Haruki Murakami: Naokos Lächeln

Haruki Murakami - Naokos Lächeln (c)

Nur eine Liebesgeschichte

Kein einziges Buch von einem weltbekannten Schriftsteller wie Haruki Murakami gelesen zu haben, der regelmäßig als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, ist sicherlich unter Viellesern eine Seltenheit. Nun, bis vor kurzem war genau das bei mir der Fall. Angesichts dieser vermeintlichen Bildungslücke schämte ich mich ein wenig, andererseits konnte ich mich im Gegensatz zu den meisten anderen darüber freuen, den Autor und sein Werk noch für mich entdecken zu dürfen. Nur: Je länger ich die Entdeckung des Murakami hinauszögerte, umso größer wurden meine Erwartungen. Und so verwundert es kaum, dass schließlich nichts Gutes bei meiner ersten Begegnung mit dem japanischen Autor herauskam: Der 1987 erschienene und 2001 ins Deutsche übertragene Roman Naokos Lächeln zählt zu meinen enttäuschendsten Leseerlebnissen dieses Jahres.

Als bei der Landung des Flugzeuges das Lied Norwegian Wood der Beatles ertönt, muss der Passagier Tōru plötzlich an Naoko denken: Es war ihr Lieblingslied, damals, als sie noch am Leben war. Was folgt, ist Tōrus vierhundertseitige Erinnerung an jene Zeit in Tokio, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als er sich in zwei Mädchen gleichzeitig verliebte, während um ihn herum die Studentenunruhen tobten. Tōru, der erst seit ein paar Monaten in einem Wohnheim in Tokio lebt und Theaterwissenschaften studiert, begegnet eines Tages zufällig Naoko. Mit ihr und ihrem Freund Kizuki verbrachte er seine Jugend, sie waren ein unzertrennliches Trio – bis Kizuki Selbstmord beging, da waren sie gerade einmal siebzehn. Naoko und Tōru verloren sich aus den Augen, nun spazieren sie stundenlang gemeinsam durch die Stadt, ohne jemals Kizukis Namen zu nennen, und schlafen an Naokos zwanzigsten Geburtstag miteinander.

Danach bricht etwas auseinander. Naoko leidet unter Depressionen, kurze Zeit nach der gemeinsamen Nacht mit Tōru kommt sie in eine Klinik außerhalb von Tokio. Tōru schreibt ihr Briefe, im Herbst besucht er sie zum ersten Mal, spaziert mit ihr über die Wiesen, lässt sich von ihr befriedigen, begreift, dass er sie liebt und immer lieben wird. Doch ihr Zustand bessert sich nicht, bald schon ist sie nicht einmal mehr in der Lage, auf Tōrus Briefe zu antworten. Währenddessen lernt er Midori kennen: Auch sie hat mitnichten ein leichtes Leben (aber wer hat das schon in dieser Geschichte?), doch ganz anders als Naoko begegnet sie den Hürden und Rückschlägen mit einer fast schon befremdlichen Lebhaftigkeit. Sie ist direkt, leidenschaftlich und aufbrausend, sie verspürt einen unbändigen Drang, sich auszuprobieren, und lässt sich von nichts und niemandem einengen.

Was als Freundschaft beginnt, entwickelt sich schließlich zu mehr – dabei ist es nicht lange her, dass Tōru Naoko versprochen hatte, auf sie zu warten. Doch der Zwiespalt, in den er gerät, ist nicht von langer Dauer: Wir sind bereits am Ende des Romans angelangt, die Entscheidung zwischen den beiden Frauen wird dem Helden kurzerhand abgenommen. Was bleibt, ist eine gewisse Leere – nicht so sehr in Tōru, der nun seinen Frieden finden kann, als in mir, der Leserin. So sehr, dass ich mich schwertue, Worte zu finden für das, was ich so ärgerlich fand an diesem Buch. In erster Linie ist es wohl die augenfällige, fast schon plump präsentierte Schwermut, die das Erzählte durchtränkt (allein vier oder fünf Figuren in unmittelbarer Nähe der Protagonisten nehmen sich das Leben): Mir fehlt da das Subtile, das Unausgesprochene – Leerstellen, die der Leser mit seinen eigenen Empfindungen füllen kann.

