Paola Capriolo: Der stumme Pianist

Das Märchen vom stummen Pianisten

Inspiriert von einem wahren Fall, der sich 2005 in Kent, England ereignete, erzählt Paola Capriolo in ihrem Roman Der stumme Pianist von einem jungen Mann, der eines Tages von der Krankenschwester Nadine am Strand gefunden und in die psychiatrische Klinik gebracht wird, in der Nadine erst seit Kurzem angestellt ist. Der Mann spricht nicht und hat kein Dokument bei sich, er trägt nichts an seinem Körper, das auf seine Identität hinweisen könnte: Es ist, als wäre sogar von seiner Kleidung – einem Frack und einem Paar Schuhe – sorgfältig jede Spur entfernt worden, die auch nur seine Nationalität verraten könnte. Weil er offenbar stumm ist, erhält er Papier und Stift, um sich auszudrücken, doch auf die Fragen der Ärzte gibt er keine Antworten: Er zeichnet ein Klavier, nichts anderes.

Paola Capriolo - Der stumme PianistGlücklicherweise verfügt die Klinik über einen Flügel, ungenutzt an einem längst verlassenen Ort, dem Wintergarten der Villa. Durch die Ankunft des »stummen Pianisten« erfährt der Raum schon bald eine Wiederbelebung. Während es scheint, als würde der junge Mann sein Publikum aus Ärzten, Krankenschwestern und Patienten nicht im Geringsten wahrnehmen, wird sein Konzert zu einem allabendlichen Ritus für die Bewohner der Villa, der Wintergarten zu einer Art heiliger und heilender Stätte zugleich. Denn die Musik erweist sich nicht nur als vollkommen, sie übt auch eine therapeutische Wirkung aus. In ihren Sitzungen reden die Patienten über eine Vergangenheit, von der sie nie zuvor zu sprechen wagten. Da ist zum einen der alte Rosenthal, ein Jude, der das Konzentrationslager als einziger seiner Familie überlebte. Oder Misses Doyle, die ihren kleinen Sohn tötete in der Überzeugung, es sei ein Ungeheuer, das seine Gestalt angenommen hat. Und schließlich der ehemalige Buchhalter Brown, den die Unordnung und die Sinnlosigkeit der Zahlen in den Wahnsinn trieben.

Während sich die Patienten dank der Musik öffnen, versucht der Direktor der Klinik, das Mysterium um den stummen Pianisten zu lösen, indem er ein Foto im ganzen Land veröffentlichen lässt. Es treffen tatsächlich zahlreiche Briefe ein: Ihre Verfasser beschreiben allesamt, wie sie den jungen Mann auf dem Foto an dem tiefen, fast verängstigten und doch ziellosen Ausdruck seiner Augen wiedererkannt haben, aber niemand kann seine Identität enthüllen. Sie alle schildern Begegnungen mit dem Pianisten, die so bewegend wie rätselhaft sind. Die Zeit ist stets unbestimmt, und auch die Orte – in ganz Europa verstreut – werden nie genannt, bleiben nur vage Andeutungen. Was diese Episoden gemein haben, ist das immer wiederkehrende Motiv der Musik, sie bestimmt die Handlung jeder einzelnen Geschichte und hat auf die Zuhörer stets eine wundersame, fast märchenhafte Wirkung. Es ist dasselbe Motiv, das auch die Erinnerungen der Patienten miteinander verbindet.

Doch nimmt das Märchenhafte in der Gegenwart der Klinik etwas Beunruhigendes, etwas Bedrückendes an. Rosenthal, die wohl tragischste Figur des Romans, erträgt es nicht, nach so langer Zeit des Vergessens sich wieder zu erinnern und von seinem Leiden zu reden. So wird die Musik zwar zu einer Art Therapie, doch keinesfalls zur Katharsis des Patienten. Eines Nachts, im Winter, setzt er sich nackt vors offene Fenster seines Zimmers und wartet, bis ihn die Kälte tötet. Es ist vielleicht die einzige Art, in der Klinik Selbstmord zu begehen – aber zugleich erinnert dieser Tod an einen seiner ihn quälenden Träume. In jenem Traum ist er zurück im Lager, erneut der eisernen Kälte ausgesetzt. Da es plötzlich völlig verlassen zu sein scheint, versucht er zu fliehen. Doch sobald er einen Stacheldrahtzaun überwunden hat, gelangt er an einem neuen an, wieder und wieder: »Verzweifelt frage ich mich, ob es meine Schritte sind, die mich fortdauernd zurückführen, oder ob sich tatsächlich jenseits des Lagers ein weiteres Lager erstreckt und jenseits von diesem noch eines und endlos so weiter, die gesamte Oberfläche der Welt bedeckend.«*

Trotz des relativ schmalen Figurenpersonals – im Grunde beschränkt auf den Pianisten, die Krankenschwester, den Direktor und vier, fünf Patienten – handelt es sich durch die Überlagerung von Zeitebenen, den Einschub episodenhafter Erinnerungen, die komplexe, durchaus kohärente Erzählstruktur um einen ungemein vielschichtigen Text. Die Handlung spielt sich auf insgesamt vier narrativen Ebenen ab, aber selbst innerhalb dieser Ebenen bleibt der Erzähler nicht immer derselbe. Der Haupthandlungsstrang – das Klinikleben – ist im Wesentlichen ein ganz einfacher, doch wird er dank dieser Verknüpfung vieler kleiner Puzzlestücke auf verschiedenen Zeit- und Erzählebenen geschickt angereichert. Es sind narrative Ausflüge, die nur wenige Seiten einnehmen, und dennoch bieten sie häufig ausreichend Stoff für Geschichten, die für sich stehen könnten.

