W. G. Sebald: Austerlitz

W. G. Sebald - Austerlitz (c)

Geschichte eines Geschichtslosen

Jacques Austerlitz, Protagonist des gleichnamigen Romans von W. G. Sebald, ist ein Reisender, ein Beobachtender, ein Suchender, dem der namenlose Ich-Erzähler zum ersten Mal 1967 im Antwerpener Bahnhof begegnet, in einem Wartesaal mit dem ebenso wohlklingenden wie aussagekräftigen Namen Salle des pas perdus. Von da an treffen sie sich immer wieder, meist zufällig, an Orten des Wartens, in Bahnhöfen und Cafés. Nie reden sie über sich, nie über die Zufälligkeit ihrer Treffen, vielmehr referiert Austerlitz in stundenlangen Monologen über »baugeschichtliche Dinge«, über Konstanten in der Geschichte der Architektur, über die Deutung und Bedeutung von architektonischen Formen. Erst dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung erzählt Austerlitz von sich, von seiner Geschichte: der Geschichte einer Suche nach der eigenen Vergangenheit.

1939 wird Austerlitz – vier Jahre ist er alt – von seiner Mutter mit einem Kindertransport von Prag nach London geschickt: Es ist das letzte Mal, dass er sie sieht. Er wächst bei einem Prediger und seiner Frau in Wales auf: »An neue Kleider, die mich sehr unglücklich machten, erinnere ich mich, auch an das unerklärliche Verschwinden des grünen Rucksäckchens, und letztlich bildete ich mir sogar ein, ich erahnte noch etwas vom Absterben der Muttersprache, von ihrem von Monat zu Monat leiser werdenden Rumoren, von dem ich denke, daß es eine Zeitlang zumindest noch in mir gewesen ist wie eine Art Schatten oder Pochen von etwas Eingesperrtem, das immer, wenn man auf es Acht haben will, vor Schrecken stillhält und schweigt«. Das Haus des Predigers ist ein stilles Haus, Austerlitz erhält keine Antworten auf seine stummen Fragen. Und so schließt er dieses unbestimmte Gefühl tief in sich ein.

Bis in die neunziger Jahre hinein versuchte er, sich vor seiner Vergangenheit zu schützen, indem er »eine Art von Quarantäne- und Immunsystem« ausbildete, »durch das ich gefeit war gegen alles, was in irgendeinem, sei es noch so entfernten Zusammenhang stand mit der Vorgeschichte meiner auf immer engerem Raum sich erhaltenden Person«. Er las keine Zeitungen und klammerte die Zeit des Zweiten Weltkrieges, den Holocaust, vollkommen aus seinen Studien aus. Er verdrängte Erinnerungen und Ängste, ohne nach ihrem Ursprung zu fragen, kehrte sich ab von der Welt und von sich selbst. Bis die Gefühle der Beklemmung, des Ausgelöschtseins ihn erdrückten und er sich auf seine Erinnerungen einließ. Er begann, Nachforschungen anzustellen und Stück für Stück seine Vergangenheit – seine Kindheit, seine Eltern – und letztlich auch sein Dasein in der Gegenwart zurückzugewinnen.

Austerlitz gehört der sogenannten 1,5. Generation an, einer Generation also, die sich zwischen der ersten und der zweiten verorten lässt: Mit der ersten hat sie die Erfahrung des Holocaust gemein, gleichzeitig hat sie jedoch wie die zweite keine direkte Erinnerung an das Erlebte. Das Gedächtnis hat die Geschehnisse allenfalls unbewusst, unreflektiert aufgenommen oder gar verdrängt und ist daher ebenso lückenhaft und ambivalent wie das der nachfolgenden Generation, die sich die Vergangenheit aus den fragmentarischen Erzählungen und mehr noch aus dem Schweigen ihrer Eltern rekonstruieren muss. Im Falle von Austerlitz (stellvertretend für eine ganze Generation von «abgesonderten» Kindern, die mit dem Kindertransport zwar dem Tod, aber auch der eigenen Familie entrissen wurde) ist das Schweigen der Eltern ein absolutes, der Zugang zu ihrem Gedächtnis verwehrt, niemand ist da, den man befragen könnte. Wie ist es angesichts dieser Leerstelle möglich, ein stabiles Selbst zu entwickeln? Die Identität ist leer, schreibt der britische Literaturwissenschaftler Robert Eaglestone, wenn sie über keine Erinnerungen verfügt.

Beeindruckend ist nicht nur das Erzählte, diese Geschichte eines Geschichtslosen, sondern auch die Erzählung, die sich jeder der Lesbarkeit dienenden Konventionalität verweigert: Es gibt keine Absätze geschweige denn Kapitel, der Roman von W. G. Sebald ist ein 420-seitiger Fluss von Sätzen, in den sich einzig und allein ein paar Schwarzweißfotos schieben – meist von architektonischen Details, von Unbelebtem, von Dingen oder Menschen, die Austerlitz’ Weg säumen. Keine Anführungszeichen oder vergleichbare visuelle Indizien markieren das Gesprochene (dabei ist beinahe der gesamte Text nichts anderes als Gesprochenes), im Grunde wird alles in indirekter Rede vom Ich-Erzähler wiedergegeben, so dass Konstruktionen entstehen wie »sagte Věra, sagte Austerlitz«. Erzählebenen und Figuren berühren sich, werden durchlässig, gehen ineinander über. Dennoch verliert der Leser nur ganz selten, für einen kurzen Augenblick, den Faden: Trotz aller typografischer Geschlossenheit – ‚Blockhaftigkeit’ möchte ich sagen –, die das durchgehend monologartige Erzählen zu visualisieren scheint, selbst trotz der verschachtelten, durch Nebensätze und Wortgruppen vielfach gebrochenen Sätze ist dieses erzählerische Meisterwerk auf wundersame Weise wunderbar lesbar.

Austerlitz ist ein außergewöhnlicher Roman, der auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie bruchstückhaft und widersprüchlich die individuelle Erinnerung an die Shoah ist. Gleichzeitig zeigt er jedoch, dass jede einzelne dieser Erinnerungen nicht nur wertvoll, sondern notwendig ist, um die Gegenwart und die Zukunft darauf aufzubauen. Das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist Sebalds Anliegen: im letzten Buch Austerlitz ebenso wie in seinem gesamten vorherigen Schaffen als Schriftsteller und Essayist. Sebald ist nicht jüdischer Abstammung, sein Vater tritt 1929 der Armee bei, bleibt dort auch dann noch, als die Nazis die Macht ergreifen, und wird schließlich französischer Kriegsgefangener. Der Holocaust stellt ein Tabuthema in der Familie dar, der 1944 geborene Sebald wird nie erfahren, inwieweit sein Vater involviert war und was seine Eltern wussten und sahen. Gegen dieses Schweigen, das Schweigen des deutschen Volkes, das sich nur unzureichend bemüht, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, schreibt Sebald ein Leben lang an: »although I was born ‹late› and consequently was spared direct responsibility«, sagt er einmal in einem Interview, »I naturally feel at the same time that this is where my origins lie«.

W. G. Sebald: Austerlitz. Fischer, Frankfurt 2003, 417 Seiten.

Der Artikel ist zeitgleich auf dem Gemeinschaftsblog Jüdische Lebenswelten erschienen.

Nachtrag vom 14/12: Lesenswert ist der Essay »Enzyklopädie der Melancholie« von René Steininger, der heute anlässlich des zehnten Todestages von W. G. Sebald im Magazin Glanz & Elend erschienen ist.

13 Gedanken zu “W. G. Sebald: Austerlitz

    1. Ja, auf jeden Fall will ich noch mehr von Sebald lesen! Bisher kenne ich nur dieses eine und war restlos, ja wirklich restlos begeistert – so sehr, dass ich es in meiner Masterarbeit thematisierte. Seither stehen auch Die Ausgewanderten auf meiner Leseliste. Hast du zufällig das eine oder andere Buch von ihm besprochen?

      Gefällt mir

      1. Oh ja, auch das klingt wunderbar. Das mäandernde Erzaehlen, das andere Leser fuer ermuedend halten moegen (und in der Tat sehen das einige meiner Freunde so, die ebenfalls Austerlitz gelesen haben), finde ich unglaublich spannend. Es macht regelrecht Spass, diesen Geschichten zu folgen, die – von einem Hauptweg fortfuehrend – mal hier, mal dort hingehen, es gibt so unheimlich viel zu entdecken bei Sebald. Auch Die Ringe des Saturns scheinen das zu versprechen, wie ich deiner Rezensionsnotiz entnehme.

        Gefällt mir

    1. 🙂 Vielleicht sollte ich tatsächlich mal anfangen, Bücher an ‚Fremde‘ bzw. virtuelle Bekannte zu verschenken, und stattdessen meine Familie ignorieren. Alle Beteiligten wären wohl zufriedener.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s