Andrea Bajani: Lorenzos Reise

Andrea Bajani - Se consideri le colpe (c)

Eine Poetik des Schweigens

Als Lorenzo am Flughafen von Bukarest ankommt, hält ein Mann ein Schild in die Höhe, auf dem ausgerechnet der Name von Lorenzos Mutter steht – als würde der Mann sie erwarten und nicht Lorenzo, der aus Italien angereist ist, um ihrer Beerdigung beizuwohnen. Mit dieser Szene, die in aller Lakonie den zentralen Konflikt – die Abwesenheit der Mutter – einfängt, beginnt der vierte Roman des Turiner Schriftstellers Andrea Bajani, Lorenzos Reise. Schon nach diesem ersten Absatz, diesem ersten Kapitel bin ich wieder drin im unverkennbaren Bajani-Sound, dem ich zuerst in Liebe und andere Versprechen begegnete: eine schlichte Sprache zwar, unaufdringlich, fast schon verhalten, und doch ungemein klangvoll, nicht zuletzt wegen ihrer (zumindest im Original) syntaktischen Eigentümlichkeit.

Lorenzos Mutter fing an fortzugehen, da war er noch ein kleiner Junge. Zu Beginn blieb sie nur wenige Tage weg, besuchte Freunde, dann gründeten sie und ihr Geschäftspartner eine Firma in Rumänien, und ihre Reisen wurden immer länger, die Abstände dazwischen immer kürzer. Sie flog um die Welt, um ihr Projekt vorzustellen, Lorenzo sammelte die Zeitungsausschnitte, die Fotos, auf denen seine Mutter fremden Menschen die Hand schüttelt und in die Kamera lächelt. Von überall brachte sie ihm Geschenke mit, mit den Jahren füllte sich sein Zimmer mit Spielzeugen und Erinnerungsstücken und wurde zu einem »Globus« ihrer »täglichen Abwesenheiten«.*

Irgendwann war sie dann ganz fort. Lorenzo blieb mit seinem Vater zurück, der gar nicht sein richtiger Vater war und mit dem er nichts anzufangen wusste, doch in ihrer Einsamkeit und in ihrer gemeinsamen Wut über den Weggang der Mutter fanden sie schließlich zueinander. Nun ist die Mutter tot, offenbar ist auch sie an der Einsamkeit zerbrochen – so genau wird nicht gesagt, was eigentlich geschehen ist. Man ahnt, dass der Geschäftspartner auch ihr Liebhaber war und dass er sie später für die junge Rumänin Monica verließ. Dann der Rückzug, der Alkohol. Auf den letzten Fotos, die von der Mutter gemacht wurden, erkennt Lorenzo sie kaum wieder, diese gebrochene Frau mit dem aufgeschwemmten Körper – ausgerechnet sie, die mit Maschinen zum Abnehmen ihr Glück versucht hatte.

Gibt es einen größeren Verlust für ein Kind als den der eigenen Mutter? Wohl kaum, und doch spricht aus dem Ich-Erzähler kein Zorn, er klagt nicht an. Der Text ist eher von einer feinen Melancholie durchzogen, gerade die Erinnerungen an die Kindheit bestechen durch ihre Zartheit, ihre Stille und Zurückhaltung, die das Glück von Mutter und Sohn in all seiner Fragilität zum Ausdruck bringen. Etwa, als die Mutter dem kleinen Lorenzo erzählt, es gebe einen Moment am Morgen, in dem alle Lichter der Stadt gleichzeitig ausgeschaltet werden, und so schauen sie eine ganze Nacht lang gemeinsam aus dem Fenster, warten auf diesen einen Augenblick, und als Lorenzo ihn verpasst, weil er blinzelt, sagt die Mutter: »Ich habe es für dich gesehen«. Oder folgende Szene:

