Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

»Ich wollte mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln«

Alles beginnt mit Elias’ Unfall: Beim Fußballspielen zieht er sich einen komplizierten Beinbruch zu, die Operation verläuft zunächst gut, doch kaum ist Elias wieder zu Hause bei seiner Freundin Mascha, verschlechtert sich sein Zustand, die Wunde verheilt nicht, eines Nachts muss er in die Notaufnahme, da ist es bereits zu spät. Dieser langsame Verlust, den Mascha erleidet, bildet den ersten Teil von Olga Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt. In den anderen drei Teilen wird der Leser Zeuge davon, wie die Protagonistin den Tod des Freundes nicht verwinden kann, wie er sie aus ihrem Leben herausreißt, gewaltsam und unwiderruflich. Doch in Wahrheit ist Maschas Weg bereits von der ersten Seite an ein Kampf, da ist Elias noch gar nicht fort: ein Kampf mit sich selbst, mit den Menschen, die sie umgeben, mit der Welt. Und auch ich kämpfe, drohe, Mascha zu verlieren, so wie sie ihren Freund verloren hat.

Denn Mascha ist – ich kann es nicht anders sagen – überheblich, aggressiv, unberechenbar; mich für sie zu erwärmen fällt mir außerordentlich schwer. Dabei sind der Schmerz und auch die Wut, die sie in sich trägt, nur allzu verständlich. Elias’ Tod hebelt ein Leben aus der Fassung, das ohnehin fragil war: Seit ihrer Kindheit wird Mascha von immer demselben Bild verfolgt, dem Bild einer Frau, die aus dem Fenster auf die Straße stürzt und deren Blut Maschas Kinderschuhe rot färbt. Das Mädchen wuchs in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku auf, die Unabhängigkeit des Staates hatte schwere Unruhen zur Folge, die die Familie schließlich zwangen auszuwandern: Während ein Teil in Israel landete, kamen Mascha und ihre Eltern 1996 nach Deutschland. Die biographischen Eckdaten stimmen übrigens mit denen der Autorin überein, die Ereignisse dazwischen sind hingegen Fiktion.

In Frankfurt besuchte Mascha das Gymnasium, nun steht sie kurz vor der Abschlussprüfung ihres Dolmetscherstudiums. Fünf Sprachen beherrscht sie fließend »und ein paar andere wie die Ballermann-Touristen Deutsch«, doch der Weg dorthin war mit vielen Mühen und Ernüchterungen verbunden. Immer musste Mascha sich mehr anstrengen als die anderen, musste sich behaupten, ihr Leben lang mit Vorurteilen ringen, stigmatisiert wie sie war durch ihren sogenannten Migrationshintergrund. Sie arbeitet hart, eine Freizeit hat sie nicht, stattdessen paukt sie unermüdlich Vokabeln – jetzt mehr denn je, wo sie doch die Leere, die Elias’ Tod in ihr hinterlassen hat, irgendwie füllen muss. Mit Bravur schließt sie ihr Studium ab, dann will sie nur noch fort, »mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln«. Sie nimmt eine Stelle weit unter ihrer Qualifikation als Übersetzerin in Tel Aviv an, flieht vergeblich vor ihrem Schmerz, ist auch hier eine Getriebene, eine Rastlose.

Wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, überkam mich manchmal die Sehnsucht nach einem Zuhause, ohne dass ich es hätte lokalisieren können. Wonach ich mich sehnte, war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten.

Die Motive, die Olga Grjasnowa aufgreift, finde ich ungemein spannend und waren auch der Grund dafür, dass ich diesen Roman zur Hand genommen habe: nationale und sprachliche Grenzen, Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen, der Heimatbegriff und das Gefühl des Fremdseins, die Suche nach der eigenen Identität angesichts eines Leben zwischen den Kulturen. Mascha ist Aserbaidschanerin, Jüdin und Deutsche; sie hat Verwandte in Israel, ihr Ex-Freund stammt aus dem Libanon, ihr bester Freund ist türkischer Herkunft. Elias’ Tod sowie Maschas räumliche und emotionale Flucht sind da lediglich eine Rahmenhandlung, ein Mittel, so scheint es, um all diese gewichtigen Themen zu transportieren. Einige interessante Szenen und Gedanken gibt es da, etwa in Bezug auf das Judentum, das Mascha selbst nicht als identitätsstiftend erachtet, das dennoch immer wieder thematisiert wird – schlichtweg, weil es einfacher ist, in klar umrissenen Kategorien zu denken.

