einige Tage lang, schiebt den Besuch im Leichenschauhaus vor sich her und schreibt stattdessen Briefe an seine Geschwister. Briefe aus China wohlgemerkt, in denen er von der Reise mit dem Großvater erzählt, auf die er sich nie begeben hat. Von Etappe zu Etappe, von Brief zu Brief mutet der erfundene Trip immer absurder an – doch keineswegs absurder, als es das tatsächliche Leben des Großvaters war. In Keiths Fantasie reisen sie der Erinnerung an eine übergewichtige chinesische Zirkuskünstlerin, die der Alte einst liebte, nach; vor allem aber überwinden die beiden Männer ihr gegenseitiges Misstrauen – was sich wiederum auf die Realität, auf Keiths Umgang mit dem Tod, auswirkt.

Die Briefe schieben sich zwischen längere Passagen, in denen Keith das liebevolle Porträt eines kauzigen Mannes und einer ganz und gar ungewöhnlichen Familie zeichnet, in der es einen Großvater, wechselnde »Großmütter« und fünf vermeintliche Geschwister, aber keine Eltern gibt. Der Großvater mit seinem schrulligen Wesen und seinem eigensinnigen Konzept von Familienleben dominiert auf wundervolle Weise diesen Roman, doch auch von der Geschichte des Ich-Erzählers bin ich hingerissen – von seiner Weigerung, an den Tod des Großvaters zu glauben, seiner Annäherung an die Frau, die eben noch seine »Großmutter« war, dem Prozess des Erwachsenwerdens, den er parallel zur fingierten Chinareise durchläuft. Ein überaus geistreiches Buch mit einer feinsinnigen Sprache und Bildern voller Komik, aber auch voller Melancholie.

Früher, als es noch Großmütter gab, manche im passenden Alter, manche nur wenige Jahre älter als wir, hatten sie ihn, eine nach der anderen und in fast identischen Worten, immer wieder dazu aufgefordert, doch in aller Herrgottsnamen endlich einmal etwas fertig zu machen, die Steuererklärung, die seit Jahren unbeabsichtigt zweifarbige Pergola, das Puzzle auf dem Wohnzimmertisch, das uns schon gar nicht mehr auffiel, oder zumindest den Namen für die Katze. »Friedrich oder Vincent« steht bis heute auf ihrem Holzkreuz im Garten.
Mein Großvater nickte dann stets einsichtig, sortierte ein paar Quittungen oder legte einen Puzzlestein an, dann suchte er sich schnell eine neue Aufgabe, die verkalkte Kaffeemaschine, das verhedderte Telefonkabel, Glückwunschkarten für noch längst nicht nahende Geburtstage, irgendetwas, von dem er behaupten konnte, dass es nun wirklich dringender sei.
Und weil mein Großvater natürlich auch diese neuen Tätigkeiten nicht zu Ende führte und sich als Ausrede dafür noch neuere suchen musste, bestand das ganze Haus, das ganze Leben meines Großvaters aus Anfängen, überall stieß man auf aufgeschlagene Bücher, auf angebissene Brötchen, einzelne Schuhe, hörte Geschichten, die mitten im Satz, mitten im Wort abbrachen, immer noch standen die Namen fast aller vergangener Großmütter auf unserem Briefkasten, und manchmal, wenn er angekündigt hatte, jetzt schlafen zu gehen, traf man ihn eine halbe Stunde später mitten im Flur stehend an. »Ich bin auf dem Weg«, sagte er dann schnell.

Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China. DuMont, Köln 2008, 192 Seiten.

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12 Kommentare zu „Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China

  1. Liebe Caterina,
    herzlichen Dank für die schöne Besprechung. Ich habe Tilman Rammstedt auch mithilfe seines wunderbaren Romans „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ für mich entdeckt im letzten Jahr (nur die Rezension muss noch geschrieben werden). „Der Kaiser von China“ ist dank deiner Besprechung sofort auf meine Wunschliste gewandert. Ich finde bei Rammstedt vor allem die Mischung aus Witz und Melancholie fantastisch.
    Mal schauen, wer den Bankberater von uns zuerst rezensieren wird. 🙂
    Viele Grüße
    Mara

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    1. Liebe Mara,
      Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters fand ich noch irrwitziger, noch verrückter und noch unterhaltsamer, aber mit dem Kaiser von China haben sie auf jeden Fall diese wunderbare Verknüpfung von Humor und melancholischer Stille gemein. Auch mir gefällt gerade diese Mischung an Rammstedts Büchern am besten.
      Die Rezension zum Bankberater will ich am Wochenende schreiben, aber du kennst ja meine Langsamkeit :). Ich gebe mir Mühe, zumal ja meine Leser auf Platz 2 meiner Jahres-Charts 2012 warten 😉 (ganz zu schweigen von Platz 1).

      Sei lieb gegrüßt,
      caterina

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  2. Liebe Caterina

    Das Buch klingt verlockend. Vor einigen Jahren habe ich „Wir bleiben in der Nähe“ von Tilman Rammstedt gelesen, das mir damals gut gefallen hat. Aber eine Frage hätte ich da noch: Schickt Keith die Briefe an seine Familie ab? Wenn er gar nicht in China war, muss der Schwindel doch ziemlich schnell auffliegen, oder etwa nicht?

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    1. Auf Wir bleiben in der Nähe (und Erledigungen vor der Feier) freue ich mich schon sehr. Wenn diese beiden ersten Romane nur annähernd so gut sind wie die anderen beiden, werde ich mich schon wunderbar unterhalten fühlen.

