Andrea De Carlo: Vögel in Käfigen und Volieren

Andrea De Carlo - Uccelli da gabbia e da voliera (c)

»Ich habe das Gefühl, in Milch geschwommen zu sein, bis ich dich traf«

Sechzehn Romane hat Andrea De Carlo bereits verfasst, zuletzt Sie und Er, dessen deutsche Übersetzung kürzlich bei Diogenes erschienen ist. Die Laune eines Augenblicks und Zwei von zwei habe ich vor ein paar Jahren gelesen, weitere Bücher werden sicherlich folgen. Nun aber habe ich noch einmal jenes Buch zur Hand genommen, das meine erste Begegnung mit dem Mailänder Schriftsteller darstellt, das 1982 veröffentlichte Vögel in Käfigen und Volieren (Uccelli da gabbia e da voliera). Vor knapp vier Jahren hatte ich es gelesen, an die Geschichte konnte ich mich kaum noch erinnern, nur diese ganz besondere Stimmung, die es in mir auslöste, war noch sehr präsent, dieser unverkennbare Andrea-De-Carlo-Sound.

De Carlos Geschichten sind voller Melancholie, die so manches Mal an Schwermut grenzt. Und dennoch erdrücken sie mich nicht, sind keine Last, die ich nur mit Mühe trage. Vielleicht liegt es an De Carlos lakonischer Sprache, die ohne syntaktische Verrenkungen auskommt und auf das Notwendige reduziert ist und der in ihrer Sparsamkeit eine ganze eigene Poesie innewohnt. Trotz oder gerade wegen dieser Kargheit entsteht vor den Augen des Lesers eine äußerst lebendige Welt, die vor allem eine innere, eine Gefühls- und Gedankenwelt ist. Auf authentische und fesselnde Weise seziert De Carlo zwischenmenschliche Beziehungen, Gemütslagen, Regungen wie Liebe, Angst, Verzweiflung.

Alles beginnt in Vögel in Käfigen und Volieren mit einem Autounfall, verursacht von dem 21-jährigen Protagonisten Fiodor (etwas zu jung, wie ich finde, um diese Geschichte zu tragen). Verletzte gibt es keine, nur zwei zu Schrott gefahrene Wagen – nichts, was man nicht mit dem Geld des Vaters richten könnte. Fiodor reflektiert das Geschehene nicht, nimmt es lediglich zur Kenntnis, es gibt keinen Moment des Aufrüttelns. Und doch bedeutet der Unfall ein Bruch, es ist, als würde Fiodor sich sagen: Jetzt ist der Sportwagen schon hin, da kann ich ebenso gut auch auf den Rest verzichten. Er verabschiedet sich von dem oberflächlichen, richtungslosen Leben in Kalifornien, in dem er ohne wirkliche Überzeugung oder gar Teilnahme steckte, und besucht seinen Vater, der in Peru Vögel züchtet – die einzige Sache, von der auch Fiodor etwas versteht.

Auf Druck des Vaters fängt er im New Yorker Unternehmen seines Bruders Leo an, lässt sich aber sofort nach Mailand versetzen, an den Ort seiner Kindheit, der nur noch als verschwommenes Bild in seiner Erinnerung existiert. Nicht, dass Fiodor das Bedürfnis verspürt, zu den ›Wurzeln‹ zurückzukehren; es ist vielmehr ein Impuls zu fliehen – vor der Aufsicht des Bruders, vor den Erwartungen. Aber auch in Mailand findet das Leben ohne Fiodor statt. Die Stadt ist grau und rastlos, die Luft vor lauter Feuchtigkeit und Smog so dicht, dass sie kaum bis in die Lunge vordringt, die Arbeit stupide. Von seinem unverhältnismäßig hohen Gehalt mietet er sich eine unverhältnismäßig große Wohnung, doch der Versuch, sie zu möblieren, scheitert, also bleibt sie leer, es gibt ein Zimmer mit einer Matratze, eines mit einem Telefon, eines mit E-Gitarre und Verstärker.

