Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Wolf Haas - Das Wetter vor 15 Jahren (c)

»Kalauerfreie Zone«

SchöneSeiten: Der österreichische Schriftsteller Wolf Haas ist eine feste Größe auf dem deutschsprachigen Buchmarkt: Bekannt wurde er durch seine Kriminalromane um den kauzigen Privatdetektiv Simon Brenner, aber auch in der Gegenwartsliteratur ist er zu Hause, aktuell mit der Verteidigung der Missionarsstellung. Caterina, wir sind heute zusammengekommen, um über das Wetter vor fünfzehn Jahren zu reden – also über das Buch, versteht sich. Es ist zwar schon 2006 erschienen, aber erst jetzt hatten Sie die Gelegenheit, es zu lesen…

caterina: Lieber zu spät als nie – um mal eine Floskel zu bemühen.

SchöneSeiten: In der Tat, in der Tat. Aber bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, möchte ich Sie bitten, uns zu erzählen, wie Sie einst zu Herrn Haas gefunden haben.

caterina: »Einst« ist gut. Sie werden es kaum glauben, aber dieser Roman war tatsächlich meine erste Begegnung mit dem Autor…

SchöneSeiten: Ach, sagen Sie bloß!

caterina: (errötet leicht) Ja, ja, ein Versäumnis, ich weiß. Der Name war mir natürlich ein Begriff…

SchöneSeiten: Natürlich!

(kurzes Schweigen)

caterina: Ähm. Eigentlich war das sogar geflunkert. (lacht) Ehrlich gesagt bin ich zum ersten Mal auf Wolf Haas aufmerksam geworden, als ich mich mit dem diesjährigen Herbstprogramm von Hoffmann und Campe beschäftigt habe…

SchöneSeiten: … wo ja vor ein paar Monaten die Verteidigung der Missionarsstellung erschienen ist.

caterina: Ganz genau. Es war einer der Titel, die mich diesen Herbst am meisten gereizt haben, allein die Zitate haben mich ganz beglückt. (lächelt beglückt) Aber die habe ich jetzt natürlich nicht parat. Jedenfalls bin ich ein paar Tage später in einem modernen Antiquariat ausgerechnet über Das Wetter vor 15 Jahren gestolpert und konnte nicht widerstehen.

SchöneSeiten: Verständlicherweise. Und? Haben Sie sich denn mittlerweile an die Missionarsstellung herangewagt? Ein herrliches Vergnügen, oder? All dieses…

caterina: Nein, halt, die kenne ich doch noch gar nicht…

SchöneSeiten: Also dass Sie die Missionarsstellung nicht kennen, möchte ich aber bezweifeln…

caterina: Kalauerfreie Zone!

SchöneSeiten: Ja, gut, wenn Sie schon aus dem Wetter vor 15 Jahren zitieren und ohnehin nichts anderes von Herrn Haas gelesen haben, lassen wir doch einfach dieses Vorgeplänkel.

caterina: (missmutig) Ich bitte drum.

SchöneSeiten: Na schön. Das Wetter vor 15 Jahren also: eine etwas unkonventionelle Liebesgeschichte, die fünfzehn Jahre lang sozusagen auf Eis gelegt war und nun endlich fortgesetzt wird.

caterina: Wie Sie das formulieren, möchte man glauben, wir hätten es mit einem Fortsetzungsroman zu tun. Dem ist natürlich nicht so. Was Sie eigentlich meinen, ist, dass sich die zwei Liebenden…

SchöneSeiten: Mit diesem Ausdruck wäre ich vorsichtig, Wolf Haas selbst wehrt sich ja dagegen, immerhin ist von Liebe nie die Rede.

caterina: … dass sich also die zwei Protagonisten fünfzehn Jahre lang nicht gesehen haben, nachdem sie ihre halbe Kindheit miteinander verbracht hatten, und jetzt erst zueinanderfinden.

SchöneSeiten: Das wiederum klingt ja gerade so, als ob es ein fulminantes Happy End mit allem Pipapo gäbe.

caterina: Nein, das gibt es natürlich nicht. Es ist eine sehr zaghafte Annäherung, die nun – fünfzehn Jahre später – stattfindet, lediglich ein Kuss auf die Wange wird dem Leser da geboten.

