Arno Geiger: Alles über Sally

Das Porträt einer in die Jahre gekommenen Ehe

Sally und Alfred sind in ihren Fünfzigern, sie eine dynamische und noch recht attraktive Lehrerin, er ein träger, behäbiger Museumskurator, der seinen Stützstrumpf nicht so sehr wegen der hervortretenden Krampfadern trägt, sondern weil er sich damit offenbar etwas sicherer, weniger verwundbar fühlt angesichts der Herausforderungen des Alltags. Da ist zum Beispiel der Einbruch in ihr Wiener Vorstadthaus, während Sally und Alfred im Urlaub sind. Vor allem die Verwüstung und Beschmutzung seiner umfassenden Sammlung von Schallplatten und Tagebüchern, die er in einer antiken Truhe aufbewahrt, stellt einen Eingriff in die Privatsphäre dar, den Alfred über Wochen und Monate hinweg nicht verwinden kann.

Sallys Nerven sind gehörig strapaziert, sie weiß beileibe Besseres mit sich anzufangen, als ihren so wehleidigen und immer abstoßender werdenden Ehemann zu umsorgen, der Tag für Tag auf dem Sofa sitzt, seine Beobachtungen und Gedanken niederkritzelt und sich einfach keinen Ruck geben kann. Sie beginnt kurzerhand eine Affäre mit dem ebenfalls verheirateten Nachbarn Erik, Alfreds bestem Freund. Es ist nicht Sallys erste Affäre – und wird auch sicher nicht ihre letzte sein. So etwas wie ein schlechtes Gewissen oder gar Reue kennt sie nicht, im Gegenteil: Sie stichelt Alfred und versucht gar nicht erst, die gelegentlich in ihr aufsteigende Abscheu ob seines gleichmütigen und unbeholfenen Wesens zu verbergen.

Sally ist frei von Hemmungen; Gefühlsduselei und Schönreden liegen ihr nicht. »›Du, Erik‹, unterbrach sie ihn, ›ich begehe meine Dummheiten nicht deshalb, weil ich dumm bin. Also lass uns bitte aufhören zu reden. Ich weiß, dass es kompliziert ist. Ich kann mich in komplizierten Dingen zurechtfinden, andernfalls wär ich vielleicht keusch. Jetzt sollten wir einfach ficken.‹« Arno Geiger legt mit Alles über Sally ein ungewöhnliches Porträt einer Mittfünfzigerin vor. Ihre drei Kinder, die sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden befinden, und ihr Beruf als Lehrerin kommen darin nur am Rande vor. Was dem Leser hier vorgeführt wird, ist das körperliche (und damit einhergehend das emotionale und geistige) Verlangen dieser Mittfünfzigerin, die Aufregung, die sie in einer Liebschaft sucht, und die Unbefriedigung, die ihr die in die Jahre gekommene Ehe verschafft.

Sally findet es mit einem Mal anstrengend, wie Alfred auf ältliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers, Alfred, in seiner weichen Korpulenz, zwei Kissen im Rücken. […] Sally spürt einen Stich des Alarms, gleichzeitig hat sie Alfred vor Augen, sein träges Gehen, gestern, als er mit Hängeschultern über das Hochmoor stapfte, den kleinen Rucksack nach Schulbubenart auf dem Rücken […]. Als sie am Abend in der Pension die Treppe hochstiegen, knickten ihm die Beine vor Müdigkeit fast ein. [Er schlief] zehn Stunden, vergaß aber selbst im Tiefschlaf nicht, fordernd und verlangend zu sein. Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften oder ihrem Hintern, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiß gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?

Nicht nur aus ihrer eigenen Sicht erfährt der Leser alles über Sally, sondern auch aus der Sicht Alfreds, der sich immerzu fragt, wer ist eigentlich diese Frau, mit der ich all die Jahre verheiratet bin; manchmal hat er das Gefühl, sie gar nicht zu kennen. Bemerkenswert ist sein Gedankenfluss am Ende des Romans, ein Joyce’scher Bewusstseinsstrom, in dem seine Ratlosigkeit, vielleicht auch seine Resignation und gleichzeitig seine unerschütterliche Zuneigung zum Ausdruck kommen angesichts dieser so fremden, nicht greifbaren Frau. Alles über Sally ist eine unaufgeregte Geschichte, das Verhältnis mit Erik wird ein Ende haben und Sally sich erneut in die Beständigkeit ihrer Ehe einfügen. Ihre Abgebrühtheit nimmt man ihr dabei nicht wirklich übel, genauso wenig wie Alfreds kauzige Art. Wie die Institution der Ehe hier unter die Lupe genommen wird, mag zwar etwas zynisch sein, an Authentizität fehlt es aber nicht. Und unterhaltsam ist es allemal.

