Zeruya Shalev: Liebesleben

Zeruya Shalev - Liebesleben (c)

»So viele Metamorphosen, um am Schluß doch nur mehr oder weniger ich selbst zu sein«

Gerade war sie mit Für den Rest des Lebens in sämtlichen Feuilletons und weckte meine Neugier, ihr Name war mir zwar nicht gänzlich unbekannt, aber gelesen hatte ich noch nichts von ihr, ihr neuester Roman reizte mich nur bedingt, er schien mir nicht der richtige Einstieg in ihr Werk, und dann erinnerte ich mich an den Film Liebesleben von Maria Schrader, der schon seit geraumer Zeit darauf wartet, von mir gesehen zu werden, und da wusste ich, mit diesem Buch, der gleichnamigen Romanvorlage, möchte ich sie kennenlernen, die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev.*

Liebesleben (2000), das zwar nicht Shalevs Debüt ist, wohl aber das erste Buch von ihr, das ins Deutsche übertragen wurde, bildet gemeinsam mit Mann und Frau (2001) sowie Späte Familie (2005) eine Trilogie. Die drei Romane spielen – wie ihre Titel schon suggerieren – verschiedene Variationen des gleichen Themas durch: das der Liebe. Sie sezieren die Liebe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und die Momente der Entzweiung und des Neuanfangs, die – bei Shalev – immer auch mit ihr einhergehen. In Liebesleben ist es eine junge Ehe, die in die Brüche geht, als die Protagonistin Ja’ara sich in eine Affäre stürzt und alles aufs Spiel setzt, was ihre bisherige Existenz ausmachte.

Ja’ara ist seit fünf Jahren mit dem fürsorglichen und sanften Joni verheiratet, die Arbeit an der Dissertation steht bevor, und sie hat eine Stelle an der Universität von Jerusalem in Aussicht, auch Eigentumswohnung und Kind sind bereits in Planung. Eines Tages lernt sie Arie, einen Freund ihres Vaters, kennen; es ist nur eine flüchtige, scheinbar unbedeutende Begegnung im Hause der Eltern, doch für Ja’ara ist sie der Beginn einer verhängnisvollen Liebe. In einem Bekleidungsgeschäft trifft sie ihn wieder, nach einer kurzen Annäherung gibt er ihr seine Telefonnummer, wenig später steht sie in seiner Wohnung, und er nimmt sie von hinten.

Wie der Schleim einer Schnecke klebte meine Spucke an der Tür, durchsichtig und klebrig, und auf der Wange spürte ich, wie ihr Holz mir die ersten Falten ins Gesicht zeichnete. Hinter meinem Rücken wurde das stolze Glied herausgezogen, und ich hörte, wie es schnell versteckt wurde, wie der Reißverschluß hochgezogen und der Gürtel geschlossen wurde. Nur mit Mühe gelang es mir, das Gesicht zu ihm zu drehen, mein Hals war steif von der Diskrepanz zwischen der offensichtlich intimen Situation und der absoluten Fremdheit zwischen uns, eine Diskrepanz, die nun, hinterher, nichts Anziehendes hatte, während sein unfruchtbarer Samen aus mir tropfte […].

Jedes Mal, wenn sie von ihm fortgeht, ist sie sich gewiss, dass sie nicht zurückkehren wird. Und doch: Immer wieder kehrt sie zurück zu diesem alternden, verlebten, egozentrischen Mann, dessen Frau im Sterben liegt; vernachlässigt für ihn ihre Pflichten an der Universität, entfremdet sich mehr und mehr von ihrem Mann Joni, der ihr mit Mal langweilig erscheint und fast schon ein wenig abstoßend in seiner Weichheit. Hat sie jemals Liebe für ihn empfunden?, zweifelt man mitunter, und in der Tat sagt sie einmal, als Arie sie fragt, warum sie Joni geheiratet habe: »Weil er versprochen hat, mich immer zu lieben«. Biedere Sicherheit ist es, was sie bei ihm fand.

