Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen

Die Wunden der Vergangenheit

Selten in meinem Leben als Leserin – und so gut wie nie in letzter Zeit, in der ich mit einem aufmerksameren und vielleicht auch kritischeren Blick lese – sind mir so wirkungsvolle und fulminante erste Seiten begegnet wie im Falle von Ogni promessa (»Jedes Versprechen«, voraussichtlich im Sommer 2012 bei dtv)*, dem siebten Buch – nach vier weiteren Romanen und zwei Reportagen – des in Rom geborenen und in Turin lebenden Schriftstellers Andrea Bajani.

Der Roman beginnt mit einem Ende: das Ende der Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler Pietro und dessen Freundin Sara. Es genügen wenige Zeilen, um zu erzählen, wie sie zusammenziehen, wie sie vor den Nachbarn die Rolle des perfekten Paares spielen, wie ein gemeinsames Kind das Glück vervollkommnen soll. Doch dieses Kind kommt nicht, an seine Stelle tritt eine Leere, die sich wie eine unsichtbare Präsenz zwischen Pietro und Sara schiebt: »Jeden Monat fiel unser Wir zu Boden und zerbrach, und durch das viele Zusammenkleben ließ es sich am Ende nicht mehr reparieren«. Sara geht, und Pietro bleibt allein zurück in der Wohnung.

Doch ist Ogni promessa keine Liebesgeschichte. Die (gescheiterte) Liebesgeschichte wird lediglich in diesen ersten eindrucksvollen Seiten angedeutet – Seiten, in denen sich die außergewöhnliche sprachliche und erzählerische Kraft des Romans verdichtet. Hier, am Ende einer Geschichte, beginnt eine andere: die Freundschaft zwischen Pietro und Olmo, einem alten Herren, der nun in der Wohnung lebt, in der der Protagonist seine Kindheit verbrachte. Eines Tages befindet sich Pietro vor dem Haus und klingelt, tritt ein in die Wohnung, die einst seine war und jetzt Olmo gehört, so anders und trotzdem wiedererkennbar, trotzdem noch irgendwie seine. Scheinbar grundlos kehrt er von nun an jeden Tag dorthin zurück und hört sich Olmos Erzählungen an. Denn neben der Wohnung gibt es noch etwas anderes, das sie verbindet: eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Olmo war Soldat im Zweiten Weltkrieg – ebenso wie Pietros Großvater Mario, der genau in jenen Tagen stirbt, in denen das gemeinsame Leben von Pietro und Sara erneut in zwei einzelne Leben zerfällt. Und mit dem Tod kommen die Erinnerungen an diesen so schweigsamen, ungreifbaren Großvater, von dem Pietro so gut wie nichts wusste (und was konnte er als Kind schon verstehen?). Als Mario von der Front zurückkehrte, war er nicht in der Lage, sein früheres Leben wiederherzustellen, zur Normalität überzugehen, als wenn nichts gewesen wäre; für ihn ging der Krieg nie vorüber.

Ihn verfolgten die Bilder des Krieges ebenso, wie sie Olmo verfolgen. Nicht nur innere, sondern bis in die Gegenwart aufbewahrte materielle Bilder: wie jenes des erhängten russischen Jungen und der italienischen Soldaten links und rechts des improvisierten Galgens – Olmo hinter der Kamera. An den Nachmittagen mit Pietro versucht er vergebens, das Puzzle seiner Erinnerungen zusammenzusetzen, mit Hilfe von Karten, Fotografien, Zeichnungen. Zum Schluss reist Pietro mit dieser mühsam zusammengeflickten Vergangenheit nach Russland, auf der Suche nach Antworten – auf Olmos Fragen und auf seine eigenen.

Ogni promessa erzählt von einer Vergangenheit, die tiefe Wunden hinterließ, von der Unmöglichkeit sich an sie zu erinnern, aber auch von der Unmöglichkeit sie zu vergessen. Ein melancholischer, stiller, unendlich poetischer Roman über das schwierige (kollektive, vor allem aber individuelle) Gedächtnis jenes radikalen Zivilisationsbruchs, den der Zweite Weltkrieg darstellt.