      Die Briefe schickt Keith in der Tat nicht ab. In den ersten behauptet er noch, es sei einfach nicht möglich (zuerst findet er keine Post, und als er sie doch findet, versteht ihn niemand dort), später spricht er es nicht mehr an. Darum weiß ich auch gar nicht, was letztendlich mit den Briefen passiert ist, vermutlich hat er sie (in seiner Fantasie) von seiner Reise mit nach Hause gebraucht. Vielleicht habe ich es auch einfach überlesen.

      Aber ich glaube, das ist auch gar nicht wichtig. Denn irgendwann geht es nicht mehr um seine Geschwister, denen er etwas vormachen will: Es geht um die Annäherung an seinen Großvater, die über diese Briefe geschieht. Er schreibt sie also nicht mehr so sehr für die anderen, sondern vielmehr für sich selbst; auf diese Art und Weise verabschiedet er sich vom Großvater.

      Und wenn man das Ende liest, versteht man auch, dass es schon längst nicht mehr um die Briefe, um die Lüge gegenüber den Geschwistern geht. Da stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob all das – diese ganze Geschichte – nicht auffliegen könnte.

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  3. Hallo Caterina,

    noch verspätet ein frohes neues Jahr!
    „Der Kaiser von China“ ist eines der Bücher, bei denen ich mich noch sehr genau erinnern kann, wann und wo ich es gelesen habe (okay, es ist erst knapp 2 ½ Jahre her). Im Zug. Ich musste damals so oft lachen, dass mich die Mitreisenden wohl für bescheuert gehalten haben müssen. Gegen Ende wurde es dann ja ernster. Mich hat die Geschichte damals an Tim Burtons „Big Fish“ erinnert, die in ähnlichem Stil erzählt wird. Den Film habe ich allerdings schon lange (>5 Jahre) nicht mehr gesehen.

    Allein der Klappentext vom Bankberater hat mich wieder sehr zum Lachen gebracht, ich werde es wohl auch bald mal lesen.

    Viele Grüße!

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    1. Lieber wortlandschaften,
      auch dir ein schönes neues Jahr! Ich hoffe, es hat gut für dich begonnen und bringt dir viele besondere Lesemomente.

      Danke für den Hinweis auf Big Fish, ich habe den Film leider noch nicht gesehen, er steht aber bereits auf meiner Merkliste. Tim Burton ist ohnehin ein Regisseur, den ich sehr schätze.

      Zum Bankberater veröffentliche ich (hoffentlich) in den nächsten Tage eine Rezension, aber vorab kann ich schon mal sagen, dass ich diesen Roman noch besser fand als den Kaiser. In einer Nacht habe ich ihn durchgelesen und immer wieder laut aufgelacht, was ungewöhnlich ist bei meinem Leseverhalten, da ich ja sonst vor allem schwere Kost lese. Unterhaltung auf hohem, intelligenten Niveau! Lies – es macht wirklich großen Spaß.

      Alles Liebe,
      caterina

      PS: In welcher Ecke Deutschlands treibst du dich eigentlich herum? Ich frage, weil wir in zwei Wochen ein kleines Blogger- und Literaturfreundetreffen in Frankfurt veranstalten. Vielleicht wäre das ja auch was für dich, solltest du dich zufällig in dieser Gegend aufhalten. Es würde mich freuen.

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      1. Liebe Catarina,

        vielen Dank für die Wünsche! Tim Burton ist in der Tat immer einen Blick wert. Jetzt kommt ja „Frankenweenie“ in die Kinos, den ich mir ansehen möchte. Den neuen Rammstedt werde ich wahrscheinlich recht bald lesen. Vielleicht lasse ich Deine Rezension deswegen erst mal an mir vorbei gehen (?). 😉

        Auch wenn ich nebenbei immer ein bisschen lese, geht das jetzt gerade zwangsläufig wieder etwas weg von der Unterhaltungsliteratur. Aus dem Grund habe ich mich für euer kleines Treffen auch nicht bei Dir gemeldet, obwohl ich nicht weit von Frankfurt wohne (und auch ab und an dort unterwegs bin). Die nächsten Wochenenden stehen dann weniger erfreuliche Dinge auf dem Programm. Trotzdem vielen Dank für die Einladung und vielleicht passt es ja ein anderes Mal besser.

        Viele Grüße!

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      2. Lieber wortlandschaften,
        solche Bloggertreffen (wobei es sich genau genommen nicht ausschließlich um Blogger handelt, sondern generell um Literaturliebhaber, einige eben auch ohne Blogs) werden wir in Zukunft sicher häufiger veranstalten, sofern wir nach dem ersten Treffen immer noch so euphorisch sind wie davor. Es geht uns nicht ums Vernetzen und Strategienentwickeln und Fachsimpeln, sondern um ein nettes Beisammensitzen, wo man über Literatur reden kann, aber nicht muss. Sobald ein neuer Termin feststeht, gebe ich dir dezent Bescheid, und du kannst schauen, ob’s passt. Ohne Zwang, ohne Druck, ohne schlechtes Gewissen, falls dir nicht danach ist, in Ordnung?

        Hab ein schönes Wochenende!
        caterina

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      3. Hallo Caterina,

        entschuldige die späte Rückmeldung. Du kannst mir natürlich gerne Bescheid geben, wenn ihr mal wieder ein Treffen habt. Vielleicht klappt es dann irgendwann mal.

        Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

        PS: „Frankenweenie“ hat mir sehr gefallen. (Rost und Knochen übrigens auch. Was Filme angeht, bin ich sowieso etwas frankophil.)

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