Stephan Thome: Grenzgang

Stephan Thome - Grenzgang (c)

»Gerade an Grenzgang wusste niemand, wo die Grenze eigentlich verlief«

In ein paar Wochen erscheint Stephan Thomes zweiter Roman Fliehkräfte bei Suhrkamp, und wer weiß, vielleicht reicht es diesmal für den Deutschen Buchpreis – was, wie ich glaube, nicht unwahrscheinlich ist, denn es handelt sich (so viel vorab) schlichtweg um große Literatur. Mit Grenzgang hat es Thome 2009 immerhin auf die Shortlist geschafft, außerdem erhielt er den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt, ganz zu schweigen von dem beachtlichen Erfolg bei Kritik und Leserschaft. Zu Recht, schließlich ist dieser Provinzroman über zwei Menschen, deren Lebensentwürfe sich mit einem Mal als hinfällig erweisen, klug konstruiert und sprachlich ungemein präzise, tiefgründig und auf subtile Weise witzig.

Grenzgang, so heißt das dreitägige Volksfest, das alle sieben Jahre im oberhessischen Bergenstadt gefeiert wird und der Geschichte ihren zeitlichen und räumlichen Rahmen gibt. Thomas Weidmann ist in dieser Kleinstadt aufgewachsen – und stolz darauf, ihr entkommen zu sein, es nach Berlin und als promovierter Historiker in das illustre Team des Prof. Dr. Dr. hc. Schlegelberger geschafft zu haben. Doch 1999 zerplatzt der Traum von der Professur, Weidmanns Forschungsvorhaben ist nicht länger tragbar, die Stelle an der Uni verloren. Mit einem Steinwurf in das nächtlich verlassene Institut verabschiedet er sich von der Akademikerkarriere und, was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt, von Berlin; ein spontaner Besuch zu Hause pünktlich zum Grenzgang erweist sich als Beginn seines neuen – alten – Lebens.

Nun, sieben Jahre später, ist er Lehrer am Bergenstädter Gymnasium und mit Mitte vierzig noch immer alleinstehend; die Internetbekanntschaften, mit denen er sich gelegentlich trifft, sind allenfalls die Parodie eines Liebeslebens. Und dann gibt es da diese unterschwellige Spannung zwischen ihm und Kerstin Werner, die Mutter einer seiner Schüler, die Weidmann vor sieben Jahren auf einer Brücke unweit des Festplatzes küsste. Damals war er eigentlich mit Konstanze liiert – und Kerstin hatte noch wenige Tage zuvor geglaubt, eine glückliche Ehe zu führen. Davor, dass ihr Mann Jürgen eine Affäre hatte, verschloss sie lange ihre Augen, doch sosehr sie sich auch bemühte, die Fassade aufrechtzuerhalten und die drei Grenzgangtage ohne Aufsehen hinter sich zu bringen, stürzte am Ende alles in sich zusammen.

Im Zelt spielte Musik, die während des Refrains beinahe versank im tausendstimmigen Chor der Feiernden. (…) Fröhliches Chaos regierte die Welt, Atome und Hormone, Alkohol und Adrenalin. Ihr Sohn ging rückwärts, weil irgendwo hinter ihnen Linda Preiss sich in Begleitung ihrer Mutter auf den Heimweg machte, und ihr Mann ging im Kreis, weil gerade an Grenzgang niemand wusste, wo die Grenze eigentlich verlief. Man musste sich auf seine Instinkte verlassen, aber dann kam die Dunkelheit dazu und der Alkohol, und schon lief man irgendwo am Flussufer in ein junges Ding, das sich auch gerade auf seine Instinkte verließ.