Die Situation amüsiert mich, wie die Folge einer Fernsehserie, und in der nächsten Sekunde erfüllt sie mich mit Angst. Auf einmal habe ich keine Ahnung mehr, in welchem Verhältnis ich zu diesem Raum stehe; zu diesen Möbeln und diesen Kleidern. Ich gehe im Zimmer im Kreis herum und habe das Gefühl, nicht ich bin es, der geht, sondern jemand anderes, den ich von außen beobachte, ohne jegliche Sympathie.*

Eines Tages begegnet er Malaidina, und obwohl sie schon nach ein paar Minuten wieder aus seinem Nicht-Leben verschwindet, ist er fasziniert von ihr, so sehr, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Nur ist sie ungreifbar, es gelingt Fiodor nicht, sich ihr zu nähern, selbst dann nicht, als sie sich zufällig erneut treffen und miteinander schlafen. Malaidina gibt nichts von sich preis, nicht einmal eine Telefonnummer. Sie wird zu einer Obsession für Fiodor; endlich gibt es da etwas, das für ihn von Bedeutung ist, endlich hat er den Drang, etwas zu machen und gut darin zu sein. Und so wird er hineingezogen in ein Leben, das sich echter, lebendiger anfühlt als alles zuvor. Hineingezogen aber auch in die kalte, gewaltsame Realität des Italiens der frühen 80er Jahre.

Manchmal möchte ich Fiodor am Kragen seines Hemdes packen und ihn schütteln für seine Verweigerung, Stellung zu nehmen, für seine Tendenz, im Vagen zu bleiben, sich zu verschließen, wenn es darum geht, zu interagieren. Dann wieder bin ich berauscht von der Präzision seiner Gedanken, oder besser: von der Präzision der Worte, mit denen er – bzw. der Autor Andrea De Carlo – seinen diffusen Gedanken innerlich Ausdruck verleiht. Vögel in Käfigen und Volieren ist ein fesselnder Roman über das Gefühl der Verunsicherung und des Verlorenseins vor dem Hintergrund der bleiernen Zeit, über die Macht des Augenblicks, die Macht bestimmter Begegnungen, die ein ganzes Leben verändern können. Oder die ein Leben überhaupt erst zum Leben erwecken.

* Die Übersetzungen aus dem Italienischen stammen von mir. Ich entschuldige mich dafür.

Andrea De Carlo: Uccelli da gabbia e da voliera. Bompiani, Mailand 2006, 231 Seiten. / Andrea De Carlo: Vögel in Käfigen und Volieren. Aus dem Italienischen von Burkhart Kröber. Diogenes, Zürich 2007, 290 Seiten.

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8 Gedanken zu “Andrea De Carlo: Vögel in Käfigen und Volieren

    1. Hab Dank, liebe Eva, für deinen Besuch und für den Kommentar. Lies das Buch ruhig, es lohnt sich. Aber man muss De Carlos melancholisch-knappen Stil mögen, Liebhaber blumiger Umschreibungen kommen hier nicht auf ihre Kosten.
      Und stimmt, die Namen sind durchaus ungewöhnlich. Andere Figuren von De Carlo heißen zum Beispiel Macno, Uto und Durante (Letzteres bedeutet im Italienischen nichts anderes als „während“).
      Sag mal, gibt es zu deinem Projekt – ein Jahr, 52 Bücher – auch einen Blog oder zumindest eine Facebookseite? Auf Twitter bin ich nämlich nicht aktiv…

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  1. Hallo Caterina,

    mir gefallen die Beschreibungen Deiner Eindrücke auch sehr. Ich glaube nicht, dass Du Dich für Übersetzung entschuldigen musst (auch wenn ich denke, dass Du das nicht so ernst meinst). Keine falsche Bescheidenheit. Ich hatte mir beim ersten Lesen gedacht, warum muss der jetzt ausgerechnet in Kalifornien leben, aber das hatte sich ja dann schnell erledigt. Spielt die Stadt Mailand für Dich eine besondere Rolle in dem Roman, oder ist das nicht so von Belang? Andrea De Carlo kannte ich bis dato nicht, danke für Deinen spannenden Bericht!

    Viele Grüße

    PS: Ich bin gespannt, was Du von „Ein Mann der schläft“ hältst.

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    1. Hallo wortlandschaften,
      schön, dass du vorbeigeschaut hast, ich freue mich immer wieder über deinen Besuch.
      Natürlich, die Entschuldigung für meine Übersetzung sprach ich mit einem Augenzwinkern aus, mir war nur wichtig, darauf hinzuweisen.

