H. G. Adler: Panorama

Zehn Ausschnitte einer zermenschenden Wirklichkeit

Roman in zehn Bildern lautet der Untertitel von H. G. Adlers Werk. Im Vorbild »Der Besuch im Panorama« begibt sich Josef Kramer gemeinsam mit seiner Großmutter in ein Panorama, einen Laden, in dessen Hinterzimmer Fotografien von fernen Orten, Meeren, Gebirgen projiziert werden. Und wie vor den Augen des Jungen die Bilder im Guckkasten vorbeiziehen, er sich in die fremden Welten hineinversetzt fühlt, sie anfassen, riechen, schmecken möchte und sich doch nicht rühren darf, um nicht die anderen Zuschauer zu stören, so zieht sein Leben in zehn Bildern am Leser vorbei, mal ergreifend, mal derart entrückt vom Protagonisten, dass sie vielmehr wie das Porträt einer Gesellschaft erscheinen als die Geschichte eines Lebensweges.

Die zehn Bilder sind chronologisch angeordnet und zeichnen H. G. Adlers eigene Erfahrungen nach: Sie erzählen von der Kindheit in Prag, den Entbehrungen des Ersten Weltkrieges, vom Aufenthalt in einer Art Militärkaserne und der Zugehörigkeit zu einer Pfadfindergruppe, vom Kontakt zu mystischen Kreisen während des Studiums der Philosophie, von der kurzen Anstellung in einem Kulturhaus im Anschluss an die Promotion, von der Deportation ins Zwangsarbeits- und wenig später ins Konzentrationslager und schließlich vom Exil in England. Das Panorama ist hierbei ein wiederkehrendes Motiv, das – wie Jeremy Adler, der Sohn des Autors, im Nachwort schreibt – die traditionelle Handlung ersetzt.

Denn anstelle einer Schilderung von Ereignisverläufen, einer Geschichte im eigentlichen Sinne, bietet sich dem Leser eine Montage von Lebenssituationen: Die zehn Bilder erscheinen wie Fotografien, die zwar entlang von Josefs Leben aufgenommen wurden, nun jedoch in einem Album zusammengefügt sind, ohne dass der Zeitraum zwischen diesen Wirklichkeitsausschnitten abgebildet wird. Die einzelnen Episoden sind gewissermaßen aus dem Kontext gerissen, sie stehen da ohne Vor- oder Nachgeschichte: In einem Bild sehen wir den soeben promovierten Josef verloren in den Wirren des Kulturinstituts, im nächsten schon haust er in einer Baracke und tritt zum Bau einer Eisenbahnlinie an.

Dieses Fragmentarische gilt nicht nur für den Roman – Josefs Leben – in seiner Gesamtheit, sondern zieht sich fort in jedem einzelnen Kapitel, jeder einzelnen Episode. Nur einen ausschnitthaften Einblick erhält der Leser in die verschiedenen Stationen, wie durch ein Fenster schaut er für wenige Tage auf sie, wird – durch die Augen Josefs – Zeuge von generellen Abläufen und Verhältnissen. Nicht Josefs eigenes Handeln steht also im Zentrum, sondern seine Wahrnehmung der Geschehnisse, seine Annahmen zur Natur des Menschen im Lichte der eigenen Erfahrungen. Dieses Fehlen einer Handlung, dieser reflexive Charakter der Erzählung spiegelt sich auf formeller Ebene im Gebrauch der Sprache: Worte und Sätze werden atemlos aneinandergereiht, Punkte erscheinen nur am Ende eines jeden Paragraphen. Ein Joycescher Bewusstseinsstrom, der – genau wie im Falle des irischen Schriftstellers – streckenweise erschöpft, an anderen Stellen wiederum eine bemerkenswerte Wirkung hat.

Letzteres gilt vor allem für jene Kapitel, in denen dieses Dahinströmen der Worte als eine Versprachlichung der jeweiligen Atmosphäre gedeutet werden kann. Dies ist etwa der Fall auf den ersten Seiten, wo der Redefluss der eines ratlosen Kindes ist, das sich vergebens bemüht, die so undurchsichtige und widersprüchliche Erwachsenenwelt zu begreifen. Oder im Abschnitt über das Kulturhaus, das dem eigenen geschäftigen Treiben eine ungeheure Bedeutung beimisst und doch kaum mehr als leeres Geschwätz hervorbringt. Und schließlich dort, wo sich der Autor mittels des fiktiven Lebensweges Josefs mit der eigenen Holocaust-Erfahrung auseinandersetzt: In diesem letzten Punkt besteht in meinen Augen die größte Stärke des Romans.