Mittlerweile ist sie eine geschiedene Frau mit einer pflegebedürftigen Mutter, einem pubertierenden Sohn und einer einzigen Freundin, noch aus Kölner Studienzeiten, einer Bergenstädterin, die selbst das Weite gesucht hat und Kerstin nun durch seltene Anrufe und teure Geschenke an ihrem vermeintlich glanzvollen Lebenswandel teilhaben lässt. An ihrem 44. Geburtstag findet Kerstin einen Veilchenstrauß vor der Tür – das Versprechen, dass etwas passieren, etwas hereinbrechen wird in ihren trüben Alltag? Just in diesen Tagen freundet sie sich mit ihrer Nachbarin Karin Preiss an, oder besser: rauft sich mit ihr zusammen. Frau Preiss führt ein ebenso unerfülltes Leben und sieht in Kerstin eine Art Komplizin bei ihrem Vorhaben, aus der Monotonie auszubrechen.

Zur selben Zeit lässt sich Weidmann auf das Spiel seiner neuesten Bekanntschaft ein und verabredet sich mit ihr an einem abgeschiedenen Ort. Und so kommt es, dass sich einige Wochen vor dem Grenzgang 2006 in einem Swingerclub im hessischen Nirgendwo Kerstin Werner und Thomas Weidmann begegnen, zwei Menschen, die auf ihrem Weg irgendwo falsch abgebogen sind. Die keine Ansprüche mehr an das Leben zu haben scheinen, keine Illusionen mehr und keine wirkliche Freude. Die sich in der Mitte, aber keinesfalls auf dem Höhepunkt ihres Lebens befinden und die sich einander mit dem entsprechenden Realismus (und bisweilen Zynismus) annähern. Die unverhoffte Begegnung droht schlagartig zu beenden, was gerade erst begonnen hat, sehr zaghaft, sehr nüchtern, frei von romantischen Verklärungen.

In das Leben dieser zwei Menschen blickt Stephan Thome alle sieben Jahre, immer zu Grenzgangzeiten: in erster Linie 1999 und 2006, aber auch 1985, 1992 und 2013. Hin und her springt der Autor dabei, zwischen den Jahren und den Perspektiven, und dennoch verliere ich zu keinem Zeitpunkt den roten Faden. Stück für Stück setzt sich vor meinen Augen das Puzzle zusammen, erscheint das Gesamtbild in einer bemerkenswerten Klarheit. Wie Thome die Sichtweisen gegeneinandersetzt, mal als komplementäre, mal als kontrastierende Elemente, ist nicht nur raffiniert, sondern auch außerordentlich lebensnah. An keiner Stelle habe ich das Gefühl, es handele sich hierbei um das Konstrukt eines Autors, derartig authentisch sind die Dialoge und Gedanken, derartig real die Figuren: Für kaum ein anderes Buch scheint mir der Ausdruck »wie aus dem Leben gegriffen« angemessener als für dieses.

Mit Scharfsinn und einer beeindruckenden sprachlichen Präzision schildert Stephan Thome die Desillusionierung seiner Protagonisten: Keinen Liebesroman voller Romantik, voller Furore legt er mit Grenzgang vor, sondern die sehr leise, unaufgeregte und durchaus amüsante Geschichte zweier Menschen, die nach einem erträglichen Weg suchen, die zweite Hälfte ihres Daseins zu beschreiten, bestenfalls nicht alleine. Die Provinz sei »keine Wundertüte«, heißt es an einer Stelle, und doch birgt sie offenbar wundervolle Geschichten. Grenzgang ist ein Provinzroman über die Begrenztheit der Möglichkeiten, die sich einem im Leben bieten, und gleichzeitig die Möglichkeit der Grenzüberschreitung. Ein erstaunlich reifes Debüt, dessen stilistische Perfektion nun in Fliehkräfte fortgeführt wird.

Stephan Thome: Grenzgang. Suhrkamp, Frankfurt 2010, 454 Seiten.

*

Ausflug zum Grenzgang 2012 in Biedenkopf

Bergenstadt ist zwar ein fiktiver Name, den Ort gibt es aber tatsächlich: Er heißt Biedenkopf, liegt im hessischen »Hinterland« und ist die Heimat des Schriftstellers Stephan Thome. Und so wie es die Stadt gibt, gibt es auch das Stadtfest, den Grenzgang, der – manch einer wird es mitbekommen haben – just in diesen Tagen, vom Abend des 15. August bis heute, gefeiert wurde (Thome hat ihn in seinem Roman um ein Jahr verlegt). Und voller Stolz kann ich nun von mir behaupten: Ich war dabei. Allerdings nur an einem der drei Tage, denn beim Grenzgang handelt es sich keineswegs nur um ein munteres Volksfest mit Rummelcharakter, auf dem reichlich gegessen und getrunken wird – das auch, ja, aber zuvor wird eifrig gewandert. Und zwar entlang der historischen Stadtgrenze, gute fünfzehn Kilometer am Tag, bergauf und bergab.