Plump und reizlos erscheint mir auch die Art, in der die Figuren (bzw. Murakami) Sexualität – ein zentrales Motiv des Romans – thematisieren. Gegen eine explizite Darstellung habe ich nichts einzuwenden, zuletzt hat mich Zeruya Shalevs Liebesleben in dieser Hinsicht sehr beeindruckt: Sex hat dort nichts mit Gefühl, mit Nähe, mit Magie zu tun, und doch wohnt ihm in seiner Rohheit, in seiner Hässlichkeit eine gewisse Erotik inne. Nichts dergleichen in Naokos Lächeln, wo ich das viele Reden übers Vögeln und Masturbieren als vollkommen platt und fade empfand. Und nicht einmal von der Sprache wird dieser Roman getragen, zusammengehalten; die Trivialität der Worte und Gedanken lässt mich ratlos zurück. Traurig schön könnte die Geschichte von Tōru, Naoko und Midori sein, würde das grobe Erzählen ihr nicht alle Schönheit nehmen. Keine Poesie, nirgends.

Haruki Murakami: Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. btb, München 2003, 416 Seiten.

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32 Kommentare zu „Haruki Murakami: Naokos Lächeln

  1. Wirklich schade, dass es dir mit deinem ersten (und vielleicht sogar letzten?) Murakami-Werk so ging. Naokos Lächeln ist eines meiner Lieblingsbücher, dementsprechend anders fällt auch meine Rezension aus. Ich habe soviele kleine Ansatzpunkte entdeckt, die man genauer untersuchen könnte (beispielsweise die Anklänge einer romantischen Liebesidee im epochalen Wortsinn) und trotz dieser Zusammenhänge ist der Roman so schlicht, dass ich die Lesezeit wirklich genossen habe. Wirst du dich noch einmal an Murakami heranwagen?

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    1. Liebe Kef,
      vielen Dank erst einmal für deinen Besuch, die „Zeilensprünge“ kannte ich bisher noch nicht, aber schon auf den ersten Blick habe ich gesehen, dass es dort einiges zu entdecken gibt.

      Und ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass Murakami- und speziell Naoko-Liebhaber auf meinen Artikel antworten und mich einmal kräftig durchschütteln würden – mit dem empörten Ausruf: „Wie kannst du nur?!“

      Danke, dass du mich an deiner Leseeindruck teilhaben lässt, deine Rezension dazu werde ich auch gleich lesen. Es ist schon immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Lektüreerfahrungen sein können, oder? Sicherlich hängt es auch von der jeweiligen Lebensphase ab, wie man eine Geschichte wahrnimmt.

      Ich selbst finde es jedenfalls schade, dass ich keinen Zugang zu dem Roman gefunden habe, aber mit Murakami habe ich trotzdem noch nicht abgeschlossen. Ich denke, ich werde es mit einem seiner skurrileren, ’surrealen‘ Werke versuchen. Also: Es gibt noch Hoffnung für mich und Murakami 😉

      Viele Grüße,
      caterina

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      1. Dann freut es mich ja umso mehr, dass du mich nun quasi entdeckt hast. Ich verfolge dich schon eine geraume Weile (wie sich das jetzt anhört) und mag die Auswahl deiner Literatur.

        Jedes Leseerlebnis ist individuell und hat seine eigene Berechtigung. Wenn es dir nicht gefallen hat, dann hat es dir nicht gefallen. Ich finde es nur manchmal hilfreich zu hören, was andere für Aspekte entdeckt haben und ein Austausch ist natürlich immer eine Bereicherung. Bei mir hängt das teilweise auch ganz enorm von der Lebensphase ab. Köhlmeiers „Idylle mit ertrinkendem Hund“ beispielsweise habe ich das erste Mal in einer Phase gelesen, in der ich einfach nur unterhalten werden wollte. Dabei ist mir sovieles entgangen. Erst beim erneuten Lesen konnte ich richtig darin eintauchen. Aber nicht immer hat man Lust, ein Buch noch einmal durchzulesen.

        Falls du irgendwann (wenn du dich von Naoko erholt hast) doch noch einmal zu einem Murakami greifst, kannst du mir gerne Bescheid sagen. Es liegen noch einige seiner Bücher auf meinem SuB und vielleicht hast du dann ja auch Lust auf eine kleine Leserunde.

