Eva Lohmann: Acht Wochen verrückt

Anatomie einer verrückten Seele

Letztes Jahr las ich das 2009 erschienene Mängelexemplar von Sarah Kuttner – ein Werk, dem ich gewiss keine Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen, wäre es mir nicht geschenkt worden. Umso überraschender war dann die positive Leseerfahrung, die mir das Buch bescherte: Sicher, Sarah Kuttners Romane sind keine Hochliteratur, sie schreibt in etwa so, wie sie spricht – plappernd, salopp, »leichtfüßig«, wie mara es nannte. Doch obgleich ich in der Belletristik nicht selten den Worten eine größere Bedeutung beimesse als der erzählten Geschichte, störte mich Kuttners Redefluss keineswegs, sondern empfand ihn eher als nonchalant. Ungekünstelt, nah am Leben, nah an meiner Generation. Ebenso wie die Problematik, die in Mängelexemplar auf sehr authentische Weise thematisiert wird: Depressionen.

Eva Lohmann - Acht Wochen verrückt

Die Parallelen zwischen Kuttners Werk und Eva Lohmanns Acht Wochen verrückt, das vor knapp einem Jahr erschien und mir nun in die Hände fiel, sind nicht zu übersehen: hübsche Autorinnen um die dreißig, die in der Kreativbranche tätig sind; Burnout als gesellschafts- und vor allem romanfähiges Thema, mit einer Spur Lässigkeit, deshalb aber nicht weniger eindringlich behandelt. Nur geht Lohmann einen Schritt weiter: Nicht jene erste Auseinandersetzung mit immer häufiger werdenden Symptomen schildert sie, jene beunruhigenden Fragen, die aufkommen angesichts der neuerdings verrücktspielenden Psyche, jenen Punkt, an dem man sich unweigerlich eingestehen muss, dass man krank ist. Gleich auf der ersten Seite, im ersten Satz kommt Mila Winter, die 27-jährige Protagonistin und Lohmanns Alter Ego, in eine Klinik für psychosomatische Störungen, oder wie sie selbst es ausdrückt: in die Klapse.

Vereinzelte knappe Rückblenden lassen den Leser an Milas Leben davor teilhaben, daran, wie tiefe Müdigkeit und Traurigkeit ihren Körper und ihre Seele lähmen, wie allein der Gedanke, zur Arbeit gehen zu müssen, sie erschöpft, wie sie sich immer mehr den sozialen ‚Verpflichtungen’ entzieht und ihr Sofa ein Ort des Rückzugs wird. Dabei ist eigentlich alles in bester Ordnung – klasse Job, fürsorglicher Freund, eigene Wohnung: »Man sollte doch meinen, ich sei das blühende Leben«. Und trotzdem hört Mila eines Tages einfach auf zu funktionieren, legt sich auf das Sofa, versinkt ganz und gar darin, tief hinein in die Schaumstofffüllung, bis alles um sie herum still ist. Und da ist sie nun, in der Klapse, für sechs Wochen, an die sie zwei weitere anschließt. Inmitten von Verrückten, die ihr bald vertrauter sind als zuletzt ihr eigener Freundeskreis: »Wir sind einfach alle so schön kaputt«.

Gemeinsam mit Mila stellt sich der Leser die Frage, was eigentlich normal ist, und schaut dabei unweigerlich auch auf das eigene Leben. Viele der Gedanken und Ängste, mit denen Mila hadert, sind einem nicht unbekannt; die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, drohen uns zu überfordern. »Wir wollen doch nur, dass du glücklich wirst«, lautet einer der Sätze, den Milas Mutter jahrelang predigt, auch jetzt wieder, im Familiengespräch in der Klinik – nichts Schwierigeres könnte sie von ihrer Tochter verlangen: »Nur? Weißt du, was das für ein Anspruch ans Leben ist? Glücklich zu sein? Ein zufriedener, ausgeglichener Mensch zu sein?«. Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, das sei ein Generationsding, vermutlich ist es jeder Generation so ergangen angesichts des (gefühlt) immer rasanteren und radikaleren Gesellschaftswandels. Dass wir aber das eigene Scheitern, die eigene vermeintliche Unzulänglichkeit öffentlich thematisieren und somit die Ziele, nach denen wir eifern, hinterfragen, scheint mir neu.

