Roberto Cotroneo: Diese Liebe

Roberto Cotroneo - Questo amore (c)

Splitter einer Liebesgeschichte

Anna und Edo, das sind die Protagonisten dieser Liebe, einer Liebe, die sie mit Worten aufrechterhalten, bestätigen, bekräftigen. Nicht mit beliebigen Worten: mit Versen, die sie einander zitieren – von Dichtern wie Montale, Ungaretti, Pessoa, Ovid. Kaum waren sie verheiratet, eröffneten sie einen Buchladen, in dem sie Tag für Tag ihre Liebe lebten. Edo, ein ehemaliger Profifußballer, nahm bei Anna Privatunterricht in Latein und Griechisch – nicht weil es nötig sei, um Bücher zu verkaufen, erklärte er ihr, sondern weil es hilft, sie zu lesen.

Eines Morgens, da sind sie gerade einmal zehn Jahre verheiratet, erwacht Edo und findet sich mit Mal nicht mehr in seiner Welt zurecht; den Weg vom Schlafzimmer zum Bad kennt er nicht, genauso wenig wie seine zwei Töchter und seine Frau, Anna. In Rom, wo sie einen Spezialisten aufsuchen wollen, verschwindet er schließlich spurlos. Noch in der Morgendämmerung, während Anna schläft, wacht er auf, verlässt das Hotelzimmer, geht einfach fort. Und kehrt nicht zurück. Bis zum Ende nicht.

23 Jahre lang fragt sich Anna, die Ich-Erzählerin dieses Romans, wohin Edo gegangen, was mit ihm geschehen ist. Mehr noch als Fragen trägt sie aber Hoffnung in sich, die Hoffnung – nein, das Wissen –, er würde eines Tages wieder heimkehren. Und so ist ihr Leben ohne Edo kaum mehr als ein Warten auf ihn, ein Stillstand, ein Festhalten am Gewesenen. Und genau genommen hat er sie in all dieser Zeit gar nicht verlassen, er ist weiterhin präsent in den Versen der Gedichte, die sie sich wieder und wieder vorsagt, präsent im Laden, wo jeder einzelne Buchrücken das Wort »Liebe« trägt. »Mit der Zeit habe ich begriffen, wie sehr das Nichtdasein zu einer Form der Präsenz werden kann, die oft intensiver ist als die eigentliche Anwesenheit.«

Das Leben bestehe aus Unterbrechungen, sagt Edo einmal, und weniger aus fortwährenden Geschichten. So erstaunt es auch nicht, dass Diese Liebe, der fünfte Roman des italienischen Journalisten und Schriftstellers Roberto Cotroneo, kein ‚Roman’ im eigentlichen Sinne ist, vielmehr sind es unzählige Splitter einer zerbrochenen Liebesgeschichte, Erinnerungen, Zitate, Momentaufnahmen. Anna klebt sie aneinander, ohne das ursprüngliche Bild wiederherzustellen – Vergangenes und Gegenwärtiges, Traum und Wirklichkeit wechseln sich ab, verschwimmen, sind ununterscheidbar.

So ist dieses Büchlein selbst ein langes Gedicht, voller Sprachmagie, aber auch voller Rätsel. Und genauso wie ich mich mit Lyrik so manches Mal schwertue, erreicht mich auch Diese Liebe nur bedingt. Zu zerfasert erscheint mir der Text bisweilen, er zerfällt in Absätze, Verse, einzelne Worte, die allesamt schön klingen, aber nicht immer greifbar sind (gerade die literarischen Verweise); sie verflüchtigen sich, noch während ich sie lese, und werden zu bloßen Hüllen, ohne Bedeutung. Dabei birgt die Geschichte, die Anna erzählt, die Geschichte ihrer verlorenen Liebe bzw. des verlorenen Gedächtnisses ihrer Liebe (ganz zu schweigen von der unvermuteten Wendung am Schluss), an sich schon so viel Poesie, dass ein bisschen weniger Dichtung es auch getan hätte.

Roberto Cotroneo: Questo amore. Mondadori, Mailand 2008, 137 Seiten. / Roberto Cotroneo: Diese Liebe. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008, 159 Seiten.

Grenzenlosen Enthusiasmus gibt es hingegen bei Syn-ästhetisch.