        Sei lieb gegrüßt
        Kef 🙂

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      2. Ich kenne das mit den unterschiedlichen Leseerfahrungen auch andersherum: Jahrelange überhöht man ein Werk in seiner Vorstellung, und wenn man es dann nach Jahren noch einmal zur Hand nimmt, muss man feststellen, dass es nicht mehr den Zauber von einst hat.

        Wie ich schon in meiner Antwort an juneautumn geschrieben habe: Kafka am Strand liegt bereits bereit, deshalb wird das wohl das Buch sein, mit dem ich Murakami noch eine letzte Chance gebe. Sollte ich mich irgendwann zur Lektüre aufraffen (neben der Murakami-Skepsis schreckt mich auch der Umfang ab), gebe ich dir Bescheid 🙂

        Herzlich,
        caterina

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  2. Ich habe Naokos Lächeln noch nicht gelesen, aber ich hoffe sehr, dass Du Dich nicht abhalten lässt, es noch einmal mit Murakami zu versuchen. Vielleicht mit Kafka am Strand, das fand ich ganz großartig.

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    1. Ich fürchte, es wird ein wenig Zeit vergehen, bis ich mich aufrappeln kann, noch einen Murakami zu lesen, aber eine Chance will ich ihm noch geben. Zumal ich glaube (hoffe), dass seine Werke, die zum magischen Realismus tendieren, mich mehr begeistern können. An Mister Aufziehvogel habe ich zum Beispiel gedacht, aber auch an Kafka am Strand, das zufälligerweise just in diesen Tagen in meinem Regal gelandet ist (mein Mitbewohner hat aussortiert und konnte dem Buch wenig abgewinnen).

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  3. Ups, ja, schade, das war ja kein guter Start für dich, liebe Caterina! Wie Juneautumn würde auch ich dir raten (wünschen), es noch einmal mit ihm zu versuchen und zwar wirklich mit Kafka am Strand, das ich auch ganz großartig fand. Du kannst es ja mal in der Buchhandlung anlesen … Ich war jedenfalls gleich davon gefangen. Liebe Grüße, Petra

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    1. Das lese ich erst jetzt, nachdem ich meinen Kommentar schon geschrieben habe. Just mit Kafka habe ich wieder aufgehört, kann mich aber nicht mal erinnern, wieso ich das Buch nicht fertig gelesen habe, wieso es mich nicht gepackt hat. Ob ich es nochmals versuchen sollte oder aber einfach Geschmäcker verschieden sind?

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    2. Es häufen sich die Stimmen für Kafka. Wie gesagt habe ich bereits zu Hause liegen, mein Mitbewohner hat es mir neulich in die Hand gedrückt, als ich ihm von meiner enttäuschenden Begegnung mit Naoko erzählte. Allerdings hat er mir Kafka nicht empfehlen können; Mister Aufziehvogel hatte er vor langer Zeit gierig verschlungen, Kafka dann abgebrochen. Darum befindet es sich jetzt auch in meinem Besitz 😉

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  4. Ich hatte auch lange diese Bildungslücke, schloss sie dann mit der „Gefährlichen Geliebten“, welche ich in einem Zug verschlang und eigentlich mochte. Die Sexualität hatte auch da einen grossen Stellenwert, des Weiteren bestach das Buch durch eine mystische und doch präzise Erzählweise, durch ein Plätschern des Geschehens, in dem Obsession steckte. Ein Buch, fremd und doch nah. Ich kann es dir, wenn du dich nochmals an Haruki Murakami heranwagen möchtest, nur empfehlen. Ich las noch ein zweites von ihm, den Titel habe ich vergessen, das dritte, „Kafka am Strand“, begann ich nur und legte es bald beiseite. Es hat mich nicht mehr gepackt. Damit hatte meine Reise in die japanische Literatur ein Ende – bislang.

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    1. Ach, die Gefährliche Geliebte war es doch auch, die zum Bruch des Literarischen Quartetts führte, oder? Offenbar scheiden sich die Geister an Herrn Murakami. Eine Freundin meinte neulich zu mir, entweder man liebt oder man hasst ihn. Vielleicht ist etwas dran an dieser Aussage.
      Wenn die Geliebte ähnlich mit dem Thema Sexualität umgeht, dann werde ich wohl besser die Finger davon lassen, denn genau in diesem Punkt fand ich Naokos Lächeln ja besonders schwach.

