Sibylle Berg: Der Mann schläft

Sibylle Berg - Der Mann schläft (c)

Die Geschichte einer unaufgeregten Liebe

Der Mann schläft. In all seiner Einfachheit fasst dieser Titel zusammen, was für die Erzählerin Liebe bedeutet: eine »ruhige und stille« Liebe, weit weg von jeder Einmaligkeit und jeder Aufregung. Weit weg von dem, »was uns französische Filme zeigten, Begierde, nächtelange Diskussionen über Gefühle, um die Leidenschaft wieder zu beleben, Geschlechtsverkehr unter regennassen Laternen, viel, viel Leiden und am Ende schweigendes Sitzen in einer französischen Küche, dann steht einer auf und geht, ohne die Tür zu schließen«. Ihre Leidenschaft hat nichts Körperliches inne, sie besteht in dem Wunsch, den Mann zu beschützen: ihn atmen zu hören und zu beobachten, während er schläft.

Die Ich-Erzählerin ist eine Frau mittleren Alters, sieht »irgendwie« aus, verfasst Gebrauchsanweisungen. Sie ist eine Misanthropin, angewidert von den Menschen, von ihrem vergeblichen Streben nach Geld, von ihrem mechanischen Leben und leeren Geschwätz. Sie hat keine Illusionen mehr und keine Ansprüche ans Leben, sie fühlt sich »ein wenig schläfrig«. Dieselbe ungläubige und misstrauische Einstellung hat sie gegenüber der Liebe: Diese sei ein »Marketinginstrument« und die Männer nichts anderes als eine »leere Projektionsfläche für kitschige Ideen«. Einst war die Frau attraktiv und hatte Affären mit jungen Männern – meist Künstler, die sich selbst verwirklichen wollten –, aber sie alterte, ohne es zu bemerken, und die jungen Männer lachten über sie und hatten Mitleid mit ihr.

Eines Tages, vor vier Jahren, lernt sie dann »den Mann« kennen: Er ist nicht sonderbar schön oder reich oder charmant, eher massig, träge und schweigsam. Man weiß recht wenig von dem Mann: Sein Profil bleibt so verschwommen wie das der Protagonistin. Er lebt in Tessin in einem Haus am See und geht einem »holzverarbeitenden Beruf« nach. Die Erzählerin nennt ihn nur »der Mann«, »damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt«. Nach einem halben Jahr zieht sie aus ihrer Stadt in das Haus am See. Bei ihm fühlt sie sich sicher, sie liebt es, ihren Kopf auf seinen Bauch zu legen oder sich unter seinem Hemd zu verstecken. »Der Mann umarmte mich, bis ich verschwand. Er beherrschte die Kunst, meine Welt zu sein, mich ins Bett zu legen, mich mit sich zuzudecken, bis ich alles vergaß, was weh tat, bis ich mich vergaß.« Er ist die einzige Person, die sie nie stört, und andersherum. Sie begreifen beide, dass sie nicht mehr ohne den anderen sein wollen in dieser abstoßenden Welt, sie vereinen sich in ihrer Verachtung gegenüber den Menschen und haben »die gleiche Müdigkeit und den Wunsch, nicht allein zu sterben«.

Doch diese so unaufgeregte, gemütliche und scheinbar unveränderliche Liebe geht zu Ende, und man erfährt nicht einmal, weshalb. Die Frau hat die Idee zu verreisen, auf eine Insel vor der Küste Hongkongs im südchinesischen Meer. Eines Tages verlässt der Mann die Ferienwohnung, um Besorgungen zu machen, und kehrt nicht mehr zurück. So wird der Frau das Einzige genommen, das sie glücklich machte. Sie bleibt auf der Insel, denn nach Hause zu kehren würde bedeuten zu akzeptieren, dass sie wieder alleine ist. Sie fühlt sich wie lebendig begraben und verbringt ihre Tage damit, lange Spaziergänge zu machen und die Betonplatten der Straße und das graue Meer zu betrachten. Dann lernt sie das altkluge Mädchen Kim und ihren Großvater, einen schweigsamen und stoischen Masseur, kennen: In diesen beiden einsamen Figuren findet die Frau eine Art Familie und zieht schließlich zu ihnen, wegen ihrer ungemeinen Einsamkeit und Langweile. Sie beginnt, Alkohol zu trinken, um sich zu betäuben, um nicht mehr zu denken und nicht mehr zu fühlen; immer tiefer stürzt sie.