* Nachtrag 01/12/2011: Der Roman erscheint unter dem Titel Liebe und andere Versprechen im April 2012 bei dtv.

Andrea Bajani: Ogni promessa. Torino: Einaudi, 2010, 252 Seiten. / Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen. Aus dem Italienischen von Pieke Biermann. dtv, München 2012, 340 Seiten.

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13 Gedanken zu “Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen

  1. Es ist wohl dieser tiefe und unüberwindbar scheinende Zwiespalt zwischen der Notwendigkeit, sich zu erinnern und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, es zu tun: Die Verdängung kann Wunden nur mit einem leichten Film überdecken, umso schmerzhafter wird der Prozess ihrer Überwindung. Mir scheint, dass es Bajani gut gelungen sein muss, die Unverständlichkeit des Zivilisationsbruches schreibend darzustellen, in all seinen Facetten.
    Zwei Assoziationen hat deine Rezension spontan bei mir ausgelöst: Borcherts „Draußen vor der Tür“ und Frabrizio de Andres‘ „La Guerra di Piero“ – beides von mir geliebte Zeugnisse des Krieges, sinnlosen Sterbens und dem Verlust der Heimat und eigenen Identität.
    Wenn der Roman im nächsten Jahr auf Deutsch erscheint, werde ich ihn definitiv kaufen. Danke für diesen wertvollen Tipp, in Sachen italienische Literatur bist du wirklich mein Insider Nummer eins 😉

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    1. Zunaechst einmal schoenen Dank an die Suffleuse, „Zivilisationsbruch“ war natuerlich das Wort, das ich suchte und heute morgen beim eifrigen Uebersetzen nicht fand – nicht „Gesellschaftsbruch“.
      Das Interessante an Bajanis Roman ist, dass er ganz und gar nicht den Krieg an sich – sprich die Vergangenheit – erzaehlt, sondern die Gegenwart; davon, wie der Krieg noch praesent ist, obwohl er eigentlich schon vorueber ist. Somit wuerde ich Ogni promessa nicht als klassisches „Zeugnis des Krieges“ einordnen (Szenen des Krieges werden nicht dargestellt), und doch ist diese Bezeichnung/Einordnung natuerlich keineswegs falsch, denn das, was der Krieg ausloest, hoert nicht mit dem Krieg – mit der eigentlichen Kampfhandlung – auf, sondern lebt noch viele Jahre und Jahrzehnte in den betroffenden Generationen und den nachfolgenden weiter.
      Borchert habe ich nicht gelesen; Fabrizio De André hingegen ist mir natuerlich nicht unbekannt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir noch nie genau den Text angeschaut habe. Ich finde es sehr interessant, dass du unter „geliebte Zeugnisse des Krieges“ auch ein Lied auffuehrst (aber im Falle von De André kann man die Liedtexte natuerlich auch als Gedichte betrachten). Danke fuer diesen wunderbaren Hinweis.
      Freut mich, dass ich dein Insider zu italienischer Literatur bin. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eigentlich gar nicht so fit darin bin. Ich mag mich nur ungern auf Nationen und Sprachen eingrenzen, so dass ich die italienische Literatur nie wirklich ausgiebig unter die Lupe genommen habe. Vermutlich ist dies auch der Grund dafuer, dass ich bisher wenig kenne, das mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat. Aber Bajani ist in der Hinsicht schon mal ein wunderbarer Anfang…

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  2. In solchen Momenten bereue ich es, dass ich Italienisch nicht spreche/verstehe. Sonst würde ich gerne direkt zu dem Buch greifen. Denn Bajani als Autor beeidruckte mich schon mit seinen zwei Büchern, die auf Deutsch erschienen sind. Ich werde auch dieses Buch lesen wollen, liebe Caterina, und das ist Deine Schuld 😉
    Viele Grüße
    Bibliophilin

