Téa Obreht: Die Tigerfrau

Téa Obreht - The Tiger's Wife (c)

»A fairy tale in which I can imagine myself – and will, for years and years«

1985 wurde Téa Obreht geboren – im selben Jahr wie ich. Ihre Heimat Belgrad verließ sie mit sieben Jahren, sie war zwölf, als sie mit ihrer Familie in die USA kam. Mit 25 legte sie ihren Debütroman The Tiger’s Wife vor, der in mehr als dreißig Sprachen erscheint und für den Obreht 2011 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet wurde. Die New York Times wählte sie für ihre renommierte Liste der 20 vielversprechendsten Autoren unter 40 aus, auf der sich unter anderem auch das von mir so geschätzte Schriftstellerpaar Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss befindet. Ein beachtlicher Erfolg, der zweifelsohne verdient ist, und auch wenn der Roman meine Erwartungen, endlich etwas vergleichbar Brillantes wie eben Foers Everything Is Illuminated oder Krauss’ The History of Love zu finden, nicht ganz erfüllte, bescherte er mir dennoch ein besonderes Leseerlebnis.

The Tiger’s Wife, dessen – wie ich finde – irreführender deutscher Titel »Die Tigerfrau« lautet, spielt im kriegsversehrten Südosten Europas, im ehemaligen Jugoslawien also, obgleich sämtliche Schauplätze des Romans fiktive Namen tragen und Belgrad lediglich als »die Hauptstadt« bezeichnet wird. Die Ich-Erzählerin Natalia, eine junge Ärztin, ist mit ihrer Studienkollegin und Freundin Zóra in einer Grenzregion unterwegs, um Waisenkinder mit Impfstoff zu versorgen, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Natalia war die Einzige in der Familie, die über seine Krankheit im Bilde war, doch was ihn in den Ort führte, in dem er schließlich starb, weiß auch sie nicht. In diesen Ort begibt sie sich nun, um die wenigen Dinge zu holen, die er bei sich trug und die nicht mit seinem Leichnam nach Belgrad zurückgeschickt wurden – darunter seine alte Ausgabe des Dschungelbuches, die er stets bei sich führte. Zugleich begibt sich Natalia auf die Suche nach den Geschichten des Großvaters, die auch die Geschichten ihrer Kindheit sind.

Alles, was nötig sei, um ihren Großvater zu begreifen, sagt Natalia zu Beginn ihrer Suche, liege zwischen zwei Geschichten: der von der Frau des Tigers und der des unsterblichen Mannes. Seit sie vier war, gingen ihr Großvater und sie jede Woche – bis zum Ausbruch des Krieges – in den Zoo, um die Tiger zu sehen: Hier erzählte er ihr von einem Mädchen, das die Tiger so sehr liebte, dass sie selbst beinahe zu einem wurde. In einem anderen Krieg – ein halbes Jahrhundert zuvor – geschah es, dass ein Tiger aus dem von deutschen Fliegerbomben zerstörten Zoo floh, monatelang zuerst durch die Stadt und dann durch die umliegenden Wälder und Berge irrte, schließlich nach Galina kam – das Dorf, in dem Natalias Großvater aufwuchs – und dort von der taubstummen Frau des Dorfschlachters umsorgt wurde. Als Erwachsene macht sich auch Natalia auf den Weg dorthin, um der Geschichte auf die Spur zu kommen, von der sie lange Zeit glaubte, sie sei ihre eigene: »Because I am little, and my love of tigers comes directly from him, I believe he is talking about me, offering me a fairy tale in which I can imagine myself—and will, for years and years«.

Vom Mann, der nicht sterben konnte, erfuhr Natalia zum ersten Mal, da war sie sechzehn und zelebrierte mit Gleichaltrigen den Zustand der Anarchie, den der andauernde Krieg mit sich brachte (»there’s a war on« lautete die Rechtfertigung für sämtliche Grenzüberschreitungen). Ihr Großvater, von dem sie sich seit dem Ausbleiben der Zoobesuche – seit Beginn ihrer Jugend – distanziert hatte, nahm sie eines Nachts mit, um ihr einen freilaufenden Elefanten zu zeigen. »The story of this war—dates, names, who started it, why—that belongs to everyone. Not just the people involved in it, but the people who write newspapers, politicians thousands of miles away, people who’ve never ever been here or heard of it before. But something like this—this is yours. It belongs only to you. And me. Only to us«, sagte der Großvater, und als Natalia fragte, ob es noch andere solcher Geschichten gebe, die nur ihm allein gehörten, erzählte er diejenige von Gavran Gailé, dem er das erste Mal als junger Arzt begegnete – aller Evidenz zum Trotz nicht in der Lage und auch nicht willens, an die Unsterblichkeit des Fremden zu glauben – und dann noch eine Handvoll weiterer Male im Laufe des Lebens und der Kriege. Bis hin zum eigenen Tod.