Wie die Liebe in der Konzeption der Protagonistin ist auch die Handlung des Buches einfach und bescheiden: Sie kommt ohne große Geschehnisse, ohne Wendungen und Passionen aus. Es ist die Geschichte von einer Frau jenseits der Vierzig, die die Liebe findet und verliert; der Rest sind ihre kontinuierlichen Gedankenflüsse, in denen sich eine tiefe Verachtung für die Menschen und deren Idee vom Leben widerspiegelt. Außerdem wird die karge Handlung durch eine Reihe von Begegnungen mit extravaganten und tragischen Figuren verdichtet, deren Geschichten voller Traurigkeit »das Motiv der Weltflucht vervielfältigen und variieren« (Neue Zürcher Zeitung), das von der Protagonistin selbst verkörpert wird.

Da ist die alte Dame, die nie redete, weil sie nie »lebendig« sein, nicht mit den Menschen zu tun haben wollte. Eines Tages läuft ihr ein Tier zu und lebt mit ihr einige Jahre lang zusammen, bis es, »ein wenig schuldbewusst«, aus dem offenen Fenster springt – in die »endlose Ruhe«, in die ihm auch die alte Dame bald zu folgen scheint. Da ist ein Mann, »gewöhnlich«, »farblos« und »mittelmäßig«, unfähig etwas Großes und Bedeutendes zu schaffen. Um anders als die andern zu sein, beschließt er, sein Zuhause zu verlassen: Seither lebt er im Zug. Da sind Rob und Ben, ein Chinese und ein Engländer, die sich zusammen das Leben nehmen, »Hand in Hand, mit einem Traum«, um an einen Ort zu gehen, »an dem sie keiner mehr trennen kann«. Und da ist schließlich der Großvater von Kim, der sich, seit seine Frau gestorben ist, jeden Tag, an dem sie nicht da ist, einen Schnitt ins Bein macht.

Bisweilen jedoch – und hierin besteht die einzige Schwäche des Romans –  sind die Figuren übertrieben grotesk, und ihre Geschichten verstricken sich derartig, dass sie über das Glaubhafte hinausgehen: etwa der Zwerg, der den Bau einer Art Arche Noah für den nahenden Weltuntergang plant, oder die seltsame Bekannte der Protagonistin, die sich die Hand abhackt. Diese bis ins Absurde getriebene Kuriositätensammlung ist beinahe ein Lärm, der vom stillen, tragischen und wirklich schönen Kern des Buches ablenkt.

Genau diese Tragik – der Geschichte der Protagonistin, aber auch der Geschichten vieler anderer Figuren – ist es, die, zusammen mit dem Fatalismus der Erzählerin, die Schönheit des Romans ausmacht. Der Mann schläft porträtiert eine zutiefst angewiderte Frau, melancholisch über die Welt, aber auch wütend über das eigene Ungenügen: Ihre Gedankenflüsse sind beeindruckend und voller bestürzender kleiner Wahrheiten, ihre Sprache schöpferisch und erschütternd schön. Aus jedem ihrer Worte sprechen Zynismus und Verachtung, aber auch Schmerz und Verletztheit. Es ist dieses sprachliche Geschick der Erzählerin (und der Autorin), das die Lektüre so angenehm, leicht und sogar vergnüglich macht, trotz der wesentlichen Traurigkeit, die die Geschichte umhüllt. In der Tat handelt es sich, laut der FAZ, um eine Geschichte »von Einsamkeit, von Hoffnungslosigkeit, von Leiden, und es gibt Stellen in diesem Buch, die einem das Herz zerreißen«; doch zugleich ist der Roman von Sibylle Berg ein »traurig schönes und elegisch zartes Märchen« (Neue Zürcher Zeitung).

