Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

»Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen«

Dass das Schreiben und generell das Erzählen als Strategien gelten, um Angst, Leiden und Trauer zu verarbeiten, ist bekannt. Doch von einem literaturkritischen Standpunkt aus genügt eine schmerzliche Geschichte allein nicht, um ein gutes Buch zu machen – das zeigt die Fülle an literarisch banalen und kaum voneinander unterscheidbaren »Schicksalsromanen«. Das ganz und gar wundervolle Werk Der alte König in seinem Exil des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger zeugt dagegen von einer sprachlichen und formalen Brillanz, die es mindestens in gleichem Maße auszeichnet wie sein inhaltlicher Gehalt.

Arno Geiger - Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger erzählt in diesem knappen Buch von der Demenzkrankheit seines inzwischen 85-jährigen Vaters August, von der Schwierigkeit des Umgangs mit einer solchen Krankheit und zugleich von der Bereicherung, die sie für die Beziehung zwischen Vater und Sohn bedeutet. Geiger verzichtet auf eine Schilderung des physischen Verfalls und des Verlernens elementarer Tätigkeiten, die die Gefahr der Entwürdigung birgt; nur am Rande thematisiert er die zunehmende Entfremdung vom Körper.

Vielmehr konzentriert sich der Autor auf den Wandel des geistigen Vermögens seines Vaters, ohne diesen Wandel jedoch – und das ist das Beachtliche an diesem Buch – einzig als Verlust zu beklagen. Mit dem Fortschreiten der Krankheit fällt es dem Vater immer schwerer, logische Zusammenhänge zu begreifen, wodurch das gegenseitige Verständnis erheblich beeinträchtigt wird. Gleichzeitig spricht der Sohn allerdings von einer unbekannten Phantasie, Kreativität, ja Weisheit, die sein Vater mit einem Mal an den Tag legt. Ungewöhnliche Wortbilder schöpft er, gibt Äußerungen von sich, die sinnwidrig und weltfremd scheinen, doch auf ihre Art wundersam schlüssig sind. Das Buch lebt von Dialogfragmenten, die in ihrer bizarren Wahrheit und ihrer Poesie zum Lachen und zum Staunen anregen.

[…] das Ende des Lateins, das ich bekundete, konterte er, er selber befinde sich nicht am Ende des Lateins, sondern am Ende des Daseins. Dabei betonte er die Wörter so, dass die lautliche Verwandtschaft unüberhörbar war.

Und einmal, als ich ihn fragte, wie es ihm gehe, antwortete er:
»Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen.«

Wie war deine Kindheit, Papa?
Mhm. Gut. Harmlos. Was wir hatten, war alles eher primitiv, sowohl in der Art, der Menge als auch in der Wirkung.
Denkst du oft daran zurück?
Ich kann mich an manches erinnern, aber alles weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich habe mich abgesetzt von dem allem.

Die Krankheitsgeschichte lebt von dieser außergewöhnlichen Wahrnehmung des Autors. In der Tat schreibt Geiger: »da haben sich zwei gefunden, ein an Alzheimer erkrankter Mann und ein Schriftsteller«. So schwierig der Umgang mit dem Vater auch sein mag, so inspirierend und ungemein bereichernd ist er auch: »Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest«. Noch immer – das erkennt der Sohn – lernt er vom Vater, jetzt mehr denn je. Es kehrt eine Nähe zurück, die seit seiner Jugend verloren war. Wenn man schreibt, zitiert er nun Derrida, bittet man stets um Vergebung.

Aber auch die beschwerlichen Momente bleiben freilich nicht aus; diejenigen, die – trotz aller verborgener Komik, Poesie und Logik – zutiefst traurig und beunruhigend sind. Wie etwa die beängstigenden Halluzinationen des Vaters oder seine Unfähigkeit, sich in der vormals bekannten Welt zurechtzufinden, seine Skepsis gegenüber allem und jedem. Diese Fremdheit findet Ausdruck in dem stets wiederkehrenden Motiv des Zuhauses: Fortdauernd bekundet der kranke Vater, heimgehen zu wollen, doch das Heim ist, so Geigers Deutung, unwiederbringlich verloren:

Wo man zu Hause ist, leben Menschen, die einem vertraut sind und die in einer verständlichen Sprache sprechen. Was Ovid in der Verbannung geschrieben hat – dass Heimat dort ist, wo man deine Sprache versteht –, galt auch für den Vater in einem nicht weniger existenziellen Sinn. Weil seine Versuche, Gesprächen zu folgen, immer öfter scheiterten, und auch das Entziffern von Gesichtern immer öfter misslang, fühlte er sich wie im Exil. Die Redenden, selbst seine Geschwister und Kinder, waren ihm fremd, weil das, was sie sagten, Verwirrung stiftete und un-heimlich war. Der sich ihm aufdrängende Schluss, dass hier unmöglich Zuhause sein konnte, war einleuchtend. Und völlig logisch auch, dass sich der Vater nach Hause wünschte, überzeugt, dass das Leben dann sein würde wie früher.

