Elsa Morante: Arturos Insel

Der Fänger im Roggen von Procida

Da mich Elsa Morantes monumentales Werk La Storia zutiefst beeindruckte, griff ich nun, einige Jahre später, zu Arturos Insel (L’isola di Arturo), in deutscher Sprache im Wagenbach Verlag erschienen. Was beginnt wie ein Märchen, in dem die Welt hinter einem Schleier des Zaubers erscheint, erweist sich als ein Coming-of-Age-Roman und erinnert tatsächlich streckenweise an einen der wohl bekanntesten Vertreter dieses Genres, The Catcher in the Rye. Diese Parallele zu Salingers hoch gelobtem Werk meine ich jedoch keineswegs als Auszeichnung für das Buch der italienischen Schriftstellerin. Denn schon der junge Holden Caulfield schien mir seinerseits von einer solch unerträglichen Launenhaftigkeit, dass sie mir die Lektüre verdarb.

Ganz ähnlich erging es mir nun mit dem Helden und Ich-Erzähler des 1957 (sechs Jahre nach dem Fänger im Roggen) erschienenen Romans von Morante, Arturo Gerace. Er wächst auf der kleinen Insel Procida auf, im Golf von Neapel nicht weit von Ischia gelegen; die Welt jenseits der Insel kennt er lediglich aus seinen Büchern – Abenteuergeschichten, Sagen, Atlanten. Er träumt davon, ferne Ozeane und Kontinente zu bereisen, genau wie sein eigenbrötlerischer Vater Wilhelm, der nie lange zu Hause verweilt. Arturos Kindheit ist von der Abwesenheit des Vaters geprägt. Doch handelt sich es keinesfalls um eine negativ wahrgenommene Leerstelle; für den Jungen stellen die Reisen Wilhelms vielmehr eine Verheißung dar: Eines Tages wird er ihn begleiten und gemeinsam mit ihm die ganz und gar fantastische Welt erkunden.

Der erste Teil des Romans erweist sich denn auch als wunderbares Märchen über das Glück, den Reichtum, die vollkommene Freiheit eines Kindes, das jenseits aller gesellschaftlichen Normen aufwächst. Die Mutter starb bei Arturos Geburt, der Vater sucht alsbald das Weite. Doch weil er keine andere Form des Familienlebens kennt, verspürt Arturo niemals Einsamkeit, das Alleinsein ist sein natürlicher Zustand. Abgesehen von einem männlichen Kindermädchen, das ihn in den ersten Jahren aufzieht und ihm das Lesen beibringt, verbringt Arturo seine Kindheit ohne jegliche Erziehung und Aufsicht, ohne Pflichten und ohne nennenswerten Kontakt zu den Inselbewohnern, die er – wie sein Vater – verachtet und meidet. Sein Zuhause sind einerseits die Bücher und andererseits die Natur, der Strand, das Meer, die Klippen.

Dem Vater gegenüber empfindet Arturo keinen Groll, sondern tiefe Bewunderung. In seiner sagenhaften Ungreifbarkeit, seinem schweigsamen und gleichgültigen Wesen, seiner Schönheit und seinem überlegenen Auftreten erscheint Wilhelm Gerace in den Augen des Sohnes wie ein Gott, ein unerreichbares Vorbild. Selbst in den langen Zeiten der Abwesenheit Wilhelms ist Arturo glücklich, Tag für Tag verbringt er in freudiger Erwartung auf die Rückkehr des Vaters. Und auf das Ende seiner Kindheit, jener Zeit, in der ihn jeder – allen voran der eigene Vater – lediglich als Knabe betrachtet, dem der Zugang zur Welt der Erwachsenen verwehrt ist.

Dieser erste Teil des Buches lebt von der Magie, die der Wahrnehmung von Momenten, Orten und Personen zugrunde liegt. Da ist das Gut der Gerace, ein einstiges Kloster, in dem sich Schmutz und Gerümpel anhäufen und Vögel ihre Nester bauen, doch das gerade dank dieser Ästhetik des Verfalls etwas Verwunschenes hat. Da ist die raue Natur der Insel, die so reich an Möglichkeiten ist, dass Arturo nie das Bedürfnis verspürt, anderes zu tun als sie zu wieder und wieder zu erkunden, zu erleben. Und schließlich ist da Wilhelm, zu dem Arturo umso mehr aufsieht, je ungreifbarer er ist. Diese Vater-Sohn-Beziehung mag sonderbar sein in unseren Augen, zugleich ist sie jedoch überaus berührend.

