Martin Horváth: Mohr im Hemd

 oder Wie ich auszog, die Welt zu retten

Martin Horváth - Mohr im Hemd (c)

»Fünf kleine Negerlein, die blieben gerne hier, doch eines wurde abgeschob’n, da waren’s nur noch vier«

Wie erzählt man von unermesslichem Leid, von Tod, Verlust und Schuld? Es gibt unzählige Bücher, die vom Krieg handeln, und genauso viele Antworten auf diese Frage. Viele inhaltlich wie sprachlich eindrückliche Kriegsromane habe ich bereits gelesen, in erster Linie über den Holocaust, aber auch einige andere, wie zuletzt Téa Obrehts The Tiger’s Wife über die Balkankriege. Der Debütroman des 1967 geborenen Österreichers Martin Horváth ist keine Kriegsgeschichte im eigentlichen Sinne: Er spielt in einem Asylbewerberheim in Wien, thematisiert also keinen Krieg im Speziellen, sondern viele gleichzeitig – und das, was sie im Menschen anrichten. Und wie der Titel schon vermuten lässt, tut er dies mit einer ungewöhnlichen Chuzpe. Mit Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten legt Horváth einen grandiosen Schelmenroman vor, in dem das Schicksal der Flüchtlinge zu einer heiteren Partie Völkerball wird. Die Spieler werden hier nicht abgeschossen, sondern abgeschoben, es scheint einzig eine Frage des Glücks, ob man drinnen bleibt oder rausfliegt aus dem schönen Österreich.

Man wirft Salva vor, mit Drogen gehandelt zu haben. Stimmt der Vorwurf, wird man nun fragen, ich muss jedoch gestehen, ich weiß es nicht. Zu kurz bin ich erst im Haus, zwar weiß ich viel, doch leider noch nicht alles. Ich habe daher auch keinen Trost für Salvas Frau. Man wird ihn wahrscheinlich, ob die Anschuldigungen nun berechtigt sind oder nicht, bald in ein Flugzeug setzen, vielleicht sogar in die Passagierkabine, wenn er brav ist, man wird ihn an den Sessel binden, ihm vielleicht Mund und Nase zukleben, damit er die Urlaubsstimmung ringsum nicht durch seinen Atem verpestet, und wenn er Glück hat, dann wird er lebend dort ankommen, wo man ihn ein Jahr zuvor totzuprügeln versuchte. Das klingt hart? Oder zynisch? Nun, man soll die Dinge beim Namen nennen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Schweinescheiße ist Schweinescheiße ist Schweinescheiße.

Der Ich-Erzähler Ali ist vor kurzem ins Heim für Asylbewerber gekommen, er ist fünfzehn und gehört zu den sogenannten umfs, den Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen – je nach Bedarf und Situation tauft Ali sie auch mal »Undankbare Mieselsüchtige Frustbeulen« oder »Union des Misanthropes Fervents«. Während für alle anderen das Heim eine Art Wartesaal darstellt – in Erwartung des Zuges, der sie an ihr Ziel bringen wird oder vielleicht auch wieder zurück an den Ausgangspunkt –, gibt es für Ali nichts, worauf er warten müsste, er ist bereits angekommen: »Ich brauche niemand, der meine Flucht für abgeschlossen erklärt, ich brauche keinen, der mir erlaubt, Mensch zu sein, der mir die Lizenz zum Leben, die Genehmigung zum Arbeiten erteilt. Ich bin Mensch, ich lebe, und Arbeit, Arbeit gibt es hier im Haus genug für mich«. Seine (selbst auferlegte) Aufgabe besteht darin, den Geschichten seiner Mitbewohner und Betreuer hinterherzuspüren und sie zu erzählen. Ein Leichtes für ihn, der etliche Sprachen fließend spricht.

