Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

»Wir sind die Blumen zitternd in Todeskühle,
die warten, bis man sie niedermäht«

»Es gibt Dinge, die können gleich erzählt werden, andere haben ihre eigene Zeit, und manche sind unsagbar.« Ein Dorf in Ostdeutschland zur Wendezeit, es ist Sommer. Die 16-, bald 17-jährige Maria ist fortgegangen vom Haus ihrer Mutter und lebt nun mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern, im Zimmer unterm Dach. Sie geht, die Handgriffe der anderen nachahmend, den täglichen Verrichtungen nach, kocht, bäckt und hilft im hofeigenen Verkaufsladen aus, viel lieber aber zieht sie sich mit Dostojewskis Brüdern Karamasow zurück, zur Schule geht sie schon lange nicht mehr. Von ihrem Zimmer aus kann sie den Hof vom Henner sehen; der Mann lebt dort alleine, mit zwei bedrohlich massigen Hunden, die Leute aus dem Dorf begegnen ihm mit Argwohn.

Daniela Krien - Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Ein- oder zweimal streifen sich Marias und Henners Blicke, es gibt eine beiläufige Berührung, und dann kommt es zu dieser surrealen Szene: Der Trabant von Marias Mutter kippt um und wird von Henner wieder aufgestellt, die Mutter fährt fort, lässt die Tochter samt dem schweren Koffer, mit dem sie ihre letzten Sachen aus dem Elternhaus geholt hat, allein bei dem Mann zurück. Maria zerrt den Koffer quer über das Feld, folgt dem voranmarschierenden Henner in sein Haus, und plötzlich – plötzlich sind das Mädchen und der 40-jährige Mann ein Liebespaar. Doch nicht umsonst stellt Daniela Krien ihrem Roman das unheilvolle Zitat von Knut Hamsun voran: »Und die Liebe ward der Ursprung der Welt und die Beherrscherin der Welt; aber alle ihre Wege sind voll von Blumen und Blut, Blumen und Blut«.

Während das Leben auf dem Brendel-Hof sich beschleunigt und jeder an die Möglichkeiten denkt, die der Mauerfall ihnen nun eröffnet, entzieht sich Maria immer mehr dieser Geschäftigkeit, diesem erwartungsvollen In-die-Zukunft-Blicken. Beinahe mühelos entzieht sie sich all dem, spinnt ein Netz aus Lügen, aber sonderlich anstrengen muss sie sich nicht, denn bis auf den Großvater, der ihr Geheimnis zu kennen scheint, sind sie alle so sehr mit dem, was kommt, beschäftigt, dass sie Marias Sich-Loslösen nicht wahrnehmen, »für die feinen Dinge fehlt ihnen allen das Gespür«. Selbst Johannes, ihrem Freund, der beschlossen hat, Fotografie zu studieren, und seither das Dorf und dessen Menschen einzig durch seine Kamera betrachtet: Dass Maria sich verändert, bemerkt er zwar, »aber nur wegen der Bilder. Wenn ich vor ihm stehe, scheint er nichts davon zu sehen«.

Maria ist Henner verfallen, obwohl seine Liebe roh und brutal ist. Schmerzhaft, wie die Vergangenheit, die ihn gezeichnet hat und ihn Abstand zu den Menschen halten lässt. Die Wut, die er in sich trägt, spiegelt sich in seinen Berührungen, er ist fordernd, nimmt sich, was er will – wenn er mit Maria schläft, kommt es einem Gewaltakt gleich. Als er einmal über sie herfällt, auf dem Küchentisch, liegt ihr Kopf auf einem Gedichtband, in dem sie später den folgenden Vers – eine Art Leitmotiv des Romans – liest: »Wir sind die Wandrer ohne Ziele, / Die Wolken, die der Wind verweht, / Die Blumen zitternd in Todeskühle, / Die warten, bis man sie niedermäht«. Es ist wie eine Ankündigung: als sei das Verhängnis unabwendbar. Eingenommen von dieser obsessiven Liebe, die gleichzeitig Schutz bietet und wie eine Messerklinge Körper und Seele verletzt, geht Maria dem Ende des Sommers, dem Ende der Kindheit, dem Ende ihrer Heimat, dem Ende von allem entgegen.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen ist die Geschichte einer Liebe voller Schmerz und Dringlichkeit – einer Liebe, die einen umso größeren Sog erzeugt, desto mehr sie den Verhältnissen, in die sie eingebettet ist, widerstrebt: Drastisch ist die Verknüpfung von der Zeit der Umbrüche, der Wendezeit, einerseits und dem Stillstand auf Henners Hof andererseits, in Anbetracht des allgemeinen Vorwärtsstrebens mutet die Beziehung zwischen dem unberechenbaren, gebietenden Mann und dem widerstandslosen Mädchen beinahe archaisch an. Daniela Krien zeichnet diesen Kontrast mit einer präzisen, nüchternen Sprache, frei von Sentimentalität und Theatralik: Dank der stilistischen Kargheit ist die Wucht des Erzählten ungehemmt. Diese Geschichte zweier verlorener Menschen, die sich selbst zu genügen scheinen, sich loslösen von allem, was sie umgibt, letztlich jedoch an der Intensität ihrer Liebe zerbrechen, wirkt noch lange nach.