»Hinterher saßen wir im Büro des diensthabenden Managers. Weder das Büro noch der Manager hatten sich seit der Exekution meines Computers verändert.
(…)
»Wie gefällt Ihnen Israel?«, fragte mich der Manager und hielt mir den Teller mit dem Gebäck hin, ich nahm gleich drei Stücke. (…)
»Was ist eigentlich mit Ihrem Computer? Haben Sie eine Wiedergutmachung bekommen?«
»Letzten Monat.«
»Gut.« Das Managerlachen wurde immer breiter.
»Ich habe vier Monate gewartet und habe nur achtzig Prozent des Preises erstattet bekommen. Was ist daran bitte gut?«
»Wissen Sie denn, wie lange mein Großvater auf seine Wiedergutmachung aus Deutschland warten musste?« Der Manager konnte offenbar nur in einer Tonlage lachen.
»Funktioniert nicht, sie ist jüdisch«, sagte Ori.
»Ach, Sie sind gar keine Schickse?«, fragte mich der Manager.
»Ihre Großeltern sind Holocaust-Überlebende«, sagte Ori.
»ORI«, schrie ich ihn an.
»Was Ori? Wenn wir schon Judenmonopoly spielen, dann wenigstens richtig.«
»Möchten Sie noch einen Keks?«, fragte der Manager.

Ermüdend wird es jedoch, wenn die Figuren sich erhitzen und in politischen Diskussionen ergehen: Der Leser wird dann mit zornigen Monologen übergossen, die häufig etwas Hölzernes haben und aus der Geschichte seltsam herausgelöst wirken – so sehr, dass ich den Eindruck habe, hier müsse mit aller Macht eine Meinung kundgetan werden. Eine gewisse Schärfe klingt in dem Roman an, manchmal fühle ich mich als Leserin unangenehm berührt, ertappt, als gelte der fast schon feindselige Ton mir. Vielleicht wird genau das ja auch bezweckt, und ich würde diese Schärfe sogar für angemessen halten, wenn in ihr nicht immer auch diese unterschwellige Arroganz mitschwingen würde. Ständig habe ich das Gefühl, es gehe den Figuren nicht so sehr darum, zu sagen: »Schaut her, wir haben es zu etwas gebracht, trotz allem«, sondern vielmehr darum, hinauszuschreien: »Schaut her, wir haben es weiter gebracht als alle anderen, und der wahre Abschaum, das seid ihr«.

Und dann ist da Mascha. Mascha, die beinahe jedem Menschen, der in ihre Nähe kommt, vor den Kopf stößt und Schwäche lange Zeit nicht zulassen kann, nicht bei sich und nicht bei den anderen. Ihr Schmerz spielt dort hinein und ihre Angst – vor Verlust und davor, verletzt zu werden. Aber es ist kein Schutzmechanismus, der sie zu diesem Verhalten treibt. Es ist eine Offensive, ein Weg, ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen: Als Mädchen »hatte ich beschlossen, mich zu wehren«. Gerade in den ersten beiden Teilen des Romans verärgert mich diese Aggressivität; so sehr hadere ich mit der Protagonistin, dass ich manches Mal kurz davor stehe, das Buch mit den Worten zuzuschlagen: Dann sieh doch zu, wie du alleine zurechtkommst. Die Israel-Passagen versöhnen mich aber ein wenig mit der Geschichte und ihrer Protagonistin, was vor allem mit den oben erwähnten Reflexionen und Motiven zu tun hat. Der Russe ist einer, der Birken liebt ist ein wütendes und raues Buch – derart, dass mich bisweilen das Gefühl überkommt, unerwünscht zu sein. Eine reizvolle Lektüre, ja, doch sie lässt mich etwas irritiert zurück.

»Wo kommst du her?«
»Deutschland.«
»Wirklich?«
»Ja.«
(…)
Ismael seufzte: »(…) Du siehst gar nicht deutsch aus.«
»Wie sehen Deutsche aus?«
»Keine Ahnung?«
»Und Russen, wie sehen die aus?«, fragte ich ihn.
Er zuckte mit den Schultern, sagte: »Wie Leute, die Birken lieben.«
»Amerikaner?«
»Schau dich doch um. Palästina ist voll von ihnen.«
»Und die Palästinenser?«
»Wie Leute, die es gewohnt sind, lange zu warten.«

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. Hanser, München 2012, 283 Seiten, 18,90 €.