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11 Kommentare zu „Roberto Cotroneo: Diese Liebe

  1. Hach, was soll ich sagen 😉 Ich glaube, wir haben das Buch durchaus gleich gelesen, nur missfällt dir gerade das, was ich daran so schätze. Ich mag das (zugegebenermaßen überraschende) Ende, obwohl es schon ein bisschen kitschig ist, da hast du Recht. Bestimmt hast du nach meiner Begeisterung mehr oder etwas anderes erwartet …

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    1. Mit dem Ende hatte ich eigentlich gar kein Problem (abgesehen davon, dass ich es zweimal lesen musste, weil ich beim ersten Mal nicht begriffen habe, was geschehen ist ;)). Dieses Spiel mit der Realität / mit den Realitätswahrnehmungen fand ich im Grunde ganz spannend. Was mich eher störte, war das streckenweise bemüht Poetische, das meiner Meinung nach die Geschichte (die ich wie gesagt durchaus schön finde) in den Hintergrund verdrängt. Dem Autor scheint mehr an den Worten zu liegen, die er benutzt, als an der Geschichte, die erzählt. An manchen Stellen hätte es dem Text nicht geschadet, ein bisschen mehr auszuerzählen und ein bisschen weniger lyrisch zu sein. Aber dieses Empfinden hängt natürlich mit meinem eigenen Leseverhalten zusammen, mit Poesie tue ich mich wie gesagt in der Regel schwer, weshalb mir womöglich auch der Zugang zu diesem Roman nicht leicht fiel.

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      1. Okay, vielleicht liegt es wirklich daran. Denn ich bin absoluter Lyrik-Fan und mag gerade dieses Fragmentarische, nur Angedeutete. Möglicherweise liest es sich im Original auch noch überladener? Ich kenne ja nur die Übersetzung.

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      2. Fragmentarisches Schreiben schätze auch ich im Grunde sehr (auch wenn mir gerade kein Beispiel einfällt), aber nicht, wenn es sich meinem Verständnis entzieht. Mag sein, dass es im Original überladener ist, wie du sagst, aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass meine Italienischkenntnisse nicht perfekt sind und bei der Lektüre an ihre Grenzen stießen 😉

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  2. Ich stimme dir vollkommen zu – auch ich hatte mit dieser bruchstückhaften Erzählweise so meine Probleme und habe dann das Buch bei ca. der Hälfte fürs Erste mal wieder beiseitegelegt. Ich kam überhaupt nicht rein. Ich werde es aber nochmal versuchen.

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    1. Danke, liebe Julia, für deinen Kommentar und vor allem für deinen Besuch auf meinem Blog, so bin ich auch gleich auf dein Blog aufmerksam geworden ;).
      Freut mich zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, die Schwierigkeiten mit dem Text hatte. Aber so schlimm, dass es zum Abbruch gereicht hätte, war die Lektüre für mich dann doch nicht – im Gegenteil: Die Geschichte ist von einer melancholischen Schönheit, einige Sätze sind wahre Perlen. Meiner Meinung nach hätte der Autor mehr daraus machen können, denn schreiben und erzählen kann er allemal.

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  3. Die Geschichte erinnert mich an Kawakamis „Am Meer ist es wärmer“. Andererseits ist das Verschwinden auch wieder nicht so ein unübliches Thema („Bin mal kurz Zigaretten holen…“). Einen ehemaligen Profifußballer gab es in meinen Büchern bisher allerdings nicht. Liest Du in letzter Zeit wieder viel in der Originalfassung? Es macht den Eindruck. Die Frage, ob sich etwas im Original eventuell überladener lese, finde ich auch sehr interessant, schätze aber, dass das gar nicht so einfach zu beantworten ist. Du könntest allerdings die Stellen, die Dir besonders negativ oder positiv aufgefallen sind, zumindest vergleichen. Vielleicht lesen wir dann bei Dir hier im Blog auch mal den aus Feuilletons bekannten Satz zur Qualität der Übertragung. 😉

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    1. Stimmt, der Profifußballer ist eine seltene Romanfigur – jedenfalls in den Büchern, die unsereiner liest. So etwas im Klappentext zu lesen, sorgt direkt erst mal für Ablehnung, aber zum Glück ist es im Roman kein Thema. Im Grunde kann man auch auf die Berufsbezeichnung verzichten.

      Wirklich viel lese ich gerade nicht im Original – das macht den Eindruck, weil unter den wenigen Büchern, die ich rezensiere, einige englisch- und italienischsprachige sind, aber hinzu kommen ja all die Texte, die ich sozusagen beruflich lese (weitaus mehr als privat), sodass das Deutsche auf jeden Fall überwiegt. Aber ich bemühe mich, zumindest privat die anderen Sprachen nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade Italienisch liegt mir natürlich am Herzen – vor allem jetzt, wo ich die Sprache nicht mehr rund um die Uhr um mich habe, mit ihr arbeite und lebe.