SchöneSeiten: Apropos Leser: Der muss sich selbstverständlich nicht sorgen, dass wir hier schon das Ende verraten, denn genau genommen beginnt der Roman ja mit dem Kuss, auch wenn er chronologisch zuletzt kommt.

caterina: Ganz recht. Eine wunderschöne Beschreibung übrigens: »Geht man vom äußeren Augenwinkel einen Zentimeter nach unten, kommt man zum Backenknochen. Genauer gesagt beziehe ich mich auf die linke Gesichtshälfte. Auf den äußeren Winkel des linken Auges. Geht man von hier einen Zentimeter nach unten, kommt man zum linken Backenknochen. Und dann in gerader Linie weiter, noch einen Zentimeter. Dort hat Anni mich geküsst«. Mit diesem zarten Kuss beginnt und endet die Geschichte gleichzeitig: Auf den ersten Blick mag er trivial wirken, doch die Präzision und auch die Poesie, mit denen er beschrieben wird, lassen erahnen, was für eine Bedeutung er hat.

SchöneSeiten: Eine immense Bedeutung! So immens, dass Vittorio Kowalski, der ja in dem Moment, als er den Kuss bekommen hat, im Krankenbett lag, auch Stunden später kaum wagt, sich zu bewegen, weil er Angst hat, den Kuss zu verlieren.

caterina: Immerhin hat er fünfzehn Jahre lang auf diesen Kuss hingearbeitet! In all der Zeit haben er und Anni sich nicht gesehen, nun sind sie beide dreißig, Anni hat sich in der Zwischenzeit verlobt, und Vittorio kann sich noch immer nicht von seiner Liebe – beziehungsweise von seiner Erinnerung daran – lösen. Was sich auf ganz besondere Weise manifestiert.

SchöneSeiten: Nämlich in Vittorios kuriosem Interesse für das Wetter.

caterina: »Interesse« ist untertrieben, es ist eher eine Leidenschaft oder besser noch: eine Obsession. Und diese gilt nicht irgendeinem Wetter, sondern dem der letzten fünfzehn Jahre in jenem Alpendorf, in dem er und seine Eltern seit jeher ihren Urlaub verbrachten…

SchöneSeiten: … in der Pension von Annis Eltern.

caterina: Jeden Sommer also sehen sich die Kinder wieder, der Junge aus dem Ruhrgebiet und das Mädchen aus dem österreichischen Farmach. Bis zu jenem Sommer, als sie fünfzehn sind und auf einmal mehr da ist als Freundschaft. Ausgerechnet jetzt geraten sie in ein Unwetter und retten sich in das Schmugglerlager von Annis Vater. Kommen sich hier zum ersten Mal näher und ignorieren das stürmische Klopfen an der verschlossenen Tür.

SchöneSeiten: Ihr Verhängnis. Denn wer da ebenfalls versucht, sich ins Lager zu retten, ist Annis Vaters, der tags darauf tot im Tal gefunden wird, fortgespült von den Wassermassen, die wegen des starken Regens den Berg hinunterstürzten.

caterina: So ist es. Und schon sind die glücklichen Kindheitstage vorbei, die Kowalskis kehren nicht mehr in die Alpen zurück, und Vittorio schleppt seither Schuldgefühle mit sich herum, die ihn daran hindern, Kontakt zu Anni aufzunehmen.

SchöneSeiten: Bis er mit seiner Wetter-Manie bei Wetten, dass…? auftritt: Anni sieht ihn im Fernsehen und meldet sich daraufhin bei ihm.

caterina: Nun ja, ganz so hat es sich nicht abgespielt. Genau genommen hat ja Vittorios bester Freund die Postkarte gefälscht, damit Vittorio endlich mal sein Schicksal in die Hand nimmt.

SchöneSeiten: Wie dem auch sei: Nach fünfzehn Jahren kehrt er also zum ersten Mal nach Farmach zurück – und was muss er da feststellen?

caterina: Anni ist verlobt!

SchöneSeiten: Verlobt! Wie dieser Moment geschildert wird, in dem Anni und ihr Zukünftiger im Frühstückssaal des Hotels vor Vittorio stehen…

caterina: … es ist das erste Mal, dass sie sich wiedersehen…

SchöneSeiten: … das zerreißt einem das Herz, nicht wahr?

caterina: Jetzt werden Sie aber ein bisschen pathetisch.