Die Bewohner des Heims kommen, so gibt Ali es wieder, aus dem »zauberhaften Kongo«, dem »lieblichen Kosovo«, dem »lauschigen Transnistrien«. Da ist etwa Yaya, der mit Ali ein Zimmer teilt und jede Nacht schreiend aufwacht, als Kindersoldat wurde er gezwungen, zu vergewaltigen und zu töten. Djaafar, Alis anderer Zimmergenosse, schnarcht allenfalls, er ist stumm, »man hat ihm in seiner Heimat Afghanistan die Sprache aus dem Leib geschlagen, gründlich und Wort für Wort«. Nicoleta wurde in Serbien als 15-Jährige in die Prostitution getrieben, sie verschwindet manchmal nächtelang, keiner weiß wohin, und weil sie kaum etwas isst, verschwindet auch ihr Körper langsam. Manu durchquerte die Wüste und überquerte das Mittelmeer, um in Spanien Tomaten zu pflücken, doch die Einheimischen trampelten die Hütten nieder und die Flüchtlinge zu Tode, sodass Manu erneut fliehen musste. Gjergi ist mit achtundvierzig Jahren bereits ein Greis, grau und fahl im Gesicht, Tag und Nacht durchwandert er das Haus, es heißt, seine Frau und seine Tochter seien verschollen, seither verbietet er sich das Schlafen.

Sie alle tragen ihre Vergangenheit mit sich herum, ihre Erinnerungen liegen wie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern und suchen sie nachts in ihren Träumen heim. Und Ali beobachtet, lauscht, spioniert. Er selbst scheint dabei seltsam beschwingt und frohgemut, er ist allgegenwärtig und eilt jedem zur Hilfe, rettet, wen es zu retten gilt. Aber natürlich ist der Schein trügerisch, auch Ali, man ahnt es schon, hat sein Päckchen zu tragen. Wieder und wieder taucht dieselbe Szene in seinen Träumen auf: Er blickt von außen durchs Fenster seines Elternhauses, drinnen vergreifen sich Soldaten an seiner Mutter und seiner älteren Schwester, während er vor Angst wie gelähmt ist und nicht fähig, sie zu schützen. Zwar behauptet er, diese Geschichte sei nicht seine eigene, doch er versteht ihre Bedeutung und zettelt im Heim prompt eine Revolution an: Schluss mit dem untätigen Herumsitzen, mit dem sinnlosen Warten auf einen Asylbescheid, es ist Zeit, aus der Opferrolle auszusteigen und die Welt auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

Zunächst veranstalten sie kleinere Aktionen: In der Innenstadt darf jeder Passant mal mitmachen beim Ausländerabschieben, ein Einkaufswagen und ein Müllcontainer genügen, um die Straßen Wiens sauber zu halten; in einem blau gestrichenen Möbelhaus am Stadtrand bieten Ali & Co. sich selbst als lebende Möbelstücke feil, als Geschirrspüler, als Komfortsessel mit großzügigem Stellungsangebot, als Kleiderständer. Doch Ali der Unermüdliche will sich mit solchen Kinderspielchen nicht begnügen, die Bundesabschiebeministerin soll entführt werden. Immer rasanter wird der Roman, er entfaltet sich zu einer Symphonie des Irrwitzigen, die in einem furiosen Epilog gipfelt. Berauschend sind dabei vor allem die überschäumende Fabulierlust des Autors, seine Wortspielereien und Fantastereien, die beißende Ironie, mit der er die Willkür, die Unmenschlichkeit der österreichischen (bzw. westeuropäischen) Asylpolitik entlarvt. Mohr im Hemd ist ein fulminantes und unerhört komisches Debüt, bei dessen Lektüre das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt – meistens aber laut hervorbricht.

Zehn kleine Negerlein, die tanzten Ringelreih‘n, sie tanzten durch die Sahara, da waren’s nur noch neun. Neun kleine Negerlein, man sah sie nicht bei Nacht, sie fuhren über’s Mittelmeer, da waren’s nur noch acht. Acht kleine Negerlein, die war’n nun also drüben, doch eines, das ist krank gewor’n, da waren’s nur noch sieben. Sieben kleine Negerlein, die trafen Kommissar Rex, der Kommissar fraß eines auf, da waren’s nur noch sechs. Sechs kleine Negerlein, die stahlen ein Paar Strümpf’, doch eines ward dabei erwischt, da waren’s nur noch fünf. Fünf kleine Negerlein, die blieben gerne hier, doch eines wurde abgeschob’n, da waren’s nur noch vier. Vier kleine Negerlein, die fühlten sich so frei, doch eines wurde eingesperrt, da waren’s nur noch drei. Drei kleine Negerlein, die kauften sich ein Ei, es reichte nicht für alle aus, da waren’s nur noch zwei. Zwei kleine Negerlein, die waren sich uneins, das eine schlug das andere tot, da gab es nur noch eins. Ein kleines Negerlein, das fiel hinein in’ Dreck, keiner hat die Hand gereicht, da war es plötzlich weg.