Seine liebste Beschäftigung, sagt der Vater einmal, sei »heimgehen«, und ein anderes Mal: »Ich kann dir nur einen Rat geben: daheim bleiben und nicht fortgehen!«. Der Vater befindet sich in einem Exil, aus dem ihm die Rückkehr verwehrt bleibt und in dem die Erinnerung an die Heimat immer mehr verblasst. Nur manches Mal, in stetig seltener werdenden Momenten der Klarheit, ist sich der Vater seiner Entfremdung, seines körperlichen und geistigen Verfalls bewusst, dann sagt er erschütternde Sätze wie »Ich begreife das alles nicht!« und »Ich bin nichts mehr«.

Verallgemeinern mag und kann der Schriftsteller die Erfahrung nicht, die seinige ist eine zutiefst persönliche Wahrnehmung. Dennoch fehlt es nicht an klugen Beobachtungen zur Krankheit, dazu, was sie über den Zustand unserer Zeit aussagt – einer Zeit, in der, so Geiger, die Welt »verwirrend« für uns alle sei: Der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken liege »vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos«. Diese Erkenntnis erlaubt es Geiger, die Wirklichkeit des Vaters anzunehmen, ihn in seiner »Privatlogik« zu bestätigen und ihm somit Sicherheit zu vermitteln. Statt ihm die Wahrheit unserer sachlichen Welt aufzwingen, lernt Geiger, dass der einzige Platz für ein Miteinander die abstruse, mal schmerzliche, mal komische Welt des Vaters ist, denn in ihr ist er auf seine Art zufrieden.

Geiger verleugnet keineswegs, dass häufig Unverständnis und Verzweiflung, ja auch Angst vorhanden sind; dass die Pflege des Vaters für alle Angehörigen eine ungeheure zeitliche und psychische Last bedeutet; dass Fehler begangen wurden, die hätten vermieden werden können: zum einen die jahrelange Unachtsamkeit der Familie gegenüber den ersten Anzeichen der Krankheit, der schroffe Umgang mit dem Vater wegen seiner zunehmenden Vergesslichkeit und Ungeschicktheit, zum anderen das Schweigen des Kranken, der – obgleich er spätestens Mitte der 90er Jahre begriffen haben muss, dass sein Gehirn ihn im Stich ließ – nie das Gespräch suchte. Und dennoch ist Der alte König in seinem Exil keine Geschichte des Schmerzes; es ist ein melancholisches Buch, natürlich, aber auch voller Leichtigkeit und Schönheit. Frei von Pathos und Selbstmitleid zeichnet Arno Geiger ein einfühlsames Bild seines Vaters, dieses auch in hohem Alter und trotz der demenzbedingten Einschränkungen noch so stattlichen, würdevollen, auf seine eigentümliche Art klugen Königs.

Bislang der Höhepunkt meines Lesejahres 2011.

Arno Geiger. Der alte König in seinem Exil. Hanser, München 2010, 188 Seiten.

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11 Kommentare zu „Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

  1. Liebe caterina,

    ich stecke noch mittendrin und bin bewegt. Tief bewegt, dass ich manchmal sogar häufiger schlucken muss. Aber wie du ebenso schreibst, es ist kein Schmerz dort drin, viel mehr Liebe und eine besondere Beziehung, die berührt, so empfinde ich. Matthias Brandt liest mir Arno Geigers Geschichte vor und verleiht ihr mit seiner Stimme noch eine zusätzliche Brillianz. Man hat das Gefühl, der Autor steht neben mir. Das Dasein und Latein Spiel mochte ich ebenfalls, wie so viele andere Sätze und Gedanken der beiden Männer.
    Ja, ich stimme dir zu, es ist eins der beeindruckendsten Bücher im Jahre 2011. Nun habe ich ganz vergessen, zu erwähnen, wie wunderbar deine Rezension ist. Dankeschön!

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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    1. Ich danke dir, liebe Klappentexterin, für deinen Eindruck, den du mit mir schon jetzt teilst, obwohl du das (Hör)Buch noch nicht beendet hast, und wünsche dir weiterhin heitere oder traurige, jedenfalls aber schöne Stunden mit diesem Werk.

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  2. Ich hoffe ich kann dieses Buch auch bald mein Eigen nennen. Da ich beruflich auch ab und an mit dem Thema zu tun habe – bin ich schon sehr gespannt.