Advertisements

14 Kommentare zu „Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

  1. Eine sehr interessante Besprechung, liebe Caterina. Ich habe bei dem Roman von Eva Lohmann ja eine ähnliche Erfahrung gemacht mit einer Protagonistin, die ich gar nicht mochte und die mir mein Lesevergnügen verleidet hat.
    Deine Rezension lässt mich bei der Frage, ob ich das Buch lesen sollte aber immer noch unschlüssig zurück. Ich schleiche ja schon länger drum rum, aber die Meinungen sind so unterschiedlich.
    Morgen schaue ich mir Frau Grjasnowa bei einer Lesung in Bremen live an, vielleicht mir das noch einmal Entscheidungshilfe sein.
    Liebe Grüße
    Mara

    Gefällt mir

    1. Ich muss gestehen, auch ich bin unschlüssig – ob ich den Roman empfehlen würde oder nicht. Wer sich wie ich für die erwähnten Themen interessiert, findet hier wie gesagt einige sehr anregende Gedanken, Szenen, Beobachtungen.

      Und doch kann ich nicht behaupten, dass ich der Figur gerne gefolgt bin, vor allem am Anfang nicht. Jetzt verstehe ich auch besser, was du damals bei dem Kuckucksmädchen meintest (danke für den Vergleich); die Geschichte der Ich-Erzählerin finde ich wahnsinnig spannend, nur mit ihr als Person wurde ich eben nicht warm…

      Auf deine Eindrücke von der Lesung bin ich sehr gespannt! Wenn du magst, kannst du ja mal an dieser Stelle (oder natürlich auch in deinem Blog) davon berichten.

      Liebe Grüße,
      caterina

      Gefällt mir

  2. Mir geht es da wie Mara, immer wieder begegne ich diesem Buch, das mich gleichermaßen abschreckt wie neugierig macht. Ich kann nicht einmal sagen, was genau diesen Zwiespalt auslöst. Deine Rezension kann mir aus dieser Falle wohl auch nicht helfen, aber es war gut deine Eindrücke zu lesen. 🙂

    Gefällt mir

    1. Verzeih bitte, dass ich dir nicht helfen konnte ;).
      Wie du kann auch ich meinen Zwiespalt nicht richtig begründen – genauso wenig, wie ich abschließend sagen kann, ob ich mir das Buch nun eigentlich gefallen hat oder nicht. Aber aber immerhin kann ich sagen: Die Lektüre hat mich bereichert und gefordert; das Buch ist trotz allem ein weiteres eindrückliches Zeugnis davon, was in Kriegskindern und Heimatlosen vor sich geht.

      Gefällt mir

  3. Mir gefallen die ausgewählten Zitate aus dem Roman ausgesprochen gut. Ich habe den Roman auch noch nicht gelesen, aber irgendwie kann ich die zornige Mascha verstehen. Wenn dir etwas widerfährt, das dein Leben entscheidend prägt, dann wird man unter umständen hart – mit sich und den Mitmenschen – auch wenn der Grossteil gar nichts mit deinem Schicksal zu tun hat und etwas dafür kann. Das versteht nur jemand, dem Ähnliches widerfahren ist.

    Der Titel ist natürlich etwas irreführend, denn so viel mir bekant ist, geht es ja nicht wirklich um Russland. Oder irre ich mich da?

    Gefällt mir

    1. Der Roman hat viele schöne oder auch beeindruckende Stellen vorzuweisen, ich habe mir so manche Passage herausgeschrieben. Was auch daran liegt, dass er mich sprachlich überzeugt hat; Grjasnowa hat einen angenehm unaufgeregten Stil, dem trotzdem viel Poesie innewohnt.

      Ja, verstehen kann ich Mascha auch, das habe ich ja geschrieben (so sehr, wie man eben derart einschneidende Erfahrungen „verstehen“ kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat). Es ist nicht unbedingt ihre Wut, die mich so irritierte, sondern die Aggressivität und vor allem die Überheblichkeit, die darin mitschwingen.

      Ich finde die Figur sehr plausibel, sehr glaubwürdig gezeichnet in all ihrem Zorn, ihrer Distanziertheit und Kälte – dass sie so ist, wie sie ist, aufgrund ihrer Vergangenheit. Aber meine Kritik hat nicht so sehr mit Authentizität zu tun (die ich wir wie gesagt nicht abschreibe) als mit einer unsichtbaren Barriere, die zwischen mir und dieser Figur besteht. Etwas, das es mir schwer macht, mit ihr mitzufühlen, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Entschuldige, falls ich mich vage ausdrücke, aber besser kann ich es nicht umschreiben.

