Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

Astrid Rosenfeld - Adams Erbe (c)

»Verschwinden die Geschichten, wenn keiner sie mehr erzählt?«

Unzählige Geschichten des Holocaust wurden bereits geschrieben, und Jahr für Jahr erscheinen neue Romane, die sich – irgendwo auf dem Kontinuum zwischen (Auto-)Biographie und Fiktion – der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Regime widmen. Angesichts dieser Fülle an Geschichten scheint es kaum vorstellbar, dass es noch immer möglich ist, etwas Neues zu erzählen, auf neuartige Weise. Dass es dennoch möglich ist, zeigt Astrid Rosenfeld mit ihrem wundervollen, erfrischenden Debüt Adams Erbe.

Die 1977 in Köln geborene Autorin führt zwei Generationen einer Familie zusammen, die erste – die, die den Holocaust miterlebt hat – und die dritte. Sie tut dies mittels zweier männlicher Protagonisten gleichen Alters, die einander nie kennengelernt haben und die doch mehr verbindet als der Nachname. Den Rahmen bildet die Ich-Erzählung von Edward, der für Amy, die eines Tages einfach gegangen ist, seine Geschichte aufschreibt. Ganz am Anfang fragt er: »Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will? Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?«. Edward schreibt, damit etwas bleibt – wie das Loch, das er in die Wand des Hotelzimmers, in dem er eine Nacht mit Amy verbrachte, zu schlagen versucht, als sie mit gleichgültiger Stimme sagt: »Morgen wechselt jemand die Laken, bringt den Müll weg, und diese Nacht verschwindet einfach«.

Edward wächst in Berlin auf, mit seiner Mutter und seinen Großeltern, Moses und Lara Cohen, die den Dachboden bewohnen. Der Amerikaner Jack Moss, ein Lebemann und Schaumschläger, der aussieht wie Elvis, holt Mutter und Sohn raus aus der Bevormundung der herrischen Großmutter, durchquert mit ihnen Deutschland, bringt sie in ihr neues Zuhause, eine Burg aus Pappmaché, und wird – er, der King – eines Tages einfach von einem Auto überfahren. Edward wird erwachsen, geht zum Studium nach Köln, sitzt dort tagein, tagaus auf einem orangefarbenen Plastikstuhl, ohne je einen Schein zu machen, und zieht schließlich um die Jahrtausendwende mit ein paar Freunden, die alle ein bisschen kaputt sind, nach Berlin, wo er die Engländerin Amy trifft und wieder verliert.

Edwards Identität ist aus unzähligen Flicken zusammengesetzt – der unbekannte Vater aus Skandinavien, der King alias Jack Moss, der ihm eine turbulente, aber glückliche Kindheit beschert und plötzlich verschwindet, und immer wieder fällt der Name Adam, Edwards Großonkel, der Bruder von Moses Cohen. Schon als kleiner Junge bekommt Edward zu hören, er habe Adams Augen, Mund und Nase geerbt, doch ist dies mitnichten wohlwollend gemeint, denn Adam ist der schwarze Fleck in der Familienchronik. Als Amy fortgeht, begibt sich Edward zum ersten Mal seit seiner Kindheit auf den Dachboden, wo der Großvater seinen Kampf mit der Erinnerung und dem Schmerz austrug. Hier verschlingen sich Edwards und Adams Geschichten ineinander, hier findet der eine die Zeilen des anderen, adressiert an eine Frau namens Anna Guzlowski: Wie der Großneffe Jahrzehnte später wollte auch Adam etwas hinterlassen, das bleiben würde. Es ist sein Erbe.

Adam wird 1919 geboren, sein Vater war im Krieg, ließ dort ein Bein und kam zurück mit einer enttäuschten Liebe zum Vaterland, weshalb er sich in seinem Zimmer einschloss und es bis zu seinem Freitod nicht mehr verließ. Auf dem Dachboden wohnt Adams Großmutter, die sich von ihren Enkeln mit »Frau Klingmann« anreden lässt, später – als Adam und sie Freundschaft schließen und sie ihn unter ihre Fittiche nimmt – immerhin mit »Edda«. Edda erinnert nicht wenig an Rosalinda, die schöne, unsentimentale, exzentrische Großmutter und Ich-Erzählerin der Schärfsten Gerichte der tatarischen Küche von Alina Bronsky. Edda hält es nicht für nötig, die Nazis, die längst die Herrschaft übernommen haben, ernst zu nehmen, und auch ihren Enkel lehrt sie alles bis auf das Fürchten.

Als Adams Liebe Anna in den Wirren der Reichspogromnacht verschwindet, ist Edda es, die ihn bei seinem ungeheuerlichen Plan unterstützt, seine jüdische Identität abzustreifen und als arischer Rosenzüchter eines Obersturmbannführers Annas Spur nach Polen zu folgen. Und so ungeheuerlich wie der Plan scheint auch die Weise, in der die Autorin Astrid Rosenfeld diese Geschichte erzählt: mit einem schelmischen Augenzwinkern, das sich insbesondere durch Edwards, aber in gewissem Maße auch durch Adams Odyssee zieht. Angesichts all des Leids, das mit dem Holocaust verbunden und dem Lesers stets präsent ist, ohne dass es hier allzu explizit geschildert wird, mag dieses beinahe beschwingte und humorvolle Erzählen auf manch einen befremdlich wirken. Und doch beherrscht Rosenfeld ihr Handwerk ganz wunderbar, verknüpft auf kluge Weise zwei ganz unterschiedliche Generationen und ihre Geschichten und schafft somit ein gelungenes Stück Literatur voller Tiefgang, aber auch voller Leichtigkeit.

