Franz Kafka: Der Prozeß

Unsere undurchdringliche »Sachwelt«

Kafka vollkommen unvorbereitet zu lesen (weder in der Schule noch während des Studiums ist er mir – abgesehen von der Verwandlung – begegnet) und auch anschließend keine klugen Bücher zum Verständnis hinzuzuziehen, ist womöglich vermessen, eine Durchdringung der Texte nahezu undenkbar, so vieldeutig und dicht gearbeitet sind sie. Dies soll keineswegs bedeuten, dass man die einzelnen Worte, Absätze, Kapitel nicht verstünde: Man liest sie – recht zügig sogar – und findet sich scheinbar mühelos in ihnen zurecht; doch wirklich zu begreifen sind sie in ihrer Ganzheit nur schwerlich. Am Ende bleibt man etwas verloren zurück in dieser undurchsichtigen Welt, die Kafka erschaffen hat, die so sehr der unsrigen gleicht und doch – oder gerade deshalb – zutiefst beunruhigend ist.

Franz Kafka - Der ProzeßIn dem unvollendeten Roman Der Prozeß, erstmals postum im Jahre 1925 erschienen, ist es die Welt von Josef K., in die wir eindringen – oder vielmehr war es seine Welt, denn mit Beginn der ersten Seite bricht sie Stück für Stück auseinander, und der Leser wohnt diesem Untergang ebenso machtlos bei wie der Protagonist K. Am Morgen seines dreißigsten Geburtstags überbringen Wächter eines Gerichts K. die Nachricht, er sei Angeklagter in einem Prozess. Tatsächlich verhaftet und fortgebracht wird er jedoch in den folgenden Tagen und Monaten nicht, es steht ihm frei, auch weiterhin seinen Tätigkeiten wie gewöhnlich nachzugehen. Doch ist es eben diese scheinbare Freiheit, die ihm das alltägliche Leben unmöglich macht.

K. ist wie gelähmt vom Wissen um den Prozess. Er ist zunehmend unfähig, seiner Position als leitender Bankangestellter gerecht zu werden: Abgeschottet von seinen Vorgesetzen und Kollegen, verliert er Stunde um Stunde in seinem Büro mit angstvollem Warten. Vergeblich versucht er, die Mechanismen des Gerichts zu durchschauen; vermeintliche Helfer raten ihm zu der einen oder anderen Vorgehensweise, die sie im nächsten Satz jedoch schon wieder verwerfen: Jedem »einerseits« lassen sie ein »andererseits« folgen, jede Möglichkeit entlarven sie sofort als unmöglich. Diese Ausweglosigkeit spiegelt sich in dem fast gänzlichen Fehlen von Handlung, stattdessen werden Seiten und ganze Kapitel mit K.s sich im Kreise drehenden Gedanken gefüllt, mit endlosen Gesprächen oder vielmehr Monologen, denen doch nie ein Entschluss oder gar eine Tat folgt.

K.s Leben geht allmählich in die Brüche – und das, obwohl der Prozess, der dem Roman seinen Titel gibt, nie wirklich stattfindet; er ist vielmehr wie eine unsichtbare Bedrohung. Allenfalls werden groteske Untersuchungen einberufen, Papiere angefertigt, Mahnungen ausgesprochen. Über den Untersuchungsrichter hinaus bekommt K. keine Instanz des Gerichts zu Gesicht, ein Jahr lang bewegt sich sein Fall auf immer derselben untersten Ebene des Systems. Ja, bis zum Schluss erfährt K. – und mit ihm der Leser – nicht einmal den Grund für die Verhaftung, seine vermeintliche Schuld. In dieser fortdauernden Ungewissheit, in der K. gefangen ist, liegt das Beklemmende, das Verstörende des Romans.

Dieses Fragment der Kafkaschen Prosa ist gewiss weder kurzweilig noch vergnüglich, es lässt den Leser mit einer Fülle an Fragen zurück, die, um auch nur annähernd geklärt zu werden, nach einer unendlich intensiveren Auseinandersetzung verlangen würden als einer einfachen Lektüre. Dennoch ist die Leseerfahrung – trotz allen Unwissens und Nichtbegreifens und trotz des bitteren Nachgeschmacks, den sie hinterlässt (und ich möchte hinzufügen: trotz des nüchternen Stils des Autors, der mir persönlich nicht immer zusagte) – bereichernd und ungemein anregend.

Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe?

Lesetipp: Obgleich ich mich, wie ich eingangs anmerkte, an die Lektüre Kafkas gänzlich ohne Vor- und Nachbereitung wagte (und dementsprechend statt einer tief greifenden Deutung des Textes an dieser Stelle lediglich lose Gedanken und Leseeindrücke formulierte), so möchte ich euch dennoch nicht den Interpretationsansatz vorenthalten, auf den mich die Kafka-Kennerin Syn-ästhetisch aufmerksam gemacht hat: Die Essayistin und Dichterin Margarete Susman betrachtet Kafkas Protagonisten als Hiob-Figuren in einer präzisen, »überklare[n] Sachwelt«, »in der die Seele ganz den Dingen unterworfen und von ihnen erdrückt« und in der »jeder Widersinn […] zugelassen« sei – einer Welt, über die »plötzlich das Gesetz Gottes« hereinbreche und nun »die entsetzliche Umkehrung alles Menschlichen gegen sich selbst« entblöße.

Franz Kafka: Der Prozeß. Suhrkamp, Frankfurt 2005, 282 Seiten.

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9 Kommentare zu „Franz Kafka: Der Prozeß

  1. Liebe Caterina,
    schön, dass du dich an Susman herangetraut hast, leider schreibt sie nicht immer so verständlich wie in jenem Essay (habe das leidvoll erfahren müssen).
    Wenn du magst, würde ich dir Hannah Arendts Kafka-Essay einscannen (im Internet ist er – so weit ich weiß – nicht verfügbar). Gerade wenn man sich auf nicht-akademischer Ebene mit Kafka beschäftigt und keine Muße hat, sich durch die zuweilen oft psychoanalytischen Deutungsansätze zu wühlen, ist ihr Ansatz absolut einleuchtend und eingängig.

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    1. Immer schön eifrig beim Kommentieren 😉

      Gerne, ja. Nach meiner ersten Begegnung mit der Arendt über Eichmann in Jerusalem wollte ich ohnehin noch mehr von ihr lesen. Noch dazu überzeugt mich dein Argument, ihr Essay sei weitaus verständlicher als die meisten anderen Studien. Schon Susmans Aufsatz fand ich nicht unbedingt leicht zugänglich.

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  2. der prozess… eine parallele zwischen uns, denn genau wie bei dir ist dieses fragment vor kurzem meine erste intensive auseinandersetzung mit kafka gewesen. meine eindrücke waren ähnlich deinen: eine rätselhaft ausgeliefertheit des protagonisten unfassbaren mächten gegenüber, die bei ihm selbst zunehmend das gefühl hervorrufen, schuldig zu sein. gefangen in seinen um das verfahren kreisenden gedankenwelten ist dies der innere prozess, der bei ihm eingesetzt hat: die beschuldigung der begehung eines nicht genannten vergehens bedingt allein schon (im lauf der zeit) die empfindung, schuldig zu sein.

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    1. Ich danke dir für den Hinweis zu deiner Besprechung; es ist ungemein bereichernd, die ausführliche Meinung eines anderen Lesers zu erfahren. Doch angesichts deines Textes bin ich fast ein bisschen beschämt darüber, dass ich in meiner knappen Rezension es nicht gewagt habe, das Gelesene zu interpretieren und in einem weiteren Rahmen zu betrachten.
      Sehr anregend finde ich deine Gedanken zur Doppelbedeutung des Prozess, zum ‚inneren‘ Prozess, der durch den ‚äußeren‘ ausgelöst wird und der der eigentlich Grund für K.s Niedergang ist. Ebenso klug erscheinen mir deine Deutungen des Dreiecksmotivs der Schuld, Schuldbekenntnis und Erlösung: Obgleich ein Urteil nie ausgesprochen wurde, ja nicht einmal eine Schuld benannt wird, fügt sich K. der Anklage, nimmt die unbekannte Schuld an, um von ihr, vom Gefühl der Schuld, befreit zu werden. Eine absolute, totale Befreiung.

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      1. danke übrigens auch für den hinweis auf susman, dieser aufsatz sieht mir sehr interessant aus…. und es freut mich sehr, daß du die gedanken, die ich zum „Process“ hatte, anregend fandest!

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