Eva Lohmann: Kuckucksmädchen

Eva Lohmann - Kuckucksmädchen (c)

»Welcher Spielverderber hat eigentlich das Karussell angehalten?«

Anfang des Jahres las ich Eva Lohmanns Debütroman, dessen depressive Protagonistin Mila ich für acht Wochen in eine Klinik folgte. Nun treffe ich sie unverhofft wieder, in Lohmanns zweitem Roman, Kuckucksmädchen, der soeben im Piper Verlag erschienen ist. Mila spielt darin zwar nur eine kleine, aber doch eine wesentliche Rolle: Sie bringt Wanda, so heißt die Protagonistin diesmal, einen entscheidenden Schritt weiter auf ihrer Suche nach Antworten. Mila ist mittlerweile angekommen – ganz im Gegenteil zu Wanda, bei der alles so hübsch geordnet wirkt und die auf einmal dennoch gehörig ins Straucheln gerät. Schuld daran ist ihr kleines, verwirrtes Herz. Ihr beim Taumeln zuzusehen ist amüsant, manchmal auch traurig, und je mehr sie umherirrt, desto weniger weiß ich, auf wessen Füße ich eigentlich schaue, ihre oder meine eigenen.

Wanda ist dreißig, ihr Architekturstudium hat sie hingeschmissen, als ihr in der Firma, in der sie nebenbei jobbte, eine Festanstellung angeboten wurde. Dort ist sie für Wohnungsauflösungen zuständig – und man mag es kaum glauben: Dieser etwas makabren Arbeit geht sie gerne nach, mit Feingefühl und Respekt gegenüber den Hinterbliebenen statt mit dem Vorschlaghammer – eine Marktlücke. Nur jetzt, bei der 24. Wohnung, deren Innenleben sie ausräumen muss, tut sie sich etwas schwer, schließlich handelt es sich um das Heim ihrer eigenen Großeltern. Aber: Am Ende wartet eine Belohnung auf sie, in den schicken Hamburger Altbau sollen schon bald Wanda und ihr Freund Jonathan ziehen – der Beginn einer eigenen Familiengeschichte. Gäbe es da nicht eine Hürde: Wanda ist sich gar nicht sicher, ob Jonathan der Mann fürs Leben ist.

Eines Morgens wacht sie auf – und ihr Herz spricht zu ihr. Zunächst über ihre etwas nach unten gerutschten Brüste, dann über die Langeweile, die es neuerdings verspürt. Das Herz stellt Wanda vor die Wahl: Entweder sie lässt sich ein Kind machen, um ihrer Beziehung mit Jonathan eine Richtung zu geben, oder sie schaut sich mal nach einem anderen Mann um. Hauptsache ein bisschen Aufregung. Dass ihr (Liebes-)Leben irgendwie zum Stillstand gekommen ist, hat Wanda auch schon bemerkt, und es drängt sich ihr die Frage auf: »Wann genau haben wir eigentlich damit angefangen, abends zu kochen statt zu vögeln?«. Als Jonathan ihr indirekt sagt, dass sie durchaus Teil seiner Zukunftspläne ist, bekommt sie kalte Füße und stößt ihn von sich.

Aber jetzt ist da plötzlich dieses Gefühl, dass man sich sehr genau überlegen muss, welchen Mann man mit dreißig noch verlässt. Welcher Spielverderber hat eigentlich das Karussell angehalten?
Wahrscheinlich die gleiche Spaßbremse, die mir auch die Falten in die Augenwinkel gemalt und an den Brüsten gezogen hat. Die Zeit. Rennt und rennt und läuft und läuft, während man selbst faul herumsteht und darauf wartet, dass das Leben beginnt. Also das echte. Bisher hat man ja praktisch nur geprobt.
Hat schon viel Spaß gemacht, das mit dem Proben, das kann man nicht anders sagen, und gerade deswegen sollte das richtige Leben auch bitte demnächst mit Pauken und Trompeten beginnen. Aber irgendwie bleibt der Tusch aus. Nirgendwo geht ein Vorgang auf, und Applaus kann man auch keinen hören. Da ist nur der Mann, der auch schon die letzten Jahre da war, und der nun fragt, ob man ihn heiraten will. Und auf einmal merkt man: Das ist schon mein Leben. Das war gar keine Probe. Man steckt mittendrin.

Zu allem Überfluss trifft Wanda im Supermarkt ihren Ex-Freund Phillip, was sie und ihr Herz auf eine Idee bringt: mal schauen, wie sich die Verflossenen ihr Leben so eingerichtet haben – und ob Wanda dort hineingepasst hätte, wäre sie zur richtigen Zeit stehen geblieben. In order of appearance: der werdende Vater Phillip, der mit seiner Freundin in der Wohnung lebt, die Wanda damals für ihn und sich hergerichtet hat; Max, Frau und Kinder in der scheinbar perfekten Bullerbü-Inszenierung; der Jugendfreund Ilya, der selbst gerade in einer verfahrenen Beziehung steckt und erst einmal ins Elternhaus zurückkehrt, in dem auch Wanda einst ein und aus ging; Clemens, der Backpacker, mit dem sie nur eine einzige, aber umso intensivere Nacht verbrachte und der mittlerweile mit der eingangs erwähnten Mila angekommen ist.