SchöneSeiten: Ach, finden Sie nicht?

caterina: Das Ganze ist natürlich schon tragisch – das Kindheitstrauma, all die verlorenen Jahre und dann die Nachricht von der nahenden Hochzeit. Aber insgesamt schlägt der Roman ja doch eher einen heiteren Ton an, und der Leser ahnt bereits, dass es so schlecht für Vittorio nicht ausgehen wird. Wie das halt so läuft in Liebesgeschichten…

SchöneSeiten: Sie sind ja fürchterlich pragmatisch.

caterina: Sie wissen doch, dass ich für romantische Komödien nichts übrig habe. Aber bevor Sie mir jetzt Ihre Aufzeichnungen um die Ohren schlagen: Damit will ich selbstverständlich nicht behaupten, Das Wetter vor 15 Jahren sei eine romantische Komödie, im Gegenteil – um die Liebesgeschichte geht es Wolf Haas gar nicht. Nicht der Inhalt, nicht das was interessiert ihn.

SchöneSeiten: Sondern?

caterina: Das wie natürlich!

SchöneSeiten: Wie wie?

caterina: Das Bemerkenswerte an diesem Roman ist doch, wie die Geschichte erzählt wird.

SchöneSeiten: Ach, das meinen Sie. Die Sprache…

caterina: … die Form vor allen Dingen! Die Sprache ist ja sogar vergleichsweise unspektakulär. Aber ist Ihnen schon mal ein Roman begegnet, der ein einziges langes Interview ist?

SchöneSeiten: Ähm…

caterina: Na sehen Sie! Mir nämlich auch nicht. Über gut zweihundert Seiten erstreckt sich das Gespräch zwischen Wolf Haas und der namenlosen Redakteurin der Literaturbeilage und hebt die Geschichte auf raffinierte und nie da gewesene Weise auf eine Metaebene. Das macht das Ganze doch so spannend!

SchöneSeiten: Gewiss, gewiss.

caterina: Der Autor, der in seinem eigenen Roman auftaucht, um über die Geschichte zu reflektieren, die er in diesem Roman erzählt – ein fantastisches Spiel mit den Realitätsebenen!

SchöneSeiten: In Verteidigung der Missionarsstellung geschieht ja etwas Ähnliches…

caterina: (verstimmt) Nun kommen Sie mir wieder damit. Aber ja, soweit ich das aufgrund der Rezensionen, die ich darüber gelesen habe, beurteilen kann, ist die Vorgehensweise eine ähnliche. Der Autor mischt sich immer wieder in seine Geschichte ein, tritt als handelnde Figur ein, lässt den Leser am Schreibprozess teilhaben. So ja auch hier, nur in einer noch viel radikaleren Form: Der Leser folgt zu keinem Zeitpunkt den Figuren des Romans, sondern immer nur dem Autor, der über seine Figuren spricht. Und der ja im Grunde selbst zu einer Figur, zu einem mehr oder weniger fiktiven Konstrukt wird, gemeinsam mit der Interviewerin.

SchöneSeiten: Sie meinen?

caterina: Na ja, Haas – also der Haas im Roman – erzählt ja davon, wie er sich Wetten, dass…? angeschaut hat, genau wie Anni, und wie er so auf die Idee gekommen ist, über Vittorio Kowalskis Geschichte ein Buch zu schreiben, und wie er dann den ganzen Weg von Österreich ins Ruhrgebiet gefahren ist, um den Helden seines neuen Romans zu treffen – der zu dem Zeitpunkt aber schon längst auf dem Weg nach Österreich war. Wie Haas daraufhin umkehrte und gerade noch rechtzeitig zum – entschuldigen Sie, mir fällt gerade kein weniger dramatisches Wort ein – wie er also gerade noch rechtzeitig zum Showdown angekommen ist und beim Ausgang seiner Geschichte gewissermaßen persönlich zugegen war.

SchöneSeiten: Obwohl er ja in der Geschichte selbst gar nicht auftaucht…

caterina: Genau. In der Geschichte tritt er nicht als Figur auf, aber indem er uns erzählt, wie er auf die Geschichte aufmerksam geworden ist und wie er sie dann sozusagen live miterlebt hat, will er uns Lesern weismachen, es handele sich um eine wahre Begebenheit und um real existierende Personen. Dabei müssen wir natürlich davon ausgehen, dass all dies eine Erfindung des Autors ist…

SchöneSeiten: … was man ganz einfach überprüfen könnte, indem man nachschaut, ob es bei Wetten, dass…? jemals einen Wettkönig namens Vittorio Kowalski gegeben hat.

caterina: Könnte man. Ich bin mir allerdings sicher, dass dabei nichts herauskäme. Aber das ist im Grunde auch gar nicht wichtig. Worauf ich hinauswollte, ist dieses spannende Spiel mit der Fiktion, das die Romanfigur Wolf Haas und somit auch der reale Wolf Haas treiben.