Um sechs Uhr morgens ertönt der Böllerschuss, die Bürger versammeln sich auf dem Marktplatz, und nach zwei Stunden, in denen die Gesellschaften zum Appell antreten und der Bürgermeister seine Rede hält, heißt es »Grenzgang Marsch!«. Am Anfang wirkt alles noch recht harmlos, abgesehen von der unmenschlichen Uhrzeit und dem Loch im Magen (das Hotelrestaurant war noch geschlossen), doch kaum verlässt der 1.500 Mann starke Zug die Straße und biegt in den Wald ein, wird es heikel: Bar jeglicher Eleganz klettern wir einen Hang mit einer 40-Grad-Neigung hinauf, nach gefühlten drei Kilometern (in Wirklichkeit nur ein paar Hundert Metern) glaubt man schon am Ende seiner Kräfte angelangt zu sein. Aber das Wandern geht strammen Schrittes weiter, erst halb elf und nach einem Drittel der Tagesstrecke treffen wir auf dem Frühstücksplatz ein, wo Bier und Bratwurst konsumiert werden.

Gerade will ich mich ans Rumstehen und In-die-Sonne-Blinzeln gewöhnen, da rufen die Peitschen schwingenden Wettläufer schon zum Abmarsch auf. Unterwegs geben sie Acht, dass niemand abkürzt; sobald jemand den Zug und damit den Grenzverlauf verlässt, bekommt er von der Menge ein empörtes »Pfuiii« zu hören. Nachmittags um drei, da latschen wir längst unter der sengenden Sonne, ist endlich wieder die Zivilisation in Sicht; ein paar Stunden später versammeln sich die Grenzgänger im Festzelt zum heiteren Schunkeln und Biertrinken. Am Donnerstag ist das Zelt noch erstaunlich leer, ein Großteil der Bürger hält sich wohlweislich zurück, zwei Drittel des Weges stehen ja noch bevor. Nicht für uns: Wir haben das Prinzip verstanden, verzichten auf Tag zwei und drei und schwingen stattdessen das Tanzbein, bis uns die Puste ausgeht (sprich: bis elf Uhr abends). Ja, die Biedenköpfer haben sich da schon ein eigenartiges Ritual ausgedacht, aber schön war’s allemal!

PS: Sehr stimmungsvolle Bilder gibt es hier.

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18 Kommentare zu „Stephan Thome: Grenzgang

  1. Liebe caterina,

    zum Abend so eine schöne Rezension und solch einen interessanten, lebendigen Bericht zu lesen, ist wie ein kühles Feierabendbier. Herrlich erfrischend und glücklichmachend!

    Nun sind einige Stunden vergangen und ich möchte dir auf diesem Wege meine Begeisterung mitteilen. Das Buch steht schon einige Zeit auf meinem Wunschzettel und wird es sicherlich bald auch ins Bücherregal schaffen. Es ist vor allem die leise, unaufgeregte und amüsante Geschichte, die mich interessiert genauso wie die gute Sprache, die du lobend hervorhebst. Also, hab vielen Dank für diesen feinen Beitrag!