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  5. Liebe caterina,

    ach schade! Jetzt muss ich erstmal ganz tief seufzen! Ich finde gerade keine Worte, aber so wie du an einer Stelle schreibst, ist das Lesen ein persönliches Empfinden, bei dem oftmals auch die jeweilige Lebensphase mitspielt, die Umstände, die sich an die Lesewelt neigen.

    Es ist viele Jahre her, dass ich „Naokos Lächeln“ gelesen habe. Daher kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Nur habe ich das Gefühl, dass sich an diesem Werk und an „Gefährliche Geliebte“ (jenes Buch, an dem das Literarische Quartett zerbrach) die Geister scheiden. Letztlich ist Haruki Murakami immer ein Experiment, das sage ich auch meinen Kunden. Es kann schiefgehen oder nicht, halbe Sachen gibt es bei ihm nicht. „Naokos Lächeln“ ist in der Tat ein schweres Buch. Trotzdem konnte mich Murakami mit seiner Sprache auffangen. Vielleicht bin ich am Ende auch zu sehr in den Autor verliebt? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass du ihm vielleicht irgendwann nochmal eine Chance geben solltest/möchtest.

    Mein Murakami-Erstling war übrigens „Mister Aufziehvogel“. Ich habe über Kazuo Ishiguros „Als wir Waisen waren“ zu ihm gefunden. (Am Ende des Buches war ein Hinweis vom Verlag.) „Mister Aufziehvogel“ empfehle ich allerdings ungern als Einstiegslektüre, weil es so dick und schon sehr extrem skurril ist. Vielleicht wäre „Afterdark“ besser? Letzteres findest du auf meinem Blog.

    Vielleicht klappt es doch noch mit euch beiden und wenn nicht, dann nicht. So ist das Leben eben. Ich danke dir auf jeden Fall sehr, dass du dein murakamisches Leseerlebnis hier mit uns so schön geteilt hast.

    Viele liebe Grüße,

    Klappentexterin

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    1. Ach, liebe Klappentexterin, es tut mir ein bisschen weh, dein Seufzen zu vernehmen, und ich danke dir, dass du mich an deiner Murakami-Liebe teilhaben lässt, trotz meiner kritischen Worte.

      Deine Rezension zu Afterdark habe ich soeben gelesen, und mir gefällt die Atmosphäre, die du darin beschreibst. Allein die Ansprache, „für alle Nachtschwärmer und Schlaflosen“, zieht mich förmlich an. Vielleicht ist dieses kurze Werk der richtige Weg, um meine Murakami-Skepsis zu überwinden?

      Wir werden sehen. Nun braucht es bestimmt noch eine Weile, bis ich wieder zu einem Buch dieses Schriftstellers greife, denn du kennst es ja, die ungelesenen Bücher stapeln sich, so viele andere Autoren gibt es noch zu entdecken.

      Sei herzlich gegrüßt,
      caterina

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  6. Liebe caterina,

    als ich deinen Beitrag gelesen habe, musste ich zwangsläufig ein wenig schmunzeln. Mein erstes Buch von Murakmi war „Gefährliche Geliebte“ und für mich ein absoluter Reinfall. Trotzdem hat der Japaner eine zweite Chance erhalten und zwar mit „Naokos Lächeln“. Nach der Lektüre war ich wieder versöhnt mit dem Autor, obwohl ich deine Argumente teilweise verstehen kann. Die Selbstmordrate war eindeutig zu hoch – einfach unglaubwürdig. Tōru habe ich aber sehr ins Herz geschlossen.

    Trotzdem werde ich mich nicht so schnell wieder Murakami nähern; zu ungewiss ist der Ausgang…

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    1. Tōru mochte ich im Grunde als Figur auch ganz gerne, ebenso Naoko, während ich mit Midori und Reiko so meine Schwierigkeiten hatte.
      Wie dem auch sei: Nach all dem, was ich in den letzten Tagen zu diesem Thema gelesen habe, werde ich ganz bestimmt nicht zur Gefährlichen Geliebten greifen, die – so mein Gefühl – in eine ganz ähnliche Richtung geht wie Naokos Lächeln.