Doch wird dieser Zauber der Kindheit – und mit ihm der Zauber der Geschichte – zerstört, als Wilhelm eines Tages (Arturo ist inzwischen vierzehn) sich erneut verheiratet, mit der einfachen und tief religiösen Neapolitanerin Nunzia, kaum zwei Jahre älter als ihr Stiefsohn. Angesichts der neuen Familiensituation und der ungewohnten Anwesenheit einer Frau schwankt Arturo Gerace von Kapitel zu Kapitel zwischen vollkommener Glückseligkeit einerseits und unsagbarem Leid andererseits. Diese innere Zerrissenheit ist – wie schon bei Holden Caulfield – nicht nur anstrengend in ihrer Radikalität (Nuancen gibt es zwischen den beiden Extremen kaum, geschweige denn einen Moment der Ruhe für den Helden, oder für den Leser), ihre Darstellung wird auch unangenehm in die Länge gezogen: Während der Kindheitsmythos gerade einen Fünftel des Buches ausmacht, muss der Leser weitere dreihundert Seiten lang Arturos egozentrisches Gehabe über sich ergehen lassen.

Noch am Nachmittag der Ankunft begegnet Arturo seiner jungen Stiefmutter aufgeschlossen und freundschaftlich, doch ein leiser, fast animalischer Schrei in der Nacht – es ist die Hochzeitsnacht von Wilhelm und Nunzia – macht etwas in ihm kaputt, weckt in ihm ein unbestimmtes Gefühl von Hass und Verachtung. Ab dem Morgen darauf ist sein Verhältnis zu der jungen Frau ein feindseliges, er meidet sie oder aber gibt ihr schroffe Befehle. Weil seine Kenntnis menschlicher Empfindungen einzig aus Abenteuerromanen stammt, kann Arturo selbst sein Gefühl nicht deuten, kann nicht wissen, dass es das Gefühl der Eifersucht ist, das ihn mit einem Mal packt. Er erträgt es nicht anzusehen, wie der Vater seine neue Frau liebkost, während Arturo in seinem Leben nie auch nur irgendeine Form von Zuneigung erfuhr.

Die feindselige Distanz, die Arturo zu seiner Stiefmutter hält und die diese – sich keiner Schuld bewusst – nicht begreift, findet erst mit der Geburt von Carmine, Arturos Halbbruder, ein Ende. Arturos Angst, die vor Schmerzen schreiende Nunzia würde – wie seine Mutter – sterben, wird gefolgt von einer umso größeren Freude angesichts des neuen Familienglücks. Doch ist es – abermals – ein Glück von kurzer Dauer: Eifersucht und Bitterkeit kehren bald zurück; Arturo, der nie mütterliche Küsse spürte und schmeckte, leidet an der Intimität zwischen Nunzia und ihrem Sohn. Erneut schottet er sich ab, flüchtet sich in die Natur. Und erneut folgt die Bekehrung – diesmal in Person einer fünf Jahre älteren Witwe, die unverhofft Arturos (er ist inzwischen sechzehn) Geliebte wird.

Als er zum ersten Mal mit ihr schläft und sich beim Höhepunkt auf die Lippen beißen muss, um nicht Nunzias Namen auszusprechen, begreift er, dass die Liebe, die er für sie empfindet, nicht einer Mutter, sondern einer Frau gilt. Der endlich erkannten Sehnsucht verleiht er Ausdruck, indem er Nunzia auf den Mund küsst. Doch nun ist sie – die stets, trotz seines schroffen Verhaltens, seine Nähe suchte – diejenige, die ihn von sich stößt, die verwerflichen Gefühle (auch die eigenen) nicht zulässt. Als wäre diese Geste der Zurückweisung nicht Qual genug für den emotional labilen Jungen, erfährt zur selben Zeit auch die Beziehung zu Wilhelm eine bittere Wende. Die mythisch besetzte Figur des Vaters erweist sich als Trugbild, als Fantasie Arturos, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung findet: Als willensschwacher, unterwürfiger Mann begegnet uns Wilhelm mit einem Mal, als eine zutiefst traurige Gestalt, die nie weiter als Neapel kam, wo sie vergeblich nach Liebe suchte.