      Fakt ist aber, dass ich schon viele Bücher gelesen habe, die ähnliche Erfahrungen thematisieren, doch nie ist mir eine solche Figur begegnet, mit der ich nicht mitgehen möchte. Auch all die anderen Figuren waren traumatisiert, wütend, zweifelnd, ängstlich, aber sie versperrten sich mir nicht…

      Stimmt, der Titel hat im Grunde nichts mit der Geschichte der Protagonistin, die ja geborene Aserbaidschanerin ist, zu tun. Er kommt eben nur in dem von mir zitierten Dialog vor, in dem die Nationalitäten auf sehr eigenwillige, schöne Weise definiert werden. Ein schöner Satz – deshalb wurde er wohl auch als Titel gewählt -, aber ohne wirklichen Bezug zur Geschichte.

      Gefällt mir

  4. Liebe caterina,
    so jetzt musste ich erstmal in meine Besprechung reinschauen und das Buch selbst zur Hand nehmen, damit ich mich wieder erinnere und in den Roman hineinkomme. Was mir aber nach deiner Rezension sofort eingefallen ist, waren die Dialoge, die ich damals bemerkenswert fand: oft knapp aber trotzdem vielsagend. Mascha empfand ich nicht ganz so anstrengend wie Du. Sie hat als sehr junger Mensch schon einiges erlebt und wie es auch schon buechermaniac erwähnt hat, der Verluste eines Menschen verändert. Natürlich wird man ungeduldig, möchte sie wach rütteln und anschreien: Mädchen wach auf… aber da machen wir es uns zu leicht. Wir müssen mit Mascha leiden und verarbeiten und können uns am Ende nur glücklich schätzen nicht in der gleichen Situation zu sein.

    Ich kann den Roman nur empfehlen. Gerade die Vielschichtigkeit an Themen machen das Buch zusätzlich interessant.
    Für alle Unschlüssige: Olga liest bei zehnseiten:

    Vielleicht hilft das ja bei der Entscheidung
    Ganz liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    Gefällt mir

    1. Ja, die Dialoge sind wirklich gelungen, das ist auch mir aufgefallen. Generell ist die Sprache – ich habe es bereits in einem Kommentar weiter oben geschrieben – einer der Punkte, die sehr für dieses Buch sprechen, Olga Grjasnowa ist in diesem Sinne auf jeden Fall eine überaus interessante Stimme, die ich auch weiter im Auge behalten werde.

      Deinen Satz – „Wir müssen mit Mascha leiden und verarbeiten…“ – finde ich sehr schön. Ja, mit Sicherheit ist es gewollt, dass man hier als Leser gefordert wird (was ich ganz allgmein gesagt natürlich gutheiße und schätze), dass die Lektüre ihn beschäftigen und ihm nicht einfach nur ein paar vergnügliche Stunden bereiten soll. Das finde ich im Grunde auch sehr gut – ich sagte es schon zu Kef: Es ist eine bereichernde und – im positiven Sinne – fordernde Lektüre. Und ich als Leserin bin auch bereit, zu leiden bwz. mitzuleiden und zu verarbeiten, nur fühlte ich mich manchmal ausgegrenzt, ja, geradezu unerwünscht in diesem Prozess – und genau das war auch mein Problem: dass ich mich gerne in die Protagonistin hineinversetzen wollte, aber immer wieder das Gefühl hatte, weggestoßen zu werden, als ignorant und weltfremd abgestempelt. Ich wollte auf ihrer Seite stehen, hatte aber immer das Gefühl, dass sie mich auf der anderen Seite verortete – diejenige, die sie so sehr verachtet – und eine Annäherung der beiden Seiten für unmöglich hielt.

      Hach, ich merke schon, dass ich mich im Kreis drehe mit meinen Gedanken und Gefühlen. Immerhin kann ich sagen, dass die Lektüre offenbar etwas in mir bewegt hat ;).

      Danke für den Link zur Lesung!

      Gefällt mir

  5. Diesen Roman will ich schon seit längerem lesen. Gut, dass ich deine Rezension als erstes gelesen habe, denn so bleibt mir sicher die eine oder andere Enttäuschung erspart. Denn der Titel ist einer der zum Träumen einlädt 😉 und da laufe ich im besonderen Gefahr mir eine Geschichte auszumalen, die ich so im Buch nicht finden werden.

    Wenn es mit der Hauptfigur nicht so wuppt, dann fällt das Lesen schwer. Das kann ich nachempfinden. Mir ging es so mit „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ in der Hauptfigur Rosalinda sich unaufhörlich selbst lobt und ihre Tochter herunterputzt und ich irgendwann, ähnlich wie du, am liebsten das Buch weg gelegt hätte.

    Kannst Du Dich noch an Deine Erwartungen an das Buch erinnern? Meinst du sie wurden sie erfüllt?