    Kennst du das Buch von Lisa Genova „Mein Leben ohne Gestern“?

    lg
    Karin

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    1. Nein, das Buch von Lisa Genova kannte ich noch nicht, Geigers Werk war meine erste Auseinandersetzung mit diesem Thema und sicher nicht die letzte. Ich habe gleich mal deine Rezension zu Genova gelesen. Danke für den Hinweis!

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  3. liebe caterina,

    nun habe auch ich den roman gelesen und ich beglückwünsche dich zu deiner schönen und dem buch so gerecht werdenden besprechung.

    und doch… an einem satz halte ich mich schon den ganzen vormittag auf…: „…Geiger verzichtet auf eine entwürdigende Schilderung des physischen Verfalls und des Verlernens elementarer Tätigkeiten,…“ ich frage mich, ob dieses empfinden des „ent-würdigt“ seins nicht ein empfinden ist, das in uns wohnt, sich in uns breit macht, weil die person, auf die wir es anwenden, unseren massstäben nicht mehr gerecht wird. ich denke an philip roths buch über sein leben als sohn und die schilderungen, bei denen er auch diesen aspekt, das „versagen“ der körperlichen funktionen seines vaters schildert und zwar in aller deutlichkeit, aber ohne dem vater dadurch die würde als mensch zu nehmen. mit-leiden, mit-empfinden: ja, das ja. aber trotzdem, ohne die achtung vor der person zu verlieren.

    ekelhaft kann es sein, natürlich. man dringt in die intimsphäre ein, diese oft peinlich gehütete grenze fällt. aber es ist eben so, ein alter körper ist krank, hat seinen dienst verrichtet und jetzt ist es so, wie es ist…. aber wird die person dadurch entwürdigt, würdelos? ich weiß es nicht…. möchte aber sagen: nein, der körperliche verfall raubt nicht die würde, wenn wir bereit sind, sie weiterhin zuzubilligen.

    das sind so die gedanken, die mich den tag bewegten….. wie siehst du das?

    lg
    fs

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  4. Lieber flatter satz,
    danke für dein aufmerksames Lesen und deine – auch kritischen – Gedanken. Um auf die zweite Hälfte deines Kommentars einzugehen, denke ich, wir sind uns einig darin, dass der Vorgang des körperlichen Verfalls keineswegs entwürdigend ist. Der Verlust der Fähigkeiten geht nicht mit der Verlust der Würde einher: Auch wenn es ein Mensch, der selbst davon betroffen ist, anders – und zwar als beschämend – empfinden mag (das wissen wir ‚Außenstehende‘ ja nicht), stimme ich dir in dieser Aussage uneingeschränkt zu.
    Was die Schilderung dieses Verfalls anbelangt, bin ich dagegen etwas unentschlossen. Vielleicht sollte ich zum Vergleich Roths Buch hinzuziehen, das sich – wie du schreibst – der Problematik widmet, ohne die Würde des Betroffenen zu verletzten. Ich gebe zu, dass meine Formulierung etwas verallgemeinernd wirkt: Darstellung = Entwürdigung (ich werde sie in der Tat ein wenig abmildern). So ist es sicherlich nicht, und ich bin gerne bereit, mich – etwa durch Roth – vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Dennoch halte ich für schwierig zu bestimmen, wo die Grenze liegt. Letztendlich kann man in den Kranken nicht hineinschauen, man weiß nicht (wenn er nicht mehr imstande ist, sich dazu zu äußern), wie er selbst die Erkrankung empfindet geschweige denn was er über die Bekanntmachung dieses sehr intimen Vorgangs denkt. Eine Schilderung in allen Einzelheiten seines Verfalls birgt doch zumindest die Gefahr, dem Kranken ‚zu nahe zu treten‘, gegen seinen Willen eine Grenze zu überschreiten. Es kommt sicher darauf an, was der Schreibende mit der Darstellung bewirken möchte, ob und inwiefern er damit zu einem tiefgehenden Verständnis der Krankheit verhilft und welche Mittel er hierzu verwendet. Die Gefahr besteht, weil der Kranke selbst keine Macht hierüber hat, er ist sozusagen unmündig; es liegt am Schreibenden, wie er mit dieser ‚Macht‘ umgeht (ein angemesseneres Wort fällt mir gerade nicht ein). Ich will gerne schauen, wie Roth sich mit diesen doch recht problematischen Fragestellungen auseinandergesetzt hat.

    Lieben Gruß,
    caterina

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    1. liebe catarina,

      eigentlich und natürlich wollte ich dir auf deinen kommentar hier antworten, aber.. ich bekomm im augenblick keinen vernünftigen satz im kopf mehr zusammen. angesichts dessen, was in japan geschieht, ist das alles so.. nebensächlich. nicht die frage an sich, aber meine meinung dazu … es ist so schlimm, was da passiert und dabei haben wir die bedeutung von den geschehnissen noch garnicht verstanden…..

      liebe grüße
      flattersatz

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