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe. Diogenes, Zürich 2011, 384 Seiten.

Eine lesenswerte Rezension gibt es auch bei Syn-ästhetisch, die die Geschichte Adams ausführlicher thematisiert.

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11 Kommentare zu „Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

  1. Mehrere Wochen lang habe ich an einem größeren Projekt gearbeitet, das mir kaum Luft für anderes ließ, nicht fürs Lesen und noch weniger fürs Schreiben. Nun ist es aber geschafft, und ich kann mich wieder den schönen Dingen des Lebens widmen…

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      1. Bitte bitte.
        Ich habe für einen Verlag einen historischen Roman als externe Lektorin redigiert. Eine Heidenarbeit, aber Spaß hat’s gemacht.

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  2. Schön, wieder von Dir zu lesen. Es ist immer interessant, ein bisschen die Leseerfahrungen zu vergleichen. Mittlerweile wurde das Buch ja schon recht häufig besprochen.
    Ich stelle mir das auch schwierig vor, wie Du im letzten Absatz beschreibst, über den Holocaust zu schreiben. Und das im Debütroman. Ihr ist das anscheinend ganz wunderbar gelungen. Ich habe die Autorin mal gegoogelt und den ersten Treffer gelesen. Sie macht auf mich einen sympathischen Eindruck, außerdem finde ich den Werdegang sehr interessant. Falls nicht bekannt: https://www.taz.de/!79588/

    Viele Grüße!

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    1. Hab Dank für deinen Kommentar, lieber wortlandschaften, und auch für den Link.
      Das Interview kam mir in Auszügen bekannt vor, ich habe es wohl damals bei Erscheinen bereits gelesen, aber es war schön, die Erinnerung noch einmal aufzufrischen. Gerade die Stelle über die Lesung vor Aharon Appelfeld ist sehr aufschlussreich, da fiel mir wieder ein, dass ich einige seiner Aussagen zum Schreiben über den Holocaust in meiner Abschlussarbeit verwendete.
      Dass Rosenfeld keine jüdische Wurzeln hat, hatte ich schon wieder vergessen und finde ich nun umso interessanter angesichts einer Diskussion, die unser Blog Jüdische Lebenswelten vor einiger Zeit ausgelöst hat. Rosenfeld sagt ja selbst, dass es ein heikles Vorhaben ist, aus der Perspektive eines Juden zu schreiben, aber Kritik und Publikum waren sich ja einig, dass es – wie dieses Debüt zeigt – durchaus funktionieren kann, ohne dass sich die Autorin anmaßt, für die Juden zu sprechen, sie gewissermaßen zu bevormunden.

      Was liest du denn so zur Zeit?
      Herzlich,
      caterina

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      1. Sorry für die späte Antwort.
        Vielen Dank für den Link zu der Diskussion, die mir nicht bekannt war. Die Argumentation der Autorin kann ich so nicht nachvollziehen, mir kamen sofort Gedanken die analog dem Beitrag Hortensius‘ und dessen Jazz-Beispiel verliefen. Die Annahme – egal um was es sich handelt – sei eine „fast grundlegende Erscheinung bei uns Deutschen“ darf in fast keiner Kritik mehr fehlen. Mir erscheint das oft reflexartig und völlig unbegründet, so dass ich’s nicht mehr lesen kann.

        Ich lese immer noch in Karaokekultur und in Zehra Çıraks Erzählungen „Der Geruch von Glück“. Teil 2 der Tagebücher Susan Sontags habe ich eben erst begonnen.
        Einen schönen Feiertag!

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      2. Interessante Lektüren. Sontag ist mir natürlich ein Begriff, im Studium ist mir auch mal ein Aufsatz von ihr begegnet, aber wirklich mit ihr auseinandergesetzt habe ich mich leider noch nicht.
        Und durch deinen Verweis auf Çırak habe ich einen Verlag entdeckt, den ich – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – noch nicht kannte. Auch dir einen schönen Feiertag und frohe Lesestunden!

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  3. Dieses Buch hat mich gefesselt, gerade die Werbung von Fiktion und Biographie ziehen mich in ihren Bann. Stelle ich mir vor, dass dies nicht nur eine erschütternde Geschichte, sondern bittere Vergangenheit und Wahrheit ist, zieht sich immer wieder ein Schauer über meinen Rücken. Wo finden Lesungen zu diesem Buch statt? Weitere Informationen zur Autorin fände ich ebenso interessant.

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    1. Liebe Olivia,
      vielen Dank für deinen Kommentar und deinen Besuch auf meiner Seite. Mir ergeht es wie dir: Ich lese häufig Geschichte wie diese, die sich mit dem Holocaust und ganz allgemein mit Kriegserfahrungen befassen, und sie sind – über ihre literarische Qualität hinaus – umso erschütternder, weil man weiß, dass es sich so oder so ähnlich tatsächlich abgespielt hat. Aber genau das macht diese Bücher auch so wichtig.

      Infos zur Autorin findest du auf der Verlagsseite. Lesungen wird es zu dem Buch wohl nicht mehr geben, es ist ja schon vor über zwei Jahren erschienen und Astrid Rosenfeld hat längst einen neuen Roman veröffentlicht, Elsa ungeheuer, aber auch das ist schon wieder ein paar Monate her, sodass ich fürchte, die Autorin ist nicht mehr auf Lesereise. Schau doch einfach mal auf der Seite des Verlages nach, da werden Lesungen in der Regel angekündigt.

      Viele Grüße,
      caterina

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