Sibylle Berg: Der Mann schläft. Hanser, München 2009, 312 Seiten.

11 Gedanken zu “Sibylle Berg: Der Mann schläft

  1. Treffende Worte für ein faszinierendes Buch. Die Tragik des Werkes nimmt einen in Beschlag, wirkt fesselnd. Trotz aller Trostlosigkeit der Weltsicht ist das Buch von einem feinen Humor durchwoben, der immer wieder aufhorchen lässt. Ideengestalterisch und sprachlich brillant. Empfehlenswert!

    Gefällt mir

  2. Und weshalb schreibst du nicht einmal über Bücher statt ’nur‘ über Konzerte?
    In drei Sätze hast du wahnsinnig viele schöne Worte gepackt, die meine drei-Seiten-Rezension wunderbar zusammenfassen – für alle, die lesefaul sind. Hab Dank.

    Gefällt mir

    1. Ich bin vor Deinem Schreibstil erblasst, deshalb überlasse ich gerne Dir das Buch-Terrain. 🙂 Ich hoffe sehr, Deine Worte erscheinen irgendwann regelmäßig in einer großen Tageszeitung!! Die würde ich dann glatt abonnieren. :-*

      Gefällt mir

  3. Weil Weihnachten ist und ich von den vielen Süßigkeiten und vom schummrigen Kerzenlicht müde und bequem werde, vernachlässige ich das Schreiben und verwerte stattdessen eine Rezension wieder, die zu einer Zeit entstand, in der mein Blog kaum Leser hatte und somit beinahe unbemerkt vor sich hin vegetierte. Das mag für einen Großteil meiner damaligen Schriften nicht weiter tragisch sein – doch das hier besprochene Buch, das 2009 für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde, hat alle Aufmerksamkeit verdient. Sollte euch also noch ein Weihnachtsgeschenk fehlen (für eure Liebsten oder euch selbst), greift zu diesem großen Roman, seit Juni gibt es ihn auch im Taschenbuchformat. Ich wünsche euch entspannte Festtage.

    Gefällt mir

  4. Toll geschriebene Rezension, da kann man richtig drin versinken. „Traurig schön“ und auch tragisch mag ich ab und zu sehr gerne. Gut, dass Du den Artikel recycelt (ich hätte jetzt „recycled“ geschrieben, aber Word hat mich korrigiert) hast, sonst wäre er an mir vorbei gegangen. Von und über Sibylle Berg habe ich schon einiges gelesen, darunter ihre Kolumnen und auch in anderen Blogs, z.B. bei der Vielleichtsagerin, aber eines ihrer Bücher ist mir bis jetzt noch nicht in die Hände gefallen. Vielleicht verschenke ich es ja auch einmal und leihe es mir dann aus. Bei meinen Geschenken (z.B. Jón Kalman Stefánsson) habe ich irgendwie selbst Lust bekommen.
    Ich musste übrigens an einen französischen Film und ein französisches Buch denken, was aber nur an der Nähe der beiden Titel zueinander lag. Von Georges Perec habe ich mal das Buch „Ein Mann, der schläft“ gelesen und die Verfilmung gesehen.

    Gefällt mir

    1. Schoenen Dank fuer die Lobhudelei.
      Witzigerweise wollte ich auch „recyceln“ schreiben, habe aber nicht gewusst wie und darum auf die deutsche Variante „wiederverwerten“ zurueckgegriffen.
      Von Sibylle Berg wuerde ich nach diesem fabelhaften Buch gerne mehr lesen, aber die Vorgaenger haben mich – zumindest den Klappentexten nach zu urteilen – inhaltlich nicht ueberzeugen koennen, deshalb warte ich lieber auf Neues. Aber ihre Feuilletonbeitraege lese auch ich immer wieder gerne. Ich mag ihren lakonischen Witz.
      Ein Mann, der schlaeft sagt mir nichts, Georges Perec aber sehr wohl. W oder Die Kindheitserinnerung habe ich in meiner Abschlussarbeit behandelt, ein erschuetterndes, unglaublich tiefsinniges Buechlein. Demnaechst moechte ich dazu etwas fuer die Juedischen Lebenswelten schreiben.