Gekonnt verknüpft Téa Obreht die verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen: Natalias Spurensuche im Jetzt, ihre Kindheit und Jugend im erschütterten Belgrad, die Geschichten um das Dorf Galina und um den rätselhaften Gavran Gailé. Die einzelnen Fäden verflechten, verschlingen, verknoten sich im Verlauf des Romans, am Ende ergeben sie einen Teppich, der zwar an den Rändern ein wenig ausgefranst, dafür aber so ungemein reich an Farben und Mustern ist, dass das Auge sich kaum daran sattsehen kann. Nahezu virtuos beherrscht Obreht das Handwerk des Erzählens, auf sehr raffinierte Weise verwandelt sie ihre Ich-Erzählerin in eine allwissende Erzählerin, die die Geschichten ihres Großvaters in einer Lebendigkeit wiedergibt, die nicht so sehr von sorgfältiger Recherche zeugt (denn diese stößt unweigerlich an ihre Grenzen), sondern vielmehr von einer unerschöpflichen Fabulierlust. Beispielsweise dort, wo Natalia in den Kopf des entflohenen Tigers dringt, der Verwirrung und so etwas wie Angst spürt angesichts der nie gekannten Freiheit, in der er sich mit Mal wiederfindet.

The Tiger’s Wife erhebt keinen Anspruch auf Realitätsnähe und Schlüssigkeit, im Gegenteil: Dort, wo lineares und kohärentes Erzählen nicht mehr möglich ist, bedient es sich magischer Elemente; sie füllen die Lücken, die der Krieg in den Geschichten der Familien und Völker hinterlässt. Was herauskommt, ist ein wunderbar märchenhafter Roman über die Schwere des Lebens – und des Sterbens – in Zeiten des Krieges, aber auch in Zeiten des Friedens. Über Geschichten, die man immer mit sich trägt, ganz gleich, was geschieht; Geschichten, die nie verloren gehen – und sei es, indem sie neu erfunden werden.

When your fight has purpose—to free you from something, to interfere on the behalf of an innocent—it has a hope of finality. When the fight is about unraveling—when it is about your name, the places to which your blood is anchored, the attachment of your name to some landmark or event—there is nothing but hate, and the long, slow progression of people who feed on it and are fed it, meticulously, by the ones who came before them. Then the fight is endless, and comes in waves and waves, but always retains its capacity to surprise those who hope against it.

Téa Obreht: The Tiger’s Wife. Phoenix, London 2011, 352 Seiten. / Téa Obreht: Die Tigerfrau. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Berlin 2012, 414 Seiten.

Zwei schöne Besprechungen – samt sehr anregenden Diskussionen – findet ihr auch bei mara und der Klappentexterin.

8 Gedanken zu “Téa Obreht: Die Tigerfrau

  1. Die Geschichten, welche Obreht mit der Realität ihrer Erzählerin verflicht gefallen mir besonders gut. Das ist es auch was den Roman meiner Meinung nach von ähnlichen Büchern über die Region abhebt.

    In Amerika wurde die Schriftstellerin ein wenig gehypt scheint mir. Anders als Foer und Krauss muss sie nun mit ihrem zweiten Roman erst noch beweisen, dass sie wirklich in diese Riege junger Talente gehört.

    LG, Katarina 🙂

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    1. Ja, auch mir gefällt dieses Verweben verschiedener realistischer und magischer Geschichten. Es macht dieses Buch zu einer außergewöhnlichen Lektüre, auch wenn ich speziell über die Region bisher wenig gelesen und somit kaum Vergleichsmöglichkeiten habe.

      Ich bin gespannt, was nun folgen wird. Die Erwartungen sind natürlich hoch nach diesem fulminanten Debüt, ähnlich wie bei Krauss und Foer – vielleicht (hoffentlich) schafft sie es ja wie diese beiden, auch mit den Folgeromanen zu überzeugen.

      Liebe Grüße,
      caterina 😉

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  2. liebe caterina, herzlichen dank für deinen besuch bei „meiner“ tigerfrau… dadurch bin ich jetzt auch auf deine besprechung gestoßen und so zusätzlich auf die beiden verlinkten. wenn ich es grob zusammenfasse, ist der eindruck von uns allen sehr ähnlich: eine schöne, sehr schöne geschichte, deren inhaltlicher zusammenhalt nicht schlüssig wird… egal. eine schöne geschichte, ein lohnendes eintauchen in eine märchenhafte welt ist es auf jeden fall….
    liebe grüße
    fs

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    1. Das hast du gut zusammengefasst ;)! Maras Urteil ist aufgrund der inhaltlichen „Mängel“ ja eher zwiespältig, und auch Laura von aboutsomething hatte einen ähnlichen Eindruck. Aber insgesamt scheinen doch alle beglückt über das Märchenhafte dieses Romans. Und das ist doch schon viel! Ich jedenfalls bin sehr gespannt auf weitere Bücher von dieser Autorin – sie ist ja noch sehr jung, kann sich also noch ordentlich weiterentwickeln.

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