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    1. Ich habe gesehen, dass du selbst vor Kurzem Bajani gelesen und besprochen hast. Lorenzos Reise steht ganz oben auf meiner Liste, ich habe gehoert, es soll noch umwerfender sein. Aber damit will ich dich keinesfalls von der Lektuere von Ogni promessa abhalten, es lohnt sich allemal!
      Auch ich bedaure des Oefteren, bestimmte Texte nicht in Originalsprache lesen zu koennen, Einiges geht bei Uebersetzungen ja doch immer verloren (z.B. im Fall von Bajani bin ich sehr gespannt, wie sein eigentuemlicher, sehr poetischer Stil ins Deutsche uebertragen wird)… Aber man kann ja nicht alles haben 😉

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    1. Liebe Bücherliebhaberin,
      schön, dass es meine Rezension geschafft hat, dich für diesen Autor zu gewinnen. Es lohnt sich, ihn zu entdecken (ich selbst habe ja auch noch all seine anderen Bücher vor mir)! Solltest du eines Tages tatsächlich zu einem seiner Bücher greifen, würde ich mich sehr über eine Notiz zu deinen Leseeindrücken freuen.
      Alles Liebe
      caterina

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  3. Mal unabhängig von dem Buch, dessen Besprechung sich aus deiner Feder ganz wunderbar liest (!): Wie heißen eigentlich die großen Verlage in Italien? Ich kann kein Italienisch, doch dadurch, dass du auch italienische Bücher liest, bin ich nun neugierig geworden, wie das dort mit den Verlagen ist. Sind die italienischen Verlage vergleichbar mit den deutschen? Und gibt es da einen Verlag, dessen Programm du besonders magst?
    Gespannte Grüße,
    Ada

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    1. Liebe Ada, eine spannende Frage und man könnte, glaube ich, ziemlich viel zu diesem Thema schreiben (genauso viel wie man zur deutschen Verlagslandschaft schreiben könnte). Ich will es bei einigen – den wichtigsten – Namen belassen…

      Der größte Verlag ist Mondadori, er gehört zu Berlusconis Medienimperium und hat viele weitere große und kleine Verlage unter sich (vergleichbar mit der Random-House-Gruppe). Abgesehen von der Tatsache, dass er dem Berlusconi-Clan gehört und dass es somit hin und wieder zu politisch motivierten Konflikten kommt (z.B. mit Roberto Saviano, der nach seinem Welterfolg Gomorra den Verlag verlassen hat), ist das Programm inhaltlich durchaus überzeugend: Unterhaltungsliteratur und populäres Sachbuch auf hohem Niveau, kommerziell und trotzdem qualitativ anspruchsvoll, (auch) visuell gut aufbereitet.

      Zur Mondadori-Gruppe gehört seit Mitte der 90er Jahre (leider) auch der Turiner Einaudi-Verlag (der u.a. eben Bajani veröffentlicht), Anlaufstelle für die antifaschisten Intellektuellen in den 40er Jahren und einer der einflussreichsten Verlage in der Nachkriegszeit. Inhaltlich nach wie vor große Klasse, ein bisschen wie Diogenes (auch optisch), würde ich sagen, oder auch wie Rowohlt, mit dem er viele amerikanische Autoren gemein hat.

      Der große Gegenpart zur Mondadori-Gruppe ist Feltrinelli, der seit seiner Gründung in den 50er Jahren der politischen Linken verbunden ist. Interessant auch für die deutsche Literatur, da Giangiacomo Feltrinellis Frau Inge Deutsche ist und bis heute – trotz ihres hohen Alters – mit beachtlichem Eifer in der Verlagsarbeit mitmischt. Hervorragendes Programm, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, sowohl junge Literatur als auch Klassiker.

      Es gäbe natürlich noch viele andere Verlage, die man erwähnen könnte (Guanda und Neri Pozza haben zum Beispiel ein sehr ansprechendes Programm) – auch unabhängige Verlage jenseits der großen Gruppen, auch wenn ich mich in diesem Bereich nicht so gut auskenne, da sie hier in Italien leider noch weniger wahrgenommen werden als in Deutschland (das ist zumindest mein Gefühl).