Wenn du weg warst, hinterließ ich Zettel auf deinem Nachttisch. Ich wusste nicht, wann du zurückkommen würdest, und falls du zurückkamst, wenn ich gerade nicht zu Hause war, solltest du wenigstens einen Gruß von mir vorfinden. Also ging ich in dein Zimmer, wenn Papa mich nicht sah, und hinterließ dir einen Zettel. Ich legte ihn unter den Wecker, das war unser gemeinsames Versteck. Ich schrieb Hallo Mama, oder einfach nur Dinge, die geschehen waren und die ich dir nicht am Telefon sagen wollte. Als zum Beispiel einmal der Hund der Nachbarn weggelaufen war, schrieb ich es auf ein Blatt Papier und steckte es unter den Wecker. Ich schrieb Willkommen zurück, Mama, ich freue mich sehr, dass du wieder zu Hause bist. Vor drei Tagen ist der Hund der Nachbarn weggelaufen, alle sind aufgeregt. Dann kam ich nach Hause und du warst noch nicht zurück. Am folgenden Morgen nahm ich ein anderes Blatt Papier und änderte die Anzahl der Tage, die der Hund nun schon weg war. Willkommen zurück, Mama, ich freue mich sehr, dass du wieder zu Hause bist. Vor vier Tagen ist der Hund der Nachbarn weggelaufen, alle sind aufgeregt. (…) Willkommen zurück, Mama, ich freue mich sehr, dass du wieder zu Hause bist. Vor vierunddreißig Tagen ist der Hund der Nachbarn weggelaufen, alle sind aufgeregt. Als du schließlich nach Hause kamst, waren sechsundsiebzig Tage vergangen, ich hatte die Zahlen mittlerweile nur noch durchgestrichen und die richtigen Zahlen darüber geschrieben. Und der Hund war längst wieder heimgekehrt.

Etwas rauer, weniger magisch im Vergleich zu dieser Kindheitsebene ist die Geschichte im Jetzt: Lorenzos Reise nach Rumänien, die von der unangenehmen Präsenz des Geschäftspartner geprägt ist (einer ärgerlich(en) stereotypen und doch irgendwie – in ihrer Oberflächlichkeit und Grobheit – glaubhaften Figur). Aber auch hier gibt es diese leisen Szenen, in denen sich Lorenzo seiner Mutter annähert, die sich selbst verloren, ihren Sohn jedoch nie ganz verlassen hat. Mir gefällt, dass es keine Erklärungsversuche gibt und keine Rechtfertigungen, dass den Beweggründen der Mutter nicht nachgegangen wird: Alles bleibt im Vagen, Andrea Bajani erzählt diese Mutter-Sohn-Geschichte anhand von Stimmungen, von Erinnerungsfragmenten und vor allem von Unausgesprochenem. Auch dieses Mal bezaubert mich Bajani mit seiner Poetik des Schweigens.

* Die deutsche Ausgabe habe ich leider nicht zur Hand, an dieser Stelle müssen also meine Übersetzungen genügen.

Andrea Bajani: Se consideri le colpe. Einaudi, Turin 2007, 170 Seiten. / Andrea Bajani: Lorenzos Reise. Aus dem Italienischen von Pieke Biermann. dtv, München 2011, 220 Seiten.

Advertisements

14 Gedanken zu “Andrea Bajani: Lorenzos Reise

  1. Schon bei deiner letzten Rezension eines Buches von Bajani, habe ich diesen Autor für mich notiert. Jetzt wird es dann wirklich an der Zeit, dass ich seine Bücher auch für mich entdecke 🙂

    Gefällt mir

      1. Wenn du/man die Schuld bedenkst/bedenkt, wäre mein Vorschlag.

        Der deutsche Titel hört sich harmlos, aber auch mitleidserregend an. Erinnert mich außerdem an den ähnlichen Titel eines Romans, den ich nicht gelesen habe.

        Gefällt mir

  2. Lest ihn, es lohnt sich! Bajani hat eine ganz besondere Sprache, angenehm leicht und doch sehr eindringlich. Der vorliegende Roman hat mir sehr gefallen, aber Liebe und andere Versprechen (Ogni promessa) schien mir noch etwas gehaltvoller, tiefgründiger.

    Zur Übersetzung des Titels: Auch ich würde „colpe“ mit „Schuld“ übersetzen, das ist wohl am naheliegendsten. Aber auch „Fehler“ finde ich treffend oder – etwas ‚erhabener‘ – „Irrungen“. Der Satz (bzw. Halbsatz) „Se consideri le colpe“ taucht übrigens auch im Text auf, und zwar in der Rede des Pfarrers bei der Beerdigung, aber auch da bleibt er zunächst unvollständig:

    „[Il prete] ha ripreso le sue letture, l’ho sentito dire Se consideri le colpe, ma non è riuscito a proseguire, squassato da un accesso di tosse improvviso. Se consideri le colpe, ha ripetuto rosso in faccia, come fosse proprio quella frase a impedirgli di parlare. Se consideri le colpe, ha detto infine lottando contro la raucedine, Se consideri le colpe, Signore, Signore chi potrà sussistere.“

    Ein biblischer Kontext also, mit „colpe“ sind demzufolge die Sünden gemeint (eine kurze Recherche hat ergeben: Psalm 130, Vers 3). Dass das nicht in der deutschen Übersetzung übernommen wurde, scheint mir dann doch nachvollziehbar. Aber du hast recht, atalante, „Lorenzos Reise“ ist etwas unbestimmt und vielleicht auch zu romantisierend.