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  7. Liebe caterina,

    ich als Murakami-Romane-Verehrerin muss mich dem tiefen Seufzen der Klappentexterin anschließen. Wie schade, dass du zu „Naokos Lächeln“ so gar keinen Zugang finden konntest!
    Aber so ist das nun mal, und wie Petra schrieb, ist es auch gut so, dass wir alle unsere ganz individuellen Leseerlebnisse haben! Ich hoffe sehr, dass ein weiterer Murakami dich überzeugen kann und kann dir gar nicht recht raten, welcher das am besten sein sollte:
    Mein „Erstling“ war bei ihm nämlich „Kafka am Strand“ und ich war nicht sonderlich überzeugt. Mir ist wenig von dem Buch geblieben, daher will ich es nach vielen weiteren anderen Murakami-Romanen nochmal lesen, irgendwann.
    Vielleicht ist es auch gar nicht hilfreich, soviele Empfehlungen zu bekommen; du beschreibst es selbst in deinem Beitrag: die Erwartungen steigen damit ins beinahe unermessliche 🙂
    So oder so: Schön, dass wir uns austauschen können, und ich finde es auch gar nicht schlimm, wenn wir mal nicht alle einer Meinung sind 😉
    Ganz liebe Grüße, Laura

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    1. Liebe Laura,
      keine Sorge, hohe Erwartungen habe ich nicht (mehr) an Murakamis Werk, trotz all der Empfehlungen, die in den letzten Tagen bei mir eingetrudelt sind. Dafür haben sie bewirkt, dass ich reichlich verwirrt bin und mich nicht entscheiden, zu welchem Buch ich als Nächstes greifen soll 😉 Denn eines ist sicher: Mehr als eine Chance gebe ich Herrn Murakami bestimmt nicht – wenn er mich dann immer noch nicht begeistert, ist’s vorbei mit dem guten Willen 🙂

      Ob es letztendlich Kafka wird oder Mister Aufziehvogel, Afterdark oder etwas ganz anderes – wer weiß. Mal sehen, welches mir als Erstes begegnet, welches mich spontan anspricht und verzaubert, dass ich nicht drum herumkomme. Bei Naoko war es genau solch ein Moment: Ich habe dieses Buch neulich auf einem Berliner Flohmarkt gesehen und musste es einfach kaufen. Schade, dass diese Liebe auf den ersten Blick sich dann leider als Illussion herausstellte…

      Wie dem auch sei: Sobald es so weit ist, lasse ich euch wie gehabt an meiner Leseerfahrung teilhaben.

      Liebe Grüße,
      caterina

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  8. Endlich! Ich muss mich hier auch meiner Blogpartnerin voll anschließen: Es ist gut, wenn nicht alle einer Meinung sind, denn sonst lernt man ja auch nichts voneinander. Es ist schön sich auszutauschen und Gleichgesinnte zu finden, aber warum traut sich so selten jemand, zuzugeben, dass er ein von der Weltliteraturpresse groß gefeiertes Werk nicht mag. Wichtig sind immer, dass man seine Meinung begründet und auch dann bleibt es blos eine Meinung. Und diese darf auch geäußert werden. Ich stelle in vielen bibliophilen Blogs fest, dass selten man Literatur verrissen wird und Kommentare dezidiert sich mal empören oder Kontra geben. Auch ein Thomas Mann, Goethe oder Günter Grass darf ja wohl kritisiert werden. Ich selbst muss nämlich sagen, dass ich Thomas Mann und Günter Grass nicht mag – auch wenn ich Germanistik studiert habe, heißt das noch lange nicht, ich müsse das total mögen. Es gibt weitaus Interessanteres … Aber das ist auch nur meine Meinung. Ich jederfalls finde es gut, dass du eben sagst, du magst dieses Buch von Murakami nicht, obwohl es ja sooooo viele andere lieben.
    Es war mein erster Murakami, und ich bin da auch noch ein Neuling, kenne nur noch „Tanz mit dem Schafsmann“, was auch ehr zu den surrealistischen gehört. „Naokos Lächeln“ fand ich echt gut, aber ich verstehe ein wenig, was du meinst, was das Ärgerliche sein könnte, diese plumpe Schwermut … „Keine Poesie, nirgends“ ist ein harsches Urteil, aber eine Aussage. Jetzt würde mich vertiefend interessieren, was denn für dich eine „angemessene“ poetische Form wäre, über solch eine Liebesgeschichte zu schreiben? Dass bei Murakami viel Sex vorkommt, ist absolut der Fall und mich nervt es manchmal auch. Da fällt mir auch, dass z. Bsp. in „Der Mann schläft“ von Sibylle Berg überhaupt kein Sex thematisiert wird, weil sie das langweilig findet, und dennoch eine poetische Traurigkeit immer mitschwebt, die wahnsinnig faszinizert. Hat das jetzt was mit einem männlichen Blick zu tun, oder ist das Blödsinn? Warum schreibt Murakami so viel und eindeutig über Masturbieren, Vögeleien etc.?