Was den Roman außerdem so gelungen macht, ist sein sensibler Umgang mit der Sprache. Nie tendiert er zu kitschigen oder melodramatischen Darstellungen – trotz der Schwierigkeit, etwa die Virtuosität der Musik, das Mysterium des stummen Pianisten oder den Schmerz Rosenthals wiederzugeben. Die Bilder sind stets geglückt. Zum Beispiel jenes von der Verschwiegenheit des alten Mannes: Er folge demselben »Instinkt, der ein Tier dazu treibt, sich im Erdboden zu verstecken, um nicht zerdrückt zu werden. So tun, als sei man ein Stein, verstehen Sie? Oder mehr noch: ein Stein werden, denn wenn in mir noch etwas Weiches und Nachgiebiges bliebe, wäre dieses Etwas einem unerträglichen Leiden ausgesetzt«. Die einzelnen Geschichten haben alle für sich genommen eine ergreifende Erzählkraft und sind auf kluge Art zu einem Ganzen zusammengefügt. Was den Text so märchenhaft macht, ist, dass dieses Ganze kein rationales ist: Am Ende bleiben sämtliche Fragen offen, und der Protagonist hat manchmal etwas vom Kleinen Prinzen, nur unendlich viel tragischer. Der stumme Pianist ist somit eine überzeugende Mischung aus Drama und Märchen und als solche sehr empfehlenswert.

Paola Capriolo, 1962 in Mailand geboren, schreibt für den Kulturteil des Corriere della Sera und ist als Übersetzerin tätig, insbesondere aus dem Deutschen: Goethe, Schnitzler, Kafka, Thomas Mann. 1988 debütierte sie als Schriftstellerin mit dem Erzählband La grande Eulalia. Stets bei namhaften Verlagen hat sie seither zahlreiche Werke veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt und mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. In ihren Geschichten, die allesamt etwas Mysteriöses, Mythisches oder Märchenhaftes bergen, sind die Vergänglichkeit des Lebens und die Flucht aus der Realität wiederkehrende Motive. Paola Capriolo selbst definiert ihre Literatur als »maximalistisch«, im Sinne von »nicht minimalistisch«: »Ich glaube an eine Literatur, die noch fähig ist, sich den großen Themen des Menschen zu stellen«.

* Die Übersetzungen aus dem Italienischen stammen von mir.

Paola Capriolo: Il pianista muto. Bompiani, Mailand 2009, 222 Seiten. / Paola Capriolo: Der stumme Pianist. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn. Edition Elke Heidenreich, München 2011, 208 Seiten.

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12 Kommentare zu „Paola Capriolo: Der stumme Pianist

    1. Liebe Petra, du kannst dich tatsächlich daran erinnern? Ich selbst hatte von diesem Fall nie etwas gehört, bis ich das Buch in die Hände bekam und daraufhin etwas Recherche betrieb. Recht hast du auf jeden Fall: Der Stoff ist es wert, erzählt zu werden, und Paola Capriolo hat dies auf sehr überzeugende Weise getan.

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  1. Oh, super Rezension! Ich hab gerade beim Verlag um ein Leseexemplar angefragt und bin gespannt, ob ich es bekomme. Nach deiner Besprechung hoffe ich umso mehr darauf!

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    1. Danke für den lieben Kommentar. Ich wünsche dir sehr, dass du das Buch bekommst, es lohnt sich sehr! (Auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie gut die deutsche Übersetzung ist). Bin schon jetzt gespannt auf deine Meinung.

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    1. De rien, liebe Klappentexterin, es freut mich, dass ich dir den Anbruch des Tages ein wenig versüßen konnte. Die Teetasse zaubert einem ein Lächeln auf die Lippen. Ich wünsche dir auf für den Rest des Tages schöne Momente und Gedanken.

      Liebe Grüße,
      caterina

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  2. Ah, an den Fall damals kann ich mich auch noch erinnern … allerdings hatte ich bisher noch nicht gehört, dass es mittlerweile auch einen Roman dazu gibt.
    Danke für die interessante Rezension! Bei so viel Überzeugungskraft komme ich wohl nicht daran vorbei, dass Buch so schnell wie möglich zu kaufen.

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    1. Offenbar bin ich die Einzige, die das damals nicht mitbekommen hat 😉
      Es freut mich, dass meine Rezension dich überzeugt hat. Und ich bin gespannt auf deinen eigenen Leseeindruck! Liebe Grüße

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