Martin Horváth: Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten. DVA, München 2012.

9 Gedanken zu “Martin Horváth: Mohr im Hemd

    1. Gern geschehen, liebe buechermaniac, und danke für das Kompliment.
      Ich kann das Buch nur weiterempfehlen. Es ist radikal, sprachgewaltig und wahn(sinnig)witzig! Keine leichte Sommerlektüre, aber wichtig und mutig.

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  1. Was für ein Unterfangen, über ein so krasses, ernstes, furchtbares Thema einen komischen Roman zu schreiben. Du machst mit deiner Rezension sehr neugierig auf das Buch. Wahnsinn.

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    1. Hallo Mila. Ja, du hast recht, ein ungeheuerliches Unterfangen, und umso beeindruckend ist es, dass es derart geglückt ist. Natürlich kommt bei solchen „Brüchen“ immer die Frage auf: Darf man das? Stellt der Autor sich über die Betroffenen/Opfer, indem er für sie spricht, ohne selbst betroffen zu sein? Würdigt er nicht ihr Leiden herab, indem er es in eine humorvolle Geschichte verwandelt? Die Antwort lautet – zumindest für mich – ganz klar: Ja, er darf. Denn auch wenn der Autor nicht selbst Teil der Welt ist, die er beschreibt, so verleiht er ihr dennoch eine Stimme und macht auf etwas aufmerksam, das uns alle betrifft. Und er tut dies auf sehr differenzierte Weise, ganz ohne Schwarzweißmalerei, sprich: Er stellt die Flüchtlinge nicht (nur) als die armen Opfer und die österreichische Bürokratie nicht (nur) als seelenlos dar. Stattdessen spielt er sehr gekonnt mit Stereotypen und Vorurteilen, indem er sie bewusst verwendet und auf die Spitze treibt – ein höchst interessanter Kniff, der diesen Roman erst zu solch einem Lesevergnügen macht. Große Klasse!

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      1. Du hattest mich ja schon mit deiner Rezension von der Lektüre überzeugt… Jetzt tust du’s noch mal… Vor allem, weil es dem Autoren offenbar gelingt, nicht als Stellvertreter zu schreiben, und er die realen Schicksale nicht herabwürdigt… Ich bin sehr gespannt.

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  2. Ich hatte mir so fest vorgenommen diesen Roman Ende August zu lesen, aber kaum waren die ersten Seiten verschlungen – ja verschlungen – merkte ich, das braucht mehr Zeit und Konzentration als ich im Moment übrig habe.
    Deine Rezension macht mir nun wieder Lust aufs Buch und macht mir auch Hoffnung dass es nicht allzu düster wird, oder zu Mindest ein bisschen Heiterkeit erhalten bleibt.
    Ich bin nun gespannt, was mein Kopf aus dem Text machen wird, wie es mir gelingen wird all die kleinen Geschichten zu etwas großem zu verbinden. Ich freu mich schon und hoffe mir gefällt der Roman ähnlich gut wie dir 🙂

    LG, Katarina

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    1. Du hast recht, liebe Katarina, dieses Buch braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Man liest es nicht einfach weg, legt es dann beiseite und denkt daran, was man am nächsten Tag zum Frühstück ist. Dieses Buch – all die Geschichten, die darin versammelt sind – krallt sich in dir fest, lässt dich nicht mehr los und zwingt dich, dir Gedanken zu machen und dich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Trotz aller Heiterkeit. Ich wünsche dir, dass du bald den Atem für dieses großartige Leseerlebnis finden wirst, es lohnt sich allemal!
      Alles Liebe.

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  3. Liebe Caterina,
    ich wollte mir auch noch einmal deine Besprechung zu diesem großartigen Buch durchlesen und bin sehr beeindruckt davon, wie es dir gelungen ist, dieses Lektüreerlebnis in Worte zu fassen,
    Martin Horváth ist in der Tat ein ganz außergewöhnliches Buch gelungen und ich hoffe, dass es viele Leser finden wird un dass wir hoffentlich noch einiges von diesem interessanten Schriftsteller zu hören bekommen. 🙂

    Viele Grüße
    Mara

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    1. Danke, liebe Mara, für das Kompliment. Außergewöhnlich ist dieses Buch in der Tat, und man darf mit Spannung erwarten, wa Horváth noch aus seinem Geschichten- und Sprachbaukasten hervorzaubert.

      Schöne Grüße,
      caterina

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