Georg Trakl, Gesang zur Nacht

Vom Schatten eines Hauchs geboren
Wir wandeln in Verlassenheit
Und sind im Ewigen verloren,
Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.

Gleich Bettlern ist uns nichts zu eigen,
Uns Toren am verschloßnen Tor.
Wie Blinde lauschen wir ins Schweigen,
In dem sich unser Flüstern verlor.

Wir sind die Wandrer ohne Ziele,
Die Wolken, die der Wind verweht,
Die Blumen, zitternd in Todeskühle,
Die warten, bis man sie niedermäht.

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen. Graf Verlag, München 2011, 235 Seiten.

Nachtrag: Passenderweise ist heute im Freitag ein lesenswertes Porträt von Daniela Krien erschienen.

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15 Kommentare zu „Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

    1. Geht mir genauso. Und das passiert bei uns beiden ja öfter mal.
      Es war übrigens verdammt schwer, nach deiner Rezension in einem so kurzen zeitlichen Abstand noch etwas Eigenes hervorzubringen, ohne sich beeinflussen zu lassen oder gar Worte zu klauen. Ich weiß nicht, wie ihr, die ihr so eifrig Neuerscheinungen lest und somit häufiger mal mit Rezensionsüberschneidungen zu tun habt, das immer alle schafft. In dieser Hinsicht kann ich es fast schon gutheißen, dass ich aus zeitlichen Gründen gar nicht erst dazu komme, mich den Neuerscheinungen zu widmen 🙂

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      1. Ich mache es so, dass ich Rezensionen von Büchern, die ich schon auf dem SuB habe oder mir demnächst kaufen möchte, höchstens überfliege. Wenn mehr zeit dazwischen liegt, erinnere ich mich meist nur an den allgemeinen Eindruck der fremden Rezension und so kommt es nicht zu Überschneidungen. Im Übrigen finde ich es logisch, dass bei einem ähnlichen Lesegschmack auch ähnliche Eindrücke bei verschiedenen Personen entstehen und die Rezensionen sich in vielen Punkten gleichen. Ich fühle mich da nicht belaut oder ähnliches 🙂

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      2. So ist es vielleicht schlauer, aber da das bei mir wie gesagt nicht so häufig vorkommt, dass ein anderer Blogger dasselbe Buch wie ich im selben Moment liest, habe ich mich gleich ganz hungrig auf deine Rezension gestürzt. Beim nächsten Mal weiß ich es besser 😉
        Und du hast natürlich recht, ähnlicher Geschmack – ähnliche Leseeindrücke – ähnliche Rezensionen. Und trotzdem empfand ich einen gewissen Druck, eine Hürde gewissermaßen – schlichtweg aus dem Grund, dass es da bereits einen sehr guten, aussagekräftigen Text gibt, den die Leser noch in Erinnerung haben und zu dem es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen gibt. Aber es ist ja alles gut gegangen 🙂

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  1. Es ist sogar mehr als gut gegangen, liebe caterina. Wenn ich kurz dazwischen funken darf, ich habe eure beiden Rezensionen sehr, sehr gern gelesen. Erst die eine, dann die andere. Und jetzt strahle ich mit der Sonne um die Wette.