In Australien gibt es einen Vogel, der seinem Weibchen zu Brutbeginn einen Baum sucht und dann verschiedene Nester in unterschiedlichen Höhen und Größen hineinbaut. Jedes Jahr von Neuem. Und das Weibchen hüpft von Nest zu Nest, bis es das passende für sich gefunden hat. Dort brüten die beiden dann gemeinsam ihre Eier aus. Vielleicht wäre ich als australisches Vogelweibchen glücklich geworden.
–  Ich glaube, Jonathan könnte dir Hunderte von Nestern bauen, Mädchen. Du wärst mit keinem zufrieden.
Ist das so, mein kleines hartes Herz?
Das ist so. Leider. Du bist wohl eher ein Kuckucksmädchen. Fliegst von Nest zu Nest. Beobachtest, wie die anderen sich eingerichtet haben. Fragst dich, ob du noch reinpasst. Ob es dir zu eng, zu groß, zu schön oder zu verlogen ist. Ob du dir vorstellen könntest, deine Kinder dort großzuziehen. Und dann…
Ich seufze.
… Und dann lasse ich doch wieder nur ein paar Federn und fliege weiter.

Wanda gehört zu (m)einer Generation, die eine unbegrenzte Zahl an Möglichkeiten hat – doch woher sollen wir wissen, welche die richtige ist? »Jede Entscheidung«, schreibt David Wagner in seinem beobachtungsgenauen Prosastück Vier Äpfel, ist »zugleich eine Absage an hundert oder tausend andere Möglichkeiten«. Dann lieber sich treiben lassen, wie Wanda es bisher getan hat, und darauf warten, dass man sich zufällig irgendwo verfängt und dass das Leben sich von selbst »in eine bestimmte Richtung ausdehnt«? Wie schon in Acht Wochen verrückt legt Eva Lohmann auch in ihrem zweiten Roman die Schwierigkeit des Glücklichseins angesichts all der Optionen, aber auch all der Erwartungen offen. Und während mir schon einige von Milas Gedanken und Ängsten – zumindest im Ansatz – seltsam bekannt vorkamen, fühle ich mich Wanda verdammt nahe.

Auch ich befinde mich in einer Lebensphase, die vor allem durch Ungewissheiten geprägt ist, durch die (scheinbare) Notwendigkeit und gleichzeitig die Weigerung, Entscheidungen zu treffen. Das Studium liegt hinter mir, nun geht es darum, herauszufinden, wo und wie ich leben möchte, nun geht es darum, in beruflicher und privater Hinsicht anzukommen. Fast schon tröstlich ist es da für mich, Wandas Geschichte zu lesen und zu sehen, dass man noch so straucheln kann – irgendwie findet man trotzdem seinen Weg. Bewegend, aber nicht sentimental oder kitschig, nonchalant und federleicht im Ton, aber niemals banal, geht Kuckucksmädchen der Frage nach dem Glück – woran erkennt man es, wenn es vor einem steht? – auf den Grund. Und manchmal, das scheint Wanda mir sagen zu wollen, ist es doch ganz leicht: Manchmal genügt es, auf sein Herz zu hören.

Eva Lohmann: Kuckucksmädchen. Piper, München 2012, 176 Seiten.

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5 Gedanken zu “Eva Lohmann: Kuckucksmädchen

    1. Das ewige Dilemma, ich kenne es nur zu gut! Darum schätze ich Herbst und Winter auch so sehr – man hat nicht das geringste Bedürfnis, den Fuß vor die Tür zu setzen. 😉

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  1. Ich fand es sehr interessant deine Besprechung zu dem „Kuckucksmädchen“ zu lesen, was ich erst jetzt – wo ich das Buch selbst gelesen und besprochen habe – getan habe. Noch interessanter empfinde ich die Tatsache, wie unterschiedlich wir das Buch wahrgenommen haben. Sprachlich war ich auch angetan, aber ich hatte große Schwierigkeiten mit Wanda. Ihre Entscheidungsunlust habe ich nicht als etwas Existenzielles empfunden, sondern als fast schon trivial. Ich hätte mir gewünscht, Wanda mehr mögen zu können, aber es hat zwischen uns leider einfach nicht geklappt.

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    1. Ich wollte dir auch schon längst ein paar Zeilen zu deiner Besprechung schreiben, die ich natürlich schon gelesen und zu der ich mir ein paar Gedanken gemacht habe.

      Dass wir Wanda so unterschiedlich wahrnehmen, hat sicherlich mit unseren verschiedenen persönlichen Hintergründen zu tun. Ich meine mich zu erinnern, dass du irgendwo geschrieben hast, in einer anderen Lebensphase hättest du Wanda vielleicht besser verstehen können. Nun, ich habe Kuckucksmädchen in einer Lebensphase gelesen, die der von Wanda gar nicht so unähnlich war, sodass ich mich sogar ziemlich gut in sie hineinversetzen konnte und mir so mancher Gedanke, so mancher Zweifel sehr bekannt vorkam. Vor ein paar Jahren oder in ein paar Jahren würde vermutlich auch ich die Geschichte als trivial empfinden, genau in diesem Moment jedoch nicht. Die Fragen, die Wanda sich stellt, erscheinen mir ganz und gar nicht belanglos, die Entscheidungen, die sie zu treffen hat, liegen meiner Meinung nach ganz und gar nicht auf der Hand.

      Interessant, wie Leseerfahrungen immer auch von persönlichen Umständen, vom wahren Leben abhängen, oder?

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    2. PS: Ich hoffe, dass du mit Acht Wochen verrückt glücklicher sein wirst. Aber davon gehe ich aus, denn von Trivialität kann man in diesem Fall mit Sicherheit nicht sprechen. Und sprachlich hat dir Frau Lohmann ja ohnehin gut gefallen…

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