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    1. Das ist wahr, durch Meinungsverschiedenheiten kann man auch einfach noch mal andere Aspekte eines Buchs kennenlernen – auch, wenn die bei einer Leserin oder einem Leser gar nicht so gut angekommen sind. Thomas Mann gehört auch nicht gerade zu meinen Favoriten, es gibt ein paar Sachen von ihm, die mir sehr gefallen, aber den gerühmten Zauberberg habe ich nicht zu Ende gelesen – trotz Germanistikstudium ; ) Aber macht nichts, es gibt so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die für meinen Geschmack ganz wunderbare Bücher schreben, man kann nicht alles schnafte finden, nur weil’s zu einem Kanon gehört. Dazu sind wir doch alle viel zu unterschiedlich, in unseren Prägungen, Erlebnissen, Interessen. Und auch ich finde, dass das die Bloggerei oder generell das Sprechen über Literatur doch auch besonders interessant macht. Liebe Grüße an euch alle!

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      1. Absolut, liebe Petra, gerade die Unterschiedlichkeit von Interessen, Prägungen und Geschmäckern führt doch zu den interessantesten Diskussionen. Mein Artikel zu Murakami ist das beste Beispiel, er bekam so viele Kommentare wie bisher keine meiner Rezensionen ;).
        Liebe Grüße zurück!

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    2. Liebe katja,

      danke für diesen Aufruf zur Empörung und zur Ehrlichkeit! Ja, du hast recht, man darf natürlich kritisieren, nein, man soll sogar, auch die Weltklassiker. Das habe ich übrigens auch schon bei Salingers Catcher in the Rye getan, über den ich mich maßlos geärgert habe – ähnlich wie über Murakami.

      „Keine Poesie, nirgends“ ist in der Tat ein harsches Urteil, aber ich habe es erschreckenderweise wirklich so empfunden. Kein einziges Zitat habe ich mir herausgeschrieben, weil ich einfach keinen Satz für schön und erinnerungswürdig hielt, sondern allenfalls mittelmäßig. Was eine angemessene poetische Form für die Geschichte sein könnte, kann ich dir gar nicht so genau sagen. Gegen das erzählerische Konstrukt habe ich nicht, mich hat einfach die Sprache nicht angesprochen, nicht berührt, nicht überrascht.

      Und was mich an der Thematisierung der Sexualität störte, war nicht so sehr die „Quantität“ als (auch hier) die Qualität. Gut, es war schon ein bisschen zu häufig von Sex die Rede, mir schienen einige Dialoge (mit Midori und auch Reiko) arg aufgesetzt und unglaubwürdig. Vor allem hier ist mir aber das Fehlen von Poesie, von Ästhetik aufgefallen, es bewegt sich alles auf banalstem Niveau. Auch in diesem Punkt habe ich in erster Linie also wieder ein Problem mit der Sprache.

      Dass du Sibylle Berg als Beispiel anbringst, finde ich interessant. Stimmt, sie lässt dieses Thema einfach aus, was auch eine poetische Aussage ist. Aber ich bin überzeugt davon, dass sie, würde sie Sex doch zu einem Thema machen, es auf unendlich vielschichtigere und ästhetischere Weise machen würde als Murakami.

      Herzliche Grüße,
      caterina

      PS: Ich mag Grass ;). Was er heutzutage in Zeitungen von sich gibt, finde ich zwar höchst fragwürdig, aber Die Blechtrommel und Hundejahre liebte ich.