      Was im Vergleich zu Deutschland sonst noch auffällt, ist die schwache Präsenz von Kinderbuch- und Hörbuchverlagen. Kinderbücher verkaufen sich – abgesehen von den populären Jugendromen vor allem im Fantasy-Bereich – deutlich schwerer als bei uns, und die Hörbuchkultur ist so gut wie inexistent im Vergleich zum deutschen Markt. Aber der Buchmarkt ist generell in Italien etwas schlechter dran als in Deutschland, man liest hier deutlich wenig (das gilt auch für Zeitungen) und guckt deutlich mehr Fernsehen.

      Ich hoffe, ich habe dir mit dieser kurzen „Einführung“ einen Einblick ins italienische Verlagssystem verschaffen können. Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung 😉

      Alles Liebe,
      Caterina

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      1. Liebe Caterina,

        ich danke dir herzlich für diese kleine Einführung in die italienische Verlagswelt und auch für die Mühe, die du dir damit gemacht hat. Ich finde es sehr interessant, etwas darüber zu erfahren, da ich bisher nie darüber nachgedacht habe, wie das in anderen Ländern aussehen könnte. Daher wundert es mich auch ein wenig, dass Kinderbücher in geringem Maße verlegt werden. Ich dachte, die Verhältnisse wären zumindest in den europäischen Ländern vergleichbar. Und dass die Italiener weniger Zeitung lesen, überrascht mich auch, doch das hängt wahrscheinlich mit dem Klischee zusammen, dass Italiener gerne in Cafes sitzen, ihren Espresso trinken und dabei Zeitung lesen 😉
        Ich werde gleich mal nach ein paar von dir genannten Verlagen im Netz suchen, da mich vor allem die Covergestaltung interessiert (die Sprache verstehe ich leider nicht).

        Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende,
        Ada

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  4. Das ist eine sehr schöne Besprechung und ich werde mir das Buch vormerken.

    Italienische Autoren sind bei uns teilweise immer noch ziemlich rar, finde ich jedenfalls. Deshalb schaue ich öfters in eine Buchhandlung, wenn ich mich in Italien aufhalte. Feltrinelli hat ein sehr gutes Verlagsprogramm, vor allem auch bei den italienischen Klassikern.

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    1. Ja, da hast du leider Recht, italienische Autoren sind auf dem deutschen Buchmarkt tatsaechlich eher duerftig vertreten, wenn man mal vom Krimigenre absieht. Ich muss aber gestehen, dass ich selbst nicht so viel italienische Literatur lese, wie man es von einer ehemaligen Studentin der Italienischen Philologie annehmen sollte. Aus diesem Grund habe ich bisher auch nur sehr wenige Autoren entdeckt, die ich schaetze. Bajani ist natuerlich dabei und zum Beispiel der auch in Deutschland nicht ganz unbekannte Andrea De Carlo. Wen liest du gerne?

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      1. Vor vielen Jahren habe ich die Romane von Ignazio Silone gelesen. Entdeckt habe ich vor kurzem Teresa De Sio. Ganz toll wie sie schreibt. Ausserdem mag ich die sardische Schriftstellerin Milena Agus und Niccolò Ammaniti. Zu den Klassikern gehören dann auch noch Luigi Pirandello. Andrea de Carlo mag ich auch. Er ist sicher der bekannteste italienische Autor im deutschsprachigen Raum neben Umberto Eco.

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      2. Oh, außer Pirandello natürlich und Ammaniti, dessen Io non ho paura mich übrigens nicht so begeistern konnte wie das breite Publikum, kenne ich keinen der Namen, die du aufgeführt hast. Ich sage ja: Was zeitgenössische italienische Literatur betrifft, bin ich erschütternd ahnungslos. Wie dem auch sei, als Klassiker fielen mir da übrigens noch Cesare Pavese und Alberto Moravia ein, und auch Elsa Morantes La Storia fand ich beeindruckend.

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