Behutsam, aber immer auch mit einem Augenzwinkern erzählt Eva Lohmann in ihrem autobiographischen Roman davon, wie es ist, mit einem Mal als verrückt zu gelten – und sich zum ersten Mal wohl in der eigenen Haut zu fühlen, ausgeglichen, verstanden. Sie erzählt von den Bemühungen Milas, gemeinsam mit dem Therapeuten die Tausenden von Fäden zu entwirren, die ihre Psyche bilden; vom Freund, den der Besuch in der Klinik verängstigt; von den Eltern, in deren Vorstellung es so etwas wie Funktionsuntüchtigkeit bisher nicht gab. Sie erzählt von den anderen Patienten, viele von ihnen Depressive wie Mila, viele Magersüchtige und Bulimiekranke, deren Störung ihr anfangs so einfach behebbar vorkommt: Doch sie zum Essen aufzumuntern ist genauso aussichtslos wie Mila zum Leben aufzumuntern – »Wir wollen nicht«. Ein bisschen erwachsener als Kuttner klingt die Autorin dabei, ein bisschen tiefgründiger und konzentrierter ist ihre Anatomie der verrückten Seele.

Eva Lohmann: Acht Wochen verrückt. Piper, München 2011, 195 Seiten.

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10 Kommentare zu „Eva Lohmann: Acht Wochen verrückt

  1. Wow, du hast mir den Roman wirklich schmackhaft gemacht, auch wenn solche Titel sonst eigentlich nicht wirklich in mein Beuteschema fallen.
    Mir erging es ja auch ähnlich wie dir mit beiden Romanen von Sarah Kuttner: ohne große Erwartungen und teilweise mit starker Ablehnung bin ich auf zwei großartige Bücher gestoßen. Eigentlich schade, dass man manchmal unter diesen „Vorurteilen“ leidet – mir ist sicherlich schon das ein oder andere gute Buch durch die Lappen gegangen, weil ich gedacht habe, dass es mir eh nicht gefallen würde …

    Eva Lohmann steht schon seit deiner ersten Erwähnung ihres Romans auf meiner Wunschliste und wird sicherlich bald von mir gekauft!

    Danke auch für die „leichtfüßige“ Erwähnung von mir, darüber habe ich mich sehr gefreut … 🙂

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    1. Ja, man neigt dazu, mit Scheuklappen durchs Leben und durch den Buchladen zu laufen und bestimmte Bücher partout auszugrenzen. Meistens mag das funtkionieren, hin und wieder entgehen einem aber auch kleine Schätze. Sarah Kuttner ist mit Sicherheit nicht zu meiner Lieblingsautorin geworden, aber sie gelesen zu haben war dennoch eine schöne, kurzweilige Erfahrung. Nichts, das bleibt. Aber auch nichts, das ich bereue.

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  2. Ich bin begeistert von deiner Rezension, ganz fabelhaft. Viele von uns denken doch, dass ihnen eine Depression niemals passieren kann. Ich glaube jedoch, es könnte jeden von uns erwischen. Schon allein deshalb sollte man dieses Buch lesen, wer weiss schon, wie er mit dieser Krankheit umgehen soll/muss, ob Patient oder Angehörige.

    Vielen Dank, dass du den Roman hier vorstellst.

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    1. Danke für die wunderbar enthusiastischen Worte. Ich stimme dir vollkommen zu, Depression ist keine ferne, unbekannte Krankheit, die „uns“ nicht betrifft – nicht umsonst gilt sie in der heutigen Gesellschaft als Volkskrankheit. Wer kann schon mit Gewissheit sagen, wo die Grenze zwischen einfach nur „traurig“ und „melancholisch“ einerseits und „depressiv“ andererseits verläuft? Bücher wie dieses helfen uns dabei, die Normalität des Verrücktseins zu begreifen.

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  3. Hallo Caterina!

    Man kann eben nicht immer völlig unbefangen an eine Sache herangehen, umso schöner, wenn man dann positiv überrascht wird. Ich weiß gar nicht, wann ich Kuttner das letzte Mal im Fernsehen gesehen habe (es scheint Jahre her zu sein), aber ich kann nicht sagen, dass ich sie unsympathisch fand. Ob Hochliteratur oder nicht, Hauptsache ist, dass man selbst Freude daran hat. Den Unterschied zwischen Groschenroman und anspruchsvoller Literatur wird man schon bemerken, aber ansonsten scheiden sich an Literatur manchmal die Geister bezüglich der Qualität. Wenn ich da noch an die Diskussionen um Hegemann denke. Ihr Buch, von dessen Copy-Paste Umfang ich keine Ahnung habe, hatte ich in einer Bibliothek mal in der Hand, aber dann wieder eingestellt, weil es mich eigentlich nur aufgrund der Diskussionen „interessierte“, weniger des Inhalts wegen.