[…] die Verlorenen stehen außerhalb gesetzlicher Bestimmung und Forschung, jeder Versuch eines Hineindenkens ist müßig, denn alles ist fremd und unbegreiflich, was an Leben zwischen den Drähten eingesammelt ist, vom Dasein der Verlorenen ist nichts in eine Sprache zu übertragen, die draußen jemand verstünde; die Verlorenen selbst wissen das nicht, denn sie haben eine Sprache, viele Sprachen sogar, abgeleitet von Sprachen, die draußen in der Welt den Menschen zum Umgang dienen, aber zwischen den Drähten sind diese Sprachen verarmt, nur wenig bezeichnen sie und haben sich auf knappe Wendungen beschränkt, in denen der kunstvolle Aufbau kaum mehr gefühlt wird, wovon sie abgeleitet sind, es ist eine kriechende Sprache, die Wörter sind hart, gebellt werden sie hervorgestoßen, dies beim Flüstern sogar, die Sprache reiht sich nicht in Ketten verbundener Sätze, die Rede der Verlorenen fließt nicht, sie deutet nur an oder packt, sonst sind es Schreie, gezückte Flammen, geschleuderte Stiche.
Unter den Verlorenen sind alle Formen ungültig geworden, denn Verwesung ist formlos, und man hat die Verlorenen zur Verwesung verurteilt, man hat ihnen alle Haare abgekneipt, mit stumpfen Geräten hat man sie vom Leibe geschabt, man hat die Verlorenen in Birkenau entkleidet, ihre Schuhe und Kleider liegen wie fetter Dünger auf dem kalten Boden von Beton […].

Wie zahlreiche weitere Schriftsteller, die sich dem Thema annäherten, bricht auch Adler mit einer realistischen Darstellung, findet eine neue Form, eine neue Sprache, um das darzustellen, was durch unsere traditionellen Denkkategorien nicht mehr zu entschlüsseln ist. Wortbildungen wie »Menschenspeicher« und »zermenschte Geschöpfe« sind erschütternde Bilder für ein Vernichtungssystem von derart ungeheuerlichen Ausmaßen, dass noch lange nach Ende des Krieges und trotz – oder gerade wegen – einer wachsenden Fülle an Fakten und Zeugenberichten von einem »unsagbaren« und gar »unvorstellbaren« Ereignis die Rede ist. Dass Josef (und letztlich ja ebenso der Autor selbst) nicht von dieser Tötungsmaschinerie zermalmt wird, liegt einzig an seinem Willen zu überleben, nicht zu den »Verlorenen« (Primo Levi nennt sie die »Untergegangenen«) zu gehören, um Zeugnis ablegen zu können für die Nachwelt. Seine Strategie besteht in der geistigen Betätigung: Dieses Festklammern an der Essenz des menschlichen Daseins – der Menschlichkeit – erlaubt es ihm, das, was um ihn und mit ihm geschieht, zu beobachten, festzuhalten, zu deuten.

Jüdisches Leben oder religiöse Betrachtungen stehen dabei keineswegs im Vordergrund des Textes, im Gegenteil; dass Josef Jude ist, findet überhaupt erst Erwähnung bei seiner Deportation ins Zwangsarbeitlager. Und doch ist dieses Buch von großer Bedeutung für die (historisch-literarische) Frage nach der jüdischen Identität, da es meines Erachtens eines der eindrücklichsten Zeugnisse der Lagererfahrung darstellt. Adler wurde Anfang 1942 in das Theresienstädter Ghetto, zweieinhalb Jahre später nach Auschwitz und zuletzt in zwei Nebenlager von Buchenwald deportiert. Seine 1955 veröffentlichte Studie zu Theresienstadt gilt noch immer als Standardwerk (im Roman Austerlitz zitiert W. G. Sebald umfassend aus ihr), doch was sein schriftstellerisches Schaffen betrifft, ist Adler noch zu entdecken. Dabei steht sein literarischer Aufarbeitungsversuch bekannteren Texten dieser Art – etwa von Elie Wiesel, Imre Kertész oder eben Primo Levi – in nichts nach.

Obgleich einige Kapitel – etwa »Das Turmzimmer«, das ins allzu Philosophische abgleitet – deutlich schwächer sind als andere und das Buch im Ganzen ein wenig zu lang geraten ist, beeindruckt esdurch das kluge Kompositionsprinzip und die sprachgewaltige Erzählung. Die »Bilder« zur Lagererfahrung sind dabei von besonderer Dichte, dennoch soll der Text keinesfalls auf den Aspekt der Holocaust-Verarbeitung reduziert werden: Wie Jeremy Adler hervorhebt, ist Panorama – zusammen mit den anderen beiden Teilen von H. G. Adlers autobiographisch inspirierter Romantrilogie, Eine Reise und Die unsichtbare Wand – vielmehr als ein »Versuch« zu betrachten, »mit dem Leben im 20. Jahrhundert ins reine zu kommen«. Denn die Gefahr des »Zermenscht«-Werdens – davon zeugt das Buch auf eindrucksvolle Weise – geht gewiss nicht einzig vom nationalsozialistischen Regime aus.

H. G. Adler: Panorama. Zsolnay, Wien 2010, 624 Seiten.

Der Artikel ist zuerst auf dem Gemeinschaftsblog Jüdische Lebenswelten erschienen.

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