Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten

Goncales Tavares - Die Versehrten (c)

»Schmerz, dachte sie, Schmerz ist ein zentrales Wort in meinem Leben«

So gut schreibe er, sagte der portugiesische Schriftsteller José Saramago bei der Verleihung des nach ihm benannten Literaturpreises an Gonçalo M. Tavares, dass man Lust hätte, ihn zu schlagen. Viele Kritiker ziehen den Vergleich zu Franz Kafkas Prosa – ein Vergleich, auf den ich, da ich nur über eine sehr bruchstückhafte und oberflächliche Kenntnis von Kafkas Werk verfüge, selbst nicht gekommen wäre, den ich aber nach der Lektüre von Tavares’ düsterem Roman Die Versehrten durchaus nachvollziehen kann. Beklemmung ist auch hier das vorherrschende Gefühl, der Schmerz, die Grausamkeit und Willkür des Menschen, sein Ausgeliefertsein die zentralen Themen.

In einer Nacht irren sechs Versehrte durch eine namenlose Stadt und können sich dem Wahnsinn und der Gewalt nicht entziehen, die seit jeher ihr Leben – und die Menschheitsgeschichte – prägen. Theodor Busbeck ist Psychiater und Gelehrter, er setzt es sich zum Ziel, die Geschichte des Grauens zu erforschen, getrieben von dem Gedanken, eine Formel zu finden, die es ermöglicht, das menschliche Verhalten vorauszusehen und zu verstehen, ob sich der »klinische Zustand« der Menschheit verbessert oder verschlechtert, sprich: ob sie weiterleben wird oder ob sie im Begriff ist zu verfallen, zu sterben.

Er, der so besessen ist von der Gesundheit des Individuums ebenso wie des Kollektivs, heiratet ausgerechnet eine seiner Patientinnen, die schizophrene Mylia. Und er ist es auch, der – selbst machtlos gegen ihre Krankheit – sie schließlich in die Nervenklinik einweist. Als sie dort von ihrem Liebhaber Ernst schwanger wird, lässt Theodor sich von ihr scheiden und nimmt ihr Kind an sich. Zwölf Jahre später, in jener Nacht, in der sich die Wege der Protagonisten kreuzen, und im selben Augenblick, in dem sich seine leiblichen Eltern zum ersten Mal begegnen, seit sie aus der Klinik entlassen wurden, bemerkt der geh- und sprachbehinderte Junge Kaas die Abwesenheit des Vaters und begibt sich auf die Suche nach ihm.

Theodor hält sich bei der Prostituierten Hanna auf, während deren Freund Hinnerk, ein vom Krieg Gezeichneter und von der Angst Getriebener, rastlos durch die Straßen zieht – eine Waffe bei sich tragend und wie alle Figuren dieses Romans auf der Suche nach etwas – und zuerst auf Kaas, später auf die zwei Schizophrenen trifft. Mylia, die seit einer unrechtmäßig und schlampig durchgeführten Sterilisation in der Klinik ein lähmender Schmerz im Unterleib wach hält, erhofft sich Frieden in einer Kirche, doch weil man ihr um diese Zeit nirgends Zuflucht gewährt, ruft sie Ernst an, der durch das Klingeln des Telefons von seinem Vorhaben ablässt, sich aus dem Fenster seiner Wohnung zu stürzen.

Um die Universalität der menschlichen Empfindungen – in erster Linie der Angst, der Begierde und des Leids – ginge es ihm, sagte Gonçalo M. Tavares neulich während einer Lesung in der Frankfurter Stadtbücherei. Dies sei auch der Grund dafür, dass Ort und Zeit des Geschehens unbestimmt bleiben (im Übrigen ebenfalls ein kafkaesker Zug) und dass die Figuren keine portugiesischen Namen tragen (sondern – aus einer vollkommen willkürlichen Entscheidung des Autors heraus – deutsch klingende). Ein wiederkehrendes Motiv ist das Psalmwort »Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte«: Jerusalem (so auch der Originaltitel des Romans) – das ist die schmerzhafte Sehnsucht der Figuren, die vergebliche Suche, auf die sie sich begeben.

In knappen Kapiteln, die die Namen der handelnden Figuren als Titel tragen, zeichnet Tavares die (Leidens-)Wege der »Versehrten« nach. Nach einem Prinzip der »Reduktion«, wie er selbst es ausdrückte, kürzt er so lange, bis alles Überflüssige, alles Schmückende getilgt ist und nur noch die wesentlichen Wörter bleiben. Heraus kommt eine lakonische, nüchterne Sprache, mehr ein Schildern, ein Abhandeln als ein Erzählen. Der Autor blickt mit einer gewissen Distanz auf seine Figuren, als sei er bloß ein neutraler Beobachter, der keinerlei Stellung bezieht, geschweige denn Anteilnahme zulässt. Schön ist das mitnichten, die unmenschliche Kälte des Erzählten stößt den Leser ab. Und doch: Wie Tavares die Versehrtheit des Menschen bloßlegt, ist von großer Eindringlichkeit.

Mylias Gesundheitszustand hatte sich immer mehr in Richtung Passivität entwickelt; offensichtlich gab es irgendeine Energie, die bei ihr gekappt worden oder vielleicht an anderer Stelle in ihrem Körper verwahrt worden war, zu der sie derzeit keinen Zugang hatte. Die Notwendigkeit zu handeln erschreckte sie: Eine geschlossene Tür war an manchen Tagen wie ein gleichwertiger menschlicher Gegner; sie erkannte, dass die ungereimte Welt robuster war als sie selbst, jedes einzelne bisschen dieser Welt schien standfester zu sein, sprich: weniger leicht umzuwerfen.
Mylia empfand die Dinge als groß. Eine simple Flasche nahm riesige Proportionen an, und auch den kleinen Gegenständen gegenüber war sie im Nachteil, weil ihr eigenes Gewicht ein Hindernis für das Handeln darstellte: Wie soll man etwas tun, wenn der Körper eine Last ist?

Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, 240 Seiten.

Gonçalo M. Tavares spricht über Die Versehrten. Rechts: Michael Kegler (Moderation und Übersetzung). 13/06/2012, Stadtbücherei Frankfurt.

2 Gedanken zu “Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten

  1. Ebenso eindringlich und zuweilen kalt und abstoßend habe ich das Buch auch empfunden. Schön auch, dass du die Eindrücke von der Lesung mit in deine Besprechung aufgenommen hast – das Prinzip der „Reduktion“ erklärt Tavares‘ Knappheit wunderbar.

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    1. Ich erinnere mich, dass er von einer Art Vorwort erzählte, das er schreiben sollte (ich glaube, es ging um die Neuauflage eines seiner Werke). Zuerst waren es mehrere Seiten, mit denen war er jedoch so unzufrieden, dass er sie wieder und wieder überarbeitet – sprich: reduziert – hat, bis am Ende nur noch wenige Zeilen übrig blieben.
      Und was ich auch erstaunlich fand: Er schreibt wohl erst seit 10 Jahren, hat aber seither schon um die 35 Werke veröffentlicht, Romane, Kurzprosa, Lyrik, Theaterstücke usw. Ein wahnsinnig produktiver Schriftsteller also.

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