Bernhard Aichner: Nur Blau

Bernhard Aichner - Nur Blau (c)

»… tief in eine fremde, blaue Welt hinein«

Der 1972 geborene und in Innsbruck lebende Autor Bernhard Aichner ist in seiner österreichischen Heimat vor allem durch die Krimireihe um den Totengräber Max Broll bekannt, deren dritter Band soeben bei Haymon erschienen ist. Aber auch in der Gegenwartsliteratur ist Aichner zu Hause, bislang hat er drei Romane veröffentlicht, darunter Nur Blau, der erstmals 2006 bei Skarabæus erschien und im April dieses Jahres von Haymon neuaufgelegt wurde. Nur blau, das sind die Bilder des 1962 verstorbenen französischen Künstlers Yves Klein: ultramarinblaue »Monochrome«, einheitliche Farbflächen fast gänzlich ohne Strukturen – in manchen seiner Ausstellungen zeigte der Maler nichts anderes, überall nur die eine Farbe. Ebendieser Kunst widmet sich Aichners Geschichte und entfaltet dabei dieselbe Sogwirkung wie Kleins atemberaubend leuchtendes Blau.

Jo war neunzehn Jahre alt, als er das erste Mal ein Monochrom sah. Seine Arbeit war traurig, sein Leben war langweilig, seine Zukunft farblos. Dann sah er das Bild in der Kantine, eine Wurst in seiner Hand, der Prospekt vor ihm auf dem Tisch. Es war anders als alles, was er vorher gesehen hatte. Es war ein bunter Fleck, der in seine Welt kam, plötzlich hineingetropft in sein Leben. Das Blau. Seine Augen blieben hängen auf dem Papier vor ihm, auf dem Bild in der Broschüre, auf dem Neuen unter sich.
(…) Es hat ihn in ein neues Leben gerissen, aus dem alten heraus, in ein neues hinein, tief in eine fremde, blaue Welt.

Als Jo auf Yves Kleins Monochrome stößt, weiß er, dass sein Leben, wie es bisher war, ein Ende hat: Er bricht seine Ausbildung zum Chemielaboranten ab und verschreibt sich der Suche nach dem Geheimnis von Kleins Blau. Die Farbe wird zu einer Obsession für Jo, er will sie finden und besitzen, nichts anderes zählt mehr. Er verfällt dem Blau, es durchtränkt ihn innerlich wie äußerlich, haftet an seinen Händen. Er hinterlässt Spuren auf dem Körper seines Freundes, des etwas älteren Mosca, der von Anfang an fasziniert ist von Jo und dessen Suche, ihm in seinem Loft mit Blick über Frankfurt ein Atelier einrichtet, an ihn glaubt. Ihn liebt, wie niemanden zuvor. Die Klein-Kopien, die Jo erschafft, verkaufen sie, bis genügend Geld zusammengekommen ist, um ein Original zu erwerben: Im weißen Loft hoch über Frankfurt hängt es neben den gefälschten Monochromen, ununterscheidbar. Doch dann stürzt Jo von der Leiter und bricht sich das Genick. Das war vor einem Jahr.

Nun fährt Mosca mit einer der Fälschungen nach München, übergibt sie Jos Mutter, die ihren Sohn verstoßen hat, weil er schwul war. Ihre Verbitterung ist geblieben, auch Jos Tod scheint daran nichts geändert zu haben. Sie wirft das Bild in die Abfalltonne, wo es tags darauf vom Müllfahrer Olivier gefunden wird. Eine Chance, ahnt Olivier, eine Chance, seinem stinkenden Leben zu entkommen. Mit Herta, deren großen, weichen Körper er zu lieben beginnt, bricht er auf nach Frankfurt – Moscas Visitenkarte klemmte noch an der Leinwand –, um sich Gewissheit zu verschaffen. Unterwegs begegnen sie zufällig der Italienerin Mirella, die mit ihrem Wohnwagen durch Europa reist, um Klein-Ausstellungen zu besuchen. Und während sie davon erzählt, wie der Maler einst von ihrem Bruder, einem Galeristen, nach Mailand geholt wurde und wie er sie in seiner Freude über den Erfolg der Bilder küsste, lernt Mosca auf dem Frankfurter Flughafen den Dänen Onni kennen, dem er ein ungewöhnliches Geschenk macht.

Gemeinsam fahren Mosca und Onni zu einem Club, wo sie sich aus den Augen verlieren, wo Onni das Geschenk verliert, wo Mosca beinahe das Bewusstsein verliert. Eine unbekannte Frau, Anna, hilft ihm, sie begleitet ihn nach Hause, sieht Jos Atelier, erzählt, dass auch sie Künstlerin ist, legt Mosca ins Bett, legt sich zu ihm. Das war vergangene Nacht. Heute, an diesem Morgen, laufen alle Fäden der Geschichte zusammen, für jede der Figuren bedeutet dieser Morgen ein Bruch in ihrem Leben, für manche im positiven, für manche im negativen Sinne. Sie alle sind auf der Suche nach ein bisschen Glück, immer wieder kreuzen sich dabei ihre Wege, und es kommt vor, dass einer das Glück des anderen fortnimmt. Gleich mehrere Geschichten von Liebe, Leid, Angst und Verlust erzählt Bernhard Aichner in Nur Blau, auf kunstvolle Weise verschränkt er sie miteinander und lässt sie auf ein ebenso fesselndes wie erschütterndes Finale zusteuern.