      Deine Idee, Original und Übersetzung zu vergleichen, finde ich durchaus spannend, ich sollte mich einfach mal in einen Buchladen setzen und mir die deutsche Ausgabe anschauen. Nur: Ich schreibe mir nie die problematischen Stellen, immer nur die schönen heraus. Aber eine Überlegung ist es wert für die Zukunft. Und stimmt, der Satz zur Qualität der Übertragung fällt immer wieder gerne, und jedes Mal frage ich mich, ob der Kritiker tatsächlich beide Ausgaben gelesen hat oder einfach nur die Sprache in der Übersetzung für gelungen hält, was ja einerseits natürlich auf den Autor, andererseits aber in Teilen auch auf den Übersetzer zurückzuführen ist. Da fällt mir ein, dass ich einen ähnlichen Satz in meiner Shalev-Besprechung (Übersetzung von M. Pressler) einfließen lassen wollte, es dann aber vergessen habe. Auch dieser Roman ließt sich sehr toll, aber das Original kenne ich natürlich nicht.

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      1. Witzig, dass der Profifußballer nicht selten negativ konnotiert ist. Woher das wohl kommt… 😉

        Dann geht’s mir (mit dem Lesen im Original), bis auf das Berufliche, gar nicht viel anders als Dir. Meist kaufe und lese ich Bücher, die es zu bestimmten Themen bei uns bedauerlicherweise nicht gibt. Wie z.B. zu so Themen wie „Russische Animationskünstler aus dem letzten Jahrhundert“.

        Wenn ich so drüber nachdenke, dann schreibe ich auch vornehmlich die schönen Stellen auf, es sei denn, es fällt etwas merklich (auch im negativen Sinne) aus dem Rahmen. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit und Du hast Lust, ein wenig zu vergleichen. In letzter Zeit habe ich mir so gut wie gar nichts rausgeschrieben, was mich im Nachhinein meist etwas ärgert. Besonders zuletzt bei Espedals „Gehen“ sind so viele schöne Querverweise, dass ich wieder angefangen habe, von vorne etwas querzulesen. Ich habe mich auch schon öfter gefragt, inwieweit der Kritiker beide Ausgaben gelesen hat. Aber manchmal frage ich mich auch, inwieweit das Buch überhaupt gelesen wurde. Gerade wenn es um dicke Schinken geht, so ab 1000 Seiten aufwärts. Ich muss allerdings auch sagen, dass Rezensionen zu Büchern aus bestimmten Regionen oft von Autoren oder Kritikern mit dem jeweiligen Sprachhintergrund geschrieben werden. So hoffe ich, dass es sich nicht bloß um eine hohle Phrase handelt, denn ich lese die Rezensionen in den Feuilletons immer noch ganz gerne. Wichtig ist Deine Bemerkung bezüglich der Sprache oder besser gesagt des Sprachgefühls des Übersetzers, das ja für eine gelungen Übersetzung nicht unerheblich ist. Da stimme ich Dir uneingeschränkt zu, auch wenn ich mir nicht zutraue, da irgendeinen greifbaren Wert abzuschätzen. Die Übersetzer sind nicht umsonst oft selbst Autoren.

        Ich hatte ja schon ein paar Mal anderswo das Thema Neuübersetzungen angerissen, das ich auch sehr spannend finde. Gerade wenn es dann in etwa heißt, dass eine hölzerne Übersetzung (meist etwas betagt) endlich ins Moderne übertragen wurde. Da ich oft antiquarisch einkaufe, achte ich vorher bei Büchern, von denen schon zig Ausgaben erschienen sind, auch ein wenig auf Meinungen zur Übersetzungen

        Viele Grüße und noch ein schönes Wochenende

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  4. Der Titel steht schon seit einiger Zeit auf meiner Liste. Jetzt überlege ich es mir noch einmal, Krankheit, Verschwinden und große Liebe fordern bekanntlich die Leidenslust des Lesers nicht unerheblich. Allerdings hält es sich ja in Grenzen, wie Du schreibst.
    Dass ein Fußballprofi, eine Gattung, die von mir nicht nur auf literarischem Feld gemieden wird, sein Gedächtnis verliert, im Versuch antike Texte im Original zu erfassen, entbehrt nicht gewissen Ironie. Das nimmt mich wieder ein für den Roman.
    Wie umfangreich sind die Literaturzitate, handelt es sich nur um einen Satz oder einen Vers?

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    1. Lies am besten nochmal die Rezension von synaesthetisch, die das Buch ja ziemlich euphorisch besprochen hat und es zu ihren absoluten Lieblingen zählt.
      Mich hat es leider stellenweise etwas ratlos zurücklassen, und der Gesamteindruck ist zwar ein durchaus schöner, aber wirklich überzeugen konnte es mich letztendlich doch nicht. Die Geschichte, die einen gewissen Reiz birgt, kommt mir einfach zu kurz, sie wird nur angedeutet über Stimmungen, Momentaufnahmen, vage Bilder, Gedankenfetzen und eben Zitate. Dabei sind diese Zitate gar nicht umfangreich, immer nur einzelne Verse hier und da verstreut, sie sind Teil der „Handlung“, stehen nicht für sich, was ich wiederum gelungen finde.

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