Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

Michiko Milena Flasar - Ich nannte ihn Krawatte (c)

»Aus dem Takt der Welt gefallen«

»Das Bloggerbuch des Jahres« nannte Syn-ästhetisch es kürzlich, nun habe auch ich es endlich gelesen und könnte an dieser Stelle der Einfachheit halber schreiben: Ja, sie haben allesamt recht, meine lieben Blogkollegen, Ich nannte ihn Krawatte von der jungen Österreicherin Milena Michiko Flašar ist in der Tat bezaubernd, und dann würde ich auf einige Rezensionen verweisen (hier, hier und hier zum Beispiel). Und doch will ich es mir nicht ganz so einfach machen, will stattdessen meine Gedanken schriftlich festhalten, denn dieser Roman verdient es, für lange Zeit in Erinnerung zu bleiben.

Milena Michiko Flašar hat japanische Wurzeln und erzählt in ihrem Debütroman eine in Japan angesiedelte Geschichte (auch wenn keine konkreten Orte genannt werden). Sie widmet sich einem sozialen Phänomen, das zwar mittlerweile auch in unserer westlichen Gesellschaft bekannt ist, das allerdings zuerst von einem japanischen Psychologen beschrieben wurde und somit auch einen japanischen Namen trägt: Hikikomori. Der 20-jährige Ich-Erzähler von Ich nannte ihn Krawatte ist ein solcher Hikikomori, jemand, der sich aus der Gesellschaft zurückzieht, nicht mehr teilhat am öffentlichen Leben.

Und vielleicht ist es dieses Glück, das einen Hikikomori am ehesten kennzeichnet. Das Glück, auf unabsehbare Zeit aus dem Geschehen und Geschehenwerden, aus dem Zusammenspiel von Ursache und Wirkung befreit zu sein. Ohne ein menschliches Ziel vor Augen und ohne den Willen es zu erreichen, in einem ungeschehenen Raum zu verharren. Eine Kugel, die still im Abseits liegt und keine andere in Bewegung setzt. Indem man sich aussperrt, fällt man aus dem engmaschigen Geflecht von Kontakten und Beziehungen und man ist erleichtert darüber, nichts dazutun zu müssen. Diese Erleichterung: Man muss keinen Beitrag mehr leisten. Endlich gesteht man sich ein, dass einem die Welt vollkommen gleichgültig ist.

Zwei Jahre lang verließ Hiro sein Zimmer nur für das Nötigste, nun geht er nach draußen, durch den Flur, die Wohnungstür, das Treppenhaus, hinaus auf die Straße, in den Park. Es kostet ihn ungeheure Kraft, sich erneut unter Menschen zu bewegen. Er setzt sich auf eine Parkbank und beobachtet still, Tag für Tag, von morgens bis abends. Und so wird er auf einen Herren im Anzug und mit Krawatte aufmerksam, der ebenfalls Tag für Tag, Stunde für Stunde auf einer Parkbank sitzt, ihm gegenüber, und immer zur selben Zeit sein mitgebrachtes Mittagessen auspackt. Die beiden Männer kommen ins Gespräch – ein weiterer Kraftaufwand für Hiro, der die Sprache erst wiederfinden muss, nachdem er lange Zeit schwieg.

Zwei Jahre lang hatte ich mich darin geübt, das Sprechen zu verlernen. Zugegeben, es war mir nicht gelungen. Die Sprache, die ich gelernt hatte, durchdrang mich, und sogar, wenn ich schwieg, war mein Schweigen beredt. Ich sprach innere Monologe, sprach unentwegt in die Sprachlosigkeit hinein. Der Klang meiner Stimme jedoch hatte sich in mir verfremdet. […] Der letzte Satz, den ich ausgesprochen hatte, war gewesen: Ich kann nicht mehr. Punkt. Ein vibrierender Punkt. Danach war etwas zugeschnappt. Die Anstrengung, die es kosten würde, dort weiterzusprechen, wo ich aufgehört hatte, stand gegen die Sinnlosigkeit, in Worte zu fassen, was sich nicht ausdrücken ließ.