SchöneSeiten: Das mag jetzt für unsere Leser etwas schwer greifbar sein…

caterina: Dabei ist es so simpel! Und doch so genial! Wolf Haas schreibt eben nicht einfach nur eine triviale Liebesgeschichte…

SchöneSeiten: Wir wollen mal nicht die Liebesgeschichte per se abwerten.

caterina: Gewiss nicht. Nabokovs Lolita ist eine ganz wundervolle Liebesgeschichte, wie ich finde.

SchöneSeiten: Ausgerechnet eine solch abscheuliche und noch dazu unglückliche Liebesgeschichte wie Lolita nennen Sie als Beispiel für schöne Liebesgeschichten.

caterina: Wie dem auch sei. Wolf Haas macht mehr als das: Er erzählt eine Liebesgeschichte, gleichzeitig erzählt er aber vom Erzählen einer Liebesgeschichte. Noch dazu mit einer großartigen Selbstironie.

SchöneSeiten: Ja, das ist mir auch aufgefallen. Herrlich, wie er sich selbst und sein Schaffen auf die Schippe nimmt, indem er sich eine ausgesprochen gescheite Redakteurin gegenübersetzt.

caterina: Gescheit, ja, und bisweilen etwas übereifrig. Sie liefert ja recht waghalsige Interpretationsansätze, zieht abenteuerliche Querverbindungen und weist ihren Interviewpartner so einige Male in die Schranken, wenn dieser nicht mit dem gebührenden Ernst bei der Sache ist (Zitat: »Kalauerfreie Zone«). Und immer wieder stößt Haas an seine Grenzen und muss zugeben, sich beim Schreiben über bestimmte Aspekte gar nicht bewusst gewesen zu sein. Dabei ist er sich ja sehr wohl über diese Aspekte bewusst, denn die Redakteurin ist – samt der Dinge, die sie sagt – natürlich auch nichts anderes als ein Konstrukt des Autors! (fuchtelt aufgeregt mit den Armen herum) Also wenn das nicht ein wahnsinnig geistreicher Kniff ist!

SchöneSeiten: In der Tat.

caterina: Und das macht dieses Buch auch zu einem solchen Lesevergnügen: nicht die eigentliche Geschichte, die uns da erzählt wird (die aber natürlich auch ganz nett ist), sondern die erzählerische Raffinesse, dieses Püh! Nicht mit mir!, das aus jedem Satz dieses Romans herauszuhören ist.

SchöneSeiten: Püh?!

caterina: Na ja, dieser Ausbruch aus konventionellen, linearen Erzählstrukturen…

SchöneSeiten: … den man ja in den letzten Jahren – oder gar Jahrzehnten – bei so einigen Schriftstellern beobachten konnte.

caterina: Gewiss, Haas ist keinesfalls der erste, der in diese Richtung geht. Was sein Buch aber nicht weniger spannend und originell macht.

SchöneSeiten: Spannend und originell: ein gutes Fazit, um zu einem Ende zu kommen. Ich danke Ihnen für dieses erhellende Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin bereichernde Lektüren.

caterina: Ich hab zu danken!

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren. dtv, München 2008, 224 Seiten.

29 Gedanken zu “Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

  1. Ein würklich ürgendwie sehr treffendes Interview ist euch beiden da gelungen, Catarina und SchöneSeiten. Ein fulminanter Schlagabtausch zwischen Blog und Bloggerin, der Lust auf den Roman macht.

    Ich habe mich vor einiger Zeit sehr darüber amüsiert, wie sich Autor und Literaturbeilage gegenseitig auf die Finessen und die Mängel des Romans stoßen. Nicht zu vergessen die zahlreichen Seitenhiebe auf andere Autoren und die Überspitzung der problematischen Verständigung zwischen den Piefkes und den Ösis. Wunderbar!

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    1. Danke, liebe atalante. Das „würklich“ der deutschen Redakteurin habe ich vergessen zu verwenden, da musste ich jedes Mal wieder schmunzeln. Aber die Sticheleien zwischen der Deutschen und dem Österreicher konnte ich leider nicht nachahmen – ich hätte es mit einem deutsch-italienischen Schlagabtausch versuchen können. Oder irgendwas Mecklenburgisch-Thüringisches. Oder Berlin-Frankfurt. (Meine Biographie bietet offenbar genügend Stoff ;).)

