Abschied vom alten Jahr

»Weihnachten, das Sterbegeleit für einen im Wohnzimmer verfallenden Baum, der mit Girlanden, Sternen, Engelpuppen und anderem Kinderspielzeug von seiner bevorstehenden Auflösung abgelenkt wird. Unsicher und ängstlich steht er da und streckt seine Zweige erfolglos nach anderen Bäumen aus. Schon regnen seine Nadeln zu Boden, auf den kleinen quadratischen Teppich, die Krippe und die Geschenke. Gott sei Dank sind da Menschen, die ihm in seinen letzten Stunden Gesellschaft leisten, sie singen vor ihm, knien sich vor ihn hin, zupfen an seinen Ästen herum, hängen ihm glitzernde Infusionen an und lassen ihn in seinem künstlichen Fundament stehen, solange er noch alles mitbekommt, was rund um ihn geschieht – das lange Zusammensitzen der Familie an den Abenden, wenn sich in den Fenstern ein gespenstisches Panorama entfaltet: eine Vielzahl heller Fensterquadrate mit einer Vielzahl kleiner Baumskelette darin, ein Todesbild der Zukunft; der weihnachtliche Streit zwischen den Generationen, geworfenes Geschirr, vor dem Kamin weinende Silhouetten und Telefonanrufe von fremden Verwandten mit kleinen, aufgeregten Stimmen.

Das alles ist für ihn bestimmt, als Ablenkung, eine Theateraufführung über ein in der Luft liegendes Thema. Und erst als sein großer, verwirrter Kopf sich vollständig zurückgezogen hat ins Dickicht braun werdender Äste, beginnt die Mutter (im sanften Delirium verwechselt er sie mit dem Föhnwind, der seine Glieder berührt hat, auf der Wiese neben der Autobahn, wo er aufgewachsen ist), ihm den Schmuck abzunehmen. Sie entfernt jedes Stück einzeln, so wie man einen toten Präsidenten entkleiden würde, sie säubert ihn von den traurigen Storchennestern aus Lametta, kehrt die Nadeln zusammen, die er im Todeskampf auf den Teppich geschwitzt hat. Auf seiner letzten Fahrt ist er längst nicht mehr ansprechbar. Niemand singt, niemand sagt kleine Sprüche oder Gedichte auf. Man legt ihn auf die Ladefläche oder bindet ihn auf das Dach des Autos, um mit ihm in den Wald zu fahren, wo man ihn endlich seiner Vergangenheit zurückgeben wird. Wenn er Glück hat, bekommt er es noch mit, bevor er blind und erschöpft auf den schwarzen, vor Regen nassen Haufen seiner Kameraden fällt.«

Clemens J. Setz: Die Frequenzen. Residenz, St. Pölten 2009, 714 Seiten.

Die Weihnachtszeit ist vorüber, es wurde reichlich gelesen, noch mehr gegessen, und die tapfere Nordmanntanne scheidet langsam dahin. Einen ausführlichen Rückblick auf das Lesejahr 2012 samt Rangliste wird es an dieser Stelle nicht geben, weil mich eine gewisse Festtagsträgheit lähmt – vor allem aber, weil ich zu den Büchern, die in den vergangenen zwei Monaten auf meinem Nachttisch lagen, erst noch meine Gedanken ordnen und festhalten muss. Dennoch habe ich in meinem Kopf natürlich bereits die Bilanz meiner quantitativ kümmerlichen, aber qualitativ durchaus überzeugenden Ausbeute gezogen und imaginäre Etiketten mit den Aufschriften »Höhepunkt« und »Enttäuschung« verteilt.

Die Höchstnote (10) wurde nicht vergeben, aber immerhin zweimal die Neun (auch wenn manch einer schon ahnen wird, um welche Romane es sich handelt, verschweige ich sie hier der Spannung halber und verweise auf die entsprechenden Rezensionen, die in den nächsten Wochen folgen werden). Keinen Zugang fand ich zu Haruki Murakamis Naokos Lächeln und – bedauerlicherweise – zu David Grossmans Das Lächeln des Lammes. Dafür haben mich viele andere literarische Begegnungen beglückt, bewegt, beeindruckt; stellvertretend seien an dieser Stelle Zeruya Shalev, Téa Obreht, Zsuzsa Bánk und Astrid Rosenfeld genannt.

Aber auch über die Lektüren hinaus war 2012 in literarischer Hinsicht ein besonderes Jahr für mich: dank meiner Arbeit, dank der (tatsächlichen) Begegnungen mit einigen großartigen Autoren, dank des bereichernden und inspirierenden Austauschs mit anderen Literaturliebhabern und Kulturschaffenden – dank euch! Bleibt nur noch eins zu sagen: Kommt gesund und glücklich ins neue Jahr, das hoffentlich viele literarische Entdeckungen und zauberhafte Lesemomente für euch bereithält.

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4 Kommentare zu „Abschied vom alten Jahr

  1. Herrlich diese Zitat! Ich freu mich schon auf unser baldiges Zusammentreffen mit Herrn Setz. Ja, 2012 hatte einiges zu bieten, dafür wird 2013 sicher noch spannender! Ich wünsche Dir jedenfalls nur das Beste – nicht nur literarisch gesehen.

    Herzliche Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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    1. 🙂
      Auf Herrn Setz freue auch ich mich sehr, nun habe ich ja auch endlich etwas von ihm gelesen und weiß: Er ist nicht nur auf der Bühne großartig, auch seine Bücher sind es. Bin schon sehr gespannt auf Indigo, das ich mir sicherlich vor Ort kaufen werde…

      Auch dir alles Gute, meine Liebe. Auf dass wir gemeinsam Frankfurt kulturell und kulinarisch entdecken :)!

      Herzlich,
      caterina

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