In seinem Schmerz über diesen zweifachen Verrat – begangen von den einzigen Personen, die ihm etwas bedeuteten – verlässt Arturo überstürzt sein Zuhause. Es ist eine Flucht sowohl im räumlichen als auch im zeitlichen Sinne: eine Flucht von der Insel Procida, dem verlorenen Paradies; aber auch eine Flucht aus der Jugend, dieser Zeit der absoluten Einsamkeit, in der es – anders als in der Kindheit – kein freudiges Erwarten mehr gibt. Die Wahrnehmung der Insel ist folglich an die Gefühlswelt des Helden gebunden: Einst der magische Ort seiner Kindheit, erscheint sie jetzt abweisend und erbarmungslos, wird zum Spiegel seiner endgültigen Isolierung. Da alle menschlichen Beziehungen zerstört, alle Illusionen verloren sind, ist ein Leben – das Glück – auf Procida nicht mehr möglich.

Diese kluge Verknüpfung vom Prozess des Erwachsenwerdens einerseits und dem Verhältnis zur Natur andererseits ist eine der Stärken des Romans; eine weitere ist seine poetische Sprache. Ja, selbst das Grundgerüst der Geschichte, die wir hier lesen, birgt eine gewisse Faszination: die Geschichte eines Jungen, der bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr mit keinem weiblichen Wesen verkehrt und schließlich überwältig wird von sonderbaren, unbegreiflichen Empfindungen gegenüber seiner Stiefmutter. Doch ist Arturos emotionale Odyssee zwischen den Extremen ausgesprochen ermüdend; diese Wirkung ist vor allem auf die Ich-Perspektive zurückzuführen, die uns die abstruse Gedankenwelt des Helden in allen Einzelheiten offenbart. Das Märchen einer Kindheit jenseits gesellschaftlicher Schranken, das Morante uns zu Beginn erzählt, ist wunderbar gelungen; umso herber ist dagegen die Enttäuschung über den missglückten Coming-of-Age-Roman.

* Gerne hätte ich der Rezension ein oder zwei Zitate hinzugefügt, doch leider habe ich die deutsche Ausgabe nicht zur Hand, und stümpferhafte Übersetzungsversuche meinerseits will ich euch ersparen.

Elsa Morante: L’isola di Arturo. RCS, Mailand 2003, 382 Seiten. / Elsa Morante: Arturos Insel. Aus dem Italienischen von Susanne Hurni-Maehler. Wagenbach, Berlin 2009, 432 Seiten.

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2 Gedanken zu “Elsa Morante: Arturos Insel

  1. Das Buch weckt eine Sehnsucht in mir. Ich werde dem Summen nachgehen. Irgendwann. Ich bin noch unschlüssig, ob sie mich zu diesem Buch führen wird. Abstruse Gedankenwelten reizen mich, wenn sie denn gut sind (dies scheint hier fragwürdig), dann ist da auf der anderen Seite die poetische Sprache – deshalb schwanke ich ein bisschen. In jedem Fall danke ich für diese ausführliche und gute Rezension.

    Liebe Grüße zum Sonntag

    Klappentexterin

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    1. Ja, durchaus sind die Poetik und die abstrus-melancholischen Gedankenwelten dieses Buches sehr reizend. So auch das Magische der Inselkindheit (ich selbst bin ein Inselkind, nur fünfzig Jahre später…). Was mich störte, war das Launenhafte, das dem Helden jegliche Sympathie nahm (und ein ganz klein wenig Sympathie möchte man doch empfinden für den Helden, den man über 350 Seiten lang begleitet).

      Von Morante empfehle ich dir dagegen La Storia, wo die Schwere des Lebens (Hintergund ist der Einbruch des II. Weltkriegs in den Römer Alltag) in derselben poetischen, märchenhaften Art erzählt wird und grausamer Realismus und magische Elemente sich abwechseln.

      Auch dir einen schönen und erholsamen (Rest-)Sonntag.

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