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      1. Achso, nee, der Zweck war ja, die Leser zum Buchkauf zu animieren, damit sie sich über das Buch amüsieren und nicht über meine ‚Besprechung‘. 😉

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  2. Liebe caterina,

    ich hatte deinen Beitrag schon vor einigen Tagen gesehen, mir aber erst heute die nötige Zeit dafür genommen. Zunächst muss ich bekennen: Wolf Haas ist bei mir (leider) noch keine feste Größe in meinem Bücherregal. Ich lese hier zum ersten Mal von ihm. Das wird sich wohl bald ändern.

    Das Interview ist dir wirklich sehr gut gelungen und es scheint wohl die beste Darstellungsform für dieses Buch.
    Vielen Dank für die Anregung!

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    1. Keine Sorge, ich habe Wolf Haas ja wie gesagt auch erst vor kurzem für mich entdeckt. Nun bin ich mir aber ganz sicher, dass ich mich ausgiebig mit seinem Werk beschäftigen werde, so sehr hat mir Das Wetter… gefallen. Ich hoffe, schon bald die Missionarsstellung in den Händen zu halten…

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  3. Was für eine tolle Idee so über den Roman zu schreiben! Beim Lesen Deiner Rezi bekommt man so gleich einen Eindruck davon, was einen im Roman erwartet.
    Ich finde es sehr mutig eine Geschichte so zu demontieren, wie Haas es mit „Das Wetter vor 15 Jahren“ getan hat, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Muße hätte das über ein paar hundert Seiten mitzuverfolgen.

    Gab es auch Momente in denen Du Dir gewünscht hast die Geschichte von Anni und Vittorio trete mehr in den Vordergrund?

    LG, Katarina 🙂

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    1. Mutig ist es in der Tat, denn solch eine besondere Form kann natürlich schnell ermüdend wirken. Aber erstens handelt es sich ja um ein recht kurzes Büchlein, zweitens versteht es Haas, auf amüsante Weise diesen netten Schlagabtausch zwischen Autor und Literaturbeilage in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die eigentliche Geschichte. Nicht der Inhalt des besprochenen Werks ist das Interessante (denn sonst hätte Haas ja einfach diese Geschichte erzählen können), sondern die Reflexionen darüber und damit einhergehend die Reflexionen über das Geschichtenerzählen allgemein, über das Spannungsverhältnis zwischen Literatur und Literaturkritik, Autorintention und Interpretion.

      Insofern kann ich auch deine Frage mit Nein beantworten: Ich hatte nicht bei der Lektüre das Bedürfnis, mehr von Anni und Vittorio zu lesen, zumal sie ohnehin sehr präsent waren – zwar immer durch den Filter des Autors, der seine Figuren erklärt, aber doch sehr präsent. Aber ich hatte nie das Bedürfnis zu sagen: Jetzt hört doch mal auf zu reden und lasst mich wenigstens für ein paar Seiten in das Buch reinlesen. Dazu wäre mir die Geschichte an sich auch tatsächlich zu belanglos.

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      1. Dann denke ich dieses Buch ist vor allem etwas für Leser, die an den Prozessen zwischen dem Autor und seiner Fiktion interessiert sind.
        Ich glaube ehrlich gesagt, ich bin noch nicht so weit 😉 Ich werde mir das Buch aber auf jeden Fall merken, denn im Grunde ist diese Art des Erzählens sehr interessant.

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      2. Ganz genau, liebe Katarina: Leser, die auf der Suche nach einer netten Liebesgeschichte sind, werden hier nur bedingt fündig. Stattdessen werden all diejenigen ihren Spaß mit diesem Büchlein haben, die sich gerne mit Metafiktionen beschäftigen und auf erzählerische Experimente einlassen.

        Verteidigung der Missionarsstellung scheint mir in eine ähnliche Richtung zu gehen, aber ich will mich auch mal an die Brenner-Krimis heranwagen, die ja noch ein Stück ‚konventioneller‘ sind.

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  4. Originiell, einzigartig, außergewöhnlich – sehr witzig. Wirklich toll. Endlich mal eine ganz neue und so herrlich erfrischend ironische Form einer Buchbesprechung. Mehr davon! =)

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    1. Hab Dank für die Lobhudelei! Die Originalität ist natürlich nur begrenzt, die Idee geht ja auf Wolf Haas‘ Roman zurück, da war eine Besprechung in Interviewform naheliegend.

