Sabrina Janesch: Katzenberge

Sabrina Janesch - Katzenberge (c)

»Man flieht immer westwärts! Im Osten zerfällt die Welt zu Staub und Asche«

Katzengebirge, das ist die schlesische Hügellandschaft, in die sich die Dörfer Bagno, Osola und Morzęcin Mały einfügen: Hier lebte der Großvater der Ich-Erzählerin große Teile seines Lebens, hier wird er, am Anfang des Romans, beerdigt. Für die Enkelin Nele Leibert ist der Tod des Großvaters zugleich ein Ende, »ein Abschiednehmen von der alten Zeit«, und ein Beginn, der Ausgangspunkt einer Reise, deren Ziel sehr viel weiter im Osten liegt – und weit zurück in der Zeit. So verwundert es mich ein wenig, dass ausgerechnet sie, die Katzenberge, titelgebend für Sabrina Janeschs Debüt sind, haftet doch dieser Gegend – zumindest für den Großvater – bis zum Schluss ein Gefühl der Fremdheit an, während das Vertraute unwiederbringlich verloren ist.

Nele hat eine polnische Mutter und einen deutschen Vater, sie wächst diesseits der Grenze auf, verbringt aber viel Zeit ihrer Kindheit auf dem Gehöft des Großvaters. Später dann, als sie längst erwachsen ist, ist sie es immer, die stellvertretend für den deutschen Teil der Verwandtschaft auf Familienfesten in Schlesien erscheint und sich für ihre Herkunft rechtfertigen muss. »Trägt halt jeder sein Kreuz«, bekommt sie regelmäßig von ihren etwas ruppigen Onkeln zu hören. Fremd zu sein, an zwei Orten gleichzeitig und an keinem richtig zu existieren, ist eine Erfahrung, die die Enkelin vom Großvater erbt. Wie ein Leitmotiv durchzieht diese Zerrissenheit den Roman, begleitet die Erzählerin auf ihrer Suche nach der Vergangenheit des Großvaters.

Stanisław Janeczko (hier ist Familienname der Autorin herauszuhören, und auch die Danksagung weist darauf hin, dass es sich um Sabrina Janeschs Großvater handelt, »dem eigentlichen Erzähler« – aber dass sie hier ihre eigene Geschichte einfließen lässt, hat sie in Interviews ohnehin oft genug betont und ist angesichts der biographischen Parallelen zu Nele unverkennbar) – Stanisław Janeczko also stammt aus Galizien, aus dem Dorf Żdżary Wielkie östlich des Flusses Bug, wo Polen und Ukrainer einst friedlich nebeneinanderher lebten, bis die Ukrainer 1945 auf einmal den Boden unter ihren Füßen als ihren deklarieren. Janeczko und seiner Familie gelingt die Flucht, während viele andere dem Pogrom zum Opfer fallen.

Janeczko überquert den Bug, bleibt für eine Weile in Wydrza und zieht schließlich weiter nach Schlesien, wo man ihnen, den vertriebenen Galiziern, Höfe zuteilt, deren Besitzer – Deutsche – wiederum vertrieben wurden. Janeczko sucht sich einen Hof am Rande des Waldes aus, in einiger Entfernung zu den anderen Bauern, begräbt Herrn Dietrich, den er erhängt auf dem Dachboden gefunden hat, holt seine schwangere Frau nach und richtet sich, so gut es geht, ein. Es ist ohnehin nur ein vorübergehendes Zuhause, denkt er, »eine Art makabrer Scherz, den man sich so lange erlaubte, bis daheim in Galizien alles in Ordnung gebracht worden«. Dies wird nie geschehen, Janeczko wird für immer hier bleiben, bis zu seinem Tod. Mehr als sechzig Jahre später verfolgt die Enkelin die Flucht des Großvaters zurück, reist von Schlesien über Wydrza nach Galizien, begegnet dabei immer wieder der ungeklärten Geschichte eines Bruderzwists, über die die Dorfbewohner noch heute raunen, und findet ganz nebenbei zu sich selbst.

Sie sind wohl nicht von hier?
Es klang mehr wie eine Feststellung denn wie eine Frage. Verdutzt betrachtete ich das leuchtende Gelb der Bananenschale in meiner Hand. Enttarnt zu werden, ohne auch nur den Mund aufgemacht zu haben, war neu für mich. Ich schluckte die halb zerkaute süßliche Masse hinunter.
O doch, sagte ich, ich bin auf dem Weg nach Hause. Nach Wydrza.
Eine Studentin, schlussfolgerte der Mann fast enttäuscht und setzte sich wieder gerade.
Wollen Sie ein Stück Wurst? Mitleidig betrachtete er dich Banane und hielt mir einen fettigen, braun-weißen Zipfel hin. Als ich dankend ablehnte, betrachtete er mich erneut und verstaute sie wieder in seiner Tüte. Kurz darauf begann er zu schnarchen, und ich fragte mich, ob ich ihn angelogen hatte, als ich sagte: Ich fahre nach Hause. Nein, beschloss ich. Polen macht eben pathetisch.