    Sonnige Sonntagsgrüße

    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin, hab Dank für die sonnigen Sonntagsgrüße und die schönen Worte zu meinem kleinen Wanderbericht inkl. Rezension. Es freut mich sehr, dass ich dich damit glücklich machen konnte, aber glaub mir: Das Buch wird dich noch sehr viel glücklicher machen, wenn du eine Freundin des subtilen und klugen Witzes bist.
      Sei lieb gegrüßt und hab eine schöne Woche,
      caterina

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    1. Bitte, bitte, liebe Heidrun, ich kann dir den Roman sehr empfehlen – lebendig und authentisch, zugleich witzig und ungeheuer klug. Und noch schöner ist es natürlich, wenn man selbst am Grenzgang teilnimmt und spürt, was für ein Wahnsinn dieses Fest ist. Aber leider findet der nächste ja erst wieder in sieben Jahren statt… 😉

      Liebe Grüße,
      caterina

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    1. So ist es. Gerade wenn’s bergauf geht, muss man schon mal länger warten. Das fühlt sich dann so an wie beim Stop-and-Go auf der Autobahn. Immerhin sind mehrere Tausend Leute mitgewandert, und alle mit einem guten Tempo, bummeln und zurückfallen kommt da gar nicht infrage.

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  2. Das Buch hab ich auf meinem SuB – und freu mich schon sehr darauf. Jetzt erst recht, wo du deine Rezension mit so viel „Herzblut“ (oder Schweiß?!) ausgeschmückt hast! Super!

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    1. „Schweiß“ ist auf jeden Fall zutreffend, vor allem was das erste Wanderstück – das Klettern den Waldhang hinauf – betrifft: Es fehlte nicht viel und ich wäre beim Grenzgang an meine Grenzen gestoßen, um mal ein albernes Wortspiel zu bemühen 🙂
      Die Lektüre hingegen geht ganz leicht von der Hand. Lies!

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  3. Ich lese gerade dieses Buch und bin von deiner Rezension so angetan! „Grenzgang“ mit allen Sinnen erfahren, dabei gewesen sein bei diesem Brauch, ist der Hammer. Wer könnte da eine Rezension besser schreiben als du …

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    1. Hab Dank für die Lobhudelei! Es freut mich, dass dir die Rezension und der kleine Erlebnisbericht gefallen haben. Wenn man so einen persönlichen Bezug zu einem Thema / einem Ort hat, macht die Lektüre eines Romans natürlich noch viel mehr Vergnügen.
      Lieben Gruß,
      caterina

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  4. Wie hat Dir eigentlich die Verfilmung des Romans gefallen?
    Ich fand sie sehr nah an der Vorlage und bin darum ganz einverstanden, nur Thomas habe ich mir anders vorgestellt. Na ja, es kann ja nicht alles perfekt sein. 😉 Ach ja, und der Schluss wurde verschluckt. Vielleicht erhält der Roman so noch ein paar Leser, alleine der Hinweis am Ende des Films haben sie vergessen. „Wer wissen will, wie die Geschichte endet, der lese das Buch“.

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    1. Ich fand die Verfilmung sehr gelungen. Natürlich ist sie recht verknappt und verdichtet, aber anders geht es vermutlich nicht, vier Zeitebenen wie im Buch hätten im Film wahrscheinlich nicht funktioniert. Und darüber, dass das Ende weggelassen wurde, bin ich gar nicht so unglücklich, dieser Ausblick in die Zukunft musste meiner Meinung auch im Roman nicht sein ;).

      Lars Eidinger als Thomas Weidmann fand ich großartig, was aber wohl er daran liegt, dass ich den Schauspieler generell großartig finde. Jedenfalls verkörpert er mit allem, was er tut, sagt und ist, die Überheblichkeit und Desillusion, mit der Weidmann seinem Leben in der Provinz begegnet.

      Das Einzige, was mich ein bisschen gestört hat, waren manche Dialoge, die durch das Zusammenkürzen leider arg hölzern wirkten (vor allem in der Szene mit Weidmann und seiner Ex in diesem Tankstellenrestaurant). Was besonders schade ist, weil Thome – mehr als alles andere – ein Meister des Dialogs ist. Dennoch: eine gelungene Literaturverfilmung, das hat man selten.

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  5. An dem Schauspieler und seiner Kunst hatte ich auch überhaupt nichts auszusetzen. Alleine meine Vorstellung hatte dieser Figur eine andere Erscheinung verpasst. Ein ätherischer, mehr vergeistigter Typ, weniger bodenständig und robust. Natürlich ist auch das wieder ein Klischee, wenn auch ein empirisch halbwegs bestätigtes. 😉

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