    Bücher entführen uns zwar immer in fremde Welten, die jeder meist anders empfindet. Gerade wir Schreibenden zeigen das in unseren Texten sehr deutlich. Ich kann dich verstehen, liebe caterina, denn mir geht es manchmal auch so, dass andere vor mir ein Buch lesen, was mich ebenfalls interessiert und vielleicht sogar schon in meinen Regalen steht. Trotzdem bleibe ich dabei: Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, die sich letztlich in den Rezensionen widerspiegelt. Sei es durch den Schreibstil oder die verschiedenen Aspekte, die jeder für sich interpretiert. Wie die Syn-ästhetin schreibt, gibt es bei gleichem Geschmack in der Regel Überschneidungen. Das bereitet mir immer viel Freude! Geteiltes Glück ist doppeltes Glück!

    Ich lese Rezensionen über Bücher, die ich bereits besitze und zeitnah lesen werde erst im Nachhinein und hebe mir die Besprechungen auf, wenn meine Arbeit getan ist.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin, hab Dank für deine schönen – und auch ermutigenden – Worte. In Zukunft werde ich keine „Lese- und Rezensionsüberschneidungen“ mehr scheuen, im Gegenteil: Deinem Motto „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück“ stimme ich hundertprozentig zu, und daran werde ich das nächste Mal denken. Ebenso wie an deinen Trick, dir die Besprechungen aufzuheben, bis die eigene Arbeit getan ist.
      Frostige, aber sonnige Grüße

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  2. Ich habe schon einige Rezensionen über dieses Buch gelesen und alle machen wirklich Lust, zu diesem Roman zu greifen. Deine Rezension ist einmal mehr wunderschön! Ich schliesse mich der Klappentexterin an „Geteiltes Glück ist doppeltes Glück“ 🙂

    Ich komme meistens auch nicht nach mit Neuerscheinungen lesen. Da ist einfach noch anderes zu tun, als nur die Nase in Romane zu stecken. Aber Hauptsache die Lektüre bereitet einem Freude, ob Neuerscheinung oder ältere Titel.

    Literarische Grüsse

    buechermaniac

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    1. Ja, lies es unbedingt, es war eines meiner Highlights 2011!
      Und ganz recht: Neuerscheinung hin oder her, wichtig ist, die Lektüre bereitet Vergnügen. Zumal ich nicht nur aus zeitlichen, sondern auch aus finanziellen Gründen gar nicht immer zu den neuesten Büchern greifen kann – umso öfter spiele ich in letzter Zeit mit dem Gedanken, es mal mit Rezensionsexemplaren zu versuchen…

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      1. Betreffend Rezensionsexemplaren gebe ich dir nur noch folgenden Tipp: Pass auf, dass du dich nicht verrennst, denn plötzlich kommst du in Zeitdruck mit dem Lesen und Rezensionen schreiben. Innert einer gewissen Zeit solltest du ja schliesslich eine E-Mail an den Verlag schicken können, dass das Buch auf deinem Blog rezensiert wurde. Schnell könnte dann das Vergnügen der Lektüre zum Stress ausarten.
        Trotzdem wünsche ich dir weiterhin viel Freude beim Lesen und ich freue mich immer wieder auf eine Rezension bei dir 🙂

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      2. Danke für den Tipp. Genau das ist auch meine Sorge und der Grund, weshalb ich bisher die Finger von Rezensionsexemplaren ließ. Ich kenne ja meinen Lese- und Schreibrhythmus, mit solch knappen Zeitvorgaben würde ich mich hoffnungslos überfordern, und das Rezensieren würde mehr zur lästigen Pflicht werden denn zum Vergnügen. Und das ist ja nicht Sinn und Zweck der Sache. Dann lieber mit aller Ruhe! Und wer regelmäßig mein Blog besucht, dass dies wörtlich zu nehmen ist… – da freue ich mich umso mehr, dass es treue Leser gibt, die immer wiederkommen, auch wenn sie nur selten für ihre Reise hierher belohnt werden 😉

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  3. «Wir sind die Wandrer ohne Ziele, / Die Wolken, die der Wind verweht, / Die Blumen zitternd in Todeskühle, / Die warten, bis man sie niedermäht»…..
    so so so unendlich schön! Danke für deine schöne Rezension.

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    1. Wirklich ein wunderschönes Gedicht (zugegeben, ich kannte es vorher nicht) – und im Kontext der Geschichte, die Daniela Krien erzählt, so treffend! Danke für das Kompliment.

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