    Das Thema Deiner Bücher finde ich sehr interessant, weil Depression, wie Du schreibst, ja schon fast eine Volkskrankheit geworden ist, wobei ich auch denke, dass die Grenzen zwischen einer, salopp gesagt, schlechten Phase und einer ernsthaften Erkrankung fließend sein können bzw. erstere letztere bedingen kann. Spannend sind literarisch wie filmisch die unterschiedlichen Herangehensweisen und der Umgang damit. Das muss sich ja nicht zwangsweise so lesen, dass man nachher selbst am liebsten zum Strick greifen möchte. Gerade in den letzten Jahren habe ich oft die Aussage „ich will so was nicht lesen und sehen, das Leben ist so schon grau genug“ gehört, weil es vor 2 Jahren ja erst, dann aber mit voller Wucht, medial in den Vordergrund gerückt ist. Kann ich auch verstehen, aber es muss trotz aller Tragik nicht ausschließlich schwermütig sein. „Wilbur wants to kill himself“ ist trotz Depression etwas anderes als z.B. „Helen“ von Sandra Nettelbeck, den ich 2009 im Kino gesehen habe (und der glaube ich nicht einmal 2 Wochen gezeigt wurde). „Helen“ beschönigte nichts und zeigte das ganze Elend in Spielfilmlänge. Danach sprach keiner der (anderen 5) Kinobesucher von Modekrankheit und eigenen Depressiönchen.

    Ich möchte einmal „Das Irrlicht“ von Pierre Drieu La Rochelle lesen, dass mir antiquarisch allerdings zu teuer ist. Das werde ich mir bei Gelegenheit mal in einer Bibliothek ausleihen. Ich kenne die gleichnamige, französische Verfilmung von Louis Malle aus dem Jahr 1963, die mir sehr gut gefallen hat.

    Im November ist das Robert Enke Buch als Taschenbuch erschienen, von dem ich erst neulich wieder im Guardian (http://www.guardian.co.uk/football/2011/nov/28/ronald-reng-robert-enke-book-award) gelesen hatte. Das Buch muss sehr gut geschrieben sein und wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt. Vielleicht lese ich das auch irgendwann mal.

    Viele Grüße
    wortlandschaften

    P.S: wieder eine tolle Rezension! 😉

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    1. Lieber wortlandschaften,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Nein, auch ich fand Sarah Kuttner nie unsympathisch, eher sogar erfrischend. Gleich ein Buch von ihr zu lesen kam mir dennoch nie in den Sinn. Umso besser also, wenn jemand anderes dran denkt und mir eines schenkt – und mir damit eine positive Überraschung beschert.
      Und du sagst ja ganz richtig, die Qualität von Literatur ist eine subjektiv empfundene Sache und die Grenzen sind fließend: Ich möchte Kuttner – und Lohmann – also gar nicht in irgendwelche Schubladen stecken, sondern freue mich, dass ich mit beiden schöne Leseerfahrungen hatte.

      Von den Filmen, die du genannt hast, sagt mir leider keiner etwas. Aber ich gebe dir recht, die Herangehensweise können ganz vielfältig sein. Die von Kuttner und Lohmann sind ähnlich, weshalb ich sie auch im selben Atemzug nannte – beide nähern sie sich dem Thema mit einer gewissen Leichtigkeit, mit einem Augenzwinkern an, ohne es jedoch ins Triviale zu ziehen. Der Leser erhält einen authentischen Einblick in die Seele einer depressiven Person und wird gleichzeitig unterhalten. Ganz anders sicher die Herangehensweise in dem von dir erwähnten Film Helen. Dementsprechend ist auch das, was man aus diesem oder jenem Podukt (Film oder Buch) mitnimmt, ganz unterschiedlich. Bei Kuttner und Lohmann erwischt man sich des Öfteren bei dem Gedanken: Das ist mir alles gar nicht so unbekannt; nach Helen hingegen nimmt man erst mal nicht mehr so schnell das Wort „Depression“ in den Mund für die eigenen kleinen „Depressiönchen“.

      Die Geschichte um Robert Enke habe ich damals mitbekommen, allerdings habe ich nie mit dem Gedanken gespielt, das Buch zu lesen, was vermutlich an meiner generellen Abscheu gegen die deutsche Pseudo-Promi-Autobiographie liegt. Völlig unbegründet, wie ich nun deinem Kommentar entnehme, da Enkes Buch offenbar ganz und gar nicht dieser Schiene zuzuordnen ist und ihm sogar im Ausland eine beachtliche Aufmerksamkeit zuteil wird (Guardian!). Danke für den Hinweis. Falls du es irgendwann lesen solltest, kannst du ja mal eine oder zwei Zeilen an dieser Stelle dazu schreiben.

      Liebe Grüße,
      caterina

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  4. Ich hatte das Buch schon mal in der Hand, aber doch wieder zurückgelegt … nun hast du mir einen interessanten Einblick gegeben, vielleicht werde ich beim Taschenbuch schwach. 😉

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