Der Herr im Anzug – ein sogenannter Salaryman namens Ohara Tetsu – erzählt, dass er kürzlich seine Arbeit verloren hat, es aber nicht seiner Frau zu sagen wagt, und so kommt er jeden Tag in den Park und isst, was sie jeden Morgen für ihn zubereitet. Doch in Wirklichkeit ringt Ohara mit einem noch viel tiefer gehenden Verlust, belanglos erscheint die Kündigung im Vergleich dazu. Und auch Hiro öffnet sich nun, vertraut sich dem Fremden an, erinnert sich in seiner Gegenwart an zwei Begegnungen, zwei Freundschaften, die sein Leben gezeichnet haben – und es aus den Fugen geraten ließen durch das gewaltsame Ende, das beide nahmen.

Hiro und Ohara haben Schuld auf sich geladen; der Schmerz, den sie in sich tragen, führt sie nun auf dieser Parkbank zueinander. Eine behutsame Annäherung, geprägt – zumindest seitens des Erzählers – von der Angst davor, sich zu sehr an einen Menschen zu binden, »sich zu verwickeln«, »Teil [eines] Gewebes zu werden«, denn das hieße, Gefahr zu laufen, erneut einen Verlust zu erleiden. Was die beiden Männer außerdem gemein haben, sind der ungeheure Druck und gleichzeitig die (vermeintliche) Unfähigkeit, sich ein Leben gemäß der gesellschaftlichen Erwartungen einzurichten, zu funktionieren. Wie Hiro und Ohara an diesem Druck zu zerbrechen drohen, das schildert Flašar mit großer Sensibilität.

Die Geschichte der beiden »aus dem Takt der Welt gefallen[en]« Protagonisten erzählt die Autorin in knappen Kapiteln, die selten länger als eine Seite sind und dem Roman etwas Fragmentarisches verleihen. Flašars Sound ist ein ganz besonderer, auffallend daran sind die häufigen Ellipsen und Einschübe, kleine syntaktische Zäsuren, die die Sätze genauso fragil wirken lassen, wie es die Figuren sind: »Sein angespannter Kiefer, ich sah es, er zitterte. Beschämt sah ich, er weinte«. Und auch das gänzliche Fehlen von Anführungszeichen sorgt für Brüche, stellenweise entsteht der Eindruck, die Ich-Erzählung wechsle von Hiro zu Ohara (und auch anderen Figuren), dabei ist es nur das, was Hiro in wörtlicher Rede wiedergibt.

Zart, poetisch, fast elegisch ist Flašars Sprache: Sie ist es – mehr noch als der Inhalt selbst –, die das Melancholische des Romans ausmacht. Mitunter musste ich (auch wegen der geographischen Nähe) an Haruki Murakamis Naokos Lächeln denken, das mir ja vor einiger Zeit wenig erfreuliche Lektürestunden beschert hatte: In beiden Büchern gibt es diese durchgehende Traurigkeit, doch im Gegensatz zu Murakami drängt Flašar sie mir nicht mit dem Vorschlaghammer auf, nie geht die Traurigkeit in eine allzu plumpe Schwermut über, sie bleibt stets leise und dezent. Mein Lesehöhepunkt des Jahres ist Ich nannte ihn Krawatte zwar nicht, aber eine wundervolle, erwärmende Begegnung war es allemal.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte. Wagenbach, Berlin 2012, 144 Seiten.

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24 Kommentare zu „Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

  1. Liebe Caterina,
    ich musste gerade laut lachen als ich deine Rezension las und feststellen musste, dass mein Facebookkommentar ja beinahe den ersten Satz von deiner Besprechung darstellt – ich hatte sie vor dem Absenden meines Kommentars aber wirklich nicht gelesen. 😉
    Auch wenn meine Lektüre bereits einige Monate zurückliegt freue ich mich sehr darüber, dank dir noch einmal in die Geschichte – die mich damals so sehr begeistert hat – abtauchen zu können und mir noch einmal alles vergegenwärtigen zu können. Als besonders passend empfinde ich auch den von dir verwendeten Begriff – elegisch! 🙂
    Dank der Krawatte habe ich übrigens das Programm von wunderbaren Wagenbach Verlag für mich entdeckt, das mich immer wieder begeistert.
    Viele Grüße
    Mara

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    1. Ja, ich hab auch in mich hineingekichert, als du den Satz von Svenja zitiert hast. Aber es stimmt eben auch, es ist wohl das Bloggerbuch des Jahres, obwohl mich genau diese Erkenntnis eher abgeschreckt hat – fast hätte es mich gefreut, wenn ich dem ganzen Hype endlich mal eine kritische Rezension hätte entgegensetzen können. Aber es ging einfach nicht, das Buch ist wirklich etwas Besonderes, auch wenn es auf meiner persönlichen Rangliste dieses Jahres „nur“ auf Platz 7 oder 8 ist (die Rangliste ist imaginär, darum gibt’s lediglich eine ungefähre Angabe).
      Den Wagenbach Verlag habe ich vor allem wegen seines Schwerpunkts auf italienischer Literatur – gerade im Klassikerbereich – kennen und schätzen gelernt. Was deutschsprachige Neuerscheinungen betrifft, ist die Krawatte tatsächlich meine erste Entdeckung aus dem Wagenbach Verlag.