      Ich kann verstehen, dass dich der Schauplatz Kalifornien erst einmal abgeschreckt hat, auch ich bin da immer etwas skeptisch, wenn z.B. ein deutscher Autor aus irgendeinem Grund seinen Roman außerhalb Deutschlands ansiedelt – am besten dann auch noch mit nicht-deutschen Figuren. Meist denke ich dann: Gibt es eine glaubhafte Motivation für diese Verlegung des Schauplatzes oder geht es nur darum, das Buch interessant wirken zu lassen, gewissermaßen eine Unique Selling Proposition (um mal im Marketing-Jargon zu reden) zu schaffen?
      Bei De Carlo funktioniert es: Fiodor ist halb Amerikaner, halb Italiener, aus Mailand ist er als Kind weggegangen. Kalifornien spielt nur eine minimale Rolle, es steht sozusagen (etwas klischeehaft) für seinen oberflächlichen Lebenswandel. Außerdem nehme ich De Carlo solche Reise in die Ferne ab, da er selbst lange Zeit im Ausland gelebt hat und somit aus der eigenen Erfahrung, den eigenen Beobachtungen schöpft. Das ist, als würde ich meinen Bestsellerroman, den ich eines Tages schreiben werde, in Italien ansiedeln 😉

      Als ich den Roman zum ersten Mal gelesen hatte, kannte ich Mailand noch nicht. Jetzt habe ich schon genauer darauf geachtet, wie der Protagonist die Stadt wahrnimmt. Es ist ja immer irgendwie interessant, einen Ort, den man selbst bereist hat, mittels Literatur neuzuentdecken – ihn wie durch fremde Augen zu sehen. Mailand schneidet dabei nicht sonderlich gut in diesem Roman ab, aber das verwundert mich nicht. Zum einen weil die Stadt tatsächlich aus ästhetischer Sicht keine Perle ist, zum anderen weil Fiodor so gut wie alles – abgesehen von Malaidina – alles durch diesen Schleier der Schwermut, der Ablehnung wahrnimmt.

      Viele Grüße zurück.

      PS: Woher weißt du, dass der schlafende Mann bereits auf meinem Nachttisch liegt, habe ich es etwas schon mal an anderer Stelle erwähnt? 🙂

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      1. Danke für die ausführliche Antwort. Die Motivation für diesen Teil der Geschichte kann ich so dann auch nachvollziehen, besonders wenn eigene Erfahrungen hineinspielen.
        Hoffentlich schreibst Du Deinen Bestsellerroman dann auf Deutsch. 😉

        Es stimmt, ich finde es auch immer interessant, Städte/Orte durch Literatur (wieder-) zu entdecken. Das ging mir jetzt auch schon ein paar Mal so und Romane z.B. aus dem 19. Jahrhundert befeuern ein bisschen die Vorstellungskraft, wie eine Stadt mal ausgesehen hat. Man kann eine Stadt ja aus vielen Blickwinkeln sehen und so habe ich auch Essays oder Reiseberichte gelesen, die dann wieder andere, negativere Seiten beleuchten.

        Ich bin nicht bei Facebook, aber auf Deiner Seite zum Blog schaue ich ab und zu vorbei. Dort kann man zwar als Nichtmitglied nicht viel lesen, aber die letzten Beiträge sind zu sehen. Du hattest vor ein paar Tagen das Cover von „Ein Mann der schläft“ eingestellt.

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      2. Klar werde ich mein Buch auf Deutsch schreiben, meine Italienischkenntnisse sind zwar gut, aber für einen Roman reicht es dann doch nicht. Außerdem ist es leichter (und dennoch schwer genug), auf dem deutschen Markt wahrgenommen zu werden, die Zustände des italienischen Buchmarkts sind noch um Weiten besorgniserregender. Wie dem auch sei – das mit dem eigenen Roman dauert wohl noch ein Weilchen, vorher muss ich erst einmal leben, um etwas zu erzählen zu haben 😉

        Und es freut mich, dass du ab und zu auf der Facebook-Seite vorbeischaust. Die Plattform ist praktisch, um auf interessante Artikel und Webfundstücke zu verweisen, ohne immer gleich einen ganzen Blogbeitrag zu verfassen. Auch wenn man dadurch leider alle diejenigen ausschließt, die nicht auf Facebook sind… aber schön, dass du zumindest ein paar meiner Aktivitäten dort mitverfolgen kannst.

        Liebe Grüße

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  2. Andrea De Carlo entdeckte ich mit seinem Buch „Creamtrain“, das mir schon damals, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde, sehr gefallen hat. Diesen Roman hingegen kenne ich noch nicht von ihm und deine Rezension ist so schön, dass ich mich sicher einmal nach diesem Titel umsehen werde.

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    1. Creamtrain habe ich noch nicht gelesen, es schlummert aber in irgendeiner meiner Umzugskartons, und irgendwann wird es ausgegraben und gelesen, ganz bestimmt! Andrea De Carlos Sound gefällt mir einfach, dieses latent Melancholische und doch irgendwie Erfrischende und fast schon Rasante seines Erzählstils. Freut mich, dass meine Rezension dir gefällt.

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