Wie Sabrina Janesch diese zwei Reisen – die des Großvaters aus der galizischen Heimat ins schlesische Exil und die der Enkelin in die sowohl räumlich als auch zeitlich umgekehrte Richtung – einander in immer kürzer werdenden Kapiteln entgegensetzt, ist ein gelungener erzählerischer Kniff. Er verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe und bewirkt, dass ich sogartig in die Geschichte hineingezogen werde. Einen besonderen Reiz üben vor allem die Erzählungen des Großvaters auf mich aus, die irgendwo zwischen Tradition und Moderne angesiedelt sind, zwischen Aberglaube und Wirklichkeit. Sie handeln von Erscheinungen, die fester Bestandteil des Lebens sind, ohne dass sie rational durchdrungen werden – seien es Dämonen, die gebannt werden müssen, oder der Krieg, der mit einem Mal Völker entzweit, die sich zuvor noch die Erde teilten.

Spätestens seit Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated komme ich um Romane nicht herum, die die Vergangenheit auf magische Weise zum Leben erwecken, zuletzt war es Téa Obrehts The Tiger’s Wife. Osteuropa scheint hierfür der ideale Schauplatz, ist es doch voller Mythen, voller Zauber und zugleich voller grausam realer Geschichte. »Man flieht immer westwärts!«, heißt es an einer Stelle: »Im Osten (…) zerfällt die Welt zu Staub und Asche.« Dem Thema der Vertreibung nähert sich Sabrina Janesch in Katzenberge auf kluge, feinfühlige, bisweilen auch charmant-humorvolle Weise an. Dabei bedient sie sich einer klaren Sprache, mal salopp, mal von stiller Melancholie, je nachdem, ob sich die Erzählerin in skurrilen oder bewegenden Situationen wiederfindet, ob sie kauzigen oder tieftraurigen Menschen auf ihrem Weg begegnet.

Sabrina Janesch: Katzenberge. Aufbau, Berlin 2010, 273 Seiten.

Lektüretipp: Jörg Magenaus Laudatio anlässlich der Verleihung des Mara-Cassens-Preises 2010 an Sabrina Janesch. Ein sehr tiefgründiger Blick auf Katzenberge, der vor allem den Aspekt der Erde und der Erdverbundenheit herausstellt.

12 Gedanken zu “Sabrina Janesch: Katzenberge

    1. Liebe Heidrun, schönen Dank für deinen Besuch und die netten Grüße. Augsburg ist leider eine der vielen deutschen Städte, die ich (noch) nicht kenne, nicht einmal aus der Literatur… Aber was nicht ist, kann ja noch werden 😉
      Lieben Gruß zurück!

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      1. Liebe Caterina,
        Augsburg in der Literatur __ vielleicht von Günther Ogger ( hoffentlich habe ich ihn jetzt richtig geschrieben ) mit „Kauf dir einen Kaiser“ __ die Geschichte der Fugger aus einer objektiveren Sicht .. .. sollte eventuell einen Post darüber schreiben, `mal überlegen. Einen so spannendes Buch – ein Wirtschaftskrimi aus dem Mittelalter – aber aus der Realität!

        Das Kennenlernen von Augsburg selbst, ist – aus meiner Sicht – ganz dringend mit dem bildensreichen Umland erstrebenswert.

        Ringsherum ist so viel Geschichte, und mein Mann ( der hier aufgewachsen ist ) und ich ( – komme aus München ) sind oft und gerne mit dem Roller unterwegs und lernen stets auf den kleinen [Um] Wegen so viel kennen.

        Grüßle – so sagen die Leute hier 🙂
        Heidrun

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      2. Ich merke schon, ich sollte dringend mal eine Autotour durch Deutschland machen (denn viel zu viele Gegenden kaum bis gar nicht) und dabei unbedingt auch Augsburg ansteuern! Danke auch für den Lektüretipp. Herzliche Grüße.

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  1. Das Buch steht schon seit Mareikes Rezension auf meinem Wunschzettel – dank deiner ist es jetzt noch weiter nach oben gerutscht, zumal ich zu dem Thema und der Gegend auch einen persönlichen familiären Bezug habe. Danke!

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    1. Ach gut, dass du mich daran erinnerst, Marikis Besprechung habe ich damals nämlich absichtlich nicht gelesen, will es aber unbedingt noch nachholen.

      Wie spannend! Wenn man einen persönlichen Bezug zu einem bestimmten Thema/Schauplatz etc. hat, geht man gleich ganz anders an das Buch heran, verbindet die Lektüre mit eigenen Erinnerungen oder aber – wie in deinem Fall – mit Erzählungen aus der eigenen Familie. Das ist sicherlich noch mal eine ganze andere, emotionalere Leseerfahrung.

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