      Gerne würde ich häufiger solche Experimente machen (flattersatz tut es hin und wieder), aber bei den wenigstens Büchern bietet es sich tatsächlich an. (Aktuell könnte mich nur eines auf dem Stapel der noch zu rezensierenden Bücher zu derlei Spielereien verleiten.)

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  5. in meinem Exemplar liegt noch die damalige Rezension aus der FAZ, aus der ich mir diesen Satz herausgeschrieben habe, weil er mir so passend zur Schreibweise von Wolf Haas paßt (auch zum neuen Buch):
    „Die hohe Schule der Verführung läuft über die Sprache. Die schönste Kunst im alten immer neuen Spiel ist die Beiläufigkeit, ihre aufregendste Variante die Leichthändigkeit“….
    Wunderbar ihn jetzt wieder hier zu entdecken mit einer auch wieder aus dem Rahmen fallenden Rezension….
    er war ja mit seinem Stück Silentium in der Box des Schauspielhauses zu finden, habe ich leider verpaßt -:(((

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    1. In der Tat ein sehr schöner und treffender Satz! Gerade dem ersten Teil – „die hohe Schule der Verführung läuft über die Sprache“ – stimme ich absolut zu: Der Stil ist mir bei einem Roman zuweilen wichtiger als die Geschichte; wenn die Sprache mich nicht in irgendeiner Weise berührt oder beeindruckt, kann auch der Inhalt kaum noch etwas retten. Das ist mir gerade wieder bei Schiffbruch mit Tiger aufgefallen, das ich vor sechs oder sieben Jahren zuerst gelesen und nun anlässlich der Verfilmung wieder zur Hand genommen habe: Damals war ich begeistert, diesmal fand ich zwar die Geschichte nach wie vor sehr spannend, doch sprachlich hat es mich nicht überzeugt – recht banal, möchte ich sagen, nicht schlecht, aber eben auch nichts Besonderes.

      Das Stück im Schauspielhaus habe ich auch verpasst – genau genommen habe ich bis zu deinem Kommentar gar nichts davon gewusst, irgendwie bin ich noch schlecht informiert, was das Frankfurter Kulturleben betrifft. Schade, aber das wird sich sicher bald ändern, sollte ich mich längerfristig hier niederlassen…

      Guten Rutsch dir!

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  6. Tach!
    Das ist ja lustig: auch ich habe das Buch mit Verspätung antiquarisch entdeckt. Mein erster Gedanke war „Roman in Interview-Form, oje, das wird anstrengend“, aber da die Brenner-Krimis ein riesiger Spaß waren (übrigens auch die Verfilmungen mit Josef Hader) hab ich’s dann doch mitgenommen – und in einem Rutsch gelesen. Der Haas ist schon ein hinterfotziger Autor: Lässt unentwegt Bilder des Romans im Kopf entstehen und schreibt en passent noch einen prima Essay über das Schreiben als solches, den er sogar noch mit köstlichen Seitenhieben auf Piefke-Ösi-Befindlichkeiten garniert. Und trotzdem ist das nicht „ürgendwie too much“, sondern immer leichtfüßig und charmant.
    Heute morgen fand ich dann diese schöne, sehr adäquate Rezension und will herzlich dafür danken (den eigentlichen Roman würde ich übrigens gar nicht lesen wollen, die im Interview zitieren Stellen sind doch arg zäh, bieder und bemüht)!

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    1. Tach auch und vielen Dank für Besuch und Kommentar.
      „Ein hinterfotziger Autor“ – wunderbar! Genauso ist es: Haas weckt Erwartungen an eine Geschichte, die er dann gar nicht erzählt, zumindest nicht vordergründig, sondern er erzählt eigentlich vom Erzählen – vom Schreiben, vom Zweifeln, vom Verwerfen, vom Neuschreiben. Ein großartiges metafiktives Erzählen, bei dem die eigentliche Fiktion überhaupt keine Rolle mehr spielt, sondern einzig und allein die Frage, wie sie entstanden ist.
      Ich mochte zwar die zitierten Passagen aus dem „Roman“, aber die Liebesgeschichte ist mir ein bisschen zu dünn, um einen solchen Roman tatsächlich lesen zu wollen.

      Die Brenner-Romane hingegen warten noch immer darauf, gelesen zu werden, ebenso wie die Verteidigung der Missionarsstellung, auf die ich mich schon sehr freue.

      Herzliche Grüße!

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