    LG, Katarina 🙂

    Gefällt mir

    1. Liebe Katarina,
      entschuldige bitte die späte Antwort, ich hatte in der letzten Woche viel um die Ohren.

      Deine Vergleich mit Die schärfsten Gerichte… finde ich überaus passend, denn dort hatte ich dasselbe Problem: Mit der Protagonistin wurde ich überhaupt nicht warm, und auch wenn viele diesen bösartigen Humor gelobt haben, konnte ich damit nichts anfangen, ich fand ihn über weite Strecken recht grenzwertig.

      Meine Erwartungen an den Russen… waren recht hoch, wohl auch, weil er immerhin auf der Longlist des Buchpreises steht, und zwar als einer von wenigen Debütromanen, wenn ich mich recht erinnere. Außerdem ist der Titel großartig (mit der eigentlichen Geschichte hat er aber wenig zu tun), und die Themen finde ich wie gesagt sehr spannend. Ich hatte mir also viel erhofft von der Lektüre – einiges wurde erfüllt, insgesamt war es aber nicht das, was ich erwartet hatte.

      Sei lieb gegrüßt,
      caterina

      Gefällt mir

  6. Ja eine posttraumatische Belastungsstörung läßt sich wahrscheinlich nicht so einfach beschreiben und wenn man eine Kindheit mit Gewalt und Grenzverletzungen erlebt hat, muß man wohl die Hände abwehren die nach einen greifen und Arroganz ist wohl auch eine Art sich zu schützen. Mir hat die Szene mit dem Hasen auch nicht gefallen, ich will so etwas nicht lesen, es erscheint mir aber durchaus realistisch und vor allem hat mich Olga Gjasnowas andere Art mit der Migrantenfrage umzugehen sehr fasziniert, das sind nicht die armen, bildungsfernen, die nur in die Hauptschule können, sondern rotzfreche und manchmal arrogante Typen. Daß das Buch trotz aller Realistik vielleicht trotzdem etwas überhöht ist, weil man das am Leipziger Literaturinstitut und die Leser das so haben wollen, kann ich mir vorstellen und so finde ich die Mascha nicht arrogant, sondern arm und kann die Autorin nur bedauern, wenn sie etwas Derartiges erlebt hat, wenn daran gefeilt wurde, weil man nur so auf die Bestsellerliste kommt, fände ich das schade, denn ich will als Leserin zwar Realität, mich aber nicht in den erhöhten Scheußlichkeiten wühlen, denn das Leben ist auch so scheußlich und gewaltsam genug

    Gefällt mir

    1. Liebe Eva, danke für deinen Besuch und den Kommentar.
      Dass Grjasnowas Protagonisten nicht aus den sogenannten bildungsfernen Schichten stammen und sich ausgesprochen erfolgreich nach oben gearbeitet haben, empfinde auch ich als einen interessanten, erfrischenden Ansatz. Vor allem die Passagen über die Arbeit als Dolmetscherin und Übersetzerin fand ich spannend.

      Trotzdem hat mich die Überheblichkeit, die Mascha und auch Cem und Sami auszeichnet, nicht überzeugt: So einer Ich-Erzählerin zu folgen ist einfach anstrengend (die Szene mit dem Hasen ist nur das krasseste Beispiel). Aber mein Leseeindruck ist zwiespältig, denn gleichzeitig bin ich mir natürlich bewusst darüber, dass die Arroganz und auch Wut der Protagonisten absolut gerechtfertigt und somit authentisch ist; ich würde mir niemals anmaßen zu behaupten, das sei unglaubwürdig. Nein, die Figuren erscheinen mir – angesichts ihrer Erfahrungen – schon sehr kohärent in ihrem Auftreten und Verhalten; leicht machen sie es dem Leser dabei gewiss nicht.

      Ob diese Figurenzeichnung überhöht ist, kann ich nicht einschätzen. Wie gesagt empfinde ich sie als glaubwürdig – aus dem einfachen Grund, dass es jenseits meines Vorstellungsvermögens liegt, wie sich Mascha angesichts ihrer Vergangenheit fühlen mag. Ein Urteil über sie (als Figur / als Mensch) zu fällen scheint mir unmöglich. Aber ich finde es interessant, dass du einen Bezug zu der Art des Schreibens herstellst, die in Leipzig gelehrt wird. Ich bin bisher gar nicht auf die Idee gekommen, dass die Charaktere in Grjasnowas Roman Ergebnis einer bewussten Überhöhung/Zuspitzung/Verkünstelung sein könnten.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s