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  2. Es wundert mich nicht, dass das Buch auch auf dich in seinem Zauber wirken konnte … man kann sich dieser Leichtigkeit und doch alles durchdringenden Traurigkeit einfach nicht entziehen.

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  3. Ich weiß nicht so recht…
    Ich kenne natürlich die einzelnen Beiträge der anderen und doch will eure Begeisterung nicht zu mir überschwappen. Ich lass das noch ein bisschen sacken. Vielleicht läuft mit Milena in ein paar Jahren noch einmal über den Weg.
    Liebe Grüße

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    1. Du hast schon recht, solche Hypes können dafür sorgen, dass man gar keine Lust mehr auf das Buch hat. Ich gebe zu, dass auch ich etwas widerwillig an die Krawatte herangegangen bin, und tatsächlich hat es meine Erwartungen (die nach all dem Lob natürlich extrem hoch waren) nicht ganz erfüllt: Es ist sehr schön, keine Frage, aber es ist doch kein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt, berührt, prägt. Dennoch: Die Lektüre lohnt, sie ist ja auch recht kurz, da ist keine einzige MInute verschwendet. Wenn du dir nicht sicher bist, kann ich dir das Buch gerne ausleihen.
      Liebe Grüße und frohes Fest!

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  4. Auf dieses Buch hat mich Laura auch schon aufmerksam gemacht, bevor ich die vielen Blog-Rezensionen dazu gelesen habe. Es steht neben 1913 von Florian Illies auch mit auf meiner Leseliste – und deine Rezension hat mir nochmal einen weiteren interessanten Blick auf das Buch gegeben. Danke schön! =) @bout-Katja

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    1. Ach ja, Florian Illies scheint auch so ein Hit zu sein, alles sprechen sehr euphorisch davon, und trotzdem reizt es mich nicht oder nur bedingt… Bin gespannt auf deine Meinung.

      Und bei der Lektüre der Krawatte wünsche ich dir schon mal viel Vergnügen, solltest du tatsächlich bald zugreifen. Ein schönes, ein trauriges Buch und wirklich etwas Besonderes unter den Neuerscheinungen 2012.

      Und nun freuen wir uns alle gemeinsam auf die Entdeckungen 2013 :). Alles Liebe!

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      1. Ich bin schon vor einer ganzen Weile hier gelandet und folge dir – über die Klappentexterin, glaube ich. Aber es war zur Zeit so stressig, dass ich gar nicht oft in andere Rezensionen reinlesen konnte. Jedenfalls finden sich hier einige Schätze, die ich noch haben will, oder selbst schon gelesen habe. Zum Beispiel Martin Horváths Mohr im Hemd – die Rezi hat mich auch sehr, sehr gut gefallen. 🙂

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      2. Na, wie gut, dass du dich nun endlich zu erkennen gegeben hast ;)! Obwohl ich mich natürlich auch über jeden stillen Leser freue…

        Martin Horvárh kann ich nur empfehlen, ein sprachgewaltiges und mutiges Buch, das anders ist als das meiste, was ich bisher gelesen habe. Würde mich über deine Meinung dazu freuen, solltest du demnächst zugreifen.

        Viele Grüße,
        caterina

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      3. Oh, das habe ich dann missverständlich ausgedrückt: Martin Horváth las ich bereits. 🙂 Mir hat das Buch sehr, sehr gut gefallen, vor allem diese wunderbare Sprache und diese poetisch verpackte Gesellschaftskritik.
        (Wenn du meine ganze Meinung lesen willst, hier ist der Link zu meiner Rezi: http://www.lesewiese.net/?p=3735)

        Ganz liebe Grüße,
        Antje

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      4. Huch, das habe ich missverstanden. Wie schön, herzlichen Dank für den Link, deine Rezension lese ich sehr gerne und schaue in den nächsten Tagen mal vorbei (bin grad auf dem Sprung). Alles Liebe, caterina

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