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      1. Ja, Sibylle würde mit Sicherheit deutliche aber poetische Worte zu sexuellen Handlungen finden. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Sex als das beschrieben wird, was er ist – eine feuchte Angelegenheit, ein Aneinanderreiben der Körper, auch ein wenig schmutzig aber sehr intim. Es kommt immer auf die Worte an, die Körperlichkeit beschreiben. Zumal dabei ja auch wichtig ist, welche Bilder man von Sexualität vermitteln will – da es sich bei Sex um eine so persönliche Angelegenheit handelt, ist auch die Art darüber zu sprechen sehr unterschiedlich – das kann einen abstoßen oder faszinieren. Ich kenne bisher nur „Der Mann schläft“ von ihr, sie hat aber in ihren früheren Werken, glaube ich, scho über Sex geschrieben. Aber hier geht es ja jetzt nicht um sie.
        Grundsätzlich ist beim Lesen ja auch immer zu fragen, worauf achtet man, was ist einem wichtig, was ist Poesie in diesem Falle, welche Sprache erachtet man als poetisch. Hier kommt sicherlich noch das Manko der Übersetzung hinzu, da geht ja auch immer etwas verloren … Wie auch immer, das könnte man jetzt vertiefen, aber generell geht es mir auch öfter mal mit von einer literarischen Gemeinschaft hoch gelobten Büchern so – ich kann dem nichts abgewinnen und fühl mich durch diese Erzähler nicht berührt … Und so geht es wohl jedem intensiven Leser mal, und das muss auch mal gesagt werden. Das inspiriert mich gerade zu einem Blogartikel mit dem Thema „Bücher, die ich entgegen der offiziellen Meinung grauslig fand“ …

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      2. Auch ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Sex als das beschrieben wird, was es ist, und nicht romantisch verklärt wird, wo nichts zu verklären gibt. Da stimme ich dir also absolut zu. Deshalb habe ich in meiner Rezension auch Zeruya Shalevs Roman Liebesleben als Beispiel angeführt, wo der Sex etwas sehr Rohes hat:

        „Wie der Schleim einer Schnecke klebte meine Spucke an der Tür, durchsichtig und klebrig, und auf der Wange spürte ich, wie ihr Holz mir die ersten Falten ins Gesicht zeichnete. Hinter meinem Rücken wurde das stolze Glied herausgezogen, und ich hörte, wie es schnell versteckt wurde, wie der Reißverschluß hochgezogen und der Gürtel geschlossen wurde. Nur mit Mühe gelang es mir, das Gesicht zu ihm zu drehen, mein Hals war steif von der Diskrepanz zwischen der offensichtlich intimen Situation und der absoluten Fremdheit zwischen uns, eine Diskrepanz, die nun, hinterher, nichts Anziehendes hatte, während sein unfruchtbarer Samen aus mir tropfte […].“

        Und dennoch finde ich, dass diese Art der Darstellung – trotz der Explizitheit – poetisch ist. Aber das ist natürlich eine völlig subjektive Einschätzung. Für mich hat das mit der Sprache zu tun und damit, welche Details ins Zentrum der Beschreibung rücken und wie das Körperliche mit dem Geistigen verknüpft (oder eben nicht verknüpft) wird.

        Was mich also an Murakami stört, ist nicht, welche Art von Sex er thematisiert (roh, gewaltvoll, emotionslos, lustvoll, gefühlvoll, romantisch usw.), sondern es sind die Worte, mit denen er es tut. Auch roher Sex kann – siehe Beispiel oben – auf ansprechende Weise dargestellt werden; Murakami tut dies meiner Meinung nach nicht. Aber ich betone nochmals: Sprache wirkt auf jeden Leser unterschiedlich, und was ich als trivial empfinde, mögen andere als höchst poetisch empfinden. Ein Rezept für sprachlich gute Literatur gibt es nun einmal nicht.

        Deine Idee mit dem Artikel über „Bücher, die ich entgegen der offiziellen Meinung grauslig fand“ gefällt mir übrigens ausgesprochen gut! Ich trage meine Murakami-Erfahrung dazu bei. Und Salingers Catcher in the Rye! 🙂

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  9. Ach, der gute Herr Murakami. Ich habe selten die Werke eines Schriftstellers gelesen, die die Meinungen der Leserschaft so sehr spalten – manchmal sogar die bloß eines einzigen Lesers.

    Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass ich irgendwo von einem japanischen Autor hörte, der hoch gelobt wurde. Ich hatte noch nie zuvor von ihm gehört, war noch nie mit Literatur aus Japan in Berührung gekommen und hatte seinen Namen schnell wieder vergessen. Trotzdem war wohl irgendwas in meinem Hinterkopf hängengeblieben, denn als ich eines Tages durch die kleine Buchhandlung der mir damals noch fremden Stadt schlenderte und nicht so recht wusste, welches Buch ich mitnehmen sollte (zu dem Zeitpunkt waren Blogs noch ein Fremdwort für mich), sprach ich den Händler an. Es gäbe da einen japanischen Autor, der ganz gut sein sollte, doch leider wüsste ich den Namen nicht mehr. – Ja, ich war damals bzw. mit diesem speziellen Satz wohl der Albtraumkunde des gemeinen Buchhändlers. – Die Antwort kam jedoch erstaunlicherweise wie aus der Pistole geschossen: Das kann nur Haruki Murakami sein!
    Weil mich dieser Blitztreffer so beeindruckte, ließ ich mir in dem Zuge direkt eines seiner Werke empfehlen und es war „Naokos Lächeln“.

    Die Folge dieses kleinen Ausflugs in mir bis dato unbekannte Literaturgefilde war, dass ich mich verliebt hatte. Verliebt in die Sanftheit und Melancholie, die „Naokos Lächeln“ in mir zurückließ. Daraus wiederum resultierte eine Art Obsession: Ich war besessen von dem Wunsch, alle Bücher des Autors zu lesen und verschlang eines nach dem anderen. Gefangen von verheißungsvollen Brunnen, umherstreifenden Katzen, beängstigend verwirrenden Parallelwelten und perversen Kriegsschauplätzen hatte ich irgendwann den Ausgang verpasst und mich dementsprechend stundenlang in Murakamis Phantasiewelten verloren.
    Kurz gesagt: Ich war restlos begeistert und überaus fasziniert.

    Und doch ist diese Begeisterung mittlerweile nicht mehr so bedingungslos wie damals, denn im Laufe der Zeit und der Werke wurde auch meine Meinung gespalten – merkwürdigweiser oft gegenteilig gegenüber dem allgemeinen Tenor. „Gefährliche Geliebte“, das so viele Leser bejubeln, fand ich absolut mittelmäßig. „Mister Aufziehvogel“ hingegen, das so einige Leser zu Tode gelangweilt hat, gehört bis heute zu meinen allerliebsten Büchern.
    Murakamis Kurzgeschichten empfehle ich nicht weiter, weil ich ihnen nichts abgewinnen kann und „Kafka am Strand“ fand ich zwar ganz gut, doch leider ist fast nichts davon hängengeblieben.
    Anders verhält es sich mit „Hard-boiled Wonderland“, das ich so verwirrend und magisch finde, dass ich dem Buch durchaus den Stempel „Kunst“ verpassen möchte – im allerpositivsten Sinne.

    Was ich sagen möchte: Es gibt sie, die eindrucksvollen und fesselnden Werke von Haruki Murakami, doch die Reaktionen auf jedes einzelne davon sind beinahe unberechenbar. Selbst Leser, deren Vorlieben nahezu deckungsgleich sind, können meinungstechnisch auf einander gegenüberliegenden Ufern stehen, wenn es um ein und denselben Murakami-Roman geht.

    Solltest du dich jemals dazu entschließen, ein weiteres Buch von ihm lesen zu wollen, lege ich dir den „Aufziehvogel“ und das „Wonderland“ ganz besonders ans Herz.

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    1. Herzlichen Dank für diese Geschichte eine Leserin – dafür, dass du mich an deiner Begegnung mit Murakami hast teilhaben lassen.

      Den Gedanken, dass das Werk des Autor nicht nur die Geister scheidet, sondern zuweilen auch ein und denselben Leser uneins mit sich selbst sein lässt, finde ich irgendwie tröstlich. Denn genau dieser Gedanke bestätigt mir, dass ich mich noch einmal an Murakami heranwagen sollte – in der Hoffnung, neben der großen Enttäuschung auch die große Liebe zu entdecken.

      Vielen Dank auch für die Empfehlung, Hard-boiled Wonderland wurde bisher noch gar nicht erwähnt: „Kunst“, das ist eine Charakterisierung, die mich sehr reizt. Auch dieses Buch werde ich also nun in Betracht ziehen – neben Mister Aufziehvogel, auf den sich offenbar fast alle Murakami-Leser einigen können.

      Liebe Grüße!

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      1. Oh, fein. Über Winterlektüren muss ich mir noch Gedanken machen, bisher habe ich gar nichts Winterliches zur Hand. Im Gegenteil: Meine aktuelle Lektüre ist Wolf Haas, da geht es um eine Sommerliebe – aber immerhin mit Gewitter :).

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