    Gefällt mir

  3. Mir gefällt, wie Du dieses Buch gelesen und hier vorgestellt hast. Auch, wie diese verschiedenen Erlebnisweisen, die des Kindes und die des erwachsenen Sohnes, sprachlich einen unterschiedlichen Ausdruck zu finden scheinen.
    Außerdem reizt mich vor allem: „dass es keine Erklärungsversuche gibt und keine Rechtfertigungen“. Gut, dass man sich demnächst mal wieder was wünschen darf …
    Vielen Dank dafür,
    mb

    Gefällt mir

  4. Danke, mb, für deine schönen Worte.

    Nur eine kleine Berichtigung: Mit „rau“ und „weniger magisch“ bezog ich mich nicht auf die Sprache, sondern auf den Inhalt der Jetzt-Ebene – da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt.

    Die Sprache bleibt dieselbe, was sicherlich damit zu tun hat, dass auf beiden Ebenen – damals und heute – aus der Sicht eines Erwachsenen erzählt wird, auch in den Kindheitserinnerungen ist immer wieder die Stimme des erwachsenen Lorenzo zu vernehmen. Aber die Geschichten, die er aus seiner Kindheit erzählt, haben einfach einen ganz besonderen Zauber.

    Ein wenig „rauer“ (im Vergleich zu diesen Erinnerungsfragmenten) empfand ich die Jetzt-Ebene vor allem wegen des unangenehmen, aufdringlichen Charakters des Geschäftspartners. Was aber nicht bedeutet, dass dieser Teil der Geschichte von Härte geprägt ist – nein, auch hier herrscht die Stille vor, die Melancholie, diese leisen Momente.

    Glaub mir, Bajani hat einen Platz auf deiner Weihnachtswunschliste verdient. Aber wie ich schon zu den anderen beiden sagte: Liebe und andere Versprechen fand ich persönlich noch schöner – vielleicht, weil es meine erste Begegnung mit Bajani war.

    Liebe Grüße,
    caterina

    Gefällt mir

  5. Der Autor ist mir NOCH völlig unbekannt. Habe mich aber gerade mal bei dtv schlau gemacht und eine Fülle von lesenswerten Büchern gefunden. Am ehesten hat mich „Liebe und andere Versprechen“, auf das du schon verwiesen hast, angesprochen. In Italien scheint er ja ein richtige „Star“ zu sein oder irre ich mich?

    Gefällt mir

    1. „Star“ ist vielleicht etwas übetrieben. Fabio Volo und Federico Moccia würde ich als „Star“ bezeichnen, oder auch Niccolò Ammaniti. Bajani hat – meinem Empfinden nach – noch nicht diesen Kultstatus, ist aber durchaus sehr bekannt und hat beachtliche Erfolge sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum, ja.
      Zu Liebe und andere Versprechen habe ich damals auch ein paar Zeilen geschrieben: https://caterinaseneva.wordpress.com/2011/07/18/die-wunden-der-vergangenheit/. Es lohnt sich.

      Gefällt mir

    1. Liebe Patricia, vielen Dank für deinen Besuch und für das Kompliment! Ich kann dir Bajani nur empfehlen (Liebe und andere Versprechen allerdings noch mehr als Lorenzos Reise): Er hat eine schöne, stille, poetische Sprache, die dem Leser sehr nahe geht – ganz zu schweigen von den Geschichten, die er erzählt.

      Herzliche Grüße,
      caterina

      Gefällt mir

      1. Also ich habe mir gerade eben eine Rezension von „Liebe und andere Versprechen“ durchgelesen. Ich denke das Buch werde ich mir kaufen 🙂 es scheinen sehr viele von diesem Roman begeistert zu sein..

        und wenn du sagst, dass Bajani so ein Talent hat, bin ich schon mal gespannt!

        Danke einmal vorab für den Tipp!
        LG Patricia

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s