Aber Ja’ara ist »hungrig« – nach Leben, nach Wagnissen, auch nach Schmerz: »ich fühlte, wie der Hunger mich innerlich auffraß, das war das Wort, Hunger, nicht Begierde, denn ein Verhungernder ißt alles«. Ganz anders als Arie, der schon lange »satt« ist. Von einer leidenschaftlichen Affäre kann folglich keineswegs die Rede sein, im Gegenteil: Arie demütigt Ja’ara, verachtet ihre Willenlosigkeit und ihre unbegründete Liebe zu ihm. Gleich zu Beginn überlässt er sie einem Freund; später dann schließt er sie tagelang in sein Schlafzimmer ein, während er und seine Gäste in der Wohnung für die inzwischen verstorbene Ehefrau Schiwa sitzen (und während sich gleichzeitig der ahnungslose Joni allein auf die verspätete Hochzeitsreise nach Istanbul begibt, mit der er seine Frau überraschen wollte).

So manches Mal ärgert man sich (gerade als weiblicher Leser) über Ja’aras Inkonsequenz, über die Sprunghaftigkeit und Widersprüchlichkeit ihrer Gedanken, darüber, dass sie auf der Stelle von Liebe spricht, dort, wo nur rohe Geschlechtsakte sind. Andererseits macht genau das den Sog der Geschichte aus: das Bewusstsein der Protagonistin über die zerstörerische Kraft dieser Liebschaft und gleichzeitig die Unfähigkeit, sich ihr zu entziehen, das Verlangen danach, Körper und Herz von ihrer Taubheit zu befreien und endlich wieder etwas zu spüren, aus dem Kokon der Gleichförmigkeit auszubrechen und das eigene Dasein auf die Probe zu stellen. Ein Sog, der durch Shalevs Stil intensiviert wird; ihre zeilenlangen, verschachtelten, verzweigten Sätze, sie geben Ja’aras Ich-Erzählung etwas Atemloses, Gehetztes.

Ich dachte an all die Tage, die vergangen waren, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte, wie ich ihn auf den Straßen und in den Geschäften gesucht hatte, wie ich ihn gewollt hatte und wie ich wollte, daß er mich wollte, und nun war es soweit, was spielte es für eine Rolle, warum und wie, Hauptsache, er wollte mich jetzt, und Joni sagte, Handtuch, und ich ging hinaus und stand vor dem Schrank und wußte nicht mehr, was ich eigentlich suchte, ich überflog alle Fächer und hoffte, es würde mir wieder einfallen, ein Fach nach dem anderen betrachtete ich, als würde ich mich von allen verabschieden, und mir fiel ein, wie wir den Schrank selbst zusammengebaut hatten, und deshalb war er schief, immer wieder sagte Joni, wir müssten ihn eigentlich auseinandernehmen und neu zusammensetzen, und ich spottete dann regelmäßig, das ist es, was dir Kummer macht, und er sagte, dich müßte man auch auseinandernehmen und neu zusammensetzen, du bist auch schief, und da kam er von hinten, nackt und tropfend, und sagte wütend, was ist mit dir, wo bleibt mein Handtuch, und ich murmelte, Entschuldigung, ich suche das Fach mit den Handtüchern, und er stieß mich fast groß zur Seite und sagte, da ist es doch, vor deinen Augen, was hast du denn, und er nahm sich ein Handtuch, aber auch er schien vergessen zu haben, was er damit hatte tun wollen, und stand nackt und tropfend mit dem Handtuch in der Hand da.

Am Ende weiß Ja’ara, dass Arie nicht weniger abhängig ist als sie, abhängig von ihrer Abhängigkeit von ihm. Die Gründe dafür liegen weit zurück, sind untrennbar mit der Geschichte ihrer Familie verknüpft, der Geschichte ihrer Mutter, die an dem Tag, an dem Arie zu Besuch kam und Ja’ara ihm zum ersten Mal begegnete, vorgab, krank zu sein, und sich ins Schlafzimmer zurückzog und dann ihrer Tochter anvertraute, sie könne den Mann nicht ausstehen – warum, das begreift Ja’ara erst viel später. Der Kreis von Schuld, Hass und Demütigung, von dem sie selbst ein Teil ist und dem sie Stück für Stück auf die Spur kommt, verleiht dem Roman eine weitere Sinnebene und löst ihn auf sehr überzeugende Weise auf. Ja’ara hat am Ende nichts mehr – und doch hat sie alles: sich selbst.

* Dieser Absatz, der zwar viele Kommas enthält, aber nur einen Punkt, ist eine klägliche und nicht ganz ernst gemeinte Hommage an Frau Shalevs Stil.

Zeruya Shalev: Liebesleben. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2007, 368 Seiten.

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