      Gefällt mir

  5. Ach schön, ich hatte dieses Buch vor ein paar Tagen in der Hand und es sprach mich irgendwie an, jedoch entschied ich mich erstmal gegen den Kauf, da ich bereits 3 andere Bücher im Arm hielt… Nun werde ich es mir doch besorgen. Ich liebe beizeiten Melancholisches…

    Gefällt mir

    1. Kauf es dir, es lohnt sich wirklich! Es ist eines der besten deutschsprachigen Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Nicht jedermann wird Frau Bergs Stil mögen, aber wer sich auf diesen Zynismus und diese Melancholie einlassen kann, der wird beglückt sein von der Lektüre!

      Gefällt mir

  6. Oh, ich sehe jetzt erst, dass du Sibylles „Der Mann schläft“ damals bei Erscheinen hier rezensiert hast.. Wir hatten uns ja bei uns schon darüber ausgetauscht. Interessant finde ich, dass du die Figuren als „übertrieben grotesk“ und „über das Glaubhafte“ hinausgehend beschreibst. Ich habe es eher so empfunden, dass gar es gar nicht so glaubhaft sein soll oder muss – teilweise beschreibt die Ich-Erzählerin Dinge, die sie wahrnimmt, die aber so gar nicht unbedingt passieren müssen, sie sieht einen Mann im Zug oder glaubt, ihn zu sehen, unterhält sich mit ihm – und ich denke, es ist eher so, dass hier gar nicht so klar sein soll, ob das jetzt wirklich passiert oder man es sich nur einbildet/einredet. Ich kenne solche Vorstellungen von mir auch … Natürlich kann nur die Autorin sagen, wie sie es gemeint hat. Aber die Groteske ist meines Erachtens nach bewusst gewählt und driftet ins Zwischenweltliche, in die Vorstellungswelt ab – und gibt dem Ganzen nochmal eine neue Dimension. Ich seh das hier als Stilmittel … Sibylle Berg lässt hier viel Raum für eigene Deutung und Eigen-Reflektion, man sieht sich selber mit der Situation und dem Erlebten konfrontiert und stellt in Frage, was wirklich passiert … Das fand ich sehr spannend beim Lesen und es erinnerte mich ein wenig an den Surrealismus bei Murakami.

    Gefällt mir

    1. Dass diese groteske Überziehung beabsichtigt war von der Autorin, möchte ich gar nicht bestreiten. Meine Kritik lautet nicht: Frau Berg hat versucht, skurrile und dennoch glaubhafte Charaktere zu erschaffen, ist aber bisweilen über ihr Ziel hinausgeschossen und ins Unglaubwürdige abgedriftet. Sondern: Frau Berg hat bewusst mit Übertreibungen und Verzerrungen gearbeitet (da stimme ich dir zu!), die ich allerdings im Vergleich zum Rest der Geschichte einfach weniger ansprechend fand.

      Deine Deutung, es handele sich um surreale Sequenzen, in denen Wirklichkeit und Traum, Realität und Wahn/Vorstellung verschwimmen und ineinandergreifen, finde ich übrigens sehr interessant – darauf bin ich gar nicht gekommen. Dennoch empfinde ich diese Verschiebung der Wahrnehmungen, der Grenzen irgendwie als störend (in diesem Roman! nicht generell in der Literatur!). Das Leise, das Melancholische, das Unaufgeregte scheint mir hier deutlich reizvoller, die surrealen Ausflüge sind mir ein Tick zu… „trashig“.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s