Da ist etwa Anna, die früher mit einem Radiomoderator zusammen war: Auf einmal bekam er Schluckauf und wurde ihn nicht mehr los, sein Leben geriet aus den Fugen, er verabscheute dieses Geräusch, er verabscheute sich und dann auch Anna, weil ihr Leben noch funktionierte; er begann, sie zu schlagen und mit Zigaretten zu verbrennen; anderthalb Jahre ist sie geblieben, jetzt befreit sie sich von ihm, Stück für Stück, indem sie ihren Schmerz zeichnet. Olivier, der Müllmann, der jede einzelne Tonne öffnet, bevor er sie ausleert – vielleicht findet sich etwas Brauchbares darin; er führt Buch über die Tonnen, alle tausendsiebenhundert Mal ist etwas dabei. Der Taxifahrer Ben, er nimmt Drogen und hat grausame Träume, beängstigend real, und jedes Mal, wenn er aufwacht, kann er kaum glauben, dass er unversehrt ist. Onni, der unter Inkontinenz leidet. Ming, die zu Hause in China mit ansehen musste, wie ihre neugeborene Schwester in einen Sack gesteckt und im Fluss ertränkt wurde, weil sie kein Junge und somit wertlos war.

Episodenhaft wirkt der Roman, all diese Lebenswege werden innerhalb von wenigen Seiten umrissen, und zwischen einem Puzzlestück der Geschichte und dem nächsten immer wieder eine zeitliche Verortung, »Das war gestern eine halbe Stunde vor Mitternacht« oder »Das war vor siebenundfünfzig Minuten« – jede Episode auf den einen Punkt ausgerichtet, an dem alles zusammentrifft. Aichner hat einen höchst eigenwilligen Sound, er arbeitet mit harten Schnitten, mit unfertigen Sätzen, sodass der Eindruck entsteht, man sehe sich einen Negativfilm an, statt einen Roman zu lesen. Gleich zu Beginn etwa heißt es: »Zuerst Jo. Wie der schmächtige Pole schaute und zusammensank. Wie Jo ihn getreten hat, (…) wie Jo das Bild nahm und rannte. (…) Wie es dastand, wie es an der weißen Wand lehnte, in dem weißen Zimmer«. Mit seiner knappen, einfachen Sprache erzeugt Bernhard Aichner Bilder von großer Intensität, die es vermögen, den ganzen Schmerz, aber auch das ganze Glück der Figuren einzufangen.

Bernhard Aichner: Nur Blau. Haymon, Innsbruck 2012, 232 Seiten.

4 Gedanken zu “Bernhard Aichner: Nur Blau

  1. Das ist eines der Bücher, denen ich vermutlich nie begegnet wäre, wenn du nicht darüber geschrieben hättest. Du hast mich wirklich neugierig gemacht. Reichen die 232 Seiten angesichts dieser Themenfülle denn überhaupt aus oder hattest du das Gefühl, dass es ruhig länger hätte sein können?

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  2. Als ich die Farbe deines Titelbildes sah, dachte ich sofort an das Yves-Klein-Blue, auf das der Künstler sogar ein Patent angemeldet hat. Ich liebe seine blauen Bilder und kann absolut nachvollziehen, dass es Autoren wie Aichner inspiriert, darüber ein Buch zu schreiben! Dir vielen Dank dafür, dass du durch deine Besprechung darauf aufmerksam machst. Wie Kef hätte ich es wohl sonst übersehen…
    Fandst du die Vielzahl an Personen nicht verwirrend? LG Laura

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  3. Liebe Kef, liebe Laura,
    ihr habt wohl recht, auf den üblichen Kanälen – Verlagsvorschauen, Feuilletons, Blogs, etc. – begegnet man diesem Buch (und vermutlich auch anderen Haymon-Büchern) eher nicht. Ich habe zu Autor und Roman über meine Arbeit gefunden, auf der Frankfurter Buchmesse bin ich drauf aufmerksam geworden. Schön, dass man hin und wieder über Umwege solche extrem versteckten Perlen entdeckt und – bestenfalls – mit einer Rezension zu ihrer Verbreitung beitragen kann.

    Zu euren Fragen: Ich fand den Platz vollkommen ausreichend, den Aichner seinen Figuren gewidmet hat. Natürlich würden ihre Lebenswege genug Stoff für eigenständige Geschichten bieten, aber genau diese Verknappung, diese Reduktion auf wenige Seiten finde ich so spannend. Aichner packt in ganz wenige Worte ein ganzes Leben voller Schmerz und auch Liebe – ein Leben, das man sicher auch in epischer Breite auserzählen könnte, aber gerade durch die Lakonie haben die Geschichten eine ungemeine Wucht. Der Leser wird nicht behutsam in die Geschichten eingeführt, sondern fast brutal damit konfrontiert, was diesen Roman zu einem spannenden Leseerlebnis macht.

    Und verwirrend ist das Ganze trotzdem nicht, auch wenn die handelnden Figuren (und ihre jeweiligen Geschichten) viele sind im Vergleich zur Länge des Textes. Das liegt womöglich daran, dass sie ungemein differenziert sind, keine Figur ähnelt der anderen, kein Leben ähnelt dem anderen, der Leser kann gar nicht Gefahr laufen, sie zu verwechseln. Natürlich könnte man angesichts dieser Fülle an sehr unterschiedlichen Geschichten und Menschen die Befürchtung haben, der Autor arbeite mit Schablonen, mit Stereotypen (der junge schwule Künstler und sein älterer Mäzen, die traumatisierte Frau, der durchgeknallte Drogenabhängige, usw.). Den Eindruck hatte ich jedoch nicht beim Lesen: Die Figuren sind für mich allesamt dreidimensional, die kurzen Einblicke in ihr Leben verleihen ihnen eine gewisse Tiefe.

    Lesenswert!

    Liebe Grüße,
    caterina

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