Arno Geiger: Alles über Sally. Hanser, München 2010, 363 Seiten.

12 Gedanken zu “Arno Geiger: Alles über Sally

  1. Liebe Caterina, ich mochte den Roman auch. Einer der Rezensenten nannte ihn einen „Abenteuerroman über die Ehe“ – das fand ich sehr passend. Obwohl das Abenteuer eher am Anfang der Beziehung von Sally und ihrem Mann stattfand. Die weiteren Abenteuer sucht Sally sich selbst bzw. sie scheint sogar den Einbruch als eine Art Abenteuer in ihrem etwas in Trott geratenen Leben zu empfinden. Ich fand es beruhigend, dass man auch mit Mitte 50 noch nicht „angekommen“ sein muss, sondern auf der Suche sein und alles hinterfragen darf, wie immer das dann in der Praxis aussehen mag. Liebe Grüße, Petra

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    1. Liebe Petra,
      die Bezeichnung „Abenteuerroman über die Ehe“ finde auch ich sehr zutreffend. Zumal ja „Abenteuer“ nicht nur positiv belegt ist, im Sinne von Aufregung, die Entdeckung von Neuem, Bauchkribbeln. Das Abenteuer ist ja ebenso durch Gefahren gekennzeichnet, Verluste, unerwartete Wenden. Insofern passt das Wort auch ganz gut auf eine in die Jahre gekommene Ehe, in der es vielleicht nicht mehr um die angenehme Aufregung der so instabilen Anfangszeit geht (die in Kairo spielenden Passagen, wo sich die beiden kennen und lieben lernten, finde ich übrigens ganz hervorragend), sondern um ganz andere Hürden, alltägliche Hürden, die bewältigt werden müssen.
      Und auch in deiner zweiten Anmerkung muss ich dir zustimmen: dass es irgendwie beruhigend ist, dass die Suche kein Ende hat. Auch deshalb ist die Ehe ein Abenteuer.
      Viele Grüße,
      caterina

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  2. Liebe Caterina, danke für die schöne und vor allen Dingen doch auch überzeugende Rezension. Ich hatte diesen Roman von Arno Geiger bisher nicht weiter beachtet, da er in dem Forum, in dem ich vorrangig unterwegs war – die Büchereule – sehr negativ abgeschnitten hat.
    Deine Eindrücke bewegen mich jetzt doch zum Umdenken – gut, dass es noch gar nicht lange her ist, dass das Buch als Taschenbuchversion herausgekommen ist.

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    1. Liebe mara,
      danke für die schönen Worte. Der Roman ist definitiv lesenswert, aber ehrlich gesagt kann ich die Kritiken nicht vollständig zurückweisen. Viele Stellen haben mich begeistert, und dieses so einfache Gesamtkonzept – eine betrügende Ehefrau um die 50 – finde ich sehr überzeugend und spannend. Andererseits verläuft sich der Text manchmal, es gibt einige Längen. Vor allem aber finde ich den Ausgang, den das Verhältnis mit Erik nimmt, irgendwie unstimmig im Vergleich zum Rest des Romans und auch ein wenig albern und klischeehaft.
      Eine erheiternde Lektüre ist es dennoch, aber falls du etwas von Geiger lesen magst, das ganz und gar herausragend ist, ungemein klug, berührend und auch amüsant, dann empfehle ich dir Der alte König in seinem Exil.
      Lieben Gruß,
      caterina

      .

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      1. Hallo caterina,
        danke für den Tipp, „Der alte König in seinem Exil“ steht schon länger auf dem Wunschzettel, bisher konnte ich mich aber noch nicht durchringen. Ich denke, dass ich damit starten werde und wenn es mir gefallen sollte, werde ich auch „Alles über Sally“ noch eine Chance geben … 🙂 Von „Uns geht es gut“ hatte ich auch schon gehört – bisher hatte ich mich aber irgendwie noch nie an einen Geiger-Roman herangetraut.
        Das sollte schleunigst geändert werden!
        Mara

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      2. Ja, ring dich durch zum Alten König, du wirst es nicht bereuen! Und vielleicht komme ich ja bald dazu, auch Uns geht es gut (ich finde allein den Titel schon ziemlich klasse) zu lesen, dann lass ich dich/euch wissen, ob sich’s genauso lohnt 😉

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  3. Ach ja, Arno Geiger verdient selbstverständlich nach dem „Alten König“ eine weitere Lesechance, zu der ich noch immer nicht gekommen bin. Ich mag Ehe- und Beziehungsgeschichten sehr gerne und nach deiner Rezension scheint „Alles über Sally“ das Lesen wert zu sein, wobei ich mir unter dem Namen Sally nie eine Mittfünfzigerin vorgestellt hätte, vor meinem inneren Auge sah ich immer eine 20-30-Jährige durch die 70er Jahre streifen – so täuscht man sich!

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    1. So überwältigend wie Der alte König ist dieses Buch gewiss nicht, aber trotzdem eine Lektüre wert. Ich habe aber von Geiger auch noch Uns geht es gut im Bücherregal und hoffe, dass es an die Größe vom Alten König heranreicht, immerhin hat er dafür den Buchpreis gewonnen, wenn ich mich nicht irre.
      Deine Vorstellung von Sally finde ich gar nicht so abwegig, zumal ja auch das Cover etwas in dieser Richtung suggeriert – etwas irreführend, wie ich finde. Aber einige Kapitel spielen tatsächlich in der Vergangenheit, ich schätze späte 70er oder frühe 80er, als Sally und Alfred sich in Kairo kennen lernten, sie Mitarbeiterin an einem Kulturinstitut und er Sammler ägyptischer Antiquitäten; von einer wilden Zeit – vor allem in Bezug auf Sally – kann man da durchaus reden. Ihr Name ist übrigens darauf zurückzuführen, dass ihre Mutter Engländerin ist.

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  4. Dann war meine Einschätzung ja gar nicht so falsch. Geiger verdient also weiterhin Aufmerksamkeit und wahrscheinlich ist es – mit einem anderen Sujet – ohnehin schwer, an den „Alten König“ heranzureichen, denn schließlich ist es eine persönliche Geschichte und keine Fiktion, was das Buch für mich sehr besonders gemacht hat.

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  5. Liebe caterina,

    „Alles über Sally“ war meine erste Begegnung mit Arno Geiger und es sollte nicht die einzige bleiben.

    Den Roman habe ich sehr gern gelesen. Mir gefiel vor allem der Perspektivwechsel, den der Autor mit besonderem Feingefühl umgesetzt hat. Für mich war es übrigens wie oben von Petra angesprochen ein Abenteuerroman über die Ehe.

    Doch der „Der alte König in seinem Exil“ wird wohl mein persönlicher Arno Geiger-Liebling bleiben. Gut, noch habe ich nicht alle Werke gelesen, wie du wartet noch sein preisgekröntes Werk auf mich…

    Mara möchte ich an dieser Stelle auch einen Schubs geben, denn „Der alte König in seinem Exil“ ist wirklich beeindruckend!

    Herzlichst,

    Klappentexterin

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    1. Liebe Klappentexterin,
      ja, auch mir sagte der Perspektivwechsel zu. Alfreds etwas ungeholfene Sicht der Dinge ergaenzt auf sehr schoene und auch erheiternde Weise Sallys abgebruehter Umgang mit der Ehe. Gerade die Kairo-Passagen aus Alfreds Perspektive haben mir sehr gefallen, als er sein Glueck – die Naehe zu dieser in jeder Hinsicht erstaunlichen Frau – kaum fassen kann.
      Hast du denn noch andere Romane von Geiger gelesen, ausser Sally und den Koenig?
      Lieben Gruss und